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Potsdam #7 – Die Fabrik

Die Fabrik in Potsdam

Als geborene Berlinerin (die immer Berlinerin bleiben wird), aber seit zwanzig Jahren in Potsdam lebt, wächst mir die Stadt langsam ans Herz. Sie ist so kuschelig klein und trotzdem so sympathisch bemüht, eine Hauptstadt zu sein. Am besten lässt sich das an dem Umgang mit Kultur feststellen – Theater, Kunst, Musik. Nach der Wende waren viele Orte Neuland und in dieser Aufbruchsstimmng entstanden viele freie Kulturorte. So war das auch mit dem Waschhaus. Es begann 1992 mit der Besetzung der ehemaligen Garnisons-Waschanstalt und ersten Kunstaktionen. Über das Waschhaus muss ich demnächst noch mal bloggen, aber heute geht es um die fabrik, das internationale Zentrum für Tanz und Bewegungskunst. Heute ein Verein und auf dem Gelände der Schiffbauergasse (also dem Waschhausgelände) zuhause.

Tanzfabrik Berlin

In Berlin bin ich früher – vor der Wende – gerne in die Tanzfabrik gegangen, die man auch heute nicht mit der fabrik in Potsdam verwechseln sollte, obwohl beide Ähnliches machen. Als Zuschauerin bin ich gerne zu den grandiosen Tanzaufführungen der Berliner Tanzfabrik und als Hobby-Tänzerin zu den Kursen gegangen. Bilder - Tanzfabrik BerlinNope, ich war nicht gut, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Aber es gab Contact-Dance und Impro und lauter Tanzmöglichkeiten, für die man keine Ballettausbildung benötigte und bei denen es auch gar nicht darauf ankam, wie gut man Ballett konnte.

Genialerweise wohnte ich eine zeitlang sogar in der Fabriketage über der Tanzfabrik und musste nur noch eine Etage tiefer gehen, um die Tanzkurse zu besuchen. Sehr gut erinnere ich mich an den Licht-Stahlkranz im Tanzstudio. So einen wollte ich später auch in meiner Wohnung haben (und, ups, das ist noch nicht passiert!).

Tanztheater Bochum und Reinhild Hoffmann

Dido und Aeneas von Reinhild Hoffmann

Zu der Zeit wohnte Uwe in Bochum und ich bin oft zwischen Berlin und Potsdam hin- und hergependelt. Wir waren oft im Theater und oft im Tanztheater, denn Reinhild Hoffmann, die Pinoierin des Tanztheaters, hatte ein Engagement am Bochumer Schauspielhaus. Das war ungewöhnlich, die große Bühne für das kleine Tanztheater, doch Reinhild Hoffmann hat es einfach groß gemacht. Ich erinnere mich an die Stücke Fön und Machandl und an Hof – großartige Tanztheaterstücke mit Gruppen von Tänzern, Musik, Kostümen, Wechsel zwischen klassischem Tanz, Revue, Standardtanz und freiem Contemporary Dance. Was da auf der Bühne passierte, war wunderschön und gleichzeitig Anarchie der Form und Vorstellung. Sich wälzen neben herumtippeln, rollen und dann wieder Spitzentanz, zu zweit, zu dritt, in der Gruppe – allein. Genial.

Die Aufführungen haben mich so beeindruckt, dass ich später ganze Serien von Zeichnungen dazu gemalt habe. Einmal habe ich Reinhild Hoffmann zufällig getroffen und ihre gesagt, wie großartig ich ihr Tanztheater finde, was sie wohl – ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen – eher verstört hat. Sie ist ein herber und zurüchhaltender Charakter, etwas, was man ihren Stücken seltsamerweise überhaupt nicht anmerkt.

Tanzfabrik Potsdam
Foto: Stefan Gloede

fabrik Potsdam – Eingang: Nachtaufnahme vor Renovierung von Stefan Gloede

Als wir dann 1997 nach Potsdam kamen, war das Tanztheater schon da. Klein und unauffällig, aber rebellisch und gut. Ich erinnere mich an eine nur zu einem Drittel besetzte Aufführung. Isabel, die vielleicht 9 Jahre war, schlief schon halb auf meinem Schoss ein, da die Tanzstücke immer erst gegen  21 oder 22 Uhr begannen. Ein grandioses Stück und meine stille Frage: Wieso sind nicht mehr Leute da und sehen sich das an?

Jap, das blieb das Problem. Potsdam war gut in Boulevard und Klassischer Musik, aber der Rest – fand oft nicht wirklich die Wertschätzung.

Oxymoron

Es gibt noch mehr Tanz in Potsdam. Und zwar ganz nah, auch auf dem Waschhausgelände. Die Oxymoron Dance Company versteht sich

als als Kompetenzzentrum für Tanzkunst, dessen besonderes Merkmal die Entwicklung von Tanzarbeit und Tanzperformances aus soziokultureller Beschäftigung und der aktiven Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie jungen Künstlern ist. (Siehe Website)

What a sentence! Ich konnte die Oxymoron Company und die fabrik immer schlecht auseinanderhalten, denn irgendwann früher war alles mehr oder weniger eins gewesen. Tanz – im Waschhaus eben. Heute verstehen sie sich als unabhängige Organisationen, weshalb ich manchmal über das Gelände irre, um den richtigen Ansprechpartner für dieses oder jedes Tanzstück zu finden. Ganz vieles läuft auch in Cooperation, wie die Tanztage, die  jedes Jahr im Mai stattfinden oder Aufführungen und Workshops.

Die fabrik Potsdam

„Die fabrik Potsdam produziert das couragierteste Tanztheater der Republik.“ (DIE ZEIT, 28. Juli 2005)

Was 2005 gesagt wurde, trifft heute nicht mehr ganz so zu, finde ich, da sich vieles dann doch nach Berlin verlagert hat. Heute heißt Fabrik vor allem: Workshop, Tanzkurse, Tanztage, Konzerte und ein schönes Café, in der die jeweiligen Tanz-Artists in Residenz zu Mittag essen, wo man aber auch einen sehr guten Cappuccino bis nachmittags bekommt oder einen Wein vor und nach den Aufführungen. Ein schöner Ort. Und es gibt sie natürlich trotzdem noch, die oft sehr tollen Tanztheater-Aufführungen.

Für alle, die Tanztheater besser verstehen, wenn sie es sehen, habe ich eine kleine compilation auf You Tube herausgesucht. Etwas von Reinhild Hoffmann ist auch dabei:

Rausch

ARE YOU GAGA? – Auf der Suche nach einer neuen Art zu tanzen

„Physical pleasure from physical activity is part of being alive“ Ohad Naharin

Immer mal wieder trifft man auf etwas, was sich anfühlt wie die Essenz einer Sache. Ich bin tanzend aufgewachsen. Klassisches Ballett und Jazz Dance, ein bisschen Step, ein bisschen Musical, hin und wieder ein Cancan. Zweimal die Woche für 13 Jahre. Als ich 17 war, habe ich mit dem regelmäßigen Tanzen aufgehört. War weiter in Bewegung. Aber nichts fühlt sich so an wie Tanzen. Also fing ich an meine Ballettstunden zu vermissen. Ich mochte das Training, die Aufmerksamkeit, die du in jede Bewegung legst, einfach um dich zu verbessern.

Es ist ein schönes Gefühl, wenn sich um dich herum eine kleine Schweißpfütze bildet, die Muskeln warm und dehnbar, alles auf Abruf, geschmeidig und stark. Irgendwann in der Stunde kommt der Punkt, an dem du einfach in der Bewegung ruhst, irgendwie durch die Gegend gleitest, Geist und Körper in einer perfekten Einheit. Dann schleicht sich ein breites Grinsen aufs Gesicht und innen fängt irgendwas an zu klingeln. Und abends hängst du dann auf dem Sofa, zu hundertprozentig zufrieden und baumelst träge mit den heißgetanzten Beinen.

Also hab ich mich auf die Suche gemacht, es muss doch irgendetwas geben, was mir dieses Gefühl zurückbringt. Yeah, manchmal blitzt es in einer Aerobic Stunde auf, wenn die Füße kaum noch den Boden berühren. Aber ich will mehr.

ausdruck und pose

Ballett ist eine tolle Tanzart, es ist nicht nur eine Art, dich zu bewegen, auch der Geist formt sich mit den Anforderungen an den Körper. Alles ist ausgerichtet auf diese lange leichte Linie, auf schwerelose fließende Bewegungen, kraftvolle Sprünge und endlose Arme und Beine. Aber es ist eine Bewegungsart, die von außen nach innen wirkt. Alles dreht sich um die Form, den Kreideumriss, das Schattenbild, an das du deinen Körper heranführst, ein Dévelopé nach dem anderen. Es ist ein wundervolles Gefühl, all diese historischen Schritte zu einer Bewegung zusammenzuführen und den eigenen Ausdruck mit der Pose zu verschmelzen. Aber es geht um die Pose. Es geht um das Bild.

Immer mal wieder taucht auf meiner Suche nach meiner neuen Bewegung Gaga auf. Klingt komisch, denke ich, scrolle weiter. Ich suche nach etwas Inspirierendem, etwas, was die tiefen Töne abdeckt, den Rhythmus, das Animalische, alles das, was im Ballet nur selten vorkommt. Irgendwas zwischen Ryan Heffington und Haka. Schon wieder Gaga, na gut, dann guck ich mir das jetzt mal an. Ou….yeeah.

the groove is within you
„What is unique about gaga is the demand to listen to our body before we tell it what to do and the understanding that we must go beyond the familiar limits on a daily basis.“ Ohad Naharin

Eine Gaga Klasse ist in den meisten Fällen eine einstündige und ununterbrochene Improvisation. Wer jetzt denkt holy shiz, niemals, den kann ich beruhigen. Das einzig wichtige, sagt die Tänzerin am Anfang, ist, dass du nicht aufhörst. Du entscheidest selbst, wie viel Prozent deiner Energie du einsetzt. 20, 40, 100, 120, it’s up to you. Der Raum ist hell und warm von der Morgensonne. Spiegel gibt es keine. Listen to your own Groove. Wer den Gaga Kurs anleitet, gibt den Tänzerinnen und Tänzern Bilder, Assoziationen, Denkanregungen. Du bewegst dich in Wasser oder Honig, bist mal schwerelos im Ozean und dann eine Spaghetti im Kochtopf. Der Geist arbeitet für den Körper, der Körper fürs den Geist.

Und schon fängt man an, sich zu bewegen, ganz langsam, die Muskeln aufzuwecken, anzuwärmen, die Imagination in den Körper sinken zu lassen, bis jede Idee sich in Bewegung ausdrückt. Es ist genüsslich und anregend, aufregend, unheimlich, albern und charmant.

be silly

„Be silly!“, ruft sie, „guys! sillier!“ „Even more silly.“ Shake loose. Die Sonne wandert über den Parkettboden und bunte, schwitzende Gestalten fliegen durch die Gegend.

Eine Gaga Stunde soll wie ein Sicherheitsnetz sein, ein Rahmen, in dem du furchtlos und neugierig immer neue Sachen ausprobieren und entdecken kannst. Go beyond the familiar limits on a daily basis, sagt Ohad Naharin, Gründer der Bewegungsprache Gaga. Denn es ist mehr wie eine Sprache, und weniger wie eine Technik. Was geübt wird, ist zuzuhören, auf den eigenen Rhythmus, sich einzulassen, auf die Bewegungen, die bereits in dir schlummern.

Und was jetzt irgendwie esoterisch klingt, macht absolut Spaß. Knack die Schale, verwisch die Grenzen und was dabei herauskommt, ist eine Geschichte, die nur du erzählen kannst. Sind Bewegungen, die aus dir heraus entstanden sind. Mithilfe der Bilder, der Formen, der Ideen, die in den Raum geworfen werden. Du musst wach sein, alles wahrnehmen können. Den Boden unter deinen Füßen, die Schwerkraft, die Anderen im Raum, die Spannung zwischen fremden Körpern, der Schweiß, der dir den Rücken runterrollt. Es ist, als wären all deine Sinne geschärft, bereit, dich mit neuen Eindrücke zu beliefern und dein Bewusstsein auszudehnen. Endlich. Da ist das Gefühl wieder.

its a piece of cake
„We learn to love our sweat, we discover our passion to move and connect it to effort, we discover both the animal in us and the power of our imagination“ Ohad Naharin

Ich bin high, schwitze, keuche, strample und federe durch die Gegend, wie ein blinkender Flummiball. Groovy. Woosh, einer zieht an dir vorbei, der Boden zittert , ein schwitziger Lufthauch. Die Muskeln brennen. „It’s a piece of cake!“ ruft sie „Enjoy the pain!“ Und das tue ich. Nachher bin ich durchgeschwitzt, rotgeglüht, angefixt und glücklich.

Die Oberschenkel zittern auf dem Nachhauseweg und meine Mundwinkel kleben an den Ohrläppchen. Das war genau das, was ich gemeint habe. Und abends auf dem Sofa, höre ich immer noch den Rhythmus, der durch meinen Körper pulst.

more about gaga

https://www.youtube.com/watch?v=OGPG1QL1vJc
https://www.youtube.com/watch?v=gRky99sO-og