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Neuanfang: Bandersnatch

Kurz vor Beginn des neuen Jahres, am 28. Dezember hat Netflix ihren ersten großen interaktiven Film veröffentlich. Und zwar als Teil der Serie Black Mirror, die sich in jeder Folge mit einer futuristischen Dystopie beschäftigt. Statt einer neuen Staffel, die aus 3-6 Spielfilmen besteht, hat sich die Serie nun an etwas neues gewagt.

Black Mirror: Bandersnatch handelt vom jungen Programmierer Stefan, der Mitte der 80er Jahre versucht ein Spiel zu entwickeln, in dem jede Entscheidung den Verlauf der Geschichte bestimmt. Ein Projekt, das in Zeiten von Pixel-Grafik und 8Kb RAM Speicher ein deutliches Wagnis ist. Computerspiele sind gerade erst in den Anfängen. Man schiebt eigentlich noch einen stockenden Ball zwischen zwei Feldern hin und her. Interaktives Storytelling gibt es da noch nicht. Doch einer muss ja den Anfang machen.

Wie so viele Geschichten, startet auch Bandersnatch beim allmorgendlichen Familienfrühstück. Doch schon muss der Zuschauer in diesem interaktiven Format seine erste Entscheidung treffen. Sugar Puffs oder Frosties…

Nur ein Test oder schon weltbewegend? Man geht mit seinem Instinkt. Als nächstes kann man sich entscheiden, welche Musik Stefan auf dem Weg zur Arbeit hören soll und bestimmt so mehr und mehr die eigene Filmerfahrung, den Soundtrack, die Handlung. Bis man wie 73% der Netflix Zuschauer die erste falsche Entscheidung trifft.

„Wrong choice!“, heißt es da nur und man findet sich erneut am Frühstückstisch wieder. Man bekommt eine zweite Chance, kann noch einmal von vorne anfangen. Doch jetzt wird es erst wirklich interessant. Denn während Super Mario unbedacht immer und immer wieder die selben Level abläuft, scheint es Stefan bewusst zu sein, dass er das alles schon einmal erlebt hat. So wird man nicht erneut an den Anfang gebracht, sondern in ein alternatives Szenario, in dem man das erlebte, nu ja, zum zweiten mal erlebt.

Von hier an entfaltet sich die wahre Genialität des Formates, den Black Mirror hat mit diesem ersten interaktiven Film so ziemlich alles abgedeckt. Von versteckten Anspielungen und Selbstreferenzen, bis zu Meta-Ebenen, die einen bis auf das Wohnzimmersofa betreffen, steckt Bandersnatch voller kluger Ideen. Und auch wenn es auf Dauer vielleicht ein bisschen zu viel ist, ist es dennoch der perfekte Neuanfang für dieses Format.

Denn tatsächlich scheint Bandersnatch ein Neuanfang zu sein, was digitale Unterhaltung betrifft. Freilich bilde ich mir nicht ein, dass interaktive Geschichten die klassische Erzählform überstürzen wird. Zumindest nicht in naher Zukunft. Dennoch ist es eine interessante Erweiterung zu den existierenden Formtaten. Nicht ganz Film, nicht ganz Spiel.

Wie so häufig, wenn man etwas neues wagt, war auch Netflix mit den üblichen Reaktionen konfrontiert. Von schlechten Kritiken bis hin zu Urheberrechtsklagen war so ziemlich alles dabei, was den Beginn einer neuen Ära ankündigt. Doch ähnlich wie Stefan, der das unterschwellige Gefühl hat schon einmal an diesem Frühstückstisch gesessen zu haben, ist es auch für Netflix nicht das erste mal, dass sie einen neuen Schritt wagen. Schließlich waren sie bestimmt mit ähnlichen Reaktionen konfrontiert als sie erstmals mit der Streamingplattform auf den Markt gekommen sind.

Wieder einmal gehen sie voraus. Und wer weiß, vielleicht heißt es schon bald „wrong choice!“. Vielleicht aber auch nicht. Ein Neuanfang it schließlich immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Und alles was Netflix jetzt tun kann, ist uns ihr Angebot zu machen. Die Tür aufzustoßen und uns hineinzubitten. Und alles was uns übrig bleibt ist:

Simultane Veröffentlichung
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Simultaneous release

Am 16. Oktober 2015 kam  Cary Joji Fukanagas Film Beast of No Nation ins Kino. Natürlich war damit zu rechnen, dass die kontroverse Geschichte über einen Kindersoldaten viel Aufruhr bringen wird. Dass der Aufruhr dann aber gar nichts mit dem Thema selber zu tun hat, war eine Überraschung.

So hat zum Beispiel der Fakt, dass Idris Elba nicht für einen Academy Award nominiert wurde, maßgeblich zum Oscar-Boykott beigetragen. Dass dieser Mangel an Respekt aber wahrscheinlich gar nichts mit Idris’ Hautfarbe, sondern der Art und Weise wie der Film veröffentlicht wurde zu tun hat, ist die zweite Welle von Aufruhr, die dieser Film mit sich brachte.

,Beast of No Nation‘ wurde nämlich zeitgleich im Kino und online auf Netflix veröffentlicht. Ein Prinzip, das schon einige Filme vorher probiert haben und das als Simultaneous Release bezeichnet wird.

Aufgrund der Unterschreitung der 90-Tage Wartezeit bis zur DVD Veröffentlichung haben die vier größten amerikanischen Kinoketten den Film dann schlichtweg boykottiert, was dazu führte, dass man ,Beast of No Nation‘ nur in ausgewählten Sälen sehen konnte.

Sicherlich, während Netflix die Bedürfnisse des Konsumenten in den Vordergrund stellt, versuchen Kinobetreiber den spürbar sterbenden Trend des Kinos aufrecht zu erhalten. Doch ist die Verhinderung neuartiger Veröffentlichungsmethoden wirklich die richtige Art?

Mit der Diskussion um die Zeitfrist reduzieren Kinos ihren Wert einzig und allein auf die exklusive Frühausstrahlung. Doch ist das wirklich der Grund, warum wir ins Kino gehen? Ob geplant oder nicht, die meisten Filme kann man mittlerweile eh online schauen. Und das teilweise sogar vor Kinostart.

Wenn Kinobetreiber also darauf bestehen, den Film als erstes zeigen zu dürfen, degradieren sie meiner Meinung nach ihren eigenen Wert. Beim Kino geht es doch um was ganz anderes!

Die große Leinwand, die warmen Sitze, der hervorragende Sound und vor allem, dass man mit einem Haufen Menschen ein gemeinsames Erlebnis hat.

Wenn man sich Interviews der Hateful8 Darsteller anschaut, dann hört man eines von allen: es ist ein absoluter Genuss, den Film mit einem Publikum zu sehen. Eine Gruppe von Menschen, die zusammenfährt, lacht, erleichtert ist. Es ist eine Erfahrung, die über den Film hinausgeht.

Denn wenn man nun die Wahl hat, zeitgleich einen Film entweder im Kino oder zu Hause zu sehen, dann werden einem die Unterschiede doch ganz deutlich. Und das heißt nicht, das eins davon besser oder schlechter ist. Nur halt anders.

Und mit genau diesem Unterschied sollten Kinobetreiber werben. Billigere Tickets, damit die Säle voll sind, Cafés direkt im Kino, um danach über den Film reden zu können, auch mal Filme zeigen, die schon lange auf DVD erschienen sind.  Zwanghaft zu versuchen an seinen alten Prioritäten zu klammern, führt eh nur in den Abgrund. It’s a changing world. Und das Kino muss sich mit ändern. Und das nicht einmal zum Schlechteren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Wechsel im Marketing der Kinos, eine ganz neue Filmkultur initiieren könnte. Sehen und gesehen werden. Diskutieren. Zusammen sein. All die Dinge die Zuhause vielleicht zu kurz kommen.

Noch ist Reden während des Films nicht erwünscht, aber ist Kino nicht ein Gemeinschaftssport?

Die Filme habe ich auf Netflix, den Beamer im Wohnzimmer und fürs Popcorn gibt es den PopcornLoop.
Aber das Erlebnis, mit 20, 50, 100 fremden Menschen einen Film zu sehen, zu spüren wie meine eigene Stimmung in der Stimmung des Saals aufgeht, das bekomme ich doch nur im Kino.

Kino muss also nicht sterben. Es muss sich nur ändern.
Und ich freue mich drauf!