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Neuanfang: Bandersnatch

Kurz vor Beginn des neuen Jahres, am 28. Dezember hat Netflix ihren ersten großen interaktiven Film veröffentlich. Und zwar als Teil der Serie Black Mirror, die sich in jeder Folge mit einer futuristischen Dystopie beschäftigt. Statt einer neuen Staffel, die aus 3-6 Spielfilmen besteht, hat sich die Serie nun an etwas neues gewagt.

Black Mirror: Bandersnatch handelt vom jungen Programmierer Stefan, der Mitte der 80er Jahre versucht ein Spiel zu entwickeln, in dem jede Entscheidung den Verlauf der Geschichte bestimmt. Ein Projekt, das in Zeiten von Pixel-Grafik und 8Kb RAM Speicher ein deutliches Wagnis ist. Computerspiele sind gerade erst in den Anfängen. Man schiebt eigentlich noch einen stockenden Ball zwischen zwei Feldern hin und her. Interaktives Storytelling gibt es da noch nicht. Doch einer muss ja den Anfang machen.

Wie so viele Geschichten, startet auch Bandersnatch beim allmorgendlichen Familienfrühstück. Doch schon muss der Zuschauer in diesem interaktiven Format seine erste Entscheidung treffen. Sugar Puffs oder Frosties…

Nur ein Test oder schon weltbewegend? Man geht mit seinem Instinkt. Als nächstes kann man sich entscheiden, welche Musik Stefan auf dem Weg zur Arbeit hören soll und bestimmt so mehr und mehr die eigene Filmerfahrung, den Soundtrack, die Handlung. Bis man wie 73% der Netflix Zuschauer die erste falsche Entscheidung trifft.

„Wrong choice!“, heißt es da nur und man findet sich erneut am Frühstückstisch wieder. Man bekommt eine zweite Chance, kann noch einmal von vorne anfangen. Doch jetzt wird es erst wirklich interessant. Denn während Super Mario unbedacht immer und immer wieder die selben Level abläuft, scheint es Stefan bewusst zu sein, dass er das alles schon einmal erlebt hat. So wird man nicht erneut an den Anfang gebracht, sondern in ein alternatives Szenario, in dem man das erlebte, nu ja, zum zweiten mal erlebt.

Von hier an entfaltet sich die wahre Genialität des Formates, den Black Mirror hat mit diesem ersten interaktiven Film so ziemlich alles abgedeckt. Von versteckten Anspielungen und Selbstreferenzen, bis zu Meta-Ebenen, die einen bis auf das Wohnzimmersofa betreffen, steckt Bandersnatch voller kluger Ideen. Und auch wenn es auf Dauer vielleicht ein bisschen zu viel ist, ist es dennoch der perfekte Neuanfang für dieses Format.

Denn tatsächlich scheint Bandersnatch ein Neuanfang zu sein, was digitale Unterhaltung betrifft. Freilich bilde ich mir nicht ein, dass interaktive Geschichten die klassische Erzählform überstürzen wird. Zumindest nicht in naher Zukunft. Dennoch ist es eine interessante Erweiterung zu den existierenden Formtaten. Nicht ganz Film, nicht ganz Spiel.

Wie so häufig, wenn man etwas neues wagt, war auch Netflix mit den üblichen Reaktionen konfrontiert. Von schlechten Kritiken bis hin zu Urheberrechtsklagen war so ziemlich alles dabei, was den Beginn einer neuen Ära ankündigt. Doch ähnlich wie Stefan, der das unterschwellige Gefühl hat schon einmal an diesem Frühstückstisch gesessen zu haben, ist es auch für Netflix nicht das erste mal, dass sie einen neuen Schritt wagen. Schließlich waren sie bestimmt mit ähnlichen Reaktionen konfrontiert als sie erstmals mit der Streamingplattform auf den Markt gekommen sind.

Wieder einmal gehen sie voraus. Und wer weiß, vielleicht heißt es schon bald „wrong choice!“. Vielleicht aber auch nicht. Ein Neuanfang it schließlich immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Und alles was Netflix jetzt tun kann, ist uns ihr Angebot zu machen. Die Tür aufzustoßen und uns hineinzubitten. Und alles was uns übrig bleibt ist:

Neuanfang mit Apfelkuchen
Roots

Neuanfang: Beim Essen?

Neuanfang beim Essen?

Kann es da überhaupt einen Neuanfang geben. Ich meine, man kann ja mit Essen nicht wirklich aufhören, und wieder neu anfangen. Es sei denn man hat einen längeren Hungerstreik, eine schwere Krankheit oder eine längere Fastenzeit durchgemacht – und überlebt. Dann gibt es sicher eine Art Neuanfang. Ein vorsichtiges Aufbauen der Ernährung, eine allmähliche Gewöhnung des Körpers an die neuerliche Nahrungsaufnahme.

Statt kompletter Neuanfänge habe ich allerdings schon viele Wechsel in der Ernährung, in den Essgewohnheiten erlebt.

Yes right, we were the »Krauts«

In der Kindheit und Schulzeit gab es Deutsche Küche: Stielmus, Rotkohl, Grünkohl, Kohlrabi, Wirsing, Sauerkraut. Eintöpfe aus dem Garten. Fleisch von Kaninchen oder Hühnern aus dem eigenen Stall und dem in der Waschküche geschlachteten Schwein. Das übrigens komplett aufgegessen wurde samt Zunge, Rückenmark, Öhrchen, Schwänzchen, Pfötchen, da blieb nichts übrig, außer ein paar abgenagter Knochen.

Das sonntägliche Drei-Gänge-Menü, das natürlich nicht so hieß, bestand aus Hühnersuppe mit Hühnerherzchen, -leber und -mägen, Rinderrolladen mit Erbsen und Möhren, Götterspeise mit Kondensmilch.

Wenn man aus essen ging, dann in die benachbarten Dorfkneipen zu Jäger- oder Zigeunerschnitzel. Pils für die Männer, mit Schuss für die Frauen, Dunkelbier für die Kinder.

Dann Pommes …

Die erste Pommesbude direkt an der Ecke. Erste Begegnung mit Fast Food, das natürlich auch nicht so hieß. Damals gab es noch nicht so viel english, dinglish. Pommes waren das beste Abendbrot nach einem staubigen Arbeitstag im Garten. Man ging mit großen Schüsseln zur Bude und holte gleich für die ganze Familie Pommes, Schaschlik und »Türkische« (so hieß das, was jetzt Currywurst ist). Genauso wie man im Winter die fertig gekochten Miesmuscheln aus der Kneipe nebenan holte. Unverpackt. Das war kein Wort, sondern die Art, wie man einkaufte. Dann kamen die ersten Supermärkte.

… und Knoblauch

Kurz vor dem Abitur erwischte mich dann der Einfluss der ersten Studenten-WGs. Meine erste Bekanntschaft mit Knoblauch. Worte, wie biologisch-dynamisch, makrobiotisch, schwirrten durch die Luft. Keine Ahnung, was das sein sollte. Hatte das mit dem Zeug zu tun, was die da rauchten? Oder Müsli, auch so ein ganz neues Wort, löste Haferflocken mit Milch und haufenweise Zucker ab. Und man machte sich Gedanken darüber, ob gesund ist, was man isst. Gesunde Ernährung? Das Konzept habe ich noch nie verstanden. Braucht man das, wenn es doch lecker ist und satt macht?

Angeblich isst die Nationalmannschaft 1974 nur Steak und Salat und wird Weltmeister. Jetzt ernährt sie sich sicher gesünder, ausgeklügelter, aber naja. Das wird schon wieder.

Cuisine française …

Dann die Begegnung mit französischer Küche. Unzählige Gänge, stundenlanges rumsitzen, reden, essen, trinken, essen, mehr trinken. Erst ein Aperetif. Dann Wein, erst leicht und weiß, später rot und schwer. Zwischendurch ein eau de vie. Fruit de mer vorneweg und Käse zum Nachtisch. Ach nein, da kommt ja noch was, tarte aux pommes. Und wenn man schon bei Äpfeln ist, kann ein Gläschen Calvados nicht schaden. Schmeckt den ganz Kleinen, die um den Tisch wuseln, natürlich nur, wenn man ihn auf ein Stückchen Würfelzucker träufelt. Hatte ich nicht gelernt, man solle nicht alles durcheinandertrinken? Ach was soll’s.

Wenn ich was Besonderes kochen wollte, gab es jetzt also nicht mehr einfach Kaninchen mit Bratensoße, sondern lapin aux prunes. Und das Tier kam nicht mehr aus Opas Stall, sondern vom Fleischer auf dem Markt.

… und dann die Italiener

Mit neunzehn, meine erste Pizza. Ich werde es nicht vergessen. Cipolla, im »Backofen«, d e r Pizzeria im Unicenter Querenburg. Die italienischen Restaurants und die italienische Küche werden schnell Mainstream. Von Pizza, über carbonara bis osso buco ala milanese und saltimbocca romana. Und wie lecker erst der Nachtisch klingt Tiramisu, Zuppa Inglese, Zabaione, (alles natürlich mit Alkohölchen in Form von Marsala, Alchermes, Amaretto). Nach dem Essen löst der Grappa den Calvados ab.

Döner, Junk Food …

In den besetzten Häusern, dann die ersten Döner, aber auch Getreidemühlen, Frischkornbrei, Körnerbrot und Energiebällchen, (selbstgemacht sind sie dann auch als Kolikbällchen bekannt geworden.) Es gab die Food Coop. Säcke voller Getreideflocken, Rosinen, Nüsse und Kerne. Jute statt Plastik. Und trotzdem immer wieder viel junk food, das jetzt auch so hieß.

Und es gab die Bücher von Frantz Fanon und Frances Moore-Lappe über die Kolonialisierung und den Mythos vom Hunger.

Plötzlich wurden Zusammenhänge klar. Zusammenhänge zwischen unserem Fleischkonsum und dem Hunger in der Welt. Ich nahm zum ersten Mal Massentierhaltung wahr. Klimawandel gab es damals noch nicht – als Begriff.

… und Bioläden

Anfang der Achtziger tauchen die ersten Bioläden auf, klein, local, im Tante-Emma-Style. Ich aß kein Fleisch mehr, trank keinen Alkohol und kaufte zwei vegetarische Kochbücher. Den Klassiker der heiligen Barbara (Rütting). Und Ingrid Früchtels Vollkorn Kochbuch. Kann man überleben, ohne Fleisch zu essen? Ja, mit viel Sahne und Butter. Vegetarisch war jedenfalls in meinen Augen nicht asketisch. Es war vor allem weniger salzhaltig und geschmacksintensiver.

Chicken McNuggets …

Mit den eigenen Kindern dann die erste vorübergehende Begegnung mit McDonalds. Hühnchen sind jetzt zu Nuggets püriert. Der unique selling point am point of sale? Sie haben damals die einzigen »Spielplätze« an den Autobahnraststätten. In der Pubertät stehen dann Nackenkoteletts wieder auf dem Speiseplan. Auch ich esse mit ihnen wieder Fleisch. Dann erweitern sich die Küchen um asiatische, mexikanische, arabische Gerichte.

… und jetzt?

Die Massentierhaltung ist schlimmer geworden und vor allem nicht mehr zu übersehen. Die Tante-Emma-Bioläden weitgehend verdrängt. Sie sind jetzt Supermärkte. Ein paar wenige Ketten. Buy local ist ein neuer Trend. Aber Kaffee, Tee, Bananen und Ananas? Unverpackt ist ein anderer, full circle. Die Kinder sind vegetarisch, oder sogar vegan, bringen neuen Input. Schützen die Meere, die für unseren Fleischkonsum leergefischt werden. Seasheperd Gründer Paul Watson macht darauf aufmerksam, dass das meiste seafood an unsere Mast- und Haustiere verfüttert wird.

Ein Umdenken, ein Neuanfang ist nötig. Fällt mir schwer. Kein Fleisch – kein Problem. Kein Käse, kein Quark, keine Eier, keine Butter, keine Sahne – ohoh. Step by step. Das alles muss kein Verlust sein, sondern eine Erweiterung um neue Gerichte, Geschmäcker, Möglichkeiten. Eine Ergänzung zum best soulfood ever: Oma Ellis Apfelkuchen – mit Sahne.

Und Stielmus gibt es auch wieder (vermutlich aber nur local und unverpackt in Westfalen).

 

 

Rausch

Neuanfang: Wie geht das?

Neuanfang

Ich liebe es, wenn ein neues Jahr beginnt. Ich mag es, wenn etwas frisch und unbenutzt ist. Das ist der Grund, warum ich Buchrücken nicht knicke, wenn ich Bücher lese und schon gar keine Eselsohren hinein mache. Ich finde auch leere Notizbücher wesentlich attraktiver als vollgeschriebene, leere Blätter aufregender als bemalte und leere Wände spannender als zugehängte. Wenn ich also Neuanfang denke, dann sind es leere Flächen und Bereiche, Möglichkeiten, neue Entscheidungen, neue Wege. Wirklich aufregend. Da bin ich wie alle anderen. Denn wenn man jemanden trifft, fragt man: Was gibt es Neues? Nicht etwa: Mit was schlägst du dich eigentlich die letzte Zeit so herum? Die Nachrichten sind nur dafür erfunden worden, um uns von Neuigkeiten zu erzählen. Und Gegenstände, die wir anschaffen, sind allein deshalb schön, weil sie neu sind.

Wenn ich Neuanfang höre, dann klopft mein Herz und ich denke: Ja, das will ich!

Neu // erneuert

Aber, nun – wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, dann hat man eine Menge Neuanfänge schon hinter sich. Schon etliche neue Wohnungen bezogen, neue Jobs begonnen, neue Start-Ups gegründet, eine neue Familie gegründet, ein neues Haus bezogen, ein neues Auto gekauft, eine neue Einrichtung. Irgendwann gibt es kaum mehr etwas zu erneuern, denn wenn man gut eingekauft hat und alles sorgfältig ausgewählt hat, dann hält es (hoffentlich) eine Weile.

Meine Eltern haben in den 60ern eine dänische Teakholz-Sitzgruppe gekauft, die damals teuer und angesagt war. Modern. Und heute ist diese Sitzgruppe so alt, dass sie schon wieder im Trend liegt. Midcentury-Style heißt das jetzt und wird von Hipstern für ihre neuen Wohnungen gekauft. Alle Gebrauchsspuren, die diese Sitzgruppe hat – die fleckigen Polster der Stühle, der nicht ganz sachgemäß geflickte Standfuß des Tisches, die abgebrochenen Stützstreben eines Stuhles – mindern den Wert. Denn – der Hipster will nicht alt, sondern erneuert. Und wenn es alt ist, soll man das bitte nicht sehen. Na klar.

Erneut

Letztens erzählten mir Freunde, dass in ihrer Umgebung immer mehr Ehen kaputt gehen. Hochzeit gehört zu einem der aufregendsten Ereignisse eines Lebens, positiver Stress, aber nach einer Weile wird es eine alte Ehe und dann auch irgendwie etwas, was nicht mehr so sexy ist – egal wie gut die Beziehung ist. Neu ist sexy, alt ist … unsexy. Sie erzählten auch, dass es für Männer aus diesen Ehen dann oft einen Neuanfang gibt: Die jüngere Frau! Für die alles neu ist, mit ihr kann man alles wieder wie neu erleben. Manche Männer (oder auch Frauen) machen das mehrmals in ihrem Leben. Erneut. Ich habe mich neu verliebt! Klingt auf jeden Fall attraktiver als: Ich bin seit 30 Jahren verheiratet. 

Obwohl es eigentlich wesentlich sexier sein sollte, es geschafft zu haben, 30 Jahre zusammenzubleiben, ist es aufregender, nach 30 Jahren wieder von vorne anzufangen. Mit Hochzeit und Baby und … all den Träumen, die man damals hatte, dass alles immer neu und aufregend bleibt. Ich verstehe diese Männer und Frauen und gleichzeitig depremiert mich die Sache: Das ist doch keine Lösung, oder?

Und wenn es nur ein Anfang ist, aber kein Ende hat?

Ich liebe Realityshows, Netflix kriegt mich damit fast immer. Marie Kondo hat ein Buch über Magic Cleaning geschrieben, Räume auf mit der Kondo-Methode und das Großartigste daran ist, wie ich finde, dass es eigentlich nur banales Aufräumen ist. Man fängt irgendwo an und hört erst auf, wenn man alles mal in die Hand genommen hat und weg- oder wieder eingeräumt hat. Das, was man auch Frühjahrsputz nennt und spätestens dann machen muss, wenn man umzieht oder in ein anderes Land geht oder die Kinder ausziehen oder ein anderer großer Wandel in der Lebensführung ansteht.

Marie Kondos Aufräumen kann man jetzt nicht nur in einem Buch lesen, sondern auch in einer Netflix-Serie sehen. Sehen wie Menschen, Paare, Familien eine lange Zeit versucht haben, zu übersehen, dass sie in Dingen ersticken.

Wie konnte das passieren?

Meist wollen diese Familien und Paare aufräumen, das Alte, das ihnen buchstäblich über den Kopf gewachsen ist, aufsortieren, um Platz für – genau – Neues zu schaffen. Meist, weil in deren Leben etwas Neues passiert oder ansteht, die Geburt eines Kindes oder eine andere neue Lebensphase. Und da hofft man dann auf die kleine Japanerin und ihre geniale Methode.

Kleiderburger

Als erstes werden alle Kleider der Bewohner auf einen Berg geworfen und jedes Teil genau betrachtet. Macht es mir (noch) Freude? Auf diesen Bergen liegen nicht selten Kleider, die noch ein Preisschild haben. Nie getragen wurden. Offenbar sehr aufregend waren, bei der Vorstellung, dass man sie irgendwann tragen wird, aber dann von ihrem Flair verloren haben. Nun schaut man sie verdutzt an: Wo kommst du denn her? Was wollte ich mit dir noch mal machen? 

Dann kommen die Bücher dran. Das will ich unbedingt noch lesen! (Habe aber die letzten 10 Jahre keine Zeit dafür gehabt). Kann man Bücher einfach so wegwerfen?

Das Wegwerfen und Aussortieren ist immer ein hochemotionaler Prozess, denn auf einmal ist man mit der 160 Paar umfassenden Turnschuhsammlung konfrontiert und muss sich fragen: Wozu habe ich die noch einmal gesammelt? Was war der Plan bei diesem damaligen AnfangWo sollte das hinführen? Wieso habe ich mich dafür verschuldet? Menschen hängen an den alten Dingen, weil sie ein Versprechen für einen Neuanfang sind. Waren. Eine Hoffnung. Und das sollen ich jetzt gehen lassen? Die fünfzig Kleider, die ich alle noch tragen könnte (nur wann?)

Das Problem mit dem Anfangen

Schriftsteller nennen es Schreibblockade, das weiße Blatt//der weiße Bildschirm. Etwas starrt einen vorwurfsvoll an und verlangt nach einem – Neuanfang. Das leere Notizbuch, dessen leere Seiten so langsam vergilben, die weiße Wand, die man immer schon mal bunt streichen wollte, die leere Leinwand, auf der ein Bild entstehen soll. Es ist alles so wundervoll, wenn man es sich vorstellt, wenn man im Davor ist und so schmerzhaft, wenn man dann tatsächlich anfängt. Denn der Neuanfang ist nur so grandios, wenn man noch nicht angefangen hat. Aller Anfang ist schwer. Das sagen wir und meinen nicht den Moment vor dem Anfang, sondern den Moment, wo wir den ersten Schritt getan haben:

Der erste (immer merkwürdige) Strich auf der Leinwand, der erste (seltsame) Satz auf dem weißen Blatt, der erste (einsame) Farbflecks auf der Wand, die unsere Zukunft werden soll. Dann beginnt der Kampf, das Ringen um die gute Form und – egal ob Ehe oder Familie, ob Kunstwerk oder Buch – dieser Kampf ist oft wundervoll, ästhetisch und erfüllend, aber genauso oft schmerzhaft, schmuddelig und frustrierend. Neuanfänge sind nur toll, wenn wir noch nicht angefangen haben.

Neuanfang ist nur ein gedankliches Konzept. Nichts Praktisches. Ihr merkt schon, ich bin hier sehr pingelig, aber mich beschäftigt das schon eine Weile: Wieso lieben wir diese Vorstellung von einem Neuanfang – in ein neues Land zu ziehen, eine neue Ehe zu schließen, ein neues Buch, ein neues Kunstwerk zu beginnen, einen neuen Job zu entdecken – und können so wenig mit dem umgehen, was nach dem Neuanfang kommt. Der Routine, dem Alltag, den Wiederholungen, den Auseinandersetzungen, dem Prozess? Warum hassen wir nach einer Weile all das, was sich über die Zeit angesammelt hat? Alt geworden ist. Wieso wird es überhaupt alt? Wie kann ein ungetragenes Kleid mit einem Preisschild alt werden?

Neuaufladen

Ich bin gerade viel mit Neuanfängen beschäftigt. Oder eher dem erneuten Aufladen von Dingen, der Wohnung, der Website – dem Leben. Eine Art Inventur des Lebens, des Berufs, der Wohnung. Wenn man jeden Morgen an einen Arbeistsplatz geht, den man am Abend wieder verlässt, fragt man sich das vermutlich nicht so oft, aber für FreiberuflicherInnen ist es eine ständige Frage: Woran arbeite ich gerade? Macht das Sinn? Brauche ich dafür dies/das/und den anderen Kram überhaupt noch?  

Ich habe halbvollendete Kunstwerke und Zeichnungen und sehr viel Material aus dem mal etwas werden  – könnte. Papier und Farbe. Was gehört davon weg? Was kann und muss ich aufgeben, um Platz für all das Neue in meinem Leben zu schaffen?

Dinge wegzuschmeißen ist eine Sache, aber wie ist es mit Ideen? Ich habe mehrere Exposés und unverfilmte Drehbücher auf Disketten (ja, sehr witzig …) und hebe leicht hysterisch ein Diskettenlaufwerk auf, damit ich diese Ideen irgendwann einmal wieder freilassen kann. Doch – ganz ehrlich – vermutlich werde ich sie irgendwann wie das Kleid mit dem Preisschild betrachten: Verstört, verwirrt, beschämt. Nein, die alten Ideen waren damals grandios, aber heute? Genau.

Und wie ist es mit den Websites und Blogs, die ich führe? Wie ist es mit diesem Blog? 6 Plugins, die erneuert werden müssen. Und ja, dann ist da noch Gutenberg. Der neue Editor von WordPress.

Mit dem Gutenberg-Editor bricht eine neue Ära in der Geschichte von WordPress an.

Heißt es auf den Blogs, die einem dabei helfen wollen, den neuen Editor zu bedienen. Unser Webexperte hat uns empfohlen, ein Plugin zu aktivieren, das darauf achtet, dass das eben nicht passiert und dafür sorgt, dass der Classic Editor weiter gut funktioniert. Er traut dem Neuanfang nicht. Ich finde das alles großartig, Gutenberg soll kommen, aber wann habe ich die Zeit, das HowTo-Video anzusehen oder mich mit den Pros und Cons dieses Editors zu beschäftigen? Irgendwann mal.

Und mein Blog? Der meine neue Website werden soll? Jedesmal, wenn ich mich damit beschäftige, frage ich mich: Ist das jetzt wirklich ein Neuanfang? Oder hänge ich noch in ganz alten, längst veralteten Vorstellungen von einem Blog, meinem Blog, einem Autorenblog? Was wird Bestand haben und nicht nur eine kurzfristige Werbefläche mit ein paar Pressequotes und Links zu meinen Büchern sein? Denn ich will etwas erschaffen, das noch in vielen Jahren classy ist.

Vergiss es, sagt etwas in mir, denn die Dinge, alle Dinge, alles, halten immer weniger lange. Also entweder stellst du dich gleich darauf ein, ständig neu anzufangen oder du gibst auf. Lässt dich unter den Dingen begraben, bis du nach Hilfe rufst, nach Marie Kondo oder einem Entrümpelungsunternehmen.

Transformation

Ein paar Monate bevor mein Vater starb, habe ich ihm beim Entrümpeln seines kleinen Appartement geholfen, da er ein neues Bett bekam. Ich habe ihm Ordner mit alten Akten vorgelegt und gesagt: Schau das mal durch, ob du das noch behalten willst? Bei der Gelegenheit habe ich altes Geschirr und Kleidung meiner Mutter entsorgt, die seit 3 Jahren tot ist. Ich habe Dinge weggeworfen, von dessen Exitenz er sicher nichts wusste. Gemeinsam haben wir eine seiner Schreibtischschubladen aufgezogen und die verrosteten Büroklammern betrachtet, die sich dort ängstlich in einem Minifach zusammendrängten. Verrostete Büroklammern, die schon so verrostet waren, dass das ganze Fach voll mit rotem Roststaub war. Und die Schublade wieder geschlossen. Man kann nicht immer wieder neu anfangen. Jedenfalls nicht auf dieser Erde. Manchmal muss man akzeptieren, dass ein Neuanfang zumindest jenseits von dem bereits gelebten Leben, auf einer neuen Ebene in einem anderen Space und Mindset stattfinden wird.

Und das ist vielleicht das Aufregenste und Schwerste am Neuanfang. Nicht nur etwas neu zu beginnen oder erneut zu tun oder zu erneuern, sondern es zu transformieren. Aus dem alten (Leben) ein neues zu machen. Sich von bestimmten Dingen zu trennen, um sein Leben mit neuer Energie aufzuladen. Dinge nur zu behalten, um sie wiederzubeleben. Das ist nicht Aufheben oder Festhalten, sondern Umwandeln. Transformieren.

In diesem Sinne – freue ich mich dieses Jahr auf einen ganz besonderen Neuanfang.