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Freiheit

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Freiheit: Easy Rider

Es gibt unzählige Filme, die auf irgendeine Weise das Thema Freiheit behandeln. Die beiden, die mir als erstes einfallen, haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind im Jahr 1969 erschienen, als der Krieg in Vietnam genauso eskalierte wie der Widerstand dagegen und die ersten Menschen auf dem Mond landeten. Beide sind Buddy Movies, beide Road Movies, mehr oder weniger. In beiden Filmen sind die Hauptprotagonisten kleine Kriminelle, im einen Fall hauptberuflich, im anderen eher amateurhaft. In beiden Filmen werden die Helden (bei Filmen aus dem Jahr 1969 ist die Spoilerverjährungsfrist abgelaufen) am Ende abgeschossen. Und genau wie Martin Luther King und Robert Kennedy, die im Produktionsjahr der Filme erschossen wurden, stehen Butch Cassidy und The Sundance Kid und Wyatt und Billy für Freiheit. Für Freiheit, die Angst macht. Es gibt vermutlich keine Filmszene, die das besser thematisiert als die berühmte Lagerfeuerszene in Easy Rider.

Morganza

  

Wyatt, Billy und George hatten ihre Motorräder vor einem Diner im Süden geparkt. Werden aber in der feindseligen Stimmung, die ihnen entgegenschlägt, nicht bedient und verschwinden wieder.

Für diese Szene hatte Dennis Hopper ein Cafe in Morganza, Louisiana, ausfindig gemacht und wie so oft während der Dreharbeiten, vermischten sich Spiel und Realität auf erschreckende Weise. Hopper wollte auf keinen Fall Komparsen von ansässigen Laientheatergruppen anheuern, sondern genau die Locals, die wirklich in dem Cafe saßen, als er es zum erstenmal betrat und wusste, dass er den richtigen Ort für diese Szene gefunden hatte. Paul Lewis, der production manager war entsetzt: We’re gonna get in so much trouble. We’re never gonna leave this town. They’re gonna kill us.

Und DOP László Kovács erinnert sich: When I saw the faces, they loved to hate, and it was kind of scary. The only thing that toned down the real hatred was: We are in a movie.

De facto war Louisiana zu der Zeit immer noch ein Staat mit Rassentrennung. Es gab im Cafe eine white section und eine non white section. Und offensichtlich war die non white section die coolere. Bessere Musik, klasse Jukebox, lockere Atmosphäre. Also amüsierten sich einige Crew-Mitglieder dort, tanzten mit den Leuten.

Das schürte – zum Nutzen der anschließenden Szene – die feindselige Stimmung noch mehr. Paul Lewis erinnert sich, dass der Sheriff, der nachher wirklich (as deputy) im Film zu sehen ist, droht, die Crew ins Jail zu werfen, wenn sie sich nicht von der non white section fernhält.

Dennis Hopper hält seine Local-Laienschauspieler an, wirklich alles rauszuhauen, was sie von Hippies wie ihnen halten, und es entsteht eine der – wie ich finde – bedrückendsten Szenen des Films.

»What the hell is this? Troublemakers?«

»You name it, I’ll throw rocks at them, sheriff.«

Campfire

                                               

Mir ist nicht wirklich klar, auf welche Zeit sich George (Jack Nicholson) bezieht, wenn er den Dialog beginnt mit: »You know this used to be a hell of o good country.« Wilder Westen? Bürgerkrieg? Kampf gegen die deutschen Nazis? Es heißt vermutlich nur, es gibt viel, worauf Amerika stolz sein kann.

Aber die Analyse ist umso deutlicher: Menschen haben Angst vor Freiheit. Und Angst macht gefährlich. George wird die Nacht nicht überleben.

Der Film hat überlebt. Für unter 400K Dollar produziert, hatte Easy Rider einen überwältigenden kommerziellen Erfolg und begründete in den USA eine neue Art, Filme zu machen. Vor 1969 gab es dort kaum unabhängige Filmemacher. Easy Rider, ein Film über die Freiheit, hat dem Filmemachen eine neue Freiheit gegeben.

Alle Abbildungen sind aus dem Making of Born to Be Wild by Nicholas F. Jones, 1995.

 

Rausch

Die Sache mit der Freiheit

The Search for Freedom

Der Hang ist steil, der Schnee pulvrig, Lawinengefahr. Ich muss da runter. Der Berg ist hoch, die Wand fällt senkrecht in die Tiefe. Ich muss da hoch. Die Rampe ist riesig, das kleine Holzboard eigentlich kein geeigneter Fahruntersatz. Tom Schaar, gerade mal zwölf, legt trotzdem, auf einer absurd riesigen Rampe, einen 1080 hin. Es muss sein. Wenn man versucht, es anderen zu erklären, dann ist man eher sprachlos. Vielleicht hat es mir deshalb so viel Spaß gemacht, The Search for Freedom anzusehen. Die Dokumentation ist von 2014 und den kritischen Rezensionen sollte man nicht vertrauen – die wissen eben nicht, wie das so ist …

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Die Sache mit dem Erbgut

Es liegt in den Genen und irgendwie bin ich beruhigt. Wagemut, Entdeckerlust, Freiheitsdrang. Schnell entschossen, leicht zu begeistern, extrovertiert. Zwei Studien aus Israel und Amerika zeigen, dass ein Teil unseres Erbgutes dafür verantwortlich ist. Um es einfach zu sagen: Es ist keine Charaktereigenschaft, die uns wagemutig macht, es ist ein Empfängermolekül in unserem Erbgut, das Dopamin aufnimmt.

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Die Sucht nach Risiko

Dopamin, das kennen wir doch? Bestimmte Drogen sind Wirkungsverstärker für Dopamin, aber die meisten Abenteuerer brauchen sie nicht. Wir haben unsere eigene Droge: Die Gefahr, das Risiko, den Drang nach Freiheit.  Die Dokumentation zeigt das – egal ob die Welle gesurft wird, oder die Straße geskatet – es ist immer das Gleiche. Das Gefühl, ganz allein für diesen Moment verantwortlich zu sein, auf der Kippe zum Tod, am äußersten Rand von dem, was Menschen leisten können. Ich habe mich das immer wieder in meinem Leben gefragt: Warum mache ich das? Ziehe in ein besetztes Haus, gehe auf Demonstrationen, die sicher mit Ausschreitungen enden. Trampe durch halb Europa, werde ausgeraubt, muss zurück, renne durch den Regen, irgendwo in Brüssel an der Autobahn und – bin glücklich! Ist das normal?

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Ein Segment des Dopaminrezeptors

Nein, Chemie ist nicht mein Ding. Aber dieser Dopaminrezeptor interessiert mich. Dieses Segment, das sich aus zwei bis zehn Untereinheiten zusammensetzt. Sie sind alle identisch, aber bei dem einem Menschen gibt es zwei oder drei, beim anderen eher neun oder zehn dieser Wiederholungen. Jep. Man hat es jetzt herausgefunden: Je mehr Wiederholungen – und das kann man nachweisen – desto größer der Drang, Unbekanntes zu wagen.

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In dieser Zeit

Es ist einfach großartig, wie viel heute möglich ist. Wie viele abgefahrene Möglichkeiten es gibt, sein Leben zu riskieren – ohne in den Krieg ziehen zu müssen. Und wie gut die Technik geworden ist, diese besonderen Momente einzufangen. Kameras am Helm, am Board, Kameraleute, die fast ebenso viel riskieren wie die Extremsportler. Um dieses Gefühl zu vermittlen. Freiheit. Okay, nein, es erspart die Erfahrung nicht. Aber mit zwei Untereinheiten reicht einem das vermutlich: Nah dran zu sein.

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Es einfach tun

Ich dachte es wird besser. Im Alter. Es lässt irgendwann nach. Immerhin schreibe ich jetzt viel und das ist eine ganz ungefährliche Tätigkeit. Nun, hm. Ich hätte kein Label gründen müssen. Weder das finanzielle, noch das energetische Risiko hat irgendwie Sinn gemacht. Hätte keinen Graphic Novel Stil entwickeln müssen, der so neu ist, dass man ihn nur schwer einordnen kann. Oder komplizierte Plots erfinden müssen, die man nicht so einfach inhalieren kann.  Selbst, wenn ich erfolgreich bin, wiederhole ich mich ungern. Ich schreibe auch nicht gerne über Sicherheit und Komfort, sondern eigentlich immer über … die Suche nach Freiheit. Das Risiko.

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Take the risk

Ich bin mir ziemlich sicher, ich habe so etwa sechs Wiederholungen auf meinem Rezeptor-Segment. Und die werden auch im Alter nicht abnehmen. Irgendwie fühle ich mich befreit. Deshalb sehe ich eine Dokumentation über lauter verrückte Grenzgänger und habe das Gefühl, zu Hause zu sein. Tja, ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich euch diesen Film empfehlen kann. Ob ihr ihn ebenso gut wie ich finden werdet, oder genervt über diese Verrückten seid. Hängt wohl von der Anzahl der Wiederholungen auf eurem Rezeptorsegment ab. Vielleicht probiert ihr es einfach aus. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt mich gerne.

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