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Rituale

Rituale Interview mit Isabel Bongard
Ruhe

Rituale: Interview mit Isabel

Uwe: Isa, du bist nicht nur Schauspielerin, Mitgründerin von iffy und Redbug-Homie, sondern auch noch an einem 24.12. geboren. (sie lacht: tja ich hab alles richtig gemacht) Wenn man mit dir über Rituale spricht, kommt man natürlich nicht drumrum zu fragen, wie das für dich ist, am Heiligabend, mitten in dieser mit Ritualen geballten Zeit, Geburtstag zu haben.

Isabel: Erstmal finde ich es lustig, dass mich so gut wie jeder fragt, ob es nicht total blöd ist, am Heiligabend Geburtstag zu haben. Was mich immer sehr wundert. Denn ich hatte nie das Gefühl, dass ich dadurch irgendeinen Nachteil hätte. Erstmal habt ihr als meine Eltern von vornherein ein sehr schönes Geburtstagsritual gestaltet. Morgens ist Geburtstag. Ich hab meine Zeit, bekomme meine Geburtstagsgeschenke, wir essen Kuchen. Und abends ist dann Heiligabend. Es gab eigene Rituale für beide Abschnitte. Und dann finde ich es auch gerade jetzt, wo ich erwachsen werde, immer cooler, dass ich mich nie darum kümmern muss, dass mein Geburtstag in irgendeiner Form feierlich ist, weil alle Leute in meinem Umkreis, die Weihnachten feiern, sich sowieso Mühe geben, dass das ein schöner, zeremonieller Tag wird. Und es ist total schön, in diesem Swing Geburtstag zu haben. Ich meine, es ist ja auch eigentlich eine Geburtstagsfeier, Jesus.

Vielleicht kommt es daher, dass ich tendenziell aus allem im Leben ein Ritual machen könnte. Oder vielleicht auch, weil ich so aufgewachsen bin. Ich hatte das Gefühl, bei uns war schon jedes Paradiescremeessen ein Ritual. Nicht etwas, das zufällig passiert.

Oder jedes gemeinsame Abendbrot war in gewisser Hinsicht etwas, worauf man sich verlassen konnte, was bei einem Ritual ja eine große Bedeutung hat, und was einen Raum gibt, in dem bestimmte Werte nochmal in gewisser Weise aufmerksam gelebt werden.

Dabei muss man diese ideellen Werte dann nicht intellektuell durchdringen, sondern es kommt wirklich auf das gemeinsame Tun an, auf die Handlungen, das gemeinsame Essen. So ein Abendbrot z.B. hatte bei uns ja gewisse Regeln: wir fangen gemeinsam an, wir bedanken uns bei demjenigen, der gekocht hat. Oder man sagt, es schmeckt mir.

Das waren zwar keine Gebete in dem Sinne, hat aber trotzdem eine Aufmerksamkeit, eine Wertschätzung ausgedrückt. Wir haben dann zwar nicht gesagt, danke lieber Gott fürs Essen, aber der Dank an denjenigen, der gekocht hat, meint eigentlich dieselbe Sache.

Also sind Rituale für dich sozusagen auch Handlungen, die einer bestimmten Sache, bestimmten Ideen oder Werten eine besondere Aufmerksamkeit verleihen?

Ja, letzendlich hat in unserer Dimension – sag ich mal so – physische Energie ja ein großes Potenzial. In anderen Dimensionen denkt man vielleicht nur was und das ganze Universum entsteht von neuem, aber für uns ist das ja anders. Wir verbinden alles auch damit, dass man etwas tut und dass man sich an Dingen abarbeitet. Und zum Beispiel ist „Danke sagen“ in diesem Sinn auch eine Handlung. Lukas und ich sagen uns sehr oft Danke. Danke, dass du die Tüten aus dem Supermarkt hochgetragen hast. Man könnte denken, dass das ein ganz förmlicher Austausch ist, aber es bedeutet für mich dann, diesem Moment Aufmerksamkeit zu schenken.

Was sind denn für dich die wichtigsten, die schönsten Rituale?

Das sind eigentlich alle Rituale, die einerseits genug Struktur haben, um einen besonderen Moment zu schaffen, andererseits aber genug Luft haben, dass auch tatsächlich was passieren kann. Also z.B., wenn wir uns als Familie treffen, meinetwegen, weil ihr uns einladet und wir uns dann zum Aperetif setzen. Das ist ein Ritual, das ich besonders mag, weil es einen Zwischenmoment dehnt, der normalerweise nicht da wäre. Dieses Aperetifding ist so eine heimliche Zeit, weil man sich zusammensetzt und sich gemeinsam entspannt und dabei entstehen dann gute Gespräche, dabei kommt man auf Dinge, man kommt sich näher. Weil dem wieder nicht so viel anhaftet, was man macht, wie beim Essen, da ist man schon wieder so beschäftigt. Der Aperetif ist für mich so ein totaler Luxus, eben so ein Zwischenmoment, der mir gefällt. Daraus ein Ritual zu machen, mag ich total.

Ich mag grundsätzlich Rituale, bei denen Menschen zusammenkommen, so wie Weihnachten – ein Superritual, oder gemeinsam Frühstücken, Abendbrot essen, oder so wie jetzt, wir sitzen im Museum. Dieses Kaffeetrinken, bei dem man sich hinsetzt. Wenn man diese Schwelle aus dem Alltag übertritt, kann etwas entstehen.

Also sich zum Kaffee hinsetzen, ist für dich auch schon ein Ritual?

Ja, würde ich schon sagen, weil man sich selbst die Information gibt, dass jetzt etwas passieren kann, was out of the ordinary ist. Egal, was es ist. Und gerade im Kontakt mit Menschen liebe ich es, wenn man das an Rituale knüpft, weil man Beziehungen manchmal so fahrig lebt.

Fahrig?

Hm, ja z.B. was den Umgang und die Beziehung mit Menschen angeht, habt ihr uns auch sehr viele Rituale beigebracht. Dinge anzusprechen, sich hinzusetzen, zu streiten. Sich ordentlich zu streiten, ist auch ein superwichtiges Ritual. Es gibt ein Ritual zu streiten, ich komm zu dir, und sage, was ist und du sagst dies, du sagst das, bis hin zu, man verträgt sich.

Obwohl beim Streiten doch auch viel Improvisation im Spiel ist, würdest du trotzdem sagen, das ist auch eine Art Ritual?

Ja, wahrscheinlich müsste man gucken, was der Unterschied zwischen Kultur und Ritual ist, weil doch ganz viele Dinge, die überliefert werden, eher Rituale sind als Kultur.

Es gibt ja jetzt auch ständig die Frage nach routines, hast du irgendwelche routines, was ist deine Morgenroutine. Was hälst du davon? Hast du auch irgendwelche routines, so Sachen, die du täglich machst?

Ja, seltsamerweise habe ich mit dem Wort Routine viel mehr Schwierigkeiten als mit Ritual. Für mich heißt routine, etwas alltäglicherweise zu tun und das ist genau das Gegenteil davon, was ich an Ritualen schätze, nämlich etwas Alltägliches mit besonderer Aufmerksamkeit zu tun. Aus jedem Alltagsmoment, sozusagen eine Art heiligen Moment zu machen.

Du bist Schauspielerin und bist jetzt auch noch Mitgründerin von iffy, dem Studio für Kommunikationsdesign. Da unterscheiden sich deine Tage vermutlich sehr von denen eines nine to five jobbers. Spielen da Rituale auch eine Rolle?

Ja sicher, das ist genau das, was Rituale sonst auch für einen machen. Sie geben der unförmigen Zeit Struktur.

Bei uns gab es ja in diesem Jahr eine Diskussion um den Weihnachtsbaum. Es wurde infrage gestellt, ob das vertretbar ist, einen Baum zu fällen, um ihn dann nach wenigen Tagen auf die Straße zu werfen. Wie stehst du dazu? Findest du, dass man Rituale auch immer wieder hinterfragen muss, und gucken muss, was bedeuten sie mir, sind die noch zeitgemäß, oder schränken die mich ein?

Ja, glaube ich schon. Ich fand diese ganze Weihnachtsbaumdiskussion zwar ein bisschen gruselig, weil man dann auch merkt, dass auf einem basic level so ein Ritual auch einfach vor einer Art Lebensangst schützt. Und wenn das weggenommen wird oder man es sich selbst wegnimmt, befindet man sich leicht im freien Fall. Was ist die Welt dann noch?

Es ist seltsam, dass man dann so an bestimmten Dingen hängt, aber man gibt ihnen ja selbst diese Bedeutung. Der Baum ist ein schönes Symbol für dieses Fest, für dieses Zusammenkommen und vielleicht für das Zentrum der Familie. Natürlich gibt es ein Zentrum der Familie auch, ob wir einen Baum haben oder nicht, aber er ist für uns eben ein schönes Symbol dafür.

Und was mich besonders gefreut hat, ist zu sehen, für wie viele andere Leute der Baum ein Symbol ist, euer Baum sozusagen. Denn für uns ist es der Familienbaum, aber für all die Leute, die dann an Neujahr zum Hörnchenessen kommen (auch ein schönes Ritual zum Beispiel) ist er das ja nicht. Aber sie freuen sich, wow der Baum, vielleicht haben sie zu Hause gar keinen mehr, lieben aber euern Baum. Es ist also schön zu sehen, dass so ein Ritual auch eine völlig andere Bedeutung für jeden haben kann.

Von daher fand ich es sehr gut, dass wir es kritisch hinterfragt haben, denn ein Ritual muss immer gewährleisten, dass man aufmerksam sein kann. Sonst ist das ganze Ritual für die Katz, dann ist es eine Routine in meinem Verständnis, dann ist es einfach etwas, das passiert, oder das man passieren lässt. Und wenn man merkt, ich fühle mich nicht mehr so inspiriert von einem Ritual, wie man es gerne hätte, dann sollte man es ändern. Oder gucken, was bedeutet es mir und sehen, dass die Bedeutung in Erfüllung geht.

Es gibt ja auch Rituale zur sozialen Abgrenzung, oder sogar Ausgrenzung. Wie siehst du das?

Ich finde es prinzipiell schwierig, sich ein Ritual für jemand anderen auszudenken. Das ist teilweise in der Schule so. Du stehst auf, wenn der Lehrer kommt, das ist ja als Ritual eher eine Disziplinierungsmaßnahme, die das Gefälle festschreiben soll. Da wendet man sich dann eher wieder dieser ängstlichen Seite zu, das Leben unter Kontrolle zu bekommen. Rituale sind super, man kann sie aber nicht dazu benutzen, sich von dieser Angst zu befreien, die man manchmal einfach hat. Lieber ein Ritual daraus machen, Angst zu haben – oder zumindest im Gleichgewicht damit zu sein.

Ich weiß nicht, ob es nicht auch mal interessant wäre, ein Ritual zu machen, das irgendwie streng zu einem ist. Also man diszipliniert sich über Rituale und wenn du was hast, das dir schwerfällt, dann musst du das trainieren – vielleicht mit einem Ritual. Ich finde es ganz interessant, sich mal mit den dark sides auseinanderzusetzen. Für manche kann das schon Streit sein, für andere vielleicht, Zeit mit sich selbst zu verbringen, die nicht nur mit Komfort zu tun hat, sondern auch mit einem Hinterfragen von einem selbst, shadowwork, oder was auch immer man dann vielleicht machen möchte. Also man gibt sich dann auch die Möglichkeit, Rituale zu finden für die unangenehmen Dinge.

Kommen wir zum Schluss nochmal auf den Grund, weswegen sich dieses Interview, dieser Blogbeitrag so verschoben hat. Das hatte ja auch damit zu tun, dass Tom, dein Opa, mit knapp neunzig Jahren sehr ruhig gestorben ist. Auch hier gibt es dann eine ganze Reihe von Ritualen und Abläufen, die einem etwas Halt geben. Wie hast du z.B. die Trauerfeier und die Beerdigung erlebt?

Ich weiß nicht, ob das früher anders war, dass man irgendwie näher an diesen Ritualen war. Ich habe das Gefühl, dass es eine grundsätzliche Annahme gibt, dass Menschen früher viel mehr connected waren mit ihren Ritualen, also z.B. mit so einer Beerdigung. Der Sarg muss in die Erde oder muss verbrannt werden, das ist nicht zu diskutieren, aber das ist auch kein Ritual, das ist eine Notwendigkeit, also irgendwas muss mit dieser Leiche passieren.

Aber diesen Abschied, diesen zeremoniellen Abschied kann man natürlich so gestalten, wie es sich für einen richtig anfühlt. Deswegen fand ich die Beerdigung sehr beeindruckend.

Da gibt es zwar bestimmte Abläufe, die vorgegeben sind, aber dennoch war es ein ganz individueller Abschied. Der mir auch noch einmal ein neues Gefühl dafür gegeben hat, was man alles machen kann mit solchen Momenten. Anstatt den Regeln hinterher zu hetzen, mach ich das gerade richtig oder nicht, trauere ich auf die richtige Art und Weise, kann ich dem Ritual gerecht werden. Stattdessen sind bei der Feier für Opa so viele neue, schöne Ideen dazugekommen, das Blumenbouquet zu stecken, die besondere Musik und auch die Diashow. Alles Elemente, die vom üblichen Ritual gerade soweit abwichen, dass sie eine besondere Aufmerksamkeit auf den Abschied gelenkt haben.

Vielen Dank, Isabel, für diese ausführlichen, nachdenklichen Antworten.

 

 

 

Rituale
Radio, Rausch

Rituale: Good or Bad?

Letztens bin ich beim Googeln mal wieder abgerutscht. Ein kurzer Glitch. Runter vom Pfad des Wissens und der tiefen Erkenntnis auf eine Schwundstufe von Interesse, auch Gossip oder Voyeurismus genannt. Shame on me. Aber wer hätte bei dieser YouTube-Headline widerstehen können?

My Morning Routine with 10 Children (Part 1/3)

9,3 Millionen Aufrufe. Die Kinder sind zwischen 20 Jahre und 6 Monate alt. Die Namen der Kinder: Leonardo, Cleopatra, Jerusalem, D’Artangnan, Shakespeare, Romeo, Nefertiti, King James, Aphrodite, Omega. Okay, ihr versteht die Tragweite. Dies hier ist entweder kompletter Wahnsinn oder ein bestimmtes Prinzip. Oder beides.

Tatsächlich kann man in dem Video sehen, wie Mama Taina ihr Morgenritual durchführt. Aufstehen um 3 Uhr 30, Social Media (wer ist dann auf??), Joggen, kleines Make-up. Ganz klar das, was sich jeden Morgen abspielt. Ganz klar ein Ritual. Okay, aber der Zunami kommt ja erst, wenn die Kinder geweckt werden. Die vier kleinsten werden im Paket abgefertigt. Das Vierjährige trägt noch Windeln und trinkt aus der Flasche, die im Bett liegt. Praktisch? Wecken, Treppe runter, auf Decke nebeneinanderlegen, wickeln. Dann auf den Boden in Küche legen (wieder auf Decke), drei bekommen eine Flasche, das vierte die Brust. Das geht schnell und sieht praktisch aus. Wie am Fließband. Dann wird Frühstück gemacht. Obst auf x Teller verteilt, alle 10 Kinder erscheinen in weißen T-Shirts …

Wie die meisten Viewer bin ich fasziniert und abgestossen zugleich. (Die perfekt Mischung für ein YouTube-Video). Ich meine – ja, super, es funktioniert – aber warum denke ich ständig an Armee und Kirche und all die anderen Ort, an denen Rituale zum festen Bestandteil der Erziehung und des Gehorsams gehören? Warum kann ich mich nicht dafür begeistern, dass auch die Einrichtung im Haus entweder weiß oder leicht grau ist, etwas Holz – was braucht man mehr? Ein weißes Klavier, Kreativität spielt eine große Rolle. „Hast du deine Noten?“ Jetzt geht es ans Lernen. Homeschooling. Kelly Family? I’m confused.

Der YouTube-Kanal ist innerhalb kürzester Zeit explodiert, das wollen alle sehen. Wir (Normalmenschen) sind ja schon mit zwei Kindern überfordert. Wir haben natürlich auch kein Riesenhaus in Finnland und eine Technik, die keine Fragen offenlässt (offenbar viel Geld im Hintergrund), aber wir haben vor allem eines nicht: Die Disziplin!

Rituale

Ein Ritual (von lateinisch ritualis‚ den Ritus betreffend, rituell) ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein (z. B. Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier usw.). (Wikipedia)

Wenn man wie wir als Künstler, Freiberufler lebt, dann fehlen bestimmte Rituale, wie das Morgens-zur-Arbeit-gehen, das im-Stau-stehen, das jeden Monat Gehalt-aufs-Konto bekommen. Wie man schnell erkennt, ist einiges ziemlich abgefahren und anderes – nun – unbequemer. Könnte man sich nur das Beste raussuchen, wäre es ideal. Was wir aber alle wissen: Rituale, immergleiche Abläufe, erleichtern Dinge. Am besten immer zur gleichen Zeit, so macht es der Körper, so macht es die Natur, die Sonne geht auch nicht unter, wenn sie Bock drauf hat.

Feste – Rituale

RitualeIch liebe – bestimmte – Rituale. Ich habe eine kleine Menge von Mini-Ritualen, die hautpsächlich meine Körperpflege betreffen, eine große Anzahl von Midi-Ritualen, die mein künstlerisches Leben betreffen und eine überschaubare Anzahl von Maxi-Ritualen, die jedes Jahr meine ganze Aufmerksamkeit brauchen.

Weihnachten, zum Beispiel, in ein paar Tagen ist es mal wieder so weit. Der alljährliche Adventskranz. Selbst gemacht, sogar das Grün wird von Hand gewickelt. Oder der Baum – oh, der Baum! Aufgestellt am 24. 12 und keinen Tag früher, abgebaut spätestens Mitte Januar, da ich dann Geburtstag habe und – sorry, ein Ritual sollte nicht in ein anderes hineinfaden. Rituale beruhigen, man kann auf sie hinleben, sie genießen, da sie selten große Überraschungen bereiten. Jedenfalls nicht, wenn man in seinem Kulturkreis bleibt.

Zwang und Rituale

Rituale sind ein Phänomen der Interaktion mit der Umwelt und lassen sich als geregelte Kommunikationsabläufe beschreiben. (…). Sie finden überwiegend im Bereich des menschlichen Miteinanders statt, wo rituelle Handlungsweisen durch gesellschaftliche Gepflogenheiten, Konventionen und Regeln bestimmt und in den unterschiedlichsten sozialen Kontexten praktiziert werden können (Begegnungen, Familienleben, Herrschaftsvollzüge, Veranstaltungen, Feste und Feiern, religiöse Kulte und Zeremonien usw.). Zugleich sind Rituale oder ritualisierte Handlungsweisen aber auch auf der Ebene des individuellen Verhaltens anzutreffen (persönliche Rituale, autistische Rituale, Zwangshandlungen). (Wikipedia)

Zwangshandlungen – hört sich schon weniger schön an. Und  – ja – das kenne ich auch. Ganz schnell wird aus dem entspannten Ritual, ein zwanghaftes MUSS. Dann muss um 19 Uhr gegessen werden, und man muss vor acht schlafen oder sich ununterbrochen die Hände waschen.

Der Übergang von einer gesunden Routine zu einer zwanghaften Handlung – eine minimale Verschiebung, viel weniger als ein Katzensprung. Sowohl persönlich als auch familiär, gesellschaftlich. Gerade hat man sich noch daran festgehalten, dass es bei Mama und Papa am Sonntag immer Kuchen gibt, da geht es einem schon auf die Nerven und engt einen ein. Jedesmal zu Weihnachten Socken zu schenken/bekommen, kann eine liebenswerte Geste und Wiederholung sein, ein ganz persönlicher Code oder eine unüberlegte Routine, die dann auch so ankommt: Lieblos. Von Ritual zu Routine – auch nur ein kleiner Schritt.

Good or Bad or – What?

Wie das so ist mit den Dingen im Internet – sie sind nicht immer alle wahr. Oder so schön Weiß wie sie aussehen. Daher soll man nicht allem glauben, was man sieht und sich nicht so schnell aus der Routine/Ruhe/rationalen Haltung bringen lassen.

Ganz ohne Wertung (und Garantie auf Richtigkeit) hier nun also das, was die ich über die Familie mit ihren 10 Kindern im Internet herausgefunden habe.

  • Vater Paul offenbar ein streng religiöser Anhänger von verschiedener Kulte. Hat einen Prediger-Channel und treibt sich in einschlägigen Foren herum.
  • Vater ein Doomsday-cultist. Dachte, die Welt geht 2013 unter. Beginnt jeden Facebook-Post mit: The end is near.
  • Vater hat auch Podcast. Username: elohimisjesus
  • Mutter des Vater ist eine Predigerin und Doomsday-Anhängerin.
  • Haus der Großfamilie ist schon seit einem Jahr zum Verkauf angeboten (daher so wenig Möbel?)
  • Channel offenbar ein Mittel, schnell an Geld zu kommen.
  • Userzahlen steigen unwahrscheinlich schnell an, daher wird Kauf von Klicks vermutet.
  • Familie lebt offenbar von staatlichen Zuwendungen, was in Finnland mit 10 Kindern gut möglich ist.
  • Das Haus gehört ihnen nicht, der Eigentümer verkauft das Haus.
  • Kinder auf Decke zu legen, ist nicht nur irgendein Ritual, sondern … lying down has been linked to ‚blanket training‘, a method used by some Christian fundamentalists to instill obedience in their children.

Moment mal … Deckentraining? Im Forum finde ich: „It’s from Michael Pearl’s „To train a Child‘ where he claims that a child’s spirit needs to be broken in order to be obedient in early life. He suggests tapping a baby firmly on bare legs with a hazel ’switch‘ when the baby moves of the blanket. This means that the mum can do her household chores knowing that the baby will just sit there for up to 30 minutes.“

Und — ich bin raus.

Der Übergang von Ritual zu Routine zu Zwangshandlung findet meist unmerklich statt. Doch manchmal muss man mit Ritualen brutal brechen – auch wenn es um das Ansehen von YouTube-Videos geht.

Euch ganz wunderbare Weihnachten – mit und ohne Rituale.

Neujahr
Roots

Neujahrshörnchen

Irgendwann erinnerte ich mich, wie ich als kleiner Junge meinem Opa beim Backen von Neujahrshörnchen zugeschaut habe. Die Küche duftete himmlisch nach Anis. Aber nicht nur der Duft war faszinierend, sondern auch das schnelle Einrollen der Oblaten, wenn sie heiß aus dem Eisen kamen. Ich habe meinen Opa sehr bewundert, wie souverän er die heißen Dinger anfasste und zu perfekten Hörnchen rollte. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um mich zu trauen, es auch mal zu probieren. Ehrlich gesagt, tat es an den Fingerspitzen ganz schön weh. Und die Hörnchen wurden auch eher … naja, dafür konnte man sie gleich essen.

Das traditionelle Neujahrhshörnchenessen gehört bei den Red Bug Homies seit zig Jahren als festes Ritual zum Jahreswechsel. Am Nachmittag des ersten Januar sind alle Freunde eingeladen, die Anishörnchen mit Sahne und Kirschen zu füllen und das neue Jahr zu feiern.

Für mich beginnt die Vorbereitung immer schon ein paar Tage früher. Man solllte es nicht glauben, aber auch nach über zwanzig Jahren, brauche ich immer noch das Rezept.

rezept   Teigschüssel

Die Rezepte

Mein Grundrezept: 200 g Butter mit 200 g Zucker schaumig rühren, 4 Eier dazu, und mit 400 g Mehl und – ja – 2TL Backpulver glattrühren, doppelt soviel Anis zugeben, wie man eigentlich glaubt, und lauwarmes Wasser einrühren bis der Teig schön cremig ist, kann gut 1/4l sein. Der Teig sollte dann etwas ruhen. Das ergibt gut dreißig Hörnchen, wenn man beim Backen schon ein paar ißt.

Neujahrshörnchen – jetzt auch vegan

Da ja mittlerweile viele Menschen aus unterschiedlichen – oft guten – Gründen, auf eine vegane Lebensweise umgestiegen sind, habe ich in diesem Jahr zum erstemal eine vegane Varinate für Neujahshörnchen ausprobiert.

Sehr gut funktioniert hat folgende Version: 100 g Aslan (Biomargarine) mit 125 g braunem Zucker aufschlagen, 2 EL Sojamehl, 250g Mehl, ne Menge Anis abwechselnd mit 3/8l warmem Wasser und einer Prise Salz zu einem relativ flüssigen Teig glattrühren. Etwas stehen lassen. Aus diesen Zutaten konnte ich genau zwanzig Hörnchen rollen.

Ich war sehr überrascht, dass die Hörnchen ohne Eier fest wurden. Sie lassen sich etwas schwerer aus dem Eisen lösen, sind einige sekundenlang gummiartig zäh und kamen mir beim Rollen viel heißer vor. Nach wenigen Sekunden werden sie dann allerding superknusprig. Sehen toll aus und schmecken klasse.

Die Zubereitung

Neujahrshörnchen Anis   Neujahrshörnchen Wasser

Ich verdoppele, verdreifache, vervierfache die Menge natürlich, weil ich nie genau weiß, wieviele Freunde kommen werden. Manchmal sind es zwanzig, manchmal an die fünfzig. Die Zurückhaltenden essen nur ein Hörnchen und nehmen sich erst nach dem zweiten Kaffee und  intensiven Gesprächen ein zweites. Die Jugendlichen sind oft mit vier oder fünf Hörnchen dabei. Mit Hundert Hörnchen fühle ich mich aber auf der sicheren Seite. Wenn es zuviele sein sollten, ist das kein Problem. Die Hörnchen bleiben wochenlang knusprig und lassen sich übrigens auch sehr gut zu Trifle verarbeiten.

Einfüllen des Teigs   Neujahrshörnchen

Neujahrshörnchen im Eisen   Neujahrshörnchen rollen

Das Backen ist eine sehr meditative Angelegenheit. Jedes Hörnchen braucht etwa 2min51sec vom Einfüllen ins Eisen bis zum Rollen. Da mein Hörncheneisen sowohl ein optisches als auch ein akkustisches Signal gibt, wenn der richtige Bräunungsgrad erreicht ist, kann ich dabei sehr gut andere Dinge erledigen, z.B. Quittungen für die Steuer sortieren.

Das Fest

Neujahrshörnchen Gäste   Neujahrshörnchen, die Gäste kommen

Es ist immer eine Freude, wenn dann die ersten Gäste kommen. Für viele gehört es mittlerweile auch zum ersten festen Termin im Jahr. Manche kommen nur alle paar Jahre, weil sie in anderen Städten wohnen, und es kommen immer wieder neue Freunde dazu. Denen muss ich dann zeigen wie es geht. Hörnchen nehmen, Sahne hinein, Kirschen drauf und nochmal Sahne, oder umgekehrt, oder nur mit Sahne, oder nur mit Kirschen oder Hörnchen pur.

Neujahrshörnchen   Neujahrshörnchen Kirschen

Riesendanke an die anderen Homies, die dafür sorgen, dass auf wundersame Weise immer wieder frischer Kaffee oder Tee auf dem Tisch steht, und frische Sahne geschlagen ist. Danke an Amber für die schönen Fotos. Wie man sieht, sind Neujahrshörnchen echtes royal root soul food.

 

 

 

 

 

Rituale
Roots

Oscars // Ritual

Es gibt ein paar Rituale unter den Red Bug Homies.

Das Weihnachtsfest mit großem Tannenbaum oder das traditionelle Hörnchenessen am Neujahrstag. Auch die gemeinsame Oscarnacht gehört seit Jahren zu den festen Terminen. Wieso eigentlich?

Ich kann mich nicht erinnern, mir vorher jemals, eine Nacht um die Ohren gehauen zu haben, um mir Promis auf der Bühne anzusehen, die sich gegenseitig beglückwünschen. Schon als die jungen Homies noch zur Grundschule gingen, lagen sie in ihre Bettdecken gekuschelt die ganze Nacht vor dem Fernseher. Meist wurde es schon hell, bevor sie dann für ein/zwei Stunden schlafen gingen und dann – auf eigenen Wunsch – trotzdem noch pünktlich zur Schule.

Die Kids haben es immer geliebt. Natürlich! Das lange Aufbleiben. Aber ehrlich gesagt, durften unsere Kids immer so lange aufbleiben, wie sie wollten. Ich erinnere mich, dass ich sie einmal zur Schule wecken wollte und sie waren noch wach, hatten die ganze Nacht durchgelesen. So what? Der Glamour vielleicht? Der rote Teppich, die Prinzessinnenkleider, die stattlichen Smokings? Die Musik. Der Glimmer und das Gold?

Seltsam nur, dass jetzt, wo alle drei selbst erfolgreich im Filmgeschäft sind, der Glamourpart des Business’, Premieren, Partys und rote Teppiche für sie gar nicht so interessant ist.

Was ist es also? Natürlich ist es eine Riesenshow. Ich glaube aber, es ist das, was unter dem Glitzer die ganze Zeit hervorscheint. Das, worum es eigentlich geht. Um Menschen, die mit all ihrer Kraft, ihre Leidenschaft leben. Ernsthaft künstlerisch arbeiten. Gute Geschichten erzählen. Menschen berühren. Die Welt besser machen.

In dieser Nacht hat es niemand besser gesagt als Pete Docter, einer der Macher von Inside out, in seiner Dankesrede: „Anyone out there who’s in junior high, high school, suffering, there are days you’re going to feel sad, you’re going to feel angry, you’re going to feel scared — that’s nothing you can choose. But you can make stuff. Make film, draw, write. It’ll make a world of difference.“

Genau das ist es, was die Kids gespürt haben, aufgesaugt haben, schon immer gewusst haben. Das ist Red Bug Home.

Weihnachten ist für die Familie.

Zu Neujahrshörnchen sind alle Freunde eingeladen.

Die Oscarnacht ist eine Red Bug Affair.