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Isabel

Roots

Italien: taste I touch I smell I pray

Italien

Wenn ich an Italien denke, dann steigt mir der Duft der Pinien in die Nase. Ziegenglocken, die hinter der Hecke klingeln, Hundegebell im Morgengrauen, das Knirschen der Steine unter meinen Sandalensohlen auf dem Weg zum starken Cappuccino und einem kühlen Eis. Der dunstig blaue Blick hinter den Bergen, wo Grün langsam zu Himmel wird. Zikadenrauschen in den trockenen Wiesen und der Wind trägt den Duft der Gräser. Es gibt, ein Bein aus der Hängematte, nichts zu tun, außer sich dem sanften Schaukeln hinzugeben und ins endlose Blau hinauf zu blinzeln, dass zwischen den weißen Wolken treibt.

Aus irgendeinem Grund ist Italien für mich ein sinnliches Land. Durch die Zypressen geduckt und vor mir öffnet sich ein empfindsames Spektakel. Hat irgendwo schonmal Zitronencreme so saftig geschmeckt? Irgendwo schon einmal ein Nudelkern so nussig, buttrig, zwischen den Zähnen gesungen? Meine Haut atmet Sonne und entfacht lauter kleine Feuer, in den kühlsten Winkeln meines Körpers.

Die Pupillen ziehen sich zu zusammen, schärfen den Blick für winzigkleine Ameisen, die Nadeln umhertragen, zwischen meinen nackten Füßen. Weiten sich dem Horizont entgegen, fokussieren einen Adler, der langsam auf der Strömung segelt. Eine Fliege sitzt in der Armebeuge und kitzelt bis ins Mark. Alles ist durchdrungen von der Schärfe meiner Sinne und somit durchdrungen von einer körperlichen Sinnhaftigkeit, die in der Nektarinenschale, im Brot, zwischen den kühlen Steinen, und im Rosmarinstrauch sitzt und sich mir in lebhafter Hingabe entgegen schleudert.

The Mind

Avi Grinberg wird in Israel geboren. Schon früh fängt er an sich für Wahrnehmung zu interessieren. Für jede Form von Wahrnehmung. Er verschlingt Bücher, eins nach dem anderen. Versucht, durch Zen Mediation seinen Geist zu schärfen und die Grenzen seiner mentalen Welt zu weiten.

Mit sechzehn besucht er eine Mediationsgruppe, angeleitet von einem japanischen Meister. Der Meister spricht nur Japanisch und Avi versteht nicht. Er begnügt sich damit, zu beobachten, was die andere tun und es ihnen nachzuahmen. Sich hinsetzten, still sein, den Blick an die Wand. Die erste halbe Stunde ist eine stille Geduldsprobe. Nach zwanzig Minuten, die Beine eingeschlafen. Dann steht der Meister auf und die Gruppe läuft eine Weile durch den Raum. Avi mit weichen Knien und kribbelnden Knöcheln.

Der Meister setzt sich wieder hin und das Spiel begann von neuem. Sitzen. Starren. Stumme Qual. Der Rücken schmerzt, die Knie ziepen, die Schultern sind schwer. Noch einmal laufen. Noch einmal sitzen. Und dann nach einem letzten Laufen und letzen Hinsetzten – fopp – ist die Grenze von Avi zu Raum verschwunden. Im Bruchteil einer Sekunde, die Verschmelzung der Welt. Kein hier und kein Da, nur…Sein. Später versucht er es nachzuempfinden, seinen Geist zu schärfen und zu trainieren. Noch einmal…

Poetry in the Body

Aber vergeblich. Eigentlich will Avi Poet werden, aber dann wird er Rettungssanitäter. Und mit einem Mal ist alles wichtig. Jede kleine Bewegung, jeder lichte Atemzug. Menschen sterben. Langsam beginnt sich in Avi eine Erkenntnis zu regen. Er näht Körper, wäscht sie, kleidet sie an. Verbindet, desinfiziert. Aber er versucht, auf Abstand zu bleiben. Sich nicht zu sehr einzumischen. In die Krankheit.

Viel von seiner Zurückhaltung ist Angst. Davor sich in die Schmerzen einzufühlen. Aufmerksam zu sein, für die inneren und äußeren Zusammenhänge, die zu einer Verletzung fühlen. Er sieht auch die Angst in seinen Patienten. Dann fällt ihm auf, dass Dinge besser gehen, Wunden schneller heilen, wenn er sich mit den Patienten auseinandersetzt. Ihnen mehr von seiner Aufmerksamkeit schenkt. Mit einem Mal tritt der Ehrgeiz, seinen Geist zu weiten in den Hintergrund. Heutzutage, ist Poesie für mich im Körper. sagt Avi.

Und so beginnt das Experiment des Sich Annäherns. Er beginnt damit, Menschen bei Schmerzen und Verletzungen zu helfen, in dem er sich mit ihnen beschäftigt. Seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Körper richtet, den er zu behandeln hat. Nicht länger Angst vor den Schmerzen hat. Und findet heraus, dass sie schneller heilen. Besser heilen. Länger gesund sind.

Fix it. Please.

Trotzdem gibt es welche, die zu ihm kommen, sich auf die Liege hieven, die Augen schließen und sich ihm überlassen. Fix it. Please. Er erzielt gute Erfolge, aber viele kommen wieder. Einige reagieren auf die zweite Session nicht so gut wie auf die erste. Als wären sie immun geworden. Die Körper abgelegt, wie eine Autokarosserie in der Werkstatt, der Geist treibt oder zieht sich zurück. Going to my happy place. Avi beobachtet, wie die Aufmerksamkeit seiner Patienten abdriftet, sich von ihrem Körper löst. Er knetet und konzentriert sich, aber mit der Zeit macht sich Unzufriedenheit breit. Er will den Menschen helfen. Er will sie heilen. Aber seinen Blick auf die Lösung des Problems zu richten, reicht nicht aus. Also fängt er an, sie miteinzubeziehen. Heb diese Hand, bieg dieses Bein, drück mal hier, atme mal so. Und  langsam, ganz langsam, sieht er das Leben in die Körper zurückkehren.

Jetzt ist nicht nur Avis Fokus auf den Körper gerichtet, sondern auch die seines Bewohners.
Du bist nichts anderes. All die Energie, die dafür verbraucht wird, sich vor den Schmerzen zu schützen, sich zurückzuziehen, dringt in den Körper zurück und mit einem Mal ist genug da um vollständig zu heilen. Don’t be afraid of pain. Seine Patienten genesen. Und Avi nennt sich ab jetzt Lehrer. Denn heilen, tun die Menschen sich selbst. Er bringt ihnen nur bei, ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Körper zu richten in dem sie leben.

Pleasure

Im Schatten der Kirche streife ich die Sandalen ab und fühle die kühlen runden Steine die uneben über die Piazza führen. Hinter mir tönt die Glocke und wirbelt Moleküle auf, die wie Wellen gegen die Innenseiten meiner Haut schlagen. Und darüber hinaus, in die Wärme der Luft schleudern.

Es ist leicht an einen Gott zu glauben, wenn man den Wind im Nacken spürt. Oder an viele Götter. Im Himmel oder in der Erde oder zwischen den Fingerspitzen, im Trommelfell oder im Blut. Es ist leicht, sich der Fülle der Erfahrung hinzugeben, die sich durch den Körper bahnt. Maria späht schräg zum Himmel hinauf, salzige Tränen auf den weichen Wangen. Lebhaftes Geschnatter vor den Bars, Tropfen die von Gläsern rinnen. Der holzige Zahnstocher nach salzigem Foccacia. Das Schlagen deines Herzens. Blut, das durch die Adern pumpt.

Es ist aufregend, sich Gedanken zu machen, tonlose Worte durch die Synapsen zu schieben. Es macht Spaß, in den Himmel zu gucken und sich vorzustellen, dass irgendwo das draußen Leben durch den Äther wirbelt. Es ist faszinierend, die Augen auf die Wand zu richten und sich langsam aus dem Raum gleiten zu sehen. Aber manchmal, wenn die Muskeln glühen und die Wimpern blinzeln und meine Lippen etwas schmecken, dass ich liebe, frage ich mich-

Is there anything more pleasurable than having a body?

 

Zufall: Interview mit Lukas Horn
Radio

Zufall: Interview mit Lukas Horn

Lukas ist Schriftgestalter, Buchstabenvirtuose und Letteringliebhaber. Vielleicht hast du seine funky Fonts bereits auf dem ein oder anderen Red Bug Books Cover gesehen. Oder auf einem Buchumschlag in unserer Adventsaktion. Oder du kennst die handmade Font aus Lenny, Ambers und Lukas Sweetwoods Kurzfilm „Rechenzentrum“. In jedem Fall lohnt es sich, mit Lukas in die Welt der Buchstaben einzutauchen. Seine Arbeiten sind dynamisch, lebensfroh, und immer mit Liebe gemacht.

Außer wunderschönen Letterings und Filmtiteln, macht Lukas sich viele Gedanken. Besonders gern über Schrift und die Menschen, die sie machen. Mit „fragenziehen“ hat Lukas hat ein Interviewformat entwickelt, das mit dem Zufall spielt.

 

Was ist „fragenziehen“?

Fragenziehen ist meine Interviewreihe. Das Besondere ist, dass ich anstelle vorgefertigter Fragen nur einen Kartenstapel mit Wörtern habe. Vom Kartendeck zieht die Interviewte dann einzelne Begriffe, wie zB. ‚Liebe’, ‚Wut’ oder ‚Verantwortung’. Die Begriffe stehen in Beziehung zu einem, von mir festgelegten, Wort. Bei mir ist es ‚Schrift’. Daraus ergeben sich Pärchen, also ‚Schrift & Liebe’, ‚Schrift & Wut’ oder ‚Schrift & Verantwortung’. Die Interviewte sagt dann intuitiv, was ihr zu der Kombination einfällt.

Das Tolle daran ist der Zufall. Die Menschen ziehen ihre Karten selbst, sind quasi ‚selbst dafür verantwortlich‘ welche Wörter sie bekommen und ich habe auch keine Ahnung, was es für Karten sein werden, die gezogen werden. Es gibt immer wieder spannende Antworten. Und es ist schön zu sehen, wie emotional die Interviewten auf die einzelnen Wörter reagieren. Es gibt Begriffe, bei denen Geistesblitze herabregnen, es gibt hochinteressante persönliche Stories und es gibt auch Tabuthemen. Aber welche Wörter was auslösen, weiß ich nie. Das ist das Schöne.

Und was ich nicht einberechnet hatte – ein super Nebeneffekt – war, dass es meinen InterviewpartnerInnen total Spaß gemacht hat, die Karten zu ziehen. „Ach komm, eine nehm ich noch …“, „Ok, ich ziehe nochmal …“

Wie ist dir die Idee zu „fragenziehen“ gekommen?

Die TYPO Berlin stellt jedes Jahr ein Editorial Team zusammen, dass die Messe begleitet.
Meine Aufgabe war, ein bis zwei Blogbeiträge für den Blog der TYPO zu schreiben. Das Format war egal.
Mir war wichtig, dass es Spaß macht, dass ich eine kleine Feldstudie betreiben und vor allem, dass ich mit tollen Menschen reden kann (die Schriftszene ist überschaubar, aber es gibt einen Haufen Menschen, die sich leidenschaftlich ihrer Arbeit widmen – egal ob Lettering, Kalligrafie, Typografie, Type Design, Type Engineering usw.).

Ich hatte lustigerweise ein Kartendeck geschenkt bekommen. Die Vorderseiten der Karten waren weiß, ich denke für Zaubertricks. Es lag die ganze Zeit rum und ich wollte immer etwas Cooles damit machen. Als ich meine Interviewidee entwickelte, kamen mir wieder die Karten in die Hand. Es war das perfekte Medium für meine Idee. Manchmal passiert sowas einfach. Das nehme ich dann dankend als Geschenk an.

Was gefällt dir an der Idee besonders?

Wie schon gesagt, der Zufallsmoment ist das Schönste. Es ist für mich als Interviewer spannend, genauso für die InterviewpartnerInnen. Und ich denke, das merkt man auch als LeserIn der Interviews. Und es ist eine sehr kompakte Idee. Kleine Dinge, große Wirkung.

Was macht für dich ein gutes Interview aus?

Es muss ein Moment geteilt werden. Es gibt Menschen, die sich komplett auf die Situation einlassen und das spürt man. Das ist manchmal sogar wichtiger als das, was dann konkret gesagt wird.

Wen würdest du gerne einmal interviewen?

Erik Spiekermann. Auf der einen Seite ist er zu einer Ikone in der Design- & Typeszene geworden. Fast heilig für die einen. Er sticht heraus. Auf der anderen Seite ist er umstritten, weil er sich der Werbung hingegeben hat. Es gibt hitzige Diskussionen über ein paar seiner Projekte (Stichworte: FF Meta vs. Polo, Transit vs. Frutiger). Zum Teil zu Recht. Aber ich finde, er ist ein großartiger Typograf, Schriftgestalter und Kommunikationstalent. Jedes mal, wenn ich ihn sehe, muss ich an eine Zeit in Deutschland denken, in der die Werbung quasi neu erfunden wurde.

Und Funfact: in den 23 Fragenziehen-Interviews, die ich bis jetzt geführt habe, wurde sein Name am häufigsten erwähnt (Platz zwei: Luc(as) de Groot – mein Schriftprofessor & einer der wichtigsten lebenden Schriftgestalter, Platz drei: Bram de Does – war ein virtuoser und weit geschätzter Schriftgestalter aus den Niederlanden). Das zeigt, wie präsent sein Schaffen auch heute noch ist, obwohl er seine großen Coups eher vor Jahrzehnten geschmiedet hat.

Schrift und Zufall?

Ich glaube, Zufall ist die treibende Kraft, vielleicht das Lebenselixier der Schrift. Schrift kann sich nur durch Zufall weiterentwickeln. Durch neue Technologien, die plötzlich da sind und ausprobiert werden wollen, Experimente. Ungewöhnliche Formen, die beim Buchstabenentwurf entstehen, weil du mit dem Stift abgerutscht bist. Oder, dass eine Schrift genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort benutzt wird. Es geht in der Schrift scheinbar viel um Regeln und Know-how, aber eigentlich ist es immer wieder ein Stück neuer Kontinent, der aufgedeckt wird.

Danke, Lukas!

Wenn du mehr über das Malen von schönen Buchstaben wissen willst – Jeden vierten Donnerstag bloggt Lukas auf RED BUG CULTURE über Lettering. 

Special Edition Cover zu LOVING von Katrin Bongard.

Radio

Rise & Shine: Little Miss Sunshine

‘If there’s one thing in this world I hate, it’s losers. I despise them.’
Dieses Statement von Arnold Schwarzenegger in einer Rede vor Schülern, gab Michael Arndt zu denken. Und inspirierte ihn. In nur drei Tagen schrieb er die erste Version von Little Miss Sunshine.

Little Miss Sunshine und damit die Gewinnerin eines Beauty Pageants für Kinder zu werden, ist Olives größter Traum. Sie trainiert mit ihrem Opa an ihrer Tanzperformance, sieht sich Fernsehübertragungen von Schönheitscontests an. Ihre gesamte Aufmerksamkeit gilt ihrem Ziel.

 

Olive ist nicht wie andere Kinder. Oder zumindest fühlt sie sich nicht so. Sie ist ein bisschen quirky, mit einem kleinen Bäuchlein und einer großen Brille im sommersprossigen Gesicht.
Ihre Familie ist einig in ihrer Uneinigkeit.

Ihr Vater gibt sein bestes ein guter Geschäftsmann zu sein, er hält Vorträge über Erfolg und ein selbsterdachtes System, dass jedermann dorthin führen soll. Er schätzt Olives Ambitionen, auch wenn er nicht viel Aufmerksamkeit für etwas anderes als sein unablässiges Scheitern beim Vertrieb seiner Erfolgsmethode hat.

Opa kokst heimlich auf dem Klo, Ihr Bruder hat ein Schweigegelübde abgelegt, das gelten soll, bis er sich seinen Traum erfüllt hat, ein Pilot zu werden. Ansonsten liest er Nietzsche, macht Klimmzüge im Türrahmen und kritzelt genervte Kommentare auf einen kleinen Block.

Nach seiner Entlassung aus einer psychiatrischen Anstalt, lebt nun auch Olives Onkel bei ihnen, ein leidenschaftlicher Proust Kenner, der versucht hat sich umzubringen, nachdem sein Lebenspartner ihn für einen anderen Proust Experten verlassen hat. Und dann ist da noch Olives Mutter, die versucht alles zusammenzuhalten.

Als ein Mädchen im Little Miss Sunshine Contest ausfällt, rückt Olive nach. Da ist ihre Chance, den Wettbewerb zu gewinnen. Aber dafür muss sie nach Kalifornien. Und mit ihr die Familie.

Departure

In der Astrologie symbolisiert die Sonne unser Ego, unsere Identität. All das worauf wir stolz sind, was wir nach außen tragen, bewusst sehen und erkennen können. Sonnenschein ist das Scheinwerferlicht im Kosmos, das Spotlight unserer Stärken und Ambitionen. Deshalb ist es umso passender, dass der Contest an dem Olive teilnehmen will, Little Miss Sunshine heißt. Eine Little Miss Sunshine, das ist ein sonniges kleines Mädchen auf das man stolz sein kann.

Obwohl Arndt ursprünglich geplant hatte, sein erstes Drehbuch selbst zu verfilmen, mit einem Camcorder wenn nötig, schickt er das Script an zwei Produzenten. Schließlich kauft ein Produzent das Drehbuch.

„I figured I’d probably write 50 scripts in my life. Out of those 50, I figured maybe five would be produced, and that maybe one or two would be successful. So I always kind of expected I’d write at least one successful film in my life.“ (Wikipedia)

Das dieser Erfolg bereits mit seinem ersten Drehbuch kommt, hätte Arndt nicht gedacht.
Er hat sein erstes Script verkauft und das Regieteam Valerie Faris und Jonathan Dayton sind begeistert. Focus Features nimmt Little Miss Sunshine unter ihre Fittiche.

Olive und ihre Familie sind On the Road, und, wie zu erwarten, kommt es zu Spannungen.

 

Und Michael Arndt wird gefeuert.

Initiation

Die Idee, Little Miss Sunhine um Richards Charakter kreisen zu lassen, bedeutet für ihn eine zu große Änderung der Originalidee. Und jetzt sieht er sich mit der Möglichkeit konfrontiert, das sein erstes Drehbuch, ohne sein Zutun, völlig verändert wird.

Ambitionen, Ziele, Verwirklichung sind ein natürlicher Ausdruck jeder Persönlichkeit. Aber die Sonne ist nicht der einzige Stern in unserem Universum. Noch nicht einmal in unserem Horoskop. Dort tummeln sich Planeten und Konstellationen, die alle ein Mitspracherecht an unserem Potential haben. Der reflektierende Mond, der unser Unterbewusstsein symbolisiert, das dumpfe dunkle Ziehen. Ebbe und Flut.

Nachdem die Familie diverse Herausforderungen mehr oder minder gemeistert hat, kommen sie entkräftet im Motel an, um dort die Nacht zu verbringen. Richard und Sheryl streiten.

Olive beichtet Opa;

„I don’t want to be a loser.“

In typischer Opa fashion baut er sie wieder auf und erklärt ihr:

GRANDPA
Whoa, whoa, back up a second. You can’t lose. You know why? Because a real loser isn’t someone who doesn’t win. A real loser is someone who’s so afraid of not winning they don’t even try. That’s not you! You’re in the contest! You’re gonna dance! So even if you win, or you don’t win, you’ve already won! See? You-see-you- see-you-see?
(Little Miss Sunshine)

Auch Michael Arndt bekommt eine zweite Chance, sein Drehbuch zu verwirklichen. Innerhalb von einem Monat wird er zurückgebeten und kann sich durchsetzen. Jetzt ist wieder alles möglich. Seit zwei Jahren läuft die Vorprodukten und endlich sieht es so aus, als könnte Little Miss Sunshine bald gedreht werden.

Die Sonne

In Liebesliedern wird die geliebte zur Sonne, um die sch alles dreht. Die helle Aufmerksamkeit des Liebenden zu wärmenden Strahlen. Die Sonne bringt Wärme, bring Fruchtbarkeit, sie bringt alles zum Leuchten. Wir spähen zur ihr hinauf, recken ihr unsere Finger entgegen und sehen wie die Strahlen helle Keile durch Hände treibt, wie das Fleisch rot zu leuchten beginnt. Wir fühlen ihre Wärme und blinzeln in ihr Licht. Wollen sein, wie sie. Hell, erhaben, lebensspendend.

Olives Familie befindet sich auf der Zielgeraden. Halbversöhnt wollen sie am nächsten Morgen aufbrechen, um die letzten Kilometer zum Little Miss Sunshine Contest zurückzulegen. Doch Opa wacht nicht auf.

Und Focus Features beschließt, Little Miss Sunshine fallen zu lassen.

 

Für Olives Familie beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Schnell wird klar; Opa hätte gewollt, dass Olive antritt. Also müssen sie kämpfen. In einem kaputten Bus und nach einigem Hin und Her mit Opas Leiche im Kofferraum über den Highway düsen um rechtzeitig zum zu Ziel kommen. Jetzt heißt es alles oder nichts.

Marc Turtletaub, der Produzent, der Little Miss Sunshine von Arndt kaufte, setzt sich für den Film ein und zahlt, nicht nur für die Rechte an Little Miss Sunshine, sondern auch für den Dreh. Es kann losgehen.


Rise and Shine

To Rise and Shine, das meint, seine individuellen Stärken zum Vorschein zu bringen, die Herausforderung annehmen, man selbst zu sein und seine persönliche Strahlkraft zum Leuchten zu bringen. Das das nicht immer eine einfache Aufgabe ist, erzählt Little Miss Sunshine. Was tun, wenn die Welt einem suggeriert, dass man keinen Platz im Sonnensystem hat? Wie leuchten, wenn einem die Lichter ausgehen?

Als Olives Bruder herausfindet, dass er eine Rot Grün Schwache hat und somit für die Pilotenausbildung ungeeignet ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Das war seine Chance, seine Idee um wortwörtlich aufzusteigen und zu leuchten. Fernab von der nörgelnden Familie, hoch oben in den Wolken zu segeln, nur die gleißende Sonne über sich. Und jetzt sitzt er immer noch hier unten in der sengenden Mittagshitze und hat seinen Traum verloren, sich loszusagen.

Return

Der Film ist gedreht, doch noch lange nicht fertig. Nur sechs Wochen vor der Premiere von Little Miss Sunshine ändert Arndt das Ende des Films und es wird nachgedreht. Vier Tage vor der Veröffentlichung sind die letzten Überarbeitungen abgeschlossen und der Film bereit für Sundance.

Die Sonne zu sein. Das ist eine große Verantwortung und, als Mensch eine ungeheure Bürde. Denn, ob wir es anerkennen oder nicht, wir sind gemacht um gemeinsam zu sein. Und die Sonne in ihrer einsamen Bahn, zieht ihre Kreise allein. Inmitten aller Planten ist sie doch die einzige Sonne in unserem System.

Individualität bedeutet eben auch; allein zu sein. Allein in seiner Einzigartigkeit. In seiner Einsamkeit gesehen und anerkannt zu werden, heißt nicht länger isoliert zu sein. Und Olive sieht ihren Bruder, umarmt ihn, während er im Sand sitzt. Wie so oft, sind es die dunkelsten Momente, in denen Menschen sich nah genug aneinander heranwagen um zu sagen, ich sehe dich. Du bist nicht allein.

Als Olive die Bühne betritt, geht es nicht länger darum sich zu beweisen, obwohl sie das tut. Es geht nicht länger darum, das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, obwohl sie das ist. Es geht darum zu kommunizieren. In ihrer kleine Ansprache widmet sie die Tanznummer Opa. Es geht darum dazu zugehören. Und in all dem Trubel eines Schönheitswettbewerbs wird Olive und ihrer Familie klar, was sie die ganze Zeit übersehen haben. Sie gehören zu jemandem. Sie gehören zu Olive. Und Olive gehört zu ihnen. Mit einem Mal platzt die Blase der Einsamkeit, die jeden einzelnen von ihnen umgeben hat. Und Olive zu unterstützen wird zu ihrer Einsicht, wir sind nicht allein. 

Little Miss Sunshine wird ein Publikumshit.

Michael Arndt schreibt die Drehbücher für Toy Story 3, The Hunger Games: Catching Fire und Star Wars: The Force Awakens. 


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Einsame Spitze. Joan Didion
Ruhe

Einsame Spitze. Joan Didion.

Einsame Spitze. Joan Didion.

Wenn du ein Künstler bist, egal welcher Art, dann ist es wahrscheinlich, dass du groß sein möchtest. Die Art von Größe, die einen mit quietschenden Sohlen im Museum umdrehen lässt, leise zurück tappen, hhhnn ein echter….und dann eine Weile lang lippenkauend vor deiner Arbeit stehen und sich ganz schmälern fühlen, zusammengedrängt unter dem Blick deiner gewaltigen Leistung, deines künstlerischen Ausdrucks. Und wenn man nachher beim Wein in der Kneipe sitzt und Pistazien knackt, dann redet man rotwangig von deiner Kunst. Haareraufend, augenfunkelnd, händeringend. Welche Größe. Oh, welche Größe.

Paare verlieben sich vor deinen Bildern, so stark ist ihre Anziehungskraft, man tanzt cheek to cheek zu deinen Songs, wiegt sich im Takt deiner Worte, nach zwanzig Jahren Ehe. Du bist der Ausdruck deines Metiers, die Definitions deines Genres. Du bist der Größte von allen.

Joan Didion ist, mit großer Wahrscheinlichkeit eine der bedeutendsten amerikanischen Journalistinnen. Ihre Beobachtungen haben den Zeitgeist einer Era geprägt, ihre Überlegungen sind tief in die Psyche einer Generation eingegraben. Neulich ist eine Dokumentation herausgekommen, die von ihrem Leben erzählt. Aber irgendwie auch von ihrem Nichtleben. Denn, wenn man „Die Mitte wird nicht halten“ sieht, dann wird einem klar, aus wie vielen kleinen Toden jedes Leben besteht. Unzählige ausgeschlagene Möglichkeiten. Ungegangene Schritte auf unberührtem Schnee, der nie gefallen ist.

Work

Joan Didion wirkt wie die Art von Mensch, die früh wissen, wer sie sind. Eine fast schon kantige Klarheit poltert einem entgegen, wenn man diese winzige Person auf einen Korbstuhl sitzen sieht, die Sonnenbrille vor die hellen Augen geschoben. Sie war schon immer eine, die geschrieben hat. Und egal was sie tut, er ist immer da, der Drang sich nach außen zu kehren, die inneren Fäden zu einem funkelnden Netz zu spinnen, mit dem man Wespen fangen kann. Sie nimmt ernst, was sie tut. Mit der aberwitzigen Weise, wie jeder Künstler ernst nimmt, was er tut.

Denn es sind nicht nur ihre Gedanken, die sie interessieren, es sind auch die Gedanken anderer. Die heimlichen, schizophrenen Fragen, die man sich stellt, wenn der Wecker noch nicht geklingelt hat und das Zwielicht die Schatten an der Tapete verschmieren lässt. Sie kann Dinge ausdrücken, die sonst niemand sagen kann. Sie kann dem Geist auf den Zahn fühlen, der ihre Zeit durchzieht.

Sie ist einzigartig. Das wäre sie auch, wenn niemand davon wüsste. Sie würde stur auf dem knarzenden Korbstuhl sitzen, mit den überschlagenen Beinen baumeln und dann durch die lichten Vorhänge ins kühle Arbeitszimmer tappen und sich an die ratternde Schreibmaschine setzen. Das Licht golden, wie in einem Whiskeyglas.

Man bewundert sie, man ist irritiert und verzaubert von ihrem zögernden Stirnrunzeln und ihren langsamen, gewählten Worten. Sie ist ein Geheimnis und ein General. Man kauert sich in ihren Schatten und wundert sich, wie es dort so kühl sein kann, wenn sie doch nur ein Vögelchen ist. Eine schmale, intellektuelle Gestalt, in beige Gewänder gehüllt.

Love

Das Leben kann gut kombinieren. Deswegen kombiniert es Didion mit einem Schelm. Einem jähzornigen Füße-auf-den-Tisch-Leger. Einem warmen, runden, lauten Mann. Die beiden sind das perfekte Paar. Sie korrigieren ihre Aufsätze, lesen sich ihre Artikel vor. Sie sind so gut wie jeden Tag zusammen, auch wenn eine schweigende Ruhe von den beiden ausgeht. Als würde sich das Geräusch so vieler Gedanken einfach neutralisieren und ein tonloses Vakuum die beiden Liebenden umschließen.

Sie wollen ein Baby. Sie kriegen keins. Und dann an einem Morgen knackt die Schale von Didions Herz zum zweiten Mal und sie weint im Badezimmer. Weil sie ein Baby haben. Ein blondes, rundes Baby. Im Haus am Meer wächst eine kleine resolute Gestalt zwischen den beiden übergroßen Eltern auf. Sie hat das selbe Lachen wie ihr Vater und die selben Augen wie die Mutter. Joan beschützt sie, auf ihre eigene knochige Art.

Wenn du ein Künstler bist, egal welcher Art, dann ist es wahrscheinlich, dass du Angst hast. Für immer allein zu sein. Abgeschnitten von der Welt der Menschen, die sich gegenseitig in die Rippen boxen und mit Spaghettisoße kleckern. Ein Geist zwischen lauter Lebenden. Eine Legende zwischen lauter Liebenden. Da ist eine stille Lücke zwischen ihr und den beiden. Ein kleiner Spalt zugiger Luft, über den niemand nachzudenken scheint. It’s lonely at the top. Art is home. Writing is relief.

Als in rascher Folge ihr Partner und ihre Tochter sterben, klafft der Spalt groß und weit und unübersehbar. Sie sind gegangen und Joan ist noch da. Ein knorriger Kirschblütenzweig. Blaue Adern unter der dünnen Haut. War sie zu sehr Künstlerin und zu wenig Mensch? Kann man ein Lebender sein, wenn man auch eine Legende sein will? Ist die Arbeit ihr zu Kopf gestiegen? Hat sie sie rausgejagt? Sind sie vom Rand gefallen?

Legend

Der Schmerz mahlt noch immer in der knochigen Brust. Die Hände ringen nach Worten, die greifen können was geschehen ist. Ich habe geliebt. War es ein Traum?

Die Medaille um den Hals wiegt schwer, man drückt ihr sanft die Schulter, schiebt sie mal hierhin und mal dorthin. Eine lebende Legende. Hush hush. Rockabye baby.

Und Didion macht das, was sie am besten kann. Sie schreibt.

Radio

Grey’s Anatomy oder: Getting over your Genius.

Grey’s Anatomy

Es wird viel gesagt, über die Qualität von „Day TV“. Von Serien, die, wie Grey’s Anatomy, seit unzähligen Staffeln, eine kleine Gruppe von Charakteren begleiten, dabei wie sie sich verlieben, verkrachen, verheiraten und…verscheiden. Was am häufigsten gesagt wird, ist wahrscheinlich „leichte Unterhaltung“. Etwas, das nicht nur Shonda Rhimes nerven sollte.

Wir sind spät zur Party gestoßen. Und mit spät meine ich, jetzt.
In der Schulzeit waberten Begriffe wie McDreamy, Meredtih, Seattle Grace auf dem Schulhof herum, meine Freundinnen kicherten und tratschten über die letzte Folge, ohne das ich davon mitgerissen wurde. Irgendwie habe ich es geschafft, eine Jugend ohne Grey’s Anatomy zu leben. Aber bevor ihr zu viel Mitleid mit mir habt, ich bin ja nachgekommen. Und muss sagen, dass ich fast glaube, es wird genüsslicher, je älter man wird, je mehr man versteht.

Easy reading is damn hard writing.

Und easy watching ist im Fall von Grey’s Anatomy und Shonda Rhimes, damn good writing. Nicht nur die Tatsache, dass Grey’s Anatomy bereits über 13 Staffeln läuft, wiederholt Rekorde und Herzen gebrochen hat und immer noch, über zehn Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Folge, funktioniert. Grey’s Anatomy is a genius piece of writing. There. I said it.

Get over it.

Mein Freund hat es gut ausgedrückt neulich, als wir über die letzte Folge Greys Anatomy diskutierten. „Klar, es ist leicht, als Genie, einen ultrakomplexen Vortrag zu halten, den nur du verstehen kannst. Aber irgendeiner im Publikum sagt vielleicht, da war ein Wort dabei, das mir was gesagt hat. Und das nehme ich jetzt, und mache was daraus.“ Diese Leute schaffen dann etwas, was echtem Genie entspringt und gleichzeitig eine Klarheit besitzt, die die Ideen zugänglich macht.

Und das ist es doch, was Künstler wollen, egal was sie machen? Das Menschen ihre Ideen, sehen, erfühlen, begreifen und bewundern können. Erlebbar machen, was man ausdrücken will.

Wir stapfen durch das Laub. „Gestern hatte ich wieder so einen Moment, in dem ich fast in die Selbstbepuderung abgedriftet wäre“ sagt mein Freund und grinst. „Gestern war einfach so gut, ich hab super gearbeitet, war zufrieden mit mir. Ich weiß nicht ob dir das auch so geht-„ „Klar, geht mir das so. Ich schreibe was, das mir gefällt und das lese ich es noch dreimal, beglückwünsche mich, so lange, bis es mir selbst auf die Nerven geht.“ Er nickt. Mein Freund ist streng mit sich was „Selbstbepuderung“ angeht, ich finde eine gute Prise FLAWLESS hat jeder verdient. Sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Dieses rauschende, heiße, genugtuende Gefühl zu genießen, dass einem durch die Adern pumpt. Ich bin ein Genie.

Aber irgendwann muss man sich fragen, was man damit machen will.

Pop music with a twist.

In ihrer Dokumentation Five Foot Two sagt Lady Gaga mehrmals, dass ihre Devise immer war, alles zu tun was das System, de Popmaschine von ihr verlangt, aber aber auf ihre Art und Weise. Und Jahre später, ähnlich wie bei Shonda Rhimes, scheint das für sie immer noch zu funktionieren.

Ich für meinen Teil habe großen Respekt für gutgemachte Systeme. Und kriege gleichzeitig Ausschlag, wenn ich in ihnen funktionieren muss. Oh ja, studieren, was für eine faszinierende Institution, was für ein erprobtes System! Alle Stifte feinsäuberlich vor sich aufgereiht,

Und nach den ersten Vorlesung, alle Ringblöcke verbrennen will. Irgendwas juckt mich immer, ein Rappeln und Zappeln. Zu lange nach vorne geguckt, jemandem dabei zugehört, bewiesene Fakten neu zu beweisen und schon kommt es. Das unbändige Verlangen den Finger in die Luft zu stechen. Was freches zu sagen. Alles in Frage zu stellen. Nur die falschen Stellen anzumarkern.

Das nervt. Aber es entspringt dem echten Wunsch etwas Neues herauszufinden. Mit anderen zusammen Dinge zu entdecken, die noch niemand entdeckt hat. Etwas auszuprobieren. Blöd ist nur, wenn man der einzige ist, der sich am Ende nicht einbringen konnte. Der nicht geschafft hat, sich auszutauschen. Get over yourself.

Irgendwo zwischen Anerkennung für gutgemachte Strategien und dem Rappeln und Zappeln könnte Arbeit liegen, die sinnvoll ist. Spaß macht. Weiterbildet. Bewegt.

Fade out

Ich bewundere Menschen, Künstler, wie Lady Gaga, wie Shonda Rhimes, die es schaffen, ihr Talent so zu bündeln, dass sie das beste aus beiden Welten haben können. Eine gut gemachte Rennstrecke und ein selbstgeschweißtes Race Car. Die benutzen, was ihnen zur Verfügung gestellt wird, und so möglich machen, dass sie mehr Leute erreichen, dass sie eine Platform haben, auf der sie verändern können. Und ja, das geht nur, wenn man bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen. Sich ständig zu hinterfragen. Geht das? Ist das noch ok?

Und das macht Grey’s Anatomy großartig. Nimm das Klischee und melke es. Dazu ist es da. Klischees sind Klischees, weil sie ihre Wurzeln tief in der menschlichen Erfahrung vergraben haben. Es pulsiert immer noch Leben durch diese Wurzeln. Die Arbeit, die Wahrheit im Klischee zu finden, das ehrliche Herz, und das dann zu benutzen, ist eine noble Sache. Und keine leichte Unterhaltung.

Warum enden wir nicht mit der einzigen Sache aus Grey’s Anatomy, bei der ich immer den Faden verliere: Dem End Voice Over:

Genius comes in many forms.

Sometimes it’s subtle, sometimes obvious.
Everyone has it and yet, not everyone can see.
What true potential lies within in every human being.

You can be afraid of it, or you can show it off.
You can choose to ignore whatever it is that you have to say, be or do.
But ask yourself. Is that really why you came here?

Yes. You’re a genius. Just make sure it doesn’t get unnoticed.

Radio

Prüfungen und Blue Skies

In seinem letzten Lutherbeitrag hat Uwe gefragt: Wie würde eine „Glaubensprüfung“ aussehen, wenn man Meditiationsunterricht hätte? Das hat mich auf die Frage gebracht, inwiefern Prüfungen sich verändern, je subjektiver die Fähigkeiten werden, auf die wir Wert legen.

Bei Andy gibt es keine Prüfung. Es gibt nur den eigenen Erfahrungswert. Fühlst du dich gut? Gelingt es dir besser? Hast du den Eindruck, dass du Fortschritte machst? Und selbst diese Fragen treten völlig in den Hintergrund. Wichtiger ist der Prozess. Des Lernens. Die Erfahrung, sich selbst einer stetigen Wandlung zu unterziehen. It’s a liefelong process, sagt Andy gerne. Und man glaubt es ihm und ärgert sich noch nicht mal. Irgendwie entsteht das Gefühl, dass das Lernen reicht. Dass es gut ist, sich klar zu machen, dass man bereits besser geworden ist, wenn es sich so anfühlt. Denn wer misst deine eigene Zufriedenheit?

Prüfungen sind, und das zurecht, schwer in Verruf geraten. Ach, wie schön waren noch die Zeiten, in denen man einen Haufen Leute zur selben Zeit in einen Raum gesteckt hat. Und am Ende hatte man einen Zettel, auf dem all diese Leute nach ihren Fähigkeiten sortiert aufgelistet waren.

Werden Fähigkeiten schwerer nachweisbar? In einer Zeit, in der Wissen überall herumschwirrt und nur vom interessierten Lerner eingefangen werden muss, welche Bedeutungen haben Prüfungen dann überhabt noch? Wenn man zukünftig Skills lernt, die weit schwerer messbar sind, als eine gelöste Matheaufgabe, wie überprüft man dann?

Beim Meditieren geht es darum, seinen Geist zu trainieren, um mit bestimmten (arguably allen) Situationen anders (arguably besser) umzugehen. Wenn man in einem schwierigen Gespräch Ruhe bewahrt und sich beweist, dann springt nicht hinter dem Buchregal ein kleiner Mann in schwarzem Kittel hervor und überreicht dir, in einer Staubwolke aus Licht und Schmutz, dein Zertifikat. Schwieriges Gespräch: Bestanden. 2,0. Man hat keinen Zettel, auf dem vermerkt wurde: Besserer Mensch – 0,23 Prozent. Aber man hat sein Gefühl. Das gute warme Gefühl in der Brust, das dir sagt: gut gemacht! Das war ja ein voller Erfolg!

In der Schule wusste man immer, ob man etwas gut konnte oder nicht. Ob man eine gute Prüfung schreibt, das konnte keiner Voraussagen. Wenn man zähneklappernd und händeringend auf sein leeres Papier wartete, dann kam es einem vor, als hätte man ein ganz anderes Fach studiert, als es zu prüfen galt. Der eigene Gefühlskompass völlig aus dem Gleichgewicht geraten.

Dasselbe Gefühl beschleicht mich manchmal, wenn ich im Wartezimmer eines Arztes sitze. Tief in den Sitz gesunken, den Blick starr auf die meditativ angerichteten Steine gerichtet. Bin ich gesund? Fühle ich mich gut? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich schon vor Wochen herkommen sollen? Hört mich denn keiner?… Hilfe?

Das Gefühl, geprüft zu werden, ist immerhin tief in unserem Bewusstsein verwurzelt. Ob religiös oder nicht, immer mal wieder kribbelt einem der Nacken, juckt die Nasenspitze. Ist das eine gute Entscheidung? Tue ich das Richtige? Bin ich ein guter Mensch?

Dann reißt man dem Lehrer den angeschwitzten Zettel aus der Hand. Hab ich bestanden!? Bin ich durch? Komme ich in den Himmel?

Andy würde da nur weise lächeln. Blue skies. They’re always there.

Sind wir Menschen Blue Sky kompatibel? Können wir uns abtrainieren, uns ständig zu prüfen? Wäre das überhaupt gut?

Denn sobald ich im Sprechzimmer sitze, zerfließe ich in einer Pfütze des Wohlgefallens, bei der Vorstellung, wie viele Prüfungen die Ärztin abgelegt hat, um hier herzukommen. Und wenn das Flugzeug die Blue Skies durchquert, dann bewundere ich entspannt die Wolkenschlösser. Wohl wissend, dass es so gut wie unmöglich ist, eine Pilotenprüfung zu bestehen. This guy is a hero. I am safe. Das ist es wahrscheinlich, was wir wirklich wissen wollen. Am I safe?

Ob in der Schule oder im Flugzeug oder in der Kirche. Am I safe?
Die Frage ist, ob uns die Antwort auf diese Frage, eine Prüfung geben kann.

Don't hurt yourself.
Roots

Don’t hurt yourself.

What have we done to our fair sister
oder:
Will this whole shithouse go down in flames

Unser neues Abendritual: Naturdokus. Es macht solchen Spaß,mit dem Schnuckerteller auf den Knien unter einem Haufen von Decken hervorzulugen und sich die Welt erklären zu lassen. Aktuell: Südseedokus. Faszinierend, wie ausgeklügelt das alles funktioniert! Alles reagiert, entwickelt sich mit und umeinander… 

Leider kommt eine Art meist mehr schlecht als recht dabei weg, und das sind wir. Die letzte Dokumentation hab ich die Hälfte der Zeit zwischen den Fingern hervor geblinzelt; es ging um die Bedrohung des Pazifiks… Schlagartig fühlte ich mich zurückgesetzt in meine Grundschulzeit, als ich zum ersten Mal einen Aufklärungsfilm über die Überfischung der Meere gesehen habe.

Wir haben damals oft Ausflüge in ein kleines Kino gemacht, das extra für uns Dokumentationsfilme vorführte. Diese Ausflüge und eine Kassette  mit Kinderliedern aus den 70ern, mit Hitsongs wie „Das Ozonloch gibt es doch“, stürzten mich in eine Phase tiefer Unsicherheit und dem quälenden Gefühl von Hilflosigkeit. Ich schwor mir, nie wieder Nagellack zu benutzen und auch keinen Fisch zu essen. Ob es die Tatsache war, dass ich das Ozonloch nirgends am Himmel erblicken konnte wenn ich besorgt hinauf spähte, oder meine persönliche Entwicklung mich vom Leid der Welt ablenkte, weiß ich nicht. Jedenfalls ließ meine Verzweiflung nach.

Bis zu der Dokumentation neulich! 99% des Haibestandes ist bereits ausgerottet? Was? Innerhalb von vier Jahren wird es keinen Thunfisch mehr geben? Was? Wenn weiterhin soviel Co2 vom Pazifik aufgenommen wird, übersäuert das Wasser und das erste Glied der Nahrungskette, Plankton kann nicht länger existieren? Was?!

Und wer ist schuld daran? Na toll.

Immer mehr Menschen leben vegan, sind sich sicher, dass nichts den Menschen berechtigt in die Natur einzugreifen, sie auszunutzen. Heute morgen beäugten wir unser Frühstück und fragten uns: welchen Platz nehmen wir in der Nahrungskette ein? Gibt es einen Platz für uns und haben wir ihn irgendwann verlassen? Wann soll das gewesen sein?

Wo zwischen dem täglichen Kampf ums überleben und dem täglichen Gang zum Supermarkt gehören wir hin?

Ich denke ein Sache, die die letzte Zeit mit sich gebracht hat, ist die schleichende Erkenntnis: wir sind nicht getrennt. Wir sind nicht getrennt von der Luft, die uns umgibt. Winzigkleine Atome. Auf der kleinsten Ebene sind wir einfach nur wabernde Wolken aus Zeug. Und alles kann in uns hinein und durch uns hindurch sausen. Wir sind nicht getrennt vom anderen. Lange bevor ich die Wärme deiner Haut spüre, kann ich dich schon auf dem Bildschirm sehen. Wir sind nicht getrennt von Mother Nature. Wie Beyoncé so schön sagt. When you hurt me, you hurt yourself.

Don’t hurt yourself.

Vielleicht lohnt es sich einen anderen Blickwinkel auf uns einzunehmen. Wir sind Ausschlachter und Egoisten. Wir sind Raubtiere, Missgönner und Wegnehmer. Wir sind arschkalte Soziopathen. Been there. Done that.

Aber sind wir auch Masochisten?

Irgendwo hab ich mal gehört, dass Raucher nicht rauchen, obwohl sie wissen, dass es gesundheitsschädlich ist, sonder weil sie wissen dass es gesundheitsschädlich ist. Als eine Form von Selbstbestrafung. Selbstbelohnung, Selbstbestrafung. Irgendwie aneinander gekoppelt in unserer modernen Welt.

(Ich saß neulich neben einer sehr netten Frau am Buffett und wurde Zeuge einer systematischen Selbstverunsicherung. „Oh, die Tiramisu ist ausgezeichnet. Ouu, ich sollte das nicht essen. Ahh, heute mach ich mal ne Ausnahme. Hhhhh, das wird sich alles rächen…“ Es war schmerzhaft anzusehen. In meinem Hirn trudelten Floskeln und Scherze, Ermutigungen und Verwerfungen hin und her, während mir langsam der Schweiß ausbrach. Das Ganze hatte alttestamentarische Ausmaße.)

Und so steht man am Strand, kickt blinzelnd eine alte Shampooflasche hin und her und fragt sich, wie die da hingekommen ist.

 Cut the crap

Gib es zu. Du hast Mist gebaut. Und jetzt schämst du dich in Mutters Schoß zurückzukehren. Und dir anzuhören, dass jeder Mal Fehler macht. Diese verdammte stoische Liebe, mit der uns der Planet bedenkt, ist aber auch schwer auszuhalten.

Was wäre, wenn der Weg zur Versöhnung nicht der Kreuzweg ist, den wir gerne daraus machen; Das stolze Haupt gebeugt, die Knie blutig aufgeschürft: „Ach, ach, ich hoffe alle Mikropartikel aus meinem Facial haben noch nicht das ganze Plankton gekillt.“

Was wäre wenn der Weg zur Versöhnung, der Weg zu sich selbst wäre.
Vielleicht, wenn wir aufhören würden uns zu schämen. Und anfangen würden uns zu lieben, huhuu könnte die ganze Sache einen guten Turn nehmen.

 .

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Die Königin der Dunkelheit
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Es gibt Tage, da schließt sich eine Tür. Tage, an denen dein Boot weit vom Ufer abgetrieben ist und eine rumpelnde Brise aufzieht. Tage an denen das Leben dir sagt: Lass die Hände los. Hör auf, dich festzuhalten.

Ich hatte immer ein besonderes Verhältnis zu Dingen. Zu meinen Dingen im Besonderen. Mein Gürtel, den ich mir mutig, mutig in einem Wild-West-Laden gekauft habe und noch heute mein absoluter Lieblingsgürtel ist. Oder meine türkisblauen Ohrringe, bei denen mir einer beim Schwimmen verloren gegangen ist. Die habe ich eine Weile lang selbst beim Schlafen nicht abgenommen.

Gegenstände sind Talismane, Glücksbringer, Lebensretter, Erinnerungen. Sie spiegeln die Welt wieder, wie sie sich von innen anfühlt. Die Art und Weise wie die türkisblauen Ohrringe im Licht geblitzt haben. Wie zwei winzig kleine Augen, die einem von den Ohrläppchen baumeln. Wenn ich sie anhatte, wusste ich: heute kann ich alles wertschätzen. Das war, was mir die Ohrringe versprochen haben. Kleine Erinnerungen an innere Dinge. An das was das Leben ausmacht.

Denn so sehr ich Gegenstände mag, viel wichtiger als sie selbst, ist die Bedeutung, die ich ihnen gebe. Meine Stiefel, in denen ich mich stark fühle. Mein die-Saloon-Tür-schwingt-auf-und-ich-bin-der-schwarze-Cowboy-Mantel. Meine gepunktete Hose, die ein Orange hat, das ich noch nie gesehen habe. Als würde man eine Koralle tragen. Fröhlich und lebhaft, wie ein Riff in dem bunte Fische schwimmen.

Es gibt Tage da schließt sich eine Tür.

So ein Tag war auch der Tag, an dem mein Freund meine orangene Korallenhose entfärbte.

Wäsche war schon immer ein Thema in unserem Haushalt. Im Allgemeinen – wer sie in die Waschmaschine tut und wer sie aufhängt – im Speziellen – wie man sie sortiert. Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die daran glauben, dass es Sinn macht, schwarz mit schwarz und weiß mit weiß zu waschen. Mein Freund hat da eine andere Meinung. Oder wie er es nennt, eine andere Art zu sortieren. Nachdem wir uns nach einigem Hin und Her darauf geeinigt hatten, er hängt die Wäsche ab, denn er kann super falten (perfekte kleine Stoffquadrate, die sich stapeln lassen, ohne dass der Wäscheberg kippt), ich hänge sie auf, (nach Farben sortiert, einfach weil … es schön aussieht). Blieb nur noch die Frage, was macht man mit der Sortierung. 

Eine Zeit lang ging das alles mehr oder weniger gut, wir einigten uns darauf uneinig zu sein (ein Prinzip, das bereits ausgesprochen drohende Gewitterwolken über einem aufziehen lässt) und die Wäsche machte mit.

Bis neulich. Als ich aus dem bunten Wäschestapel ein ehemals weißes Kleid hervorzog. Ein grünlicher Schimmer zierte die sonst so reine Kragenpartie. Stirngerunzelt wedelte ich damit vor meinem Freud herum. Was soll denn dass hier sein?! Jetzt, dachte ich im Stillen, jetzt ist der Moment gekommen, an dem er lernen wird, was Wäsche sortieren heißt! Über mir strudelte ein dunkles Wolkenportal, und ich konnte förmlich spüren, wie ich mit meinem Zauberstab auf den Boden schlug. „Deswegen macht man da keine grünen Hosen mit rein!“

Ich fischte nach einem weiteren lädierten T-Shirt. „Was hast du dir dabei gedacht!“

„Wie kann ich das wieder gut machen?“ Am Saum des Berges, auf dem ich throne, steht mein Freund und blinzelt schuldig zu mir hoch. Ich pfeffere das Kleid zurück. „Kümmere dich darum, dass das wieder rausgeht! Und: Häng du die Wäsche auf!“

Und rausche aus dem Zimmer. Ja, rausche aus der Wohnung, rausche auf meinem Fahrrad (einem schwarzen Streitross) kieselspritzend durch den Park. Das wird ihm noch leidtun. Die scheißgrüne Hose da mit reinzuschmeißen!

Eine Stunde und einige wütende Runden und existenzielle Gedankengänge später, kehre ich zum Tatort zurück. Schweigend. Im Recht.Mein Freund sitzt auf der Couch, die Waschmaschine brummt. Ich ignoriere sie. Mein Freund ignoriert mich. Wir ignorieren uns eine Weile. Bis mein Bauch zu knurren anfängt. „Wie wollen wir das denn heute machen mit Abendessen?“, frage ich barsch.

Er sieht auf. „Ich dachte, wir gehen noch mal raus.“
„Wann haben wir das denn abgemacht?“ „Hab ich vorhin vorgeschlagen du hast bloß nichts dazu gesagt.“ (Vor dem grünen Wäscheberg, fällt es mir wieder ein.) Ich ändere die Richtung. „Willst du jetzt einfach hier sitzen und vor dich hinschweigen? Was soll das für ne Taktik sein?“ Er funkelt mich an. „Du hast gesagt, ich soll mich drum kümmern, dass das wieder rausgeht. Und das hab ich ja auch gemacht. „Er nickt in Richtung Waschmaschine.

So leicht nicht, mein Freund. So leicht nicht. 

„Und woher soll ich das wissen? Wenn du mir das nicht sagst?“ Er blickt zur offenen Packung Entfärbemittel die auf dem Counter liegt. (Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, doch ich verdänge es und wende mich ihm wieder zu.) „Und du denkst, das reicht? Hier einfach irgendwelche Beweise zu verstreuen, die mir irgendetwas sagen sollen und dann schweigend auf dem Sofa zu sitzen? Willst du dich nicht entschuldigen?“ „Ich hab mich doch entschuldigt.“ „Wann soll das gewesen sein?“ „Gerade eben.“  „Vorhin? Das kann doch wohl noch alles gewesen sein! Denkst du, du entschuldigst dich hier einmal und steigst dann auf dein hohes Ross zurück? Du bist doch derjenige, der die deine grüne Hose in die Wäsche geschmissen hat!“ „Ja aber ich hab doch schon gesagt, dass mir das leid tut!“ „ES IST JA AUCH NICHT SO SCHLIMM, DASS DAS JETZT PASSIERT IST! Aber… ABER DARUM SORTIERT MAN DIE WÄSCHE NUNMAL!“

Dieser Moment hatte sich in meiner Vorstellung so viel besser angefühlt.

„Okay. Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass das jetzt so passiert ist.“

„Was heißt hier passiert, du hast es doch gemacht.“

Er knirscht mit den Zähnen. Ich balle die Fäuste. Die Waschmaschine hört zu waschen auf.

Mein Freund sieht hinüber. Steht vom Sofa auf. Langsam. Sagt mit tiefer Stimme. Na, dann können wir doch mal gucken, ob das jetzt geklappt hat. (Das ungute Gefühl ist wieder da, ein dumpfes Pochen irgendwo in meinem Bauch). Er klappt die Waschmaschine auf.

Japst. Ich schließe instinktiv die Augen. Springe auf. Laufe aufgeregt ans andere Ende der Küche. Ich wills gar nicht sehen … Ich wills gar nicht sehen … „Was ist das denn für ne Sch-„, keucht mein Freund. Und ich nehme die Hände von den Augen. In seinen matten Händen hängt … meine orangen Korallenhose. Nur das sie nicht mehr orange ist. Ein dumpfes Grau ist alles, was von der besonderen Farbe meiner Lieblingshose übrig geblieben ist.

Der Teufelsberg unter meinen Füßen bricht. Macht einfach einen Spalt auf, in dem glühende Lava brodelt. Und ich falle, falle, ohne anzuhalten, mitten in den tiefen Sumpf aus kochend heißer Wut und abgrundtiefer Verzweiflung.

Wer jetzt denkt: es ist doch nur eine Hose.

Der denke nochmal.

Denn das ist auch, was mein Freund wimmert, hilflos an die Badezimmertür pochend. Meine Welt ist dunkel. Und schwarz. Oder besser grau. Ein hilfloses Inferno dreht sich um meinen glühenden Kopf. Alle apokalyptischen Horrorszenarien werden abwechselnd durchgespielt. Wir müssen uns trennen. So geht das nicht weiter. Wie kann ich mit jemandem zusammensein, der meine Sachen nicht wertschätzt.

Denn, das ist es schließlich. Es geht nicht um die Hose, es geht nicht um die Farbe, es geht nicht um die Wäsche und es geht nicht um hohe Rösser. Es geht um Wertschätzung. Um Aufmerksamkeit. Darum, dass ich meine Hosen liebe und trage bis sie mir in Fetzen an den Schenkeln schlackern. Das war schon immer so. Und das wird, so sage ich mir, eingerollt in Rotz und Wasser auf dem Badezimmerboden liegend, auch immer, immer, immer so bleiben.

Nein, das ist kein Ende, das ist ein Anfang.

Der Anfang meines Lebens, in dem ich für mich verantwortlich bin. In dem ich keinem Macht über mein Herz oder meine Hosen gebe!

Jetzt beginnt der Part an dem ich aufsteige zur Königin der Dunkelheit, die in ihrem hohen Turm aus schwarzer Jade, über ihre Untertanen herrscht und nie ein Wort darüber verliert, wie viel ihr ihre Hosen bedeutet haben, damals, damals … als es noch Gefühle gab. In der eisigen Stille meines gebrochenen Herzens.

Ich wackele ein bisschen mit den Zehen. Denke darüber nach, dass das ein echter Tiefpunkt ist. Rutsche auf dem Duschvorleger ein bisschen hin und her.

Soll ich mich davon unterkriegen lassen? Von dieser Hosensache mein ganzes Leben versauen lassen? Mein Freund hat sich zurückgezogen (hat sein Zimmer gewählt, um auf dem Boden zu liegen). Ob er wohl weint? Das werde ich wohl nie erfahren, denke ich grimmig. Denn ich bin nicht die erste, die ihre Stellung verlässt. Meine Hose fällt mir wieder ein. Das leuchtende orange, die fröhlichen Punkte. Das Korallenriff …für immer verloren. Ich weine noch ein bisschen.

Eine Tür schließt sich

Dann stehe ich auf. Verlust ist Verlust. Das hier ist hart. Aber es ist ein Abschied und so muss ich ihn auch nehmen. Ich gehe aus dem Badezimmer und ins Zimmer meines Freundes. Er liegt auf dem Boden, ich kann sein Gesicht nicht sehen. Nehme vorsichtig die nasse Hose von der Leine. Sie liegt geschmeidig in der Hand. Ziehe mich in mein Zimmer zurück.

Ich liebe dich, gepunktete Hose. Ich habe dich immer geliebt. Danke für die schönen Stunden, die ich in deinem leuchtenden orange verbringen durfte. Danke für die mühelose Form, die du mit der Zeit gewonnen hast. Danke dafür, wie gut es sich anfühlt, wenn du mich umarmst. Danke, dass ich dich gefunden habe. Du bist immer noch schön. Selbst wenn du nicht mehr perfekt bist.

Ich höre meinen Freund aus dem Nebenzimmer schniefen. Und muss wieder Erwarten grinsen.

So sitze ich noch eine Weile da, umarme meine graue Hose und denke: Eines Tages wird das lustig sein.

Roots

Artefakte – Tag am Meer

Artefakte

Wenn ich an den Beginn von Kultur denke, denke ich an den Strand. Vielleicht, weil das Meer mir oft das Gefühl gibt, eine kleine flüchtige Erscheinung zu sein, der es freundlich und doch leicht herablassend die Knöchel umspült. Ich war schon lange vor dir da.

Doch auch wenn der Anblick des weiten Ozeans oder der zarten Linie des Horizonts in vielen von uns philosophische Gefühle weckt, erkenne ich die Art und Weise, in der wir versuchen, die Welt zu begreifen, am Strand.

Wir wenden uns ab von den Unweiten und Tiefen des Meeres und beginnen, an seinen Rändern auf und ab zu spazieren. Die nackten Füße im Sand, den Blick auf den Boden gerichtet, in einer abgespreizten Hand zwei Muscheln, ein Schneckenhaus und einen Stock.

Jedes Mal frage ich mich, welcher eigentümliche Reflex von mir Besitz ergreift, wenn ich, andächtig langsam, mal kniend, mal stehend, den Strand hinauf pilgere. Wie ein Gläubiger auf den Straßen von Assisi.

Beweise Sammeln

Jede Muschel, jeder Stein wird aufgehoben, in der Hand gewendet. Geprüft, bewundert und ins Licht gehalten. Alles erscheint bedeutungsvoll und bemerkenswert. Ein versteinerter Tintenfischtentakel, tausende von Jahren alt! Eine Muschelschale, in ihr habt mal ein Tier gelebt! Ein Stein, über Jahre hinweg fast rundgeschliffen! Ein verkrüppeltes Aststück, ganz weich von der Brandung!

Jedem den ich passiere, sehe ich es an, die Faszination teil zu haben, an einem kleinen Stück Erdgeschichte. Fossilien erzählen von längst ausgestorbenen Tierarten, Kiesel von einstigen Gebirgen. Alles was wir über die Geschichte wissen, wissen wir weil wir ihre Überreste studieren. Seien es Texte, Bilder oder Muscheln und Scherben.

Das Wasser spült Beweise an den Strand, denen wir uns gewissenhaft annehmen. Sind sie doch die einzigen Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, die sich in unserem Kopf aus Hypothesen und Erklärungsversuchen zusammensetzt.

Doch woher kommt diese manische Ahnung, das drängende Bedürfnis, sich vor Augen zu führen, was und vor allem wer vor uns kam? Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, dass wir, egal wie wir zu ihnen stehen, ja sogar egal, ob wir sie kennen oder nicht, unseren Eltern gegenüber haben.

Ob durch Ablehnung oder Anerkennung, wir studieren sie aufmerksam, wohl wissend, dass in dem familiären Gesicht Informationen schlummern, implantiertes Wissen um unsere eigene Herkunft. Irgendwo steht genetisch geschrieben, woher wir unsere Augenfarbe, den Hang zur Ordnung oder lange Arme haben.

Zukunft und Vergangenheit

Manche Indianerstämme schreiten rückwärts gewandt in die Zukunft, den Blick stets auf die Ahnenreihe gerichtet, aus der jeder einzelne entsprungen ist. Alltäglich lässt sich diese unendlich lange Reihe aus den Augen verlieren. Schon unsere Urgroßeltern wandeln in nebulöser Ferne längst vergangener Zeiten. Das Signal flackert, die Informationen sind verzerrt oder unvollständig. Schwarz-weiß und vergilbt, die Ränder abgestoßen und eingerissen.

Wir wenden uns ab, fixieren eine gleißende Zukunft. Blinzeln mit zusammengekniffenen Augen in die nahe Ferne, mit tastendem beschwörendem Blick. So als könnte unter der Intensität unseres Augenlichts etwas aus dem schwarzen Schleier heraus gefräst werden, der vor uns liegt. Der Umriss einer Form, ein Loch, durch das man hindurch spähen kann. Hinter dem sich in zarten Pastelltönen Wahrheiten abzeichnen, die es noch wahr zumachen gilt. Sich verfestigende Vorstellungen, die einem langsam aber sicher zu Leibe rücken und uns zuflüstern, dass sie möglich sind, wenn wir nur die Hand ausstrecken und sie zu uns in die Gegenwart ziehen.

Blind in die Leere greifend prickelt uns doch immer der Blick der Urgroßeltern im Nacken. Und dieses Prickeln, dieses atemlose Versprechen ist es womöglich, das uns in die Knie gehen und ergeben im Sand graben lässt.

Die Muscheln, die ich in den Händen halte sind Erinnerungen. An meinen Urlaub, den Tag am Meer. Ich war da. Erinnerungen an längst vergangene Augenblicke und Menschen die sie erlebten. Sie waren da.
Wir graben im Sand, wühlen im Geröll, tauchen durchs Wasser. Immer auf der Suche nach Verbindungen. Leere Seiten im Tagebuch des Menschen, die gefüllt werden sollen.

Verbindungen

Stolz auf meine Funde spaziere ich am Meer entlang, komme an ein paar Hockenden vorbei, sie haben ähnliche Entdeckungen gemacht. Einige haben ihre Schätze vor sich ausgebreitet und angefangen, Steine, Muscheln und Treibholz zu Formen zu legen. Fast sieht es aus, als würden sie versuchen einen Code zu knacken. Dem Meer Fragen zu stellen. Ist es so gewesen? Ist das Metall oder ein Stein? Was bedeutet diese kleine Kuhle hier? War das mal ein Tier?

Ein paar von Ihnen stapeln Steine zu kleinen wackeligen Türmen auf. Wie wird das aussehen, wenn der Strand verlassen ist, die Sonne unter und wir nach Hause gegangen sind und im Mondlicht kleine Steintürme herumstehen? Und wenn zehntausend Jahre später die Sonne wieder aufgeht und eine Gruppe Zukunftsmenschen sich am Kopf kratzend davor steht und sich fragt, was das sollte.

Nach dem wenigen, was wir unseren entfernten Verwandten an Wissen zugestehen, ist es nicht umso überraschender, dass uns dieses magische Gefühl mit ihnen verbindet? Die vage Idee, dass dieser oder jener Gegenstand mir etwas erzählen kann, eine Antwort geben kann, wenn ich nur lerne sie zu lesen.

Ich klettere den schmalen Weg zur Steilküste hinauf und sehe noch einmal zurück. Kleine buntbeanorackte Punkte, die im Wind flatternd an der Küste entlang krabbeln. Schweigend, lauschend, suchend. Gestalten wandelnd oder in Grüppchen sitzend, spielen im Sand. Das Meer schmunzelt.

Rausch

ARE YOU GAGA? – Auf der Suche nach einer neuen Art zu tanzen

„Physical pleasure from physical activity is part of being alive“ Ohad Naharin

Immer mal wieder trifft man auf etwas, was sich anfühlt wie die Essenz einer Sache. Ich bin tanzend aufgewachsen. Klassisches Ballett und Jazz Dance, ein bisschen Step, ein bisschen Musical, hin und wieder ein Cancan. Zweimal die Woche für 13 Jahre. Als ich 17 war, habe ich mit dem regelmäßigen Tanzen aufgehört. War weiter in Bewegung. Aber nichts fühlt sich so an wie Tanzen. Also fing ich an meine Ballettstunden zu vermissen. Ich mochte das Training, die Aufmerksamkeit, die du in jede Bewegung legst, einfach um dich zu verbessern.

Es ist ein schönes Gefühl, wenn sich um dich herum eine kleine Schweißpfütze bildet, die Muskeln warm und dehnbar, alles auf Abruf, geschmeidig und stark. Irgendwann in der Stunde kommt der Punkt, an dem du einfach in der Bewegung ruhst, irgendwie durch die Gegend gleitest, Geist und Körper in einer perfekten Einheit. Dann schleicht sich ein breites Grinsen aufs Gesicht und innen fängt irgendwas an zu klingeln. Und abends hängst du dann auf dem Sofa, zu hundertprozentig zufrieden und baumelst träge mit den heißgetanzten Beinen.

Also hab ich mich auf die Suche gemacht, es muss doch irgendetwas geben, was mir dieses Gefühl zurückbringt. Yeah, manchmal blitzt es in einer Aerobic Stunde auf, wenn die Füße kaum noch den Boden berühren. Aber ich will mehr.

ausdruck und pose

Ballett ist eine tolle Tanzart, es ist nicht nur eine Art, dich zu bewegen, auch der Geist formt sich mit den Anforderungen an den Körper. Alles ist ausgerichtet auf diese lange leichte Linie, auf schwerelose fließende Bewegungen, kraftvolle Sprünge und endlose Arme und Beine. Aber es ist eine Bewegungsart, die von außen nach innen wirkt. Alles dreht sich um die Form, den Kreideumriss, das Schattenbild, an das du deinen Körper heranführst, ein Dévelopé nach dem anderen. Es ist ein wundervolles Gefühl, all diese historischen Schritte zu einer Bewegung zusammenzuführen und den eigenen Ausdruck mit der Pose zu verschmelzen. Aber es geht um die Pose. Es geht um das Bild.

Immer mal wieder taucht auf meiner Suche nach meiner neuen Bewegung Gaga auf. Klingt komisch, denke ich, scrolle weiter. Ich suche nach etwas Inspirierendem, etwas, was die tiefen Töne abdeckt, den Rhythmus, das Animalische, alles das, was im Ballet nur selten vorkommt. Irgendwas zwischen Ryan Heffington und Haka. Schon wieder Gaga, na gut, dann guck ich mir das jetzt mal an. Ou….yeeah.

the groove is within you
„What is unique about gaga is the demand to listen to our body before we tell it what to do and the understanding that we must go beyond the familiar limits on a daily basis.“ Ohad Naharin

Eine Gaga Klasse ist in den meisten Fällen eine einstündige und ununterbrochene Improvisation. Wer jetzt denkt holy shiz, niemals, den kann ich beruhigen. Das einzig wichtige, sagt die Tänzerin am Anfang, ist, dass du nicht aufhörst. Du entscheidest selbst, wie viel Prozent deiner Energie du einsetzt. 20, 40, 100, 120, it’s up to you. Der Raum ist hell und warm von der Morgensonne. Spiegel gibt es keine. Listen to your own Groove. Wer den Gaga Kurs anleitet, gibt den Tänzerinnen und Tänzern Bilder, Assoziationen, Denkanregungen. Du bewegst dich in Wasser oder Honig, bist mal schwerelos im Ozean und dann eine Spaghetti im Kochtopf. Der Geist arbeitet für den Körper, der Körper fürs den Geist.

Und schon fängt man an, sich zu bewegen, ganz langsam, die Muskeln aufzuwecken, anzuwärmen, die Imagination in den Körper sinken zu lassen, bis jede Idee sich in Bewegung ausdrückt. Es ist genüsslich und anregend, aufregend, unheimlich, albern und charmant.

be silly

„Be silly!“, ruft sie, „guys! sillier!“ „Even more silly.“ Shake loose. Die Sonne wandert über den Parkettboden und bunte, schwitzende Gestalten fliegen durch die Gegend.

Eine Gaga Stunde soll wie ein Sicherheitsnetz sein, ein Rahmen, in dem du furchtlos und neugierig immer neue Sachen ausprobieren und entdecken kannst. Go beyond the familiar limits on a daily basis, sagt Ohad Naharin, Gründer der Bewegungsprache Gaga. Denn es ist mehr wie eine Sprache, und weniger wie eine Technik. Was geübt wird, ist zuzuhören, auf den eigenen Rhythmus, sich einzulassen, auf die Bewegungen, die bereits in dir schlummern.

Und was jetzt irgendwie esoterisch klingt, macht absolut Spaß. Knack die Schale, verwisch die Grenzen und was dabei herauskommt, ist eine Geschichte, die nur du erzählen kannst. Sind Bewegungen, die aus dir heraus entstanden sind. Mithilfe der Bilder, der Formen, der Ideen, die in den Raum geworfen werden. Du musst wach sein, alles wahrnehmen können. Den Boden unter deinen Füßen, die Schwerkraft, die Anderen im Raum, die Spannung zwischen fremden Körpern, der Schweiß, der dir den Rücken runterrollt. Es ist, als wären all deine Sinne geschärft, bereit, dich mit neuen Eindrücke zu beliefern und dein Bewusstsein auszudehnen. Endlich. Da ist das Gefühl wieder.

its a piece of cake
„We learn to love our sweat, we discover our passion to move and connect it to effort, we discover both the animal in us and the power of our imagination“ Ohad Naharin

Ich bin high, schwitze, keuche, strample und federe durch die Gegend, wie ein blinkender Flummiball. Groovy. Woosh, einer zieht an dir vorbei, der Boden zittert , ein schwitziger Lufthauch. Die Muskeln brennen. „It’s a piece of cake!“ ruft sie „Enjoy the pain!“ Und das tue ich. Nachher bin ich durchgeschwitzt, rotgeglüht, angefixt und glücklich.

Die Oberschenkel zittern auf dem Nachhauseweg und meine Mundwinkel kleben an den Ohrläppchen. Das war genau das, was ich gemeint habe. Und abends auf dem Sofa, höre ich immer noch den Rhythmus, der durch meinen Körper pulst.

more about gaga

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