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Haut: Interview mit Tattoo Artist Kathi

Als wir überlegt haben, wer welchen Beitrag im Oktober übernimmt, wusste ich sofort, ich MUSS für das Interview mit einem Tattoo-Artist sprechen. Kunst auf Haut – besser geht es doch gar nicht. Daher freue ich mich sehr, dass Kathi vom Tattoo-Studio Body Temple in Potsdam sich Zeit für meine Fragen genommen hat. Kathi ist in dem 4-köpfigen Tattoo-Team Expertin für Permanent Make-up, Dotwork, Neotribal, Fineline. Okay, stürzen wir uns gleich hinein.

Katrin: Hi Kathi, ich muss gestehen, dass ich hier gerade einen Fanmoment erlebe. KünstlerInnen, die gut zeichnen können, habe ich schon immer bewundert. Und dann zeichnest du nicht allein in deiner Kammer mit Radiergummi und großen Stapeln von Papier, also all den Hilfsmitteln, die wir Künstler so haben, um unsere Arbeit ständig verwerfen zu können, sondern auf Haut. Fehler – nicht vorgesehen. Ist es jedesmal aufregend, auf die Haut eines Menschen zu zeichnen oder gewöhnt man sich daran?

Kathi tätowiert das Logo des Body Temple

Kathi: Aufregend in dem Sinne „aufgeregt zu sein“ nicht, aber ich bin natürlich schon sehr konzentriert und aufmerksam. Da spreche ich nicht nur für mich, sondern für unser komplettes Team. Bei sehr anspruchsvollen Motiven wie Portraits oder schwierigen grafischen Bildern, bin ich auch schon mal ein wenig aufgeregt. Das erhöht aber die Konzentration. Gespräche während der Tattoositzung fallen dann oft weg und die Umgebung blende ich völlig aus. Mein Kunde oder Kundin und ich bilden dann so eine Art Mikrokosmos.

Bist du als Zeichnerin zum Tätowieren gekommen oder wolltest du immer schon tätowieren und hast dann dafür zeichnen gelernt?

In meiner Jugend habe ich gesungen und gemalt. Diese zwei Hobbys waren mein Glück, meine Talente und oft auch Ventil für alle möglichen Gefühle, die wir in uns haben, wenn wir die oft nicht leichten Altersstufen durchleben – du weisst sicher, was ich meine: Streit mit Freundinnen, Pubertät, Konflikte mit den Eltern und mit sich selbst, Abnabeln vom Elternhaus usw …

Kathi vom Body Temple Potsdam

Ich habe mir viel aus der Seele geträllert und wollte eigentlich musikalisch mein Arbeitsleben gestalten. Dazu kam es leider aus politischen Gründen nicht und ich habe mich dann mehr aufs Malen konzentriert. Nach längeren Auslandaufenthalten und Selbstfindungsversuchen nach der Wende habe ich schliesslich eine Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert und mich mit der Zusatzausbildung fürs Permanent Make-up dann recht wohl gefühlt. Die Tätowierkunst und das Handwerk gab es zu DDR- Zeiten nicht – es hat für mich in dem Sinne nicht existiert. Mein Sprungbrett war also das Permanent Make-up. Was ich auf dem Augenlid kann, wird wohl auch an anderen Körperstellen funktionieren. Und so tastete ich mich an andere Bilder heran …

Die Haut – ist deine Leinwand. Leinwand kann unterschiedlich sein, Haut auch. Dick oder dünn, dunkel oder hell – welchen Einfluss hat die Haut der Menschen, die du stichst, auf deine Arbeit?

Die unterschiedliche Beschaffenheit der Haut (Alter, Hautdicke und auch die Körperstelle) muss ich immer mit einbeziehen und beachten. Somit ist es oft schwieriger, unbequemer (auch für den Kunden). Manchmal dauert es auch länger, aber das Ergebnis sollte von meiner Seite möglichst immer gleich gut sein. Weiche Körperpartien, wo – zum Beispiel – die Atmung noch mit einbezogen werden muss, sind logischerweise schwerer zu bearbeiten als eine schöne feste Wade oder ein Oberarm. Ich muss allerdings dazu sagen, dass auch die Pflege eines frisch gestochenen Tattoos mindestens genauso wichtig ist, um am Ende ein optimales Ergebnis für die Ewigkeit zu erzielen.

Welche Art von Haut tätowierst du am liebsten?

Optimal ist natürlich junge, knackige Haut über gut ausgebildeter Muskulatur.

Okay, verstehe! Wie stehst du dazu, Narben überzutätowieren?

Ich persönlich decke häufig Narben ab und helfe in diesen Fällen, diese meist unschönen Erlebnisse zu verarbeiten. Auch wenn die Narben manchmal noch zu sehen sind, ist die Optik abgelenkt, weil das schöne Bild im Vordergrund steht.

Die Haut ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Sie ist an manchen Stellen dünner, an anderen von mehr Fettschichten unterpolstert. Und sie altert. Aus deiner Erfahrung: Gibt es Stellen, die sich besser für ein Tattoo eigenen und Stellen, von denen du eher abraten würdest?

Grundsätzlich rate ich ab, wenn die Kunden zu jung für sichtbare Körperstellen sind. Alles andere entscheide ich je nach dem, was und wo gemacht werden soll – bei jedem individuell.

Für mich sind Tattoos Statements. Was ist deine Erfahrung oder Einschätzung: Wie oft will jemand mit einem Tattoo eher „aus seiner Haut“ hinaus, sich befreien, sich verändern. Und wie oft will er oder sie ihre Persönlichkeit mit einem Tattoo unterstreichen, sich in ihrer Gruppe rückversichern, sich bestätigen. Also sich „mit Haut und Haaren“ einer Sache verschreiben?

Ich denke, dass es eine gesunde Mischung aus allen Typen ist. Für die einen ist der Körper mit Bildern ein Tagebuch, für einige ist es so eine Art Schmuck, der die Körperlinien und Formen unterstreichen soll, andere wollen sich hart von der Familie oder der Gesellschaft abgrenzen … Wir versuchen bei uns im Geschäft den ästhetischen Anspruch mit dem Kundenwunsch so zu vereinbaren, dass sich die Bilder gut an die jeweiligen Körperstellen anschmiegen.

Meist geht es mit einem Tattoo los und dann wird es ein Kunstprojekt, das sich über den ganzen Körper ausdehnt. Gibt es Leute, die immer wieder zu dir zurückkommen und nur deine Kunst auf ihrem Körper haben wollen oder geht es den meisten eher darum, Tattoos von verschiedenen Tattoo Artists auf der Haut zu haben?

Das teilt sich genau in diese zwei Gruppen auf: Treue, sehr personenbezogene Kunden und die „Sammler“. Beides kann ich nachvollziehen und freue mich immer über das Vertrauen – egal von wem.

Ich habe dir ja von dieser Kurzgeschichte von Ronald Dahl erzählt, die ich als Kind gelesen habe und die mir nie aus dem Kopf gegangen ist. In der Geschichte lässt sich ein Tätowierer von einem befreundeten Künstler ein Bild auf den Rücken malen und dann stechen. Und als der Maler berühmt ist, wird um den verarmten Tattoo-Artist von Kunstsammlern geboten. Und weil er kein Geld hat, willigt der Tattoo-Artist ein, mit einem der reichen Sammler mitzugehen und als lebendes Kunstwerk in seinem Hotel zu leben. Nur, dass er dort nie ankommt, aber ein seltsame verblichenes Bild mit dem Rückenmotiv des berühmten Malers später in einer Galerie auftaucht. 

Was mich an der Geschichte fasziniert, ist, dass hier Kunst und Leben gegeneinander aufgewogen werden. Was ist wichtiger? Künstler, die auf Papier oder Leinwand arbeiten, können berühmt werden, aber meist müssen sie um ihren Lebensunterhalt hart kämpfen. Bei euch Tattoo-Artist ist es anders – ihr arbeitet erst, wenn ihr einen Auftrag habt. Aber trotzdem gibt es diese Verbindung, denn bei sehr guten Tattoo Artists läuft die KundIn dann am Ende mit einem Kunstwerk auf dem Körper herum. Siehst du dich eher als Künstlerin oder Handwerkerin wenn du tätowierst?

Ich bin eine gute Mischung. Für ein kreatives Ergebnis (egal welche Kunstrichtung) braucht man immer beides: Das Kino im Kopf und die ausführende Hand müssen zusammen passen.

Vorlage und Ausführung

Ich nehme an, die meisten Kunden, die zu dir kommen, wissen, was sie haben wollen. Also welches Motiv. Zeichnest du dann den Entwurf? Oder kommen Leute eher mit fertigen Entwürfen und sagen: „Mach mir das auf den Oberarm.“ Akzeptierst du das? Ist das der Job – oder machst nur die Kunst, die von dir kommt, die du entworfen hast, zu der du stehst?

Ich zeichne für 95%  meiner Kunden einen Entwurf, weil ich/wir möglichst nichts 1 zu 1 kopieren wollen, es sei denn, es sind Portraits, gemalte Bilder von Kindern, Handschriften von geliebten Personen etc.

Eine Tätowierung auf der Haut ist eine sehr langfritige Entscheidung. Mittlerweile gibt es schon eine Menge Studios, die sich mit Tattoo-Entfernung beschäftigen. Wie ist es bei dir? Gibt es Tattoos, die du heute bereust und nicht wieder stechen lassen würdest? Oder ist es eher wie eine Narbe, also eine biografische Spur auf dem Körper?

Entschlossene Tattoo-Entfernung im Body Temple

Ich trage auf meinem Körper natürlich auch Bilder, die ich heute anders umsetzen würde. Ich habe mir mein Erstes weglasern lassen (der Tätowierer war leider talentfrei und hat es mir versaut). Jedes Bild hat seine Zeit und die Geschichte dazu.

Die Tattoo-Szene ist groß, allein hier in Potsdam gibt es mehrere Tattoo-Studios.

Es gibt – soweit ich weiß – bisher keine geregelte Berufszulassungsreglung, das wird wohl gerade diskutiert. Im Prinzip kann jeder Tattoos stechen und ein Tattoostudio eröffnen. Worauf sollte man aus deiner Sicht bei einem Tattoo Artist oder einem Studio achten, wenn man sich ein Tattoo stechen lassen will?

Jeder, der vorhat, sich tätowieren zu lassen, sollte sich über sein Motiv im klaren sein und dann immer das persönliche Gespräch im Tattooshop suchen, um sich Referenzen anzuschauen, die hygienischen Zustände zu checken, um zu schauen, ob Sympathie zum Künstler vorhanden ist und um eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Das Bauchgefühl wird dann entscheiden, in welchem Studio man sich gut aufgenommen fühlt.

Und wie ist es mit den Motiven? Ich nehme an, es gibt Trends, die dann auch wieder schnell aus der Mode kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr Profis genau seht, wann sich jemand ein Tattoo hat machen lassen. Stimmt das? 

Oh ja, da hast du recht und wenn dann ein „Trend“ zu lange andauert, dann versuche ich auch mit neuen Vorschlägen dagegen zu wirken.

Okay, und wenn wir von Trends reden: Was ist gerade angesagt?

Im Moment sind Mandalas, geometrische Muster in Verbindung mit realistischen Motiven wie zum Beispiel: Löwenköpfe, Füchse, (mal wieder) Rosen … gern und oft angefragte Motive.

Aha … Mein (laienhafter) Eindruck ist, dass die Tattoos größer, bunter und komplexer werden. Richtige Gemälde. Ist der einfache Ring um den Oberarm oder der Schmetterling auf der Schulter noch aktuell?

Die minimalistischen Zeichnungen sind genauso aktuell wie z.B. die komplexen asiatischen Konzepte.

Wie stehst du zu weißen Tattoos? Machen die nur bei dunkelhäutigen Menschen Sinn oder ist das ein allgemeiner Trend?

Ich persönlich habe es gern, es sieht immer ein wenig aus wie eine Narbe – es hat so etwas ursprüngliches bei Dunkelhäutigen.

Es gibt ja eine Menge Dinge, die man mit seiner Haut anstellen lassen kann. Ritzen, Piercen, Tunneln … ???  Was bietet ihr an? Gibt es etwas, von dem du abraten würdest?

Wir haben 2008 mit dem Piercen aufgehört, weil keiner von uns mehr so richtig hinter der Sache stand und unser Piercer in seinen alten Beruf zurück wollte. Ich kann kein guter Piercer sein, wenn ich es nicht liebe, also haben wir es gelassen.

Du bist im Tattoo Temple Spezialitstin für Permanet Make-up. Das werden vermutlich meist Augenbrauen und Lidstrich sein, oder? Auf der anderen Seite gibt es diesen No-Make-up Aufruf, gerade unter Frauen, also sich nicht immer nur dann sicher zu fühlen, wenn man geschminkt ist und man sich ruhig mal ohne Make-up zeigen soll. Wo stehst du in dieser Diskussion?

Das Permanent Make-up ersetzt nicht das Schminken – so arbeite ich. Das heißt, es wird die Natur unterstützt. Wenn keine oder zu spärlichen Augenbrauen da sind oder der Wimpernrand zu hell ist oder das Auge sehr klein wirkt, dann helfe ich hier nach. Bei den Lippen ist es ähnlich und noch komplexer, weil ich hier bei Narben von Herpes oder Nasen-Gaumenspalte gut kaschieren kann und die Frauen dann selbstbewusster durchs Leben gehen können. Ich habe viele Krebspatienten, die zu mir kommen. In der Phase der Chemotherapie (sie verlieren die Körperbehaarung) lassen sie sich das Wichtigste, was ein Gesicht braucht, von mir wieder pigmentieren. Es ist eine super schöne Arbeit mit all den Frauen, die mir ihr Vertrauen schenken. Männer kommen weniger, obwohl da sicher auch Bedarf ist.

Was ist Dir bei deinen Tattoos auf deiner Haut am wichtigsten. Gibt es einen Plan? Oder folgst du deinem Gefühl?

Für eine Tätowiererin bin ich recht wenig tätowiert. Ich habe meinen Rücken, die Seiten und den rechten Arm bunt. Ich lasse mich von meinem Mann Lemme tätowieren, wenn wir Zeit und Lust haben. Wenn es nach Gefühl ginge, wäre es schon mehr, aber meist fehlt es an der Zeit. Du kennst den Spruch vom Schuster und seinen Leisten …

Liebe Kathi, danke für das Interview. Und ihr da draußen, die ihr ein Tattoo wollt und in Potsdam/Berlin wohnt – Tattoo Temple – is the place to go.

Alle Fotos sind von @Steven Ritzer

Das Tattoo Studio Body Temple findet ihr auch auf Facebook und auf Instagram.

Radio

Haut: Under The Skin

Ich habe es vielleicht an der einen oder anderen Stelle bereits erwähnt, aber Jonathan Glazers ,Under The Skin‘ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Und da lasse ich mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen darüber zu schreiben. Vor allem nicht, wenn das Thema diesen Monat Haut ist. Denn auch wenn einem ,Under The Skin‘ manchmal wirklich unter die Haut geht, verbirgt sich dahinter noch sehr viel mehr.


Der Film beruht auf einem Roman von Michael Faber. Doch Jonathan Glazer beschreibt die Verbindung zum Buch als eine spirituelle. Denn das Buch ist eine Erzählung und auf den ersten Blick ist davon nicht viel im Film zu sehen.

Nun ja, zumindest nicht in dem fertigen Film. Denn anfänglich hatten die Autoren Glazer und Walter Campbell tatsächlich eine Version, die ziemlich nahe an der originalen Geschichte lag. Und sie war gut. Aber dennoch, mit diesem Drehbuch in der Hand wurde Jonathan klar, dass er etwas anderes schaffen wollte. In gewisser Hinsicht wurde eine direkte Buchverfilmung dem Buch selbst nicht gerecht. Also arbeiteten die beiden weiter. Drangen tiefer in die Materie ein, legten eine Schicht nach der anderen frei, um schließlich beim Kern der Geschichte anzukommen. Denn wenn man alles ablegt, ist es eine Geschichte über ein Alien, das auf die Erde kommt, erzählt aus der Perspektive des Aliens.

So beginnt der Film mit visuell anspruchsvollen Bildern. Unnatürlich und abnormal und nicht wirklich greifbar. Gepaart wird das mit rauen, puristischen Aufnahmen aus einem kleinen schottischen Vorort. Die inszenierte Pracht weicht dem kargen Alltag. Scarlett Johansson, die das Alien verkörpert, wirkt wirklich etwas fehl am Platz. Und der kräftige schottische Akzent macht es einem schwer, den Dialogen zu folgen. Fast als wäre man selber auf einem fremden Planeten gelandet.

Immer wieder zeigt uns Glazer Momente, die er Set-Pieces nennt. Situation, die eine emotionale Reaktion in uns hervorrufen. Die unter die Haut gehen. Momente, die so karg und einfach gefilmt sind, dass sie nahezu real wirken und teilweise auch sind. Ein Baby wird alleine am Strand zurückgelassen, Hooligans beschädigen ein Auto und Menschen gehen ihren ganz natürlich Geschäften nach. Dagegen schneidet Glazer die starre Miene des Aliens. Wir können nicht durch ihre Fassade blicken. Wir erkennen nicht, was sie fühlt, ob sie fühlt. Und durch ihren Blick scheint alles fremdartig, seltsam, verschoben. So schlüpfen wir in die Haut eines Aliens, das in die Haut eines Menschen geschlüpft ist.

Die Mission des Aliens wird nie gänzlich erklärt. Aber immer wieder zieht es Männer in ihren Bann und bringt sie in ein verlassenes Haus. Erregt legen die Männer ihre Klamotten ab. Machen sich nackt, machen sich frei. Nur um in einem schwarzen Loch zu versinken. Hilflos, ratlos, gefangen – hängen sie in der Luft, bis sie ausgesaugt werden und nur noch ihre leere Hülle übrig bleibt. Vom Alien keine Reaktion.

Doch ist da nicht mehr unter der glatten Fassade? Nicht ganz unüberlegt hat Glazer Scarlett Johansson für die Rolle besetzt. Eine Schauspielerin, die von der Masse hauptsächlich für ihren Sex-Appeal gefeiert wird. Denn nur wenige schauen genauer hin, um dahinter einen intelligenten, kreativen Menschen zu entdecken.

Und so ist es jenes Opfer, das nicht auf ihre Schönheit achtet, sondern viel mehr von ihrer Höflichkeit überrascht ist, das etwas in dem Alien auslöst. Erst ist es nur ein Gedanke. Doch nach und nach entwickelt sich etwas in der starren Kreatur. Die Opfer lassen sie nicht länger unberührt. Sie hat sich offen gemacht, lässt die Emotionen an sich heran.

Und sie muss feststellen: Unter der Haut der Menschen verbirgt sich mehr als nur Fleisch. Dort gibt es auch Liebe, Empathie und Hilfsbereitschaft. Sie läuft davon und vernachlässigt ihre Mission. Sie ist nicht mehr länger verschlossen. Und auch wir erkennen langsam die Schönheit der Realität. Wo man zuerst in den ästhetischen Bildern geschwelgt hat, reizen einen nun die unspektakulären Aufnahmen. Genau wie das Alien sympathisieren wir mehr und mehr mit den Menschen um sie herum. Sehen die selbstverständliche Freundlichkeit, die einem hier geboten wird. Als sie dann verloren von einem Mann aufgenommen wird, hat sie zum ersten mal die Ruhe, sich zu betrachtet. Sie betrachtet ihren Körper. Und sieht zum ersten Mal mehr als nur eine Hülle. Da liegt Schönheit in der Haut. Da verbirgt sich Schönheit unter der Haut.

Wenn man bedenkt, dass dies das erste Mal ist, dass Scarlet Johansson nackt vor der Kamera steht, wird einem deutlich, wie menschlich die Szene doch ist. Denn es geht nicht um Sex-Appeal und Erregung. Viel mehr geht es um Akzeptanz. Um wertloses Interesse. Und es benötigt den Blick eines Aliens, den Blick von außen, damit auch wir das erkennen.

Umso schmerzhafter ist es zu sehen, wie sie beim ersten Versuch Geschlechtsverkehr zu haben, feststellen muss, dass sie eben doch nur eine Hülle trägt. Dass unter der Haut nur ein harter, unnatürlicher Kern ist.

So wirkt ,Under The Skin‘ von außen wie ein normaler Film. Denn schließlich ist er genau das. Ein Film. Doch schaut man hinter die Fassade, erkennt man einen Film, der genau wie sein Hauptcharakter die Konventionen bricht. Nicht nur in der Erzählweise oder in der filmischen Herangehensweise, aber durch sie hindurch. Die langen Einstellungen, die versteckte Kamera, die realen Personen führen uns ganz langsam an etwas heran, das wir immer wieder vergessen: Was gerne hinter einer dicken Schicht Make-up und Special Effects versteckt wird. Das in den meisten Filmen gesucht, aber selten gefunden wird.

Die Schönheit der Natürlichkeit.

Die schmutzigste Aufnahme aus Schottland kann daher mit den stilisierten Animationen mithalten. Passanten auf der Straße können einer Hollywood-Schauspielerin das Wasser reichen. Und schräge Musik ist im richtigen Kontext eben nicht mehr schräg.

Alles was zählt ist Emotion. Je natürlicher desto schöner.

Roots

Haut: Lecker Haut

Haut, Pelle, Kruste, Schale, Rinde, Schwarte. Vergiss unverpackt. Alles Essbare ist irgendwie eingepackt.

Wir Menschen sind fast immer am schälen, pellen, schaben, knacken, häuten, pulen, wenn wir an etwas Essbares herankommen oder uns etwas zubereiten wollen.

Es soll allerdings auch Wesen gegeben haben, vornehmlich märchenhafte Wölfe, die verspeisten alles, was entweder vom Weg abgekommen oder nicht schnell genug in der Standuhr verschwunden ist, mit Haut und Haaren. Soll ihnen aber, wie ich des öfteren gehört habe, nicht gut bekommen sein. Das Blöde am Mit-Haut-und-Haaren-Verschlingen ist nämlich, wie man sich erzählt, dass das Verschlungene sich immer mal wieder aus dem Staub, bzw. Wanst macht und durch schlecht verdauliche Ballaststoffe ersetzt wird, vornehmlich durch sogenannte Wackersteine. Die machen, so sagt man, dermaßen durstig, dass es immer wieder zu tragischen Unfällen mit tödlichem Ausgang an diversen Brunnen gekommen ist. Worüber sich dann wiederum das vorher MitHautundHaarenVerschlungene tierisch freut.

Vermutlich aus diesem Grund hat sich das Häuten von Essbarem, insbesondere von Tieren recht früh durchgesetzt. Im späten Mittelalter etwa, so um 1960, konnte ich noch miterleben, wie mein Großvater, den Kaninchen das Fell, im wahrsten Sinne des Wortes über die Ohren gezogen hat. Später dann, in der frühen Neuzeit, ab 1962 wurde ich mehrfach Zeuge, wie auch abgetrennten Rinderzungen die Haut abgezogen wurde, was zum einen notwendig ist, weil diese papillenbesetzte Haut ziemlich ledrig ist, zum anderen wiederum ziemlich einfach geht, wenn die Zunge vorher gekocht und dann in eiskaltem Wasser abgeschreckt wird. Die Papillen kommen aber auch im darunter liegenden Muskelfleisch noch sehr gut zur Geltung. Aber das nur am Rande.

Damals in dieser düsteren Zeit wurde Tierhaut aber nicht nur verschmäht, sondern auch z.B. als Schweineschwarte mitgekocht, um etwa dem Rotkohl die ordentliche Würze zu geben. Wenn man in der richtigen Stimmung war, konnte man darauf einen ganzen Nachmittag herumkauen. Alles Geschmackssache.

Als Relikt aus dieser Zeit hat sich das Verspeisen von Tierhaut bis heute erhalten und ist in manchen Gegenden weit verbreitet;  etwa in Form kross gebratener Haut bruzzeliger Backhendl.

Wie ist das bei Fischen? Gerade erst las ich auf der Speisekarte vom Goldenen Anker in Burgstaaken: Dorschfilet frisch vom Kutter auf der Haut gebraten, dazu Bratkartoffeln. Scheint also etwas besonderes Gutes zu sein, dieses Auf-der-Haut-braten. Soll man die dann mitessen? Eher nicht. Alles über Heringsgröße wird vom heutigen Omnivoren wohl ohne Haut und Schuppen verspeist. Genauso wie Krabben, Scampis, Gambas …

Aber nicht nur ganze Tiere, sondern auch tierische Produkte haben Häute. Eier z.B. haben ja nicht nur eine Eihaut um das Eiweiß herum, sondern auch nochmal eine um das Eigelb. Deswegen lassen sich Eier so gut trennen. Und außen drumherum dann auch noch die Eierschale. Köpfen, pellen oder klopfen? Fragen über Fragen. Genau wie beim Käse. Als Milch-Magenlab-Kombination, ein echtes Tierprodukt. Hier heißt die Haut meist Rinde und die Frage: mitessen oder abschneiden. Man weiß es nicht. Genausowenig wie bei den dazu gereichten Feigen. Es scheiden sich die Geister.

Lecker Haut  Lecker Haut Feigen

Unbestritten aber ist einer der wichtigsten kulinarischen Streits, der fast die gesamte vorvegane Ära überschattet hat, und über den zahlreiche Dissertationen und gelehrte Abhandlungen geschrieben worden sind, die Frage: Haut auf Milch und Pudding. Lecker oder uuuuuuuaaaaaoahhhhoooh? An dieser Stelle alle Argumente, Standpunkte, Meinungen wiederzugeben würde den Rahmen dieses Beitrags weit sprengen. Nur so viel, ich bin Fraktion: lecker, geschmacksintensiv, bekömmlich, gehaltvoll.

Wenden wir uns den veganen Lebensmitteln zu. Obst, Getreide und Gemüse. Alles mit Schale? Was man da alles schälen, schaben und entfernen muss, um an manche Leckerei zu kommen, geht auf keine Kuhhaut.

Geschälter Reis oder ungeschälter? Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber die Schale nicht vom Korn. Also Vollkorn oder Weißmehl? Und erst die Möhren. Schälen oder waschen? Oder waschen und schälen? Oder erst schälen und dann waschen? Weltanschauungen.

Wie ist es beim Obst? Äpfel nicht schälen! Unter der Schale ist das Beste, sagte mein Opa immer, der mit den Kaninchen. Fragt sich nur wie tief. Bei Bananen sind wir Menschen uns mit den meisten anderen Primatenkollegen einig. Schälen! Der elegante Affe knackt die Banane übrigens nicht am Stiel auf, weil das stillos wäre, sondern drückt sanft das untere Ende der Frucht zusammen, um dann die Schale ganz leicht abziehen zu können. Ich möchte hier behaupten, dass fast alle Südfrüchte geschält werden. Außer sie sind so klein wie diese – wie heißen sie – Kumquats. Aber hat schon jemals jemand eine reife Mango ohne Sauerei geschält? Vielleicht braucht die Evolution dazu noch etwas und wartet bis wir AI soweit haben.

Mandeln, Tomaten, Pfirsiche werden – ja so ist es nun mal – wie Rinderzungen gehäutet. Rein ins kochende Wasser, eiskalt mit eiskaltem Wasser abschrecken – die Haut, Pelle, oder Schale löst sich wie von selbst.

Will man allerdings an eine leckere Esskastanie ran, muss man sich erst durch eine seeigelstachelige, echt höllisch piksende Cupula, – ich nenne das seit dem zweiten Germanistiksemester: Schlaube  – kämpfen, wenn man sie nicht frisch und fertig geröstet auf dem Weihnachtsmarkt kauft. Vor dem Rösten schneidet man am besten den ledrigen, braunen, glatten Perikarp – so heißt das, was wir Schale nennen – kreuzweise ein. Dann läßt sich die Schale nach dem Rösten leichter lösen und man stößt auf eine weitere haarige Haut – Endokarp, wenn man es genau wissen will.  Die läßt sich manchmal leicht, manchmal sehr schwer lösen und es stellt sich die immer gleiche Frage –  mitessen, abpulen, aufgeben? Nein, nicht aufgeben, dazu duftet es zu gut.

Und dann gibt es ja noch die legendäre Zwiebel. Sie besteht eigentlich nur aus Haut. Um genau zu sein aus sieben, aber das ist nicht genau, weil es gar nicht stimmt. Und die sieben Häute sind darüber hinaus noch gut verpackt in einer äußeren Schale. Die muss ab. Es ist zum Heulen.

  

Dafür bzw. dagegen kommt hier mein ultimativer Zwiebelschneidetrick: Schwimmbrille auf? Nicht schlecht. Schluck Wasser im Mund behalten? Ja, hat was. Kontaktlinsen? Hat ein, zwei Zwiebeln lang gewirkt. Zwiebeln in einer mit Wasser gefüllten Schüssel schneiden? Ja, die Reizgase bleiben weitgehend im Wasser. Aber am allerbesten ist immer noch: ein extrem scharfes Messer!

Ein scharfes Messer ist auch nicht verkehrt, um etwa eine schöne Schale mit Pomelo auf dem Frühstückstisch stehen zu haben. Man muss nämlich die zähe und bittere Haut von den einzelnen Fruchtsegmenten entfernen, nachdem man die fingerdicke Schale abgeschält, die Folie entfernt und das Netz abgezogen hat.

           

Wieso noch eine Folie und ein Netz, wo diese dicke Pomelo, wie fast alle anderen Früchte doch von Natur aus wirklich gut in Haut und Schale »verpackt« sind? Sollte man da nicht doch noch einmal über unverpackt nachdenken?