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Soul-Food

Neuanfang mit Apfelkuchen
Roots

Neuanfang: Beim Essen?

Neuanfang beim Essen?

Kann es da überhaupt einen Neuanfang geben. Ich meine, man kann ja mit Essen nicht wirklich aufhören, und wieder neu anfangen. Es sei denn man hat einen längeren Hungerstreik, eine schwere Krankheit oder eine längere Fastenzeit durchgemacht – und überlebt. Dann gibt es sicher eine Art Neuanfang. Ein vorsichtiges Aufbauen der Ernährung, eine allmähliche Gewöhnung des Körpers an die neuerliche Nahrungsaufnahme.

Statt kompletter Neuanfänge habe ich allerdings schon viele Wechsel in der Ernährung, in den Essgewohnheiten erlebt.

Yes right, we were the »Krauts«

In der Kindheit und Schulzeit gab es Deutsche Küche: Stielmus, Rotkohl, Grünkohl, Kohlrabi, Wirsing, Sauerkraut. Eintöpfe aus dem Garten. Fleisch von Kaninchen oder Hühnern aus dem eigenen Stall und dem in der Waschküche geschlachteten Schwein. Das übrigens komplett aufgegessen wurde samt Zunge, Rückenmark, Öhrchen, Schwänzchen, Pfötchen, da blieb nichts übrig, außer ein paar abgenagter Knochen.

Das sonntägliche Drei-Gänge-Menü, das natürlich nicht so hieß, bestand aus Hühnersuppe mit Hühnerherzchen, -leber und -mägen, Rinderrolladen mit Erbsen und Möhren, Götterspeise mit Kondensmilch.

Wenn man aus essen ging, dann in die benachbarten Dorfkneipen zu Jäger- oder Zigeunerschnitzel. Pils für die Männer, mit Schuss für die Frauen, Dunkelbier für die Kinder.

Dann Pommes …

Die erste Pommesbude direkt an der Ecke. Erste Begegnung mit Fast Food, das natürlich auch nicht so hieß. Damals gab es noch nicht so viel english, dinglish. Pommes waren das beste Abendbrot nach einem staubigen Arbeitstag im Garten. Man ging mit großen Schüsseln zur Bude und holte gleich für die ganze Familie Pommes, Schaschlik und »Türkische« (so hieß das, was jetzt Currywurst ist). Genauso wie man im Winter die fertig gekochten Miesmuscheln aus der Kneipe nebenan holte. Unverpackt. Das war kein Wort, sondern die Art, wie man einkaufte. Dann kamen die ersten Supermärkte.

… und Knoblauch

Kurz vor dem Abitur erwischte mich dann der Einfluss der ersten Studenten-WGs. Meine erste Bekanntschaft mit Knoblauch. Worte, wie biologisch-dynamisch, makrobiotisch, schwirrten durch die Luft. Keine Ahnung, was das sein sollte. Hatte das mit dem Zeug zu tun, was die da rauchten? Oder Müsli, auch so ein ganz neues Wort, löste Haferflocken mit Milch und haufenweise Zucker ab. Und man machte sich Gedanken darüber, ob gesund ist, was man isst. Gesunde Ernährung? Das Konzept habe ich noch nie verstanden. Braucht man das, wenn es doch lecker ist und satt macht?

Angeblich isst die Nationalmannschaft 1974 nur Steak und Salat und wird Weltmeister. Jetzt ernährt sie sich sicher gesünder, ausgeklügelter, aber naja. Das wird schon wieder.

Cuisine française …

Dann die Begegnung mit französischer Küche. Unzählige Gänge, stundenlanges rumsitzen, reden, essen, trinken, essen, mehr trinken. Erst ein Aperetif. Dann Wein, erst leicht und weiß, später rot und schwer. Zwischendurch ein eau de vie. Fruit de mer vorneweg und Käse zum Nachtisch. Ach nein, da kommt ja noch was, tarte aux pommes. Und wenn man schon bei Äpfeln ist, kann ein Gläschen Calvados nicht schaden. Schmeckt den ganz Kleinen, die um den Tisch wuseln, natürlich nur, wenn man ihn auf ein Stückchen Würfelzucker träufelt. Hatte ich nicht gelernt, man solle nicht alles durcheinandertrinken? Ach was soll’s.

Wenn ich was Besonderes kochen wollte, gab es jetzt also nicht mehr einfach Kaninchen mit Bratensoße, sondern lapin aux prunes. Und das Tier kam nicht mehr aus Opas Stall, sondern vom Fleischer auf dem Markt.

… und dann die Italiener

Mit neunzehn, meine erste Pizza. Ich werde es nicht vergessen. Cipolla, im »Backofen«, d e r Pizzeria im Unicenter Querenburg. Die italienischen Restaurants und die italienische Küche werden schnell Mainstream. Von Pizza, über carbonara bis osso buco ala milanese und saltimbocca romana. Und wie lecker erst der Nachtisch klingt Tiramisu, Zuppa Inglese, Zabaione, (alles natürlich mit Alkohölchen in Form von Marsala, Alchermes, Amaretto). Nach dem Essen löst der Grappa den Calvados ab.

Döner, Junk Food …

In den besetzten Häusern, dann die ersten Döner, aber auch Getreidemühlen, Frischkornbrei, Körnerbrot und Energiebällchen, (selbstgemacht sind sie dann auch als Kolikbällchen bekannt geworden.) Es gab die Food Coop. Säcke voller Getreideflocken, Rosinen, Nüsse und Kerne. Jute statt Plastik. Und trotzdem immer wieder viel junk food, das jetzt auch so hieß.

Und es gab die Bücher von Frantz Fanon und Frances Moore-Lappe über die Kolonialisierung und den Mythos vom Hunger.

Plötzlich wurden Zusammenhänge klar. Zusammenhänge zwischen unserem Fleischkonsum und dem Hunger in der Welt. Ich nahm zum ersten Mal Massentierhaltung wahr. Klimawandel gab es damals noch nicht – als Begriff.

… und Bioläden

Anfang der Achtziger tauchen die ersten Bioläden auf, klein, local, im Tante-Emma-Style. Ich aß kein Fleisch mehr, trank keinen Alkohol und kaufte zwei vegetarische Kochbücher. Den Klassiker der heiligen Barbara (Rütting). Und Ingrid Früchtels Vollkorn Kochbuch. Kann man überleben, ohne Fleisch zu essen? Ja, mit viel Sahne und Butter. Vegetarisch war jedenfalls in meinen Augen nicht asketisch. Es war vor allem weniger salzhaltig und geschmacksintensiver.

Chicken McNuggets …

Mit den eigenen Kindern dann die erste vorübergehende Begegnung mit McDonalds. Hühnchen sind jetzt zu Nuggets püriert. Der unique selling point am point of sale? Sie haben damals die einzigen »Spielplätze« an den Autobahnraststätten. In der Pubertät stehen dann Nackenkoteletts wieder auf dem Speiseplan. Auch ich esse mit ihnen wieder Fleisch. Dann erweitern sich die Küchen um asiatische, mexikanische, arabische Gerichte.

… und jetzt?

Die Massentierhaltung ist schlimmer geworden und vor allem nicht mehr zu übersehen. Die Tante-Emma-Bioläden weitgehend verdrängt. Sie sind jetzt Supermärkte. Ein paar wenige Ketten. Buy local ist ein neuer Trend. Aber Kaffee, Tee, Bananen und Ananas? Unverpackt ist ein anderer, full circle. Die Kinder sind vegetarisch, oder sogar vegan, bringen neuen Input. Schützen die Meere, die für unseren Fleischkonsum leergefischt werden. Seasheperd Gründer Paul Watson macht darauf aufmerksam, dass das meiste seafood an unsere Mast- und Haustiere verfüttert wird.

Ein Umdenken, ein Neuanfang ist nötig. Fällt mir schwer. Kein Fleisch – kein Problem. Kein Käse, kein Quark, keine Eier, keine Butter, keine Sahne – ohoh. Step by step. Das alles muss kein Verlust sein, sondern eine Erweiterung um neue Gerichte, Geschmäcker, Möglichkeiten. Eine Ergänzung zum best soulfood ever: Oma Ellis Apfelkuchen – mit Sahne.

Und Stielmus gibt es auch wieder (vermutlich aber nur local und unverpackt in Westfalen).

 

 

Roots

Root Food Tortilla

Spanisches Essen in Umbrien in unserer alten Weinpresse, in der wir schon seit zig Jahren immer wieder so eine Art Urlaub machen.

Passt wunderbar. Ein heißer, kreativer Tag wird ruhig. Der Wein ist schon mal offen. Spielt einer Gitarre? Super.

RBH_SettinthetableII    RBH_Dog+Guitar

Jetzt für die Family and Friends ein gutes Essen kochen. Dazu Kartoffeln mit dem Trüffelhobel oder dem Messer in hauchdünne Scheiben schneiden. In reichlich Olivenöl eher frittieren als anbraten.  Das duftet. Während die Kartoffeln brutzeln, ist Zeit die Vorspeisen raus zu tragen, Oliven, umbrische Salami, was so da ist.

RBH_Jaws   RBH_Potatoes

Kartoffeln abtropfen lassen. Etwas salzen und lecker schon mal probieren. Nächste Lage, ab in die Pfanne. Schlückchen Wein trinken. Dann massenhaft Eier aufschlagen, wunderbare Farbe, schönes Bild. Isa macht Fotos.

RBH_Herbs+Eggs   RBH_Herbs

Wenn alle Kartoffeln durch sind, mit den Eiern, und gewürfelten, angedünsteten Tomaten, Kräutern und Gewürzen verrühren. Portionsweise in die geölte Pfanne und zu Tortillas backen.

RBH_TomatoesI   RBH_Yay!

Nach ein Paar Minuten mit dem Pfannendeckel oder einem großen Teller umdrehen. Klappt schon. Wenn es sehr viele sind, kann man die Tortillas im warmen Backofen warmhalten, schmecken aber auch wunderbar lauwarm.

Mangiare.

 

 

Roots

Root-Food

Heute gibt es lecker Root-Food.

Nach Effectuation-Art.Was haben wir. Was können wir. Wen kennen wir.

Was haben wir? Einen ganzen Kühlschrank voller Gemüse. Hauptsächlich Wurzelgemüse. Kartoffeln. Süßkartoffeln. Möhren. Aber auch Fenchel, Champignons, Frühlingszwiebeln und weiß nicht was.

Was können wir? Kochen.

Wen kennen wir? Na klar, Amber zum Schälen, Schnippeln und Fotos machen … und natürlich die lieben Menschen, die sich auf’s Essen freuen.

Außer den Pilzen, die extra kräftig und kurz in Butter gedünstet werden, damit sie knackig bleiben, kann alles geschält, geschnitten und mit Olivenöl beträufelt in die Ofenform. Und dann ab in die Röhre. Und während das ganze gar wird, bleibt gut Zeit für ein entspanntes Weinchen und eine schöne Schallplatte.

… und so wird Root-Food zu Soul-Food.

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