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Ruhe

Ruhe

Ruhe: Nach dem Essen soll man ruh’n …

Uhhh, da hat es also ausgrechnet mich „erwischt“ mit dem Beitrag Ruhe – Food. Ich, die ich vom Essenstisch 10 mal aufspringe, eine Vorliebe für Fast Food und auch sonst ein eher kompliziertes Verhältnis zum Essen habe. Aber, nun gut. Essen ist für die meisten Frauen ein schwieriges Thema. Also: Mit Genuß, genügend, in Ruhe, entspannt zu essen. Dabei ging es auch bei mir eigentlich ganz normal los…

Am Anfang

Muttermilch gestillt, zufrieden – ich war ein glückliches Baby und Kleinkind. Mein Spitzname war Fressehampa, und wenn man sich die Bilder ansieht, auf denen ich so etwa ein Jahr bin, dann hätte aus diesem Anfang  auch eine ewiger Kampf gegen die Fettsucht werden können. But – nope!

Ich wurde ein zufriedenes Vorschulkind, normal dick, meine Lieblingsgerichte waren: Hühnchen mit Pommes, Blutwurst mit Kartoffelbrei und Apfelmus, salzige Pfannkuchen mit Salat. Die Schule kam und es ging mit Bauchschmerzen los. Meist am Morgen, war ich dann erstmal in der Schule, war alles vorbei. Essen? Weiter normal. Ich war ein Tomgirl, kein Wunder mit zwei Brüdern, viel draußen, viel mit der Kinderclique unterwegs, mein bester Freund war ein Junge. Ich erinnere mich an Eis-Essorgien, sehr viele Süßigkeiten. Nicht die beste Ernärhung aber soweit mit dem Essverhalten alles okay.

Podcast #1

Ich mag, dass wir uns bei den Redbug Homies jetzt immer ein Monatsthema nehmen. Gute Idee von Amber (i think?), denn mit Thema lasse ich es einfach in meinem Kopf rollen. Was mir über den Weg läuft, nehme ich auf und diesmal war es ein Podcast von PhD Laura Thomas* (mehr über sie am Ende des Beitrags).

In dem Podcast führt sie ein Gespräch mit Robyn Nohling über „Guts, Periods and Hormones“ führte. Es geht um Ernährung, Essstörung, Hormone, den Magen, den Darm, die Menstruation. Was ich den anderthalb Stunden gelernt habe, war eine kleine Offenbarung für mich. Zum Beispiel, was für den Körper eine Essstörung ist: eine Diät, ein Fasten, zu viel Sport, falsche Ernährung, Stress, zu wenig Ruhe. All das! Der Körper ist nämlich extrem konservativ. Er verlangt nach Regelmäßigkeit, Entspannung, Schlaf, genug Vitaminen und Mineralstoffen, aber auch Kohlehydraten und Fett. The body – wants it all.

Teenager

Na ja, vielleicht war nicht alles okay. Vielleicht wurde mir so ganz langsam klar, dass Jungs und Mädchen – nun – doch etwas ganz anderes sind. Wenn ich mit zehn Jahren einen Jungen im Ringkampf besiegt habe, auf ihm lag und ihn zu Boden gepresst habe, dann war ich die Gewinnerin. Yes!  Das mit Brüsten zu machen – einfach nicht dasselbe. Und es gab noch mehr Dinge, die anders waren und wurden. Dem Stress des Schönheitsideals für Mädchen, eines So-Sollst-Du-Sein, die Aufforderung, sich nicht so hervorzutun und wenn dann mit weiblichen Reizen und dann bitte den Müll runterzubringen, denn die Jungs … na, du weißt ja.

Ich wollte einfach keine Frau werden. Nicht so. Also eigentlich schon, aber mir machte es Angst, die Kontrolle darüber abzugeben, was geschah. Das Wachsen des Körpers, Blutung, Geschlechtsreife, der ganze Stress. Von Jungs und Küssen und Daten mal ganz abgesehen. Das einzige, was ich wirklich unter Kontrolle bringen konnte, war das Essen.

Und das habe ich versucht – und eine Essstörung entwickelt. Kalorien gezählt, mir angewöhnt, immer weniger zu essen, als ich brauchte oder überhaupt nicht zu essen. Mir war vollkommen klar, dass das nicht normal und gesund war. Ich weiß, die meisten denken, wer magersüchtig ist, will dünn sein. Dem weiblichen Schönheitsideal entsprechen. Ich glaube, genau das Gegenteil ist der Fall. Jedenfalls war es bei mir so. Ich wusste auch, dass das Magersucht hieß.  So what? Denn es ging nicht ums Dünnsein. Mich interssierte meine Kleidergröße überhaupt nicht.

Podcast #2

Wenn der Körper/die Verdauung nach einer Essstörung wieder normalisiert wird, dann geht das nicht ohne weiteres. Also auch nach einer Diät, Fasten, zu viel Stress, undereating.
Der Magen besteht  – simpel gesagt – aus zwei Teilen. Im oberen Teil wird Raum für Nahrung geschaffen, im unteren Teil wird Nahrung vorverdaut und für den Darm vorbereitet. Raum schaffen geht nur, wenn man den Magen nicht anspannt und verspannt, sondenr in Ruhe weit macht. Komm herein, Essen, fühl dich wohl!  Und dann in den unteren Magenteil entlässt, wo dei Arbeit beginnt. Der Magen ist im Grunde ein großer Beutel aus Muskeln. Verdauen heißt, diese Muskeln zu betätigen. Doch wenn diese nicht ausreichend genutzt werden, dann passiert stomach paralysis oder Magenlähmung. Der Magen macht schlapp. Kein Bock. Also muss er wieder in Gang kommen. Verantwortlich dafür die Umgebung (hab ich Ruhe?) und der Kopf (kann ich mich entspannen.) Hier spielt u. a. das Bauchhirn (enterische Nervensystem) eine große Rolle.

Das enterische Nervensystem besteht aus einem komplexen Geflecht von Nervenzellen (Neuronen), das nahezu den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht. Es besitzt beim Menschen vier- bis fünfmal mehr Neuronen als das Rückenmark (etwa 100 Millionen Nervenzellen). Dieses eigenständige Nervensystem befindet sich als dünne Schicht zwischen den Muskeln des Verdauungsapparates. (Wikipedia)

Hier sitzt das Bauchgefühl. Man hat sogar nachgewiesen, dass intuitive Entscheidungen mit dem „Magen“ getroffen werden.

Ist der Magen nicht auf Nahrung eingestellt, dann kann man zwar oben reinstopfen, aber der Transport nach unten funktioniert nicht. Der Bauch wird voll und aufgebläht. Man fühlt sich voll, obwohl man eigentlich zu wenig isst. Als Therapie wird empfohlen: Viele kleine ausgewogene Mahlzeiten am Tag mit viel Wasser zu sich nehmen, um so den Magen wieder ins Training zu bringen. Langsam anfüttern, gut kauen (um Vorzuverdauen). Ruhe reinbringen durch Regelmäßigkeit und genug Essen. Oder auch mehr essen, denn der Magen funktioniert wie eine Feuerstelle: Je mehr Holzscheite wir auflegen, desto besser prasselt das Feuer.

Junge Erwachsene

Rebellisch, eigensinnig, ehrgeizig. Nicht unbedingt romantisch. Das mit einer Beziehung würde ein Kampf werden, das war klar. Das mit dem Essen – blieb eine Sache, die ich möglichst minimal erledigte. Bloß nicht den Schwung verlieren. Verdauung? Menstruation? Eher nicht vorhanden. Aber immerhin: Meine Ernährung wurde sehr viel vernünftiger. Immer weniger Fleisch, bis ich ganz darauf verzichtete. Langsames Abgewöhnen von Zucker, eine grundlegende Auseinandersetzung mit gesundem Essen: Sprossen, Keime, Nüsse, frisches Gemüse, wenig Milch – ich kannte mich schnell mit allem aus. Zu viel Aufmerksamkeit auf Essen? Irgendwie auch eine Essstörung. Mein Leben war ansonsten stressig. Die Periode – fiel oft aus. Und Ruhe? Nicht in Sicht.

Podcast #3

Der Körper ist unser Freund und nicht unser williger Diener. Gute Freunde nehmen uns beiseite und machen eine Ansage: „So geht es nicht.“ Oder: „So kann ich nicht mit dir arbeiten/leben.“ Und wenn sie nicht sprechen können, dann geben sie uns Zeichen: Die Verdauung funktioniert nicht richtig, die Periode fällt aus.

Stress ist ein Faktor für schlechte Essgewohnheiten. Fast Food – unterwegs hereingeschlungen, ohne Ruhe. Essen, das nicht richtig verdaut werden kann, weil der Körper unter Stress eben nicht gut funktioniert, nicht die richtigen Hormone ausgeschüttet werden, der Magen sich verweigert. Dann ist man voll, obwohl man doch dringend Nährstoffe braucht. Ein zu unregelmäßig mit Nahrung versorgter Körper organisiert sich um. Notlage? Mangel? Lassen wir erstmal das weg, was wir am wenigsten brauchen. Sprich: Die Fortpflanzung.

Denn damit ein Ei sich heranbildet und von den Eierstöcken in die Gebärmutter wandert, braucht der Körper Kraft: Hormone, Nährstoffe, Energie. Und die muss er mit der Nahrung aufnehmen. Okay, sagt sich Freund Körper, an Fortpflanzung ist gerade nicht zu denken und schaltet bestimmte Funktionen ab. Der Körper, dein Freund.

Muttersein

Sie nehmen dir Blut ab, sie stellen fest, dass du zu wenig Eisen hast. Ja, klar, du hast von allem zu wenig, das weißt du. Im Prinzip. Aber es hat ja immer gereicht und muss jetzt auch für zwei reichen. Oder drei mal zwei, drei Schwangerschaften laugen ganz schön aus. Das mit dem Essen wurde besser, auch, weil ich es wollte. Also normaler essen. Nicht mehr zählen, einfach sein. Heute heißt das intuitiv essen, ein sehr wichtiger Begriff, denn ich später noch mal aufgreifen werde.

Ich habe mich gut gehalten, brav das Eisen geschluckt und Vitamine und mich gesund ernährt. Gestillt und – ja, na klar, gab es zu wenig Schlaf und Ruhe. Ist halt so mit Kindern. Ich versuchte genug Sport zu machen, Rückbildungsgymnastik, laufen, man hat ja auch noch ein Leben – neben den Kindern. Meine schlechten Ernährungsangewohnheiten flogen mir trotzdem ständig um die Ohren. Zu müde, zu schlapp, gestresst, ich wurde immer dünner.

Podcast #4

Sport ist eine schöne Sache, aber sehr häufig ein Grund, warum die Periode bei Frauen ausfällt. Was hat das mit Essen zu tun? Nun, für viele gehören Essen und Sport zusammen. Diät und Sport zusammen. Was man sich angefressen hat, muss möglichst schnell abtrainiert werden. Doch ich erfahre in dem Podcast, dass drei Stunden mäßiger Sport/Bewegung am Tag schon das Limit sind. Mehr – ist Stress für den Körper. Und das, was man an seinem Körper als Fett und Rundungen wahrnimmt – normal. Frauen haben mehr Fettgewebe als Männer.

Wenn Frauen keine Periode haben, wird ihnen gerne die Pille verschrieben. Hormone von außen, die alles wieder ins Lot bringen sollen. Iss dich gesund. Aber das ist nur ein kurzfristiges Pflaster, die schlechten (Ess)gewohnheiten ändert es nicht.

Heute

Ich kann so viel essen, wie ich will, ich nehme nicht wesentlich zu. Das Gewicht bleibt genauso wie meine Vorliebe für Ringel -T-Shirts. Ich kann mit sehr wenig auskommen/Leben/überleben. Das ist eine gute Sache, finde ich, aber letztens war ich beim Arzt und habe einen Bluttest gemacht. Zu wenig Eisen – sowieso, aber auch zu wenig von einer ganzen Reihe von wichtigen Lebensbestandteilen und die ernsthafte Warnung, das schnell in den Griff zu bekommen. Notfalls alles künstlich zuzuführen: Eisen, Vitamine, Mineralstoffe … Sie meinen  … Essen? Dafür scheint es schon etwas zu spät zu sein. Also päpple ich einen Körper mit Zusatzstoffen hoch und weiß doch: Das Problem liegt beim Essen und bei der mangelnden Ruhe, die ich mir dafür nehme. Bei der blöden Angewohnheit, alles unter Kontrolle kriegen zu wollen, den Kopf regieren zu lassen und das Bauchgehirn viel zu selten nach seiner Meinung zu fragen.

Podcast #5

Jeder Körper hat eine Art Setpoint. Ein Gewicht, das genetisch vorprogrammiert ist und der Körper gerne immer wieder erreichen und auch nicht überschreiten möchte. Wenn wir ständig zu wenig essen, geben wir unserem Körper die Information: Stress. Der Körper denkt, wir sind auf der Flucht, in Gefahr. Und irgendwie hat er wohl gar nicht so Unrecht damit, wenn wir durch die Stadt hetzen, uns von Termin zu Termin durchschlagen und selten Zeit finden, in Ruhe etwas zu essen.

Unser Gehirn mag Großes wollen, unser Körper funktioniert immer noch sehr steinzeitmäßig. Und braucht daher:

  • Drei gute Mahlzeiten am Tag. Mit Kohlehydraten, Fett und erst dann ist dazu noch ein Salat gestattet.
  • Zwei Zwischenmahlzeiten, damit unser Magen im Training bleibt.
  • Genug Flüssigkeit, um alles geschmeidig zu halten.
  • Nahrung, die gut gekaut wird, damit der untere Magen nicht die ganze Arbeit leisten muss.
  • Eine regelmäßige Periode, denn sie zeigt uns, dass der Hormonhaushalt gesund ist und funktioniert.
  • Einen guten Hormonhaushalt, damit die Knochen stabil bleiben, der Körper voller Spannung und Energie.

Und Ruhe. Vor allem Ruhe.

  • Mindestens 7 Stunden guten Schlaf.

Wie sagt Robyn Nohling im Podcast? Wenn alles andere gerade im Chaos ist, fang mit gutem Schlaf an. Alles andere kommt danach.

Nach dem Essen soll man ruh’n oder 1000 Schritte tun.

Schritte, wohlgemerkt, keine Laufschritte, kein Joggen. Bei drei Mahleziten am Tag und zwei Zwischenmahlzeiten kommt ganz schön viel Ruhe zusammen.

Essen = Ruhe.

Das ist es, was ich jetzt lernen will und dann irgendwann ganz intuitiv, nach Bauchgefühl umsetzen: Intuitive Eating. Essen nach Bauchgefühl. Und vorher – schlaf ich noch ein wenig …

 

*LAURA THOMAS PHD: Laura is a Registered Nutritionist specialising in Intuitive Eating, Health at Every Size & Non-Diet Nutrition. She’s based in London, where she’s cutting through the nutrition BS, and telling people what they really need to know to stay on top of their game.

Ruhe

Ruhe: Immer mit der …

Oasen der Ruhe, Räume der Stille, Meditation, Duftkerzen, Räucherstäbchen. Liegen im Shavasana. Das ist Ruhe und …

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Ruhe ist aber auch, heißt es, die erste Bürgerpflicht. Und zwar, weil der König eine Bataille verloren hat. Preußens Armee aus Leibeigenen und Söldnern war gegen Napoleons Truppen schlecht aufgestellt. Man nennt es in Preußen gern in der Sprach des Gegners französisch elegant »Bataille«. Was man da 1806 bei Jena und Auerstedt gegen die Revolutionsfranzosen verloren hat – im deutschen Klartext war es eine Schlacht. Ein Schlachten. Friedrich Wilhelm macht sich vom Acker. Königin Luise auch. Fast 50.000 Soldaten gehen nirgendwo mehr hin. Mit ihnen geht das alte Preußen unter. Die Bevölkerung soll ruhig bleiben. Was ihr nicht schwerfällt, sie hängt nicht besonders an dem antiquerten Regime, das da gerade weggefegt wurde.

Warum fällt mir ausgerechnet dieser Satz, diese Geschichte ein, wenn ich über das Thema Ruhe nachdenke. Vielleicht, weil Preußen hier in Potsdam so nah ist. Und weil es hier gerade im Stadtbild zwischen allen Schlössern, Schlossattrappen, Gärten, Weinbergen, Parks und Sichtachsen in aller Ruhe zu einer unglaublich kitschigen Verklärung Preußens kommt. Ruhe als Pflicht, wer kann sich sowas ausdenken? Ruhe eine preußische Tugend?

Bräuchten wir nicht mehr Aufstand, Widerstand, Randale?

Aber auch dazu gehört Ruhe. Es ist, ich kann da aus Erfahrung sprechen, nie gut, sich hinwegtragen zu lassen, von Aufregung, von Arbeit, von Ehrgeiz, vom eigenen Gebrüll, auch nicht von dem unbedingten Willen, etwas Großartiges, etwas Notwendiges, etwas Gerechtes zu machen. Wenn wir nicht selbst zur Ruhe kommen, sondern auf irgendeinem falschen Weg in die falsche Richtung rennen, ist es oft unser Körper, der uns dann zur Ruhe bringt, Ruhe einfordert, Ruhe erwartet und erzwingt. Kleiner Schnupfen, ne Grippe, die uns flachlegt, wenn es harmlos verläuft. Wenn wir dann immer noch nicht aufmerksam sind, kann es auch schon mal ein kleiner Unfall sein, ein Gipsbein, ein Armbruch,  you name it. Und ein Armbruch ist kein Armbruch, ist kein Armbruch, ist kein …, sondern ein Wake-up call, etwas ruhiger zu werden, etwas Tempo rauszunehmen, mal zu relaxen und mal zu checken, ob überhaupt die Peilung stimmt.

Keep calm and expect to wait

Auf dem Flughafen in Kopenhagen, leuchtet mir, während ich an diesem Beitrag über Ruhe schreibe, dieses Schild entgegen. Keep calm and expect to wait. Where on Earth is Schengen.

Also gut. Wir erinnern uns. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es den Versuch, stationäre Grenzkontrollen in Europa abzubauen. Seit Mitte der 90er Jahre ist er verwirklicht. Zwischen 22 europäischen Staaten gibt es beim Grenzübergang keine Personenkontrollen mehr. Was für junge Menschen mittlerweile ganz selbstverständlich ist, war eine der größten Errungenschaften der europäischen Integration. Als sich dann zwanzig Jahre später immer mehr Menschen nach Europa retten müssen, werden zwischen mehreren europäischen Staaten wieder Grenzkontrollen eingeführt, nicht nur zwischen Deutschland und Österreich, sondern auch in Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen. Ruhe und Angst vertragen sich nicht gut, dabei ist es umso wichtiger, ruhig zu bleiben, wenn die Angst kommt. Dass Menschen Angst haben, gehört zu ihrer Natur, Angst vor wilden Tieren, Angst vor Dingen und Menschen, die fremd sind oder einfach Angst, weil man beim freeclimben, vielleicht den nächsten Griff verpasst. Und genau dann, wo wir sie am meisten brauchen, ist sie am schwersten zu erreichten. Die Ruhe.

Wo Ruhe fehlt, ist immer Angst im Spiel

Denn wo Ruhe fehlt, ist oft, wenn nicht immer auch Angst im Spiel. Angst, zu spät zu kommen, etwas zu verpassen, nicht gut genug, schnell genug, effektiv genug zu sein. Und wir Menschen sind ängstliche Wesen. Ruhig  zu bleiben, wenn es am schwersten fällt, wenn mal eine schlechte Nachricht kommt, wenn es mal nicht so läuft. Besonnenheit, wenn die Aufregung am größten ist. Das ist die hohe Schule. Das Leben ist schnell zu Ende. Deswegen glauben wir oft, wenig Zeit zu haben, und vergessen dabei, dass Ruhe unsere Zeit unendlich ausdehnt. In Ruhe findet man unendlich viel Zeit zwischen den Sekunden.

Es ist keine dumme Floskel, aus der Ruhe ziehen wir die Kraft. In der Ruhe können wir uns erden, in alignment kommen, mit dem was wir wirklich machen wollen, was uns wirklich etwas bedeutet und wichtig ist.

In der Ruhe können wir passiv tagträumen oder aktiv visualisieren. Um Probleme zu lösen, auf neue, ich meine »Neue« Gedanken zu kommen, ist es für mich oft viel besser, nicht angestrengt nachzudenken, sondern in einen Zustand der mittleren Konzentration zu kommen. Etwa beim Zugfahren, wenn der Regen prasselt oder die Sonne über die hügelige Landschaft scheint. Das sind die Momente, in denen mir oft die besten Ideen kommen. Besser als beim bewussten Nachdenken. Wenn ich eigentlich nur so vor mich hinträume, aber aufmerksam genug bin, um zu bemerken, wenn eine Bild, eine Idee, ein Gedanke, ein Klang, eine Information in den Kopf trifft.

Ruhe ist Rhythmus.

Der Beat im Groove. Gott schuf die Erde, so sagt man, an sechs Tagen und ruhte dann am siebten. Wieso er sich für so einen schrägen siebener Takt entschiedenen hat, weiß der Teufel – oder Sting. Vielleicht hatte der liebe Gott den Walzer oder den vier/viertel Takt einfach noch nicht erfunden. Ein gutes Bild für den Rhythmus von Tun und Ruhen. Ein Rhythmus, den wir ja überall finden. Tag und Nacht. Schon als segelnder Junge hat mich fasziniert, wie das Wasser nach einem stürmischen Tag, am Abend oft so ruhig wurde. Thermik hin oder her. Für mich hatte es etwas Mystisches. Oder nehmen wir den Rhythmus der Jahreszeiten. Jetzt gerade, wo wir nach einem heißen Sommer und einem goldenen Herbst mit einer Tasse Ostfriesentee in den dunklen November gehen. Bevor der Dezember dann schon wieder festlich beleuchtet wird und eine geschäftige Powerbesinnlichkeit die Ruhe hinwegfegt, ist der November ein oft unterschätzter Monat der besonderen Ruhe.

Liegen im Shavasana

Genau wie das Shavasana am Ende einer Yogapraxis eine oft unterschätzte Übung der Ruhe ist. Gerade durch das stille entspannte Liegen auf dem Rücken, zieht man den Nutzen aus den vorhergehenden Übungen. Der Körper und die Gliedmaßen liegen, der Atem atmet, der Geist lässt Gedanken und Gefühle kommen und gehen.

Eine wunderbare Art des Visualisierens, weil man es gerade nicht tut, sondern geschehen lässt, ohne es aktiv geschehen zu lassen.

Ganz ähnlich bei der Meditation, die ja vielleicht als die ruhigste Tätigkeit, als der ruhigste wache Zustand gilt, in dem man als Mensch sein kann. Dabei ist es ein durchaus aktiver Zustand. Ein Zustand, in dem man üben und lernen kann, seinen unruhigen Geist zu erkennen. Die Gedanken und Gefühle zu beobachten, wie sie kommen und gehen. Und dabei ruhig zu bleiben, ihnen nicht nachzuhängen, sie nicht zu verfolgen, aber sie auch nicht zu unterdrücken oder vor ihnen wegzulaufen.

Natürlich macht es keinen Sinn, den ganzen Tag zu meditieren, so wie es keinen Sinn macht, den ganzen Tag zu schlafen. Auf den Rhythmus kommt es an. Ruhe und Bewegung, Ruhe und Aufregung, Ruhe und Arbeit gehören untrennbar zusammen.

Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich durch die bewusste Integration von Ruhe in mein Leben, in Form von Yoga, Meditation, Spaziergängen, wesentlich effizienter in den aktiven Dingen bin.

Ruhe ist keine Bürgerpflicht, sondern ein Menschenrecht. Ein Menschenrecht, dass man sich selbst nehmen muss. In aller Ruhe.

 

Ruhe

Erdbeben

Wenn die Erde bebt

Zugegeben, es ist nicht unbedingt ein gutes Gefühl, in eine Region aufzubrechen, die gerade hart von einem Erdbeben getroffen wurde. Nur 4 Tage später aufzubrechen, um genau zu sein. Aber Zuhause zu bleiben, fühlte sich auch nicht gut an. Wir fahren schon seit 16 Jahren nach Italien, immer auf den gleichen Berg – das ist unser Ferienort! Wie gehen wir also damit um, dass nur 40 km Luftlinie entfernt, auf dem gegenüberliegenden Bergmassiv, die Erde gebebt hat?

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Natürlich waren wir nicht cool. Falls es ein Erdbeben gibt, rennen wir alle in den Garten. Nein, das große Feld! Nein, wir bleiben im Haus und stellen uns unter die Türen. Und hatten Bedenken: Dürfen wir dort in der Sonne sitzen, wenn gegenüber auf dem Berg gleichzeitig Menschen unter Häusern begraben sind? Manchmal wünscht man sich, man wüsste weniger. Die Website der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, von der auch die Infos oben stammen, öffnet einem schnell die Augen dafür, dass es an vielen Stellen auf der Welt, jeden Tag, schwere, mittelschwere und kleine Erdbeben gibt. Ups. Das soll keine Aufforderung zur Panik sein – im Gegenteil. Manchmal lässt man sich von einer diffusen Angst von Dingen abhalten, statt an den Ursprung dieser Angst zu gehen.

Vor Ort

Als wir im Tal ankommen, sehen wir die abgesperrte Straße, aber spüren auch die konzentrierte Ruhe. Nicht unbedingt etwas, was man von Italienern erwartet, wenn man sie in den Cafés über Fußball oder Politik diskutieren hört. Die Leute in der Gegend sind Erdbeben gewohnt, eigentlich gibt es jedes Jahr ein kleineres, und alle paar Jahrzehnte ein größeres Beben. Das Leben geht weiter, in den Bars, im Supermarkt, und oben in unserem Landhaus war auch alles wie immer. Nun, nicht ganz so wie immer. Auf dem Weg zum Tante Emma Laden im Nachbarort fielen sie mir als erstes auf.Erdbeben

erdbebenDie blauen Zelte, die auf dem Spielplatz standen. Ein gefüllter Wasserkanister daneben. Okay, da sollte man dann wohl hingehen, wenn es bebt. Erstaunlich sachlich und gleichzeitig beeindruckt, stelle ich fest, dass jedes noch so kleine Dorf, in diesem Jahr vorbereitet ist. Ein leichtes Erstaunen gab es dann kurz darauf auch bei den Cafébesitzern, die wir schon ewig kennen. Okay, dieses Jahr waren wir spät in den Urlaub gefahren, aber es lag wohl eher daran, dass wir überhaupt gekommen waren. Natürlich! Auf einmal war es mir ganz klar. Wie mies wäre das denn, diesen Ort in der Not allein zu lassen? Obwohl das keine Aufforderung sein soll in Krisengebiete zu reisen, hatte ich auf einmal das sehr starke Gefühl, das Richtiges zu tun. Dort zu sein. Zuversicht in eine Region zu tragen, die (auch) von den Ferienbesuchern lebt. Weil dieser Ort nicht einfach nur ein Ferienort für uns ist.

Das Beben

Wir hatten uns gerade daran gewöhnt, die Urlaubs-Helden zu sein, als wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit den (Nach)Beben machten. Nicht, dass es einen Tag ohne Beben in der Region gegeben hätte, wie wir auf einer Erdbeben-Website feststellen konnten, doch alles unter der Stärke 4 ist kaum wahrnehmbar. Oder nicht für alle. Egal wen man in den ersten Tagen im Dorf traf, die erste Frage war immer: Habt ihr es heute Nacht/Mittag gespürt? Nope. Wir fingen an, etwas nachzuspüren, etwas aufmerksamer aufzutreten, spürten nichts. Doch die Wahrheit ist, wenn es kommt, weißt man sofort Bescheid. Für mich war es faszinierend, dass die Beben so unterschiedlich sind. Mal wie ein Zittern und Nachvibrieren, dann nur ein kurzes Rumpeln. Hast du den Schrank umgeworfen? Nein, das muss ein Nachbeben gewesen sein. Und ich muss hier wohl nicht extra sagen, dass wir weder in den Garten gelaufen sind, noch uns unter die Tür gestellt haben. Wie auch, in wenigen Sekunden der Erstarrung? Des ungläubigen Wahrnehmens und der überraschten Erkenntnis: So ist das also!

Ich war gleichzeitig fasziniert und leicht geschockt. Was geht hier eigentlich ab? Ich meine: Auf der Erde? Und es gab ein weiteres Gefühl, das mich an verschiedenen Nachbeben-Morgen beschäftigt hat: Hey, es wäre gut, wenn wir die Erde ein wenig öfter spüren würden. Nicht unbedingt in ihrem verärgerten Zustand. Ihren Wut- und Vulkanausbrüchen oder Zorn-Zunamies. Aber doch bewusst wahrnehmen würden, dass es eine wunderschöne und sehr lebendige Erdkugel ist, auf der wir durch das Weltall fliegen. Und dass wir – und ja, das klingt jetzt kitschig – alle jeden Tag etwas dafür tun können, dass die Erde, das Klima, die Beziehungen hier etwas besser werden.

italien Erdbeben

Ruhe

Meditation

Am allerbesten schlafe ich in einem frisch aufgeräumten Zimmer mit frischer (vorzugsweise weißer) Bettwäsche nach einem aktiven, erlebnisreichen Tag.

Geht, denk ich, jedem so.

Wenn also mein Umfeld sauber und mein Körper erschöpft ist.

Aber die Gedanken, die ich den Tag über hatte, die Eindrücke, sind immer noch verwurschtelt und unsortiert in meinem Kopf, als ob ich zwar meine Klamotten aufgehoben, aber sie nur in den Schrank gestopft hätte.

Also Meditation. Um nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere zu reinigen. Macht ja Sinn.

Und die erste Meditation nach monatelanger Pause war wie das erste Mal Laufen gehen, nach Monaten ohne Sport und Tonnen von italienischer Pasta.

Aber genauso wie ich nach ein zwei Wochen wieder in meinem normalen Laufrhythmus war, hat sich auch mein Geist schneller beruhigt.

Und dann kann ich so richtig gut schlafen.

Für den, der sie noch nicht kennt … checkt doch mal die App „Headspace“ aus.

Ich weiß kommt ein wenig unromantisch rüber eine App zum Meditieren aber sie funktioniert wirklich gut. Ist total liebevoll gemacht und supergut für „Anfänger“

Ruhe

Balance

Ich und die Stadt

Ich bin ein Stadtmensch. Das ist ganz klar eine Prägung, wenn man in Berlin geboren ist, einer Stadt, die von einer Mauer umgeben war und in der es Umland nicht gab. Jedenfalls nicht, um dort Erholung zu suchen oder „mal rauszufahren“. Wenn ich an meine ideale Schreibumgebung denke, dann ist das auch nicht unbedingt „auf dem Land“. Daher war mein Schreibstipendium im Frühjahr dieses Jahres in Wiepersdorf eine echte Challenge: Komme ich ohne Stadt aus? Halte ich es auf dem Land aus? Als Konfrontationstherapie habe ich mir jeden Tag eine kleine Radtour verordnet. Begegnung mit der Natur.

horiz11Gegenwind

Im März hieß das erstmal Bekanntschaft mit dem Gegenwind zu machen. Ins nächste Dorf, kein Problem, zurück … schon eher. Ich kämpfe mich durch. Die Augen auf den Horizont gerichtet, stelle ich fest: aha, es gibt ihn, er existiert also wirklich. Und auch wenn er vom Rad aus manchmal das Gleichgewicht verliert – Ich mag ihn!

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Horizont

Er beruhigt mich, ein Ende in Sicht – immer. Wie angenehm. Ein Fixpunkt für die Augen, ein Ziel. Und Ruhe, natürlich. Das hilft beim Arbeiten und ich stelle fest, ich schreibe hier mehr als zuhause. Nicht nur, weil ich sonst eigentlich nicht viel zu tun habe, sondern weil ich hier besser den Überblick behalte … es steht weniger im Weg.

Veränderung

Weitere Beobachtung: Hey, hier sieht es ja jeden Tag anders aus! Die Felder, erst braun, dann sanftgrün, dann sattgrün. Ihr könnt jetzt lachen, aber für mich ist das alles neu. Ich kenne das nicht. In der Stadt gibt es natürlich auch Veränderungen, logisch. Der Bubble Tea-Laden an der Ecke hat dicht gemacht – wusste ich es doch. Ein neuer Biosupermarkt hat eröffnet, wie schön, ein neues Plakat kündigt einen neuen Blockbuster an. Doch vieles bleibt  … unübersichtlich. horiz12

Hier bringt die Natur die Veränderung. Jeden  Tag wieder. Wie schnell wachsen eigentlich Pflanzen? Man kann dabei zusehen! Zwischen März und Juni werden aus Felder, die erst nur braune Erde sind, grüne Flächen und schließlich wächst dort grüner Raps oder gelbes Korn.

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Bunte Bumen stehen  am Rand der Felder. Weil das gut für das Gleichgewicht der Natur ist, wird mir erzählt. Und für die Bienen und Insekten, eben für alle, die hier ganz unbemerkt auch noch wohnen.

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Balance

Die Sache, das ich immer wieder verliere in der Stadt und auch hier nicht so einfach halten kann. Zwischen Ein- und Ausatmen, zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Entspannung, Natur und dem, was die Menschen damit, daraus machen. Der Horizont ist meine Wasserwaage, pendelt mich aus.

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Ich pflücke mir einen Blumenstrauß für mein Zimmer. Rote Mohnblumen, blaue Kornblumen, weiße Margeriten, gelbe Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Zum Grün-Braun der Felder und dem Blau des Himmels sind die Farben der Blumen gekommen. Erst die Struktur finden, dann die Farbakzente setzen, die Stimmung beschreiben. Die Natur kann das, weiß das besser, jedes Jahr wieder, das schau ich mir ab und finde auch meinen Rhythmus im Schreiben. Das Gleichgewicht, die Balance, jeden Tag wieder und werde tatsächlich ein Fan, der … Landschaft, der Ruhe hier. Yeah!

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