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Ausdauer: Niemals nach unten sehen

Ausdauer

Nach dem etwas ruckligen Jahresanfang merkt man es schon, unser kleines Red Bug Homie-Team steckt in einer Blogging-Krise. Was ja ganz normal ist. Jeden Monat ein Thema, das Schreiben wird zur Routine und auf einmal fragt man sich: Wozu? Wer sieht sich das an? Wer liest das? Wozu mache ihc mir die Arbeit? Und auch, wenn wir immer gesagt haben: Es ist für uns, es ist eine Familienblog, ist manchmal einfach die Luft raus. Und das Gute daran ist: Erst wenn die Luft ganz raus ist, kann neue Luft hinein. Frische Luft. Ausatmen – einatmen. Ein ganz normaler Prozess.

Vielleicht ist es daher ganz folgerichtig, sich für diesen Monatsbeitrag März (den Februar haben wir ganz närrisch ausgelassen) das Thema Ausdauer vorzunehmen. Was heißt das? Was ist das? Macht das Sinn?

Was ist was?

Ich liebe es ja, bei solchen Fragen einfach mal zu Wikipedia zu gehen und sich die ganz brutale Definition anzusehen.

Unter Ausdauer versteht man die im Charakter begründete Fähigkeit eines Menschen, ein Ziel auch dann mit unverminderter Motivation zu verfolgen, wenn die Anstrengung über eine längere Zeit oder gegen Widerstände aufrechterhalten werden muss. (Wikipedia)

Ich fand immer, dass Ausauer eine meiner herausragenden Qualitäten ist. Und gleichzeitig mein schlimmster Feind, der dann gerne mal Eigensinn oder Sturheit heißt. Aber vielleicht erst einmal zu den Vorzügen dieser Eigenschaft:

Ich bin Steinbock, Aszendent Löwe. Ich stelle mir das so vor: Eine zähe Berggemse, die mit sehr wenig Nahrung (kleine Grashalme zwischen Felsritzen) auf dem Weg zu einem Gipfel, mutig und entschlossen voransteigt. Den Blick nach oben gerichtet. Langsam und stetig, so höhlt ja bekanntlich schon das Wasser den Stein. Trop, tropf, tropf. So werden Münzen und Muscheln glattgewaschen und Treppenstufen durchgetreten, so wachsen kleine Pflanzenstecklinge zu mächtigen Bäumen, so zerbeißen Terminten ganze Häuser. Mach es nur lange genug, dann wirst du Ergebnisse sehen. Ausdauerndes Sparen soll zu unglaublichen Reichtümern führen und auch darin bin ich gut. Mir auf ein späteres Ziel hin etwas abzuknapsen? Kein Problem.

Die Power der Ausdauer

Jeder Mensch hat eine bestimmte Grundzahnfarbe. Von superweiß zu bernsteinfarben. Meine liegt so in der Mitte, was mich als Teenager mächtig gestört hat. Ich wollte weiße Zähne. Bleaching kam später, also war Putzen angesagt. Beharrliches Putzen. Über Monate. Zweimal täglich zehn Minuten, Eieruhr gestellt oder bis hundert gezählt. Ein Muss. Ich wusste, dass ich mein Ziel erreicht hatte, als mir meine Tante ein Kompliment für meine außerordentlich weißen Zähne machte.

Ähnlich war es mit der Fähigkeit meiner Freundin, ihre Handflächen beim Vornüberbeugen flach auf den Boden zu legen. Ich wollte das auch, kam aber nur mit den Fingerspitzen zu Boden. Also wurde jeden Abend geübt. Traininert. Eisern. Das Ziel wurde mit Ausdauer erreicht. Noch heute kann ich das.

Wow. Ich hatte etwas gefunden. Eine Superpower. Mit Ausdauer ist alles möglich.

Ausdauer beschreibt die motorische Fähigkeit, eine bestimmte Intensität (zum Beispiel die Laufgeschwindigkeit) über eine möglichst lange Zeit aufrechterhalten zu können, ohne vorzeitig körperlich beziehungsweise geistig zu ermüden, und sich so schnell wie möglich wieder zu regenerieren. (Wikipedia)

Körper und Geist

Wikipedia unterscheidet zwischen der sportlichen und der psychologischen Ausdauer. Aber für mich ist das eine eng verbundene Einheit.

Kurzstreckenlauf war nicht mein Ding. Ich war Spätentwicklerin, spirrelig und meine Oberschenkel eher schmal, gegen die Mädchen mit den Powermuskeln kam ich nicht an. Aber, hey, ich hatte ja meine Superpower. Ich fing an, täglich zu laufen und wurde schnell eine gute Langläuferin. Sollte an Wettbewerben teilnehmen. Wurde „entdeckt“. Langlaufen – das schien mir überhaupt das Motto meines Lebens zu sein. Andauernd auf ein Ziel zusteuern. Wenn ich etwas regelmäßig mache, dann fügt sich der Wille. Wenn ich mir etwas willentlich abverlange, dann fügt sich der Körper.

Ächem. Oder auch nicht. Steinböcke haben es im Zweifelsfall mit den Knien. Stimmt.

Ich lief jeden Tag und bekam Knieschmerzen. Der Abistress hat sicher auch eine Rolle gespielt. Das wurde so schlimm, dass mir beide Knie einbandagiert wurden. Und hier kommen wir zu der negativen Seite der Ausdauer. Der Hartnäckigkeit. Der Engstirnigkeit. Denn die ist ja nötig, damit ich an meiner Routine, an dem täglichen Programm oder Training festhalten kann. Und Loslassen ist dann oft nur gewaltsam möglich. Also musste ich nachbessern. Auch mal kleine Pausen machen. Der Ausdauer eine Pause gönnen. Denn wir wissen ja – jede Superpower hat auch ihre zerstörerische Seite.

Willensstärke

Ausdauer verlangt Willensstärke. Ich kann ziemlich hysterisch werden, wenn Menschen eine regelmäßig vereinbarte Tätigkeit oder Aufgabe nachlässig betreiben. Kommt ja nicht so drauf an, kann ich ja auch später machen. Wer Ausdauerexperte ist, weiß, dass das nicht geht.

Nicht, weil man das meiste nicht einen Tag später machen kann, das geht, schon klar, aber was man damit beschädigt, kaputt macht, aushöhlt – ist die Ausdauer selbst. Denn wenn man erstmal anfängt, das alles schleifen zu lassen, dann hat die Sache nichts mehr mit Ausdauer zu tun. Und leider gibt es da auch kein anderes Konzept. „Immer-wenn-ich -Lust-drauf-habe“ ist ein Superkonzept für das Eis essen oder den Sex, aber einfach kein guter Plan, wenn ich ausdauernd ein Ziel verfolge. Denn – auch eine Erkenntnis. Ausdauer braucht ein Ziel.

Ausdauer und Ziel

Ausdauer ohne ein Ziel ist – keine Ahnung. Vielleicht Folter. Und da fehlt mir Prometheus ein, der Titan, der den Menschen das Feuer gebracht hatte, den Fortschritt und dafür von Göttervater Zeus bestraft wurde. Angekettet an einen Felsen. Täglich kam ein Adler und frass ihm die Leber weg, die dann über Nacht nachwuchs.

Tja, wir Superhelden mit der Ausdauerpower kennen das Gefühl: Es tut weh, aber es muss jeden Tag wieder geschehen. Wir sind angekettet. Freiwillig. Es kann durchaus unbequem sein, wir halten durch.

Manchmal verliert man bei dem Ausdauerspiel sein Ziel aus den Augen und dann muss man aufpassen, denn Ausdauer kann durchaus zum Selbstzweck werden. Ausdauer ohne Ziel ist sinnloser Verschleiß. Manche verbringen so ihr ganzes Leben, Hauptsache man hält durch. Und dann kommt Frustration und ganz schnell die nächste Frage: Was hat das ALLES überhaupt für einen Sinn? Das Leben, die Menschheit, der Kosmos?

Wir, die wir die Superpower Ausdauer haben, wissen, dass man diese Frage nicht stellen darf. Wenn wir klettern, dann sehen wir nicht in den Abgrund, die Vergangenheit, das, was hinter uns liegt. Das Infragestellen höhlt die Ausdauer genauso aus, wie das Aussetzen und Verschieben und auf morgen vertagen. Das Infragestellen – ist (meintewegen) eine andere Superpower, aber sie ist uns fremd. Wir fallen eher mit steifgefrorenen Händen vom Berg, den Blick weiter starr nach oben gerichtet.

Ein Ziel muss es geben, aber es muss nicht materiell oder überhaupt physisch sein, es kann durchaus idealistisch sein: Ein besser Mensch werden, die Welt schöner machen, den Menschen etwas geben. Diesen Blog zum Beispiel. Und dann bloggen wir eben. Regelmäßig, ausdauernd. Niemals nach unten sehen, niemals umdrehen, einfach weiterklettern.

Ich denke, in dieser kritischen Phase unseres RedBug-Homie-Blogs ist meine Superpower ganz besonders gefragt :)

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Rituale: Weihnachtsfilme

In unsere Familie gibt es viele Rituale, die sich ums Filme schauen drehen. Die Oscars im Februar zum Beispiel, Select in Italien und natürlich Weihnachtsfilme um Weihnachten rum. Wie originell.

Weihnachten ist ja eh das Fest der Traditionen und Rituale. Bei uns sah das von klein auf immer so aus:

Isas Geburtstag feiern, dann ab 14 Uhr: wir (Isa, Lenny, Amber) im Kinderzimmer Filme gucken, während Mama und Papa putzen, kochen und den Baum schmücken. (Danke dafür an dieser Stelle). Zwischendurch mit verbundenen Augen aufs Klo geführt werden, wobei das Blick erhaschen auf den halb geschmückten Baum so aufregend wie verboten ist. Ab 18 Uhr hört man die Gäste kommen und dann …das Glöckchen. Wir dürfen ins Wohnzimmer.

Und an diesem Weihnachtsritual hat sich bis heute so gut wie nichts verändert. Außer das Isa inzwischen morgens mit ihrem Freund Geburtstag feiert, wir alle aus unseren unterschiedlichen Wohnungen gegen Mittag zu Mama und Papa starten, eine Mittags-Hunderunde dazu gekommen ist und wir es aus irgendeinem Grund – die Zeit und ihre merkwürdigen Tricks – es nicht mehr schaffen, einen ganzen Film zu schauen. Aber Mama und Papa schmücken immer noch alleine den Baum und es ist nach wie vor strengstens verboten, den Baum vor dem Glöckchen zu sehen. (Vielleicht sollte ich an dieser Stelle anmerken, dass dieses Verbot mehr von uns Kindern als von Mama und Papa ausgeht).

Die Filme

Nun befinden wir uns ja hier in der Kategorie Film, werfen wie also mal einen Blick auf die Weihnachtsfilme.

Der erste Weihnachtsfilm soll 1898 entstanden sein und ist geschlagene 1:17 lang. Minutes that is.

Der größte Weihnachts-Box-Office-Erfolg ist ‚Home Alone‘. Den haben Lukas und ich uns neulich nochmal angeschaut. Und da dieser Film so gar keine Weihnachtsgefühle in mir geweckt hat, habe ich mich gefragt: Was sind den die genauen Kriterien für einen Weihnachtsfilm?

Für mich ist nicht so einfach wie:

  • Es muss mindestens ein Weihnachtsbaum zu sehen sein.

Zwar sieht man in ‚Die Hard‘, ‚Eyes Wide Shut‘ oder auch in ‚Harry Potter und der Feuerkelch‘ Weihnachtsbäume und man kann keinem dieser Filme ihren weihnachtlichen Touch absprechen, aber für mich braucht ein wirklicher Weihnachtsfilm noch mehr. Weihnachten ist ein sentimentales Fest. Und jeder hat eigene Erinnerungen, Must-Dos oder eben Must-Watch. Hier sind drei der Bongard/Carowschen Weihnachtsfilmklassiker:

‚Little Lord Fontleroy‘

Nach dem gleichnamigen Roman der englisch-amerikanischen Autorin Frances Hodgson Burnett aus dem Jahr 1886. Das Buch würde über ein dutzendmal verfilmt. Unser Favorit ist natürlich die britische Verfilmung von 1980 in Farbe mit dem blonden Cedric. Cedric lebt mit seiner Mutter, der Witwe eines englischen Aristokraten in Amerika, nicht in Armut, aber in eher ärmlichen Verhältnissen. Seine besten Freunde sind Dick der Schuhputzer und Mr. Hobbs der Gemischtwarenhändler. Eines Tags kommt ein Mann aus England, um der kleinen Familie mitzuteilen, das Cedrics nun der letzte lebende Erbe Lord Fontleroys ist und sich eben dieser aka Cedrics Großvater wünscht, dass Cedric zu ihm zieht um sich in sein späteres Leben als Lord einzufinden. Wir haben also einen frischen, fröhlichen, amerikanischen Knaben, der auf einen alten, kränklichen, verstaubten englischen Aristokraten trifft. Obwohl Weihnachten wirklich nur ganz zum Schluss vorkommt und große Teile des Films sogar im Sommer spielen, handelt es sich hierbei für mich ohne Frage um einen Weihnachtsfilm. Wenn ich die Anfangsmusik höre, rieche ich schon den Baum mit seinen Kerzen, Mamas Special Festtagsparfum und das Brathähnchen.

Also Kriterium Nummer zwei:

  • Große Teile und mindestens der krönende Abschluss muss an Weihnachten spielen (deswegen ist Harry und Sally auch ein Neujahrsfilm). 

‚Four Christmases‘

Ok eine Weihnachtskömodie mit Vince Vaughn und Reese Witherspoon in den Hauptrollen könnte auch schrecklich sein. Aber aus irgendeinem Grund ist dieser Film wirklich gut. Und vor allen Dingen lustig. Die Prämisse ist, dass ein Pärchen, dessen Eltern geschieden sind, jedes Jahr an Weihnachten aus der Stadt ‚fliehen‘. Getarnt als wohltätige Zwecke, um den Weihnachtswahnsinn der Familie zu entgehen. Naja das klappt in jenem Jahr nicht und die beiden müssen also 4 Christmases über sich ergehen lassen. Mit unter anderen Robert Duvall und Jon Favreau in den Nebenrollen. Ja, dieser Film ist mehr eine lustige Unterhaltung, als ein rührender Weihnachtsfilm, aber wie gesagt, er hat was.

Das ist ein Bonus Kriterium:

  • Er sollte Insider kreieren, die man das ganze Jahr über, aber besonders in der Weihnachtszeit zitieren kann, sodass alle in Stimmung kommen. 

‚Love Actually‘

Ein Film, der alle, aber auch wirklich alle alle Weihnachtsfilmkriterien erfüllt.

I can förmlich feel it in my fingers.

Das Interessante an diesem Film ist, dass Weihnachten zwar natürlich eine große Rolle spielt, aber eher nur das Mittel zum Zweck ist, um die wirkliche Geschichte zu erzählen. Denn der eigentliche Hauptcharakter in diesem Film ist, Love … actually. Das macht diesen Film zu dem ultimativen Weihnachtsfilm. Bei mir weckt er ein Gefühl der Dankbarkeit. Dankbar, am Leben zu sein, gesund, dass ich den Tag mit (fast allen) meinen Lieblingsmenschen verbringe, leckeres Essen esse.

Papa hat über den Film schon einen schönen Beitrag kreiert.

Also last but not least:

  • Familie & Dankbarkeit

Für mich muss ein Weihnachtsfilm Familie zeigen. In any shape or Form. Das Kennenlernen eines bisher unbekannten Familienmitglieds, das Konfrontieren problematischer Familienbeziehungen nach jahrelangem Aus-dem-Weg-gehen. In Love Actually haben wir den Tod einer Mutter, eine Scheidung, ein frisch verheiratetes Paar etc. Vielleicht sind die Vorbereitungen stressig, oder der Heckmeck in den Supermärkten, die Amazonen Streik etc. aber am Ende des Tages machen wir das alles, um mit unseren liebsten Menschen zusammen zu sein. Choose them wisely!

 

 

euch allen!

 

 

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Rituale: Veganer Heringssalat

Bei uns wird Tradition groß geschrieben. Ist ja schließlich auch ein Substantiv. Aber tatsächlich, auch wenn wir einen durchaus unkonventionellen Lebensstil haben, halten wir gewisse Traditionen immer noch gerne aufrecht. Denn sie bieten eine Orientierung, die manchmal vielleicht fehlt. Auch wenn alles andere im Leben komplett gesetzlos durcheinander geht, existiert etwas, bei dem es Regeln gibt. Bei dem man sich ohne Absprache darauf verlassen kann, dass alle wissen, was zu tun ist.

So war das bei uns an Weihnachten auch immer. Alljährlich haben wir denselben Ablauf verfolgt. Katrin und Uwe haben den Baum geschmückt und das Essen vorbereitet, während wir Kinder die schwierige Aufgabe hatten, ,Der kleine Lord‘ zu schauen und nicht ins Wohnzimmer zu gehen. Irgendwann hat man dann die Haustür und eifrige Stimmen gehört. Oma und Opa sind gekommen. Mit Geschenken und Essen. Und nach einer Weile wurde es plötzlich still. Zu still. Bis der Klang eines kleinen Glöckchen zu uns vordrang. Also auf zur Tür und hoch die Augen.

Während des gesamten Abends wurde dann stummheimlich den Regeln gefolgt, die jeder kannte, aber keiner aussprechen musste. Nach einer bestaunenden Runde um den Baum, wurde sich an den Händen gefasst und gesungen. Um den Baum herum. Alle zusammen die erste Strophe, dann Oma alleine, weil keiner den Text mehr kannte.

Danach wurde das Büfett eröffnet. Unser traditionelles Weihnachtsessen: zwei Brathähnchen, Nudelsalat, Brot und Käse. Oma brachte dazu immer noch einen Heringssalat und einen Nachtisch mit. Und Wein.

Beim Essen wurden dann nach und nach die Geschenke verteilt. Man hat sich umarmt, bedankt, gefreut. Und langsam schrumpften die Kerzen zusammen, bis auch die letzte mutige Flamme (welche wird es sein?), mit einem Zischen erlosch. Dann haben sich Oma und Opa erhoben und sich auf den Weg gemacht. Wir haben uns verabschiedet, ein bisschen traurig, weil der Abend auch ewig hätte weitergehen können. Doch wir alle wussten ja, nächstes Jahr werden wir wieder hier sein. Jeder wird ohne zu fragen seine Aufgabe annehmen, die Brathähnchen braten, die Geschenke verpacken, den Heringssalat mitbringen. Und wenn wir das nächste Mal ,Der Kleine Lord‘ gucken, wird irgendwann wieder die Haustür geöffnet werden und wir werden Stimmen hören und dann ein Glöckchen und wir werden den Baum beschauen und singen und keiner wird die zweite Strophe kennen, außer Oma, und wir werden uns beschenken und uns freuen und uns verabschieden.

Das schöne an einer Tradition ist, dass man fast das Gefühl hat, die Zeit würde still stehen. Dieses Jahr, letztes Jahr, Weihnachten vor fünf Jahren. All diese Momente werden auf einmal zu einem. Es hat etwas Überschauliches. Beruhigendes. Doch natürlich ist das nur eine Illusion. Die Zeit rast. Wir Kinder werden älter, wir alle werden älter. Und egal wie sehr man sich an die Regeln hält, Dinge verändern sich.

Vor drei Jahren ist unsere Oma gestorben. Ungefähr einen Monat vor Weihnachten. Dinge ändern sich.

Wir haben es nicht mehr geschaft ,Der Kleine Lord‘ zu gucken. Wir selber sind erwachsen geworden. Hatten viel zu tun. Aber wieso sollte man auch gucken, wenn man im letzten Drittel des Films keine Haustür hört. Keine fröhlichen Stimmen, keine Ruhe vor dem Klingeln. Wir hatten Schwierigkeiten beim Singen um den Baum zu kommen, wenn wir uns an den Händen hielten. Da fehlte ein wichtiger Teil des Kreisumfanges. Und nach der ersten Strophe wurde es meist etwas stiller.

Beim Geschenke auspacken hat keiner mehr Wein getrunken. Und blöde Witze hat auch keiner mehr erzählt. Das hat eigentlich immer Oma gemacht. Wir mussten uns also erstmal anpassen an diese neue Situation.

Mit Stolz kann ich sagen, dass wir immer noch wunderschöne Weihnachten feiern. Mittlerweile haben wir Lukas, der mit seinen langen Armen den Baum wahrscheinlich alleine umspannen könnte. Und einen Weihnachtsfilm zu gucken ist wieder Pflicht. Es gibt nur noch ein Brathähnchen, weil die meisten von uns vegetarisch oder vegan sind. Und nun ja, der Heringssalat. Das ist auf einmal meine Aufgabe geworden. Es gab keine Absprache. Aber es war klar. Wenn schon ein Platz am Tisch frei wird, sollte nicht auch noch eine Schüssel leer bleiben. Schließlich geht es bei Traditionen auch darum, sie über Generationen hinweg aufrecht zu halten. Sie weiterzutragen.

Ich habe also die Bürde des Heringssalates geerbt. Ohne das Rezept zu kennen, ohne jemals gesehen zu haben, wie Oma den Heringssalat zubereitet. Trotzdem bin ich zuversichtlich in den Laden gegangen und habe mich treiben lassen. Oder leiten. Danke Oma!

Dinge ändern sich. Und da viele von uns mittlerweile vegetarisch und vegan sind, ist es auch der Heringssalat. Und so mache ich ihn (Mengenangaben n.G. (nach Gefühl)):

Rote Beete (vorgekocht)
Cornichons/Saure Gurken
Äpfel
Walnüsse
Soya Cuisine

Der Apfel wird geschält. Hierbei jedes Mal die Aufgabe, es zu schaffen, die Schale in einer einzigen Spirale zu lassen. So hat es mein Opa früher immer gemacht. Dann entkernen und in kleine Stücke schneiden.

Die Rote Beete muss geschnitten werden. Dafür packe ich das Schneidebrett gerne in Frischhaltefolie oder mittlerweile Bienenwachsfolie ein. Denn Rote Beete färbt ziemlich doll ab.

Die Cornichons in Scheiben schneiden.

Dann alles mit der Hälfte der Walnüsse in eine Schüssel geben und mit der Soya Cuisine vermischen. Zwischendurch abschmecken. Wenn es noch zu fad schmeckt, gerne etwas von dem Gurkenwasser dazugeben.

Am besten macht man den Heringssalat schon am morgen. Dann zieht der Saft gut ein. Damit es am Abend dann aber doch noch etwas knackig bleibt, kommen kurz vor dem Servieren nochmal frische Walnüsse auf den Salat.

Es ist ein simples Rezept und folgt irgendwie seiner eigenen Logik. Aber es trägt für uns auch noch mehr mit sich. In einer Art verkörpert der ,Herings‘-Salat die eifrigen Stimmen, den Geruch nach Wein, die unanständigen Witze. Traditionen folgen einer anderen Zeitrechnung. Sie schleichen langsam dahin. Aber auch sie müssen sich ewig rechtfertigen vor der Welt. Auf den Hering können wir verzichten. Auf den Salat nicht. Und Oma fehlt, das ist klar.

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Freunde: Curry für alle

Ich liebe es für viele Menschen zu kochen. Überdimensionale Schüsseln und Pfannen, alle Herdplatten benutzen und am Ende um den Tisch sitzen und genießen.

Doch nicht jedes Gericht eignet sich für einen netten Abend mit Freunden. Schließlich muss man mehr im Kopf haben, als einfach nur ,viel‘ zu kochen. Mein Lieblingsrezept für einen netten Abend mit bis zu sieben Leuten ist Curry für alle. Denn hier werden nicht nur alle satt, sondern es können auch alle zusammen kochen. Und das geht so.

Als erstes ab in den Laden. Denn es gibt ein paar Zutaten die wir brauchen. Wenn ich einen richtig edlen Abend machen will, gehe ich hierfür meistens sogar in den Bioladen. Da ist das Gemüse einfach besser. Und wir brauchen Gemüse. Viel Gemüse.

  

Ich tue in mein Curry gerne:

  • Zwiebeln
  • Knoblauch
  • Ingwer
  • Süßkartoffeln
  • Kürbis
  • Aubergine
  • Zucchini
  • Lauch
  • Paprika
  • Kichererbsen aus der Dose
  • Kokosmilch aus der Dose

Aber ihr könnt natürlich alles einkaufen worauf ihr Bock habt. Möhren, Pilze, Kaiserschoten und anderes eignen sich auch. Also greift einfach wonach euch der Sinn steht. Die Regel: von allem zwei. Bis auf den Kürbis, da müsste je nach Größe ein halber reichen.

Jetzt geht es an die Gewürze. Für Erstlinge ist das erstmal eine Anschaffung. Aber es lohnt sich, denn man kann die Gewürze vielseitig einsetzen und sie halten auch eine ganze Weile.

Essenziell sind hier:

  • Curry (ist ja klar)
  • Curry-Paste
  • Curcuma/Kurkuma

Ich benutze aber auch gerne noch: Kreuzkümmel, Koriander, Cayenne Pfeffer und Paprika.

Nach und nach wird sich eure Sammlung bestimmt erweitern. Aber mit den oberen Drei seid ihr erstmal bestens versorgt.

Also, alles einstecken und ab nach Hause, denn jetzt wird geschnippelt. Jeder kriegt ein Brett und ein Messer. Das Gemüse wird in Würfel geschnitten, fangt am besten mit den harten Dingen an, die kommen nämlich als erstes in den Wok.

Einer bekommt die ehrenvolle Aufgabe Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer zu schneiden. Alles drei am besten in ganz kleine Würfel.

Während dessen könnt ihr euch schon an den Herd stellen. Schließlich seid ihr der Chef-Koch. Ersteinmal Öl in die Pfanne. Ich benutze am liebsten Kokosfett, davon gut zwei-drei Esslöffel. Im Wok sollte sich ein kleiner See bilden.

Hier schmeißen wir jetzt die Zwiebeln-Knoblauch-Ingewer Würfel rein. Schön scharf anbraten, aber nicht verbrennen lassen.

Sobald die Zwiebeln glasig-braun sind kommen die Gewürze dazu. Eine ordentliche Portion Curry, Curry-Paste und Kurkuma. Es sollte ein wenig in der Nase brennen, wenn ihr über dem Wok einatmet. Da wir sehr viel Gemüse haben, könnt ihr ruhig ausladend mit den Gewürzen umgehen.

  

Ein Blick auf die Schnippler. Der halbe Kürbis und die Süßkartoffeln können jetzt in den Wok. Ordentlich in den Gewürzen schwenken, bis sie komplett damit vermischt sind. Für eine weiter Weile scharf anbraten, dann das restliche Gemüse dazuschmeißen. Das ist dann der Moment in dem ihr denkt: ach du kacke, wir haben viel zu viel Gemüse. Aber keine sorge, zum einen kocht es noch ein, zum anderen kann man Curry ideal auch noch am nächsten Tag essen.

Das Gemüse vorsichtig Wenden, so dass es gleichmäßig angedünstet wird. Sobald das der Fall ist, die Kichererbsen und alles mit zwei Dosen Kokosmilch ablöschen. Und jetzt kommt der beste Teil: Deckel drauf, Chips aufmachen und entspannt ein Weinchen trinken. Wer will schon an einem Abend mit Freunden die ganze Zeit in der Küche stehen.

Und da immer mal der ein oder andere zu spät kommt, kann das Curry schön lange köcheln. In fact: Je länger desto besser.

  

Jetzt könnt ihr zusammen sitzen, auf die restlichen Gäste warten und gemütlich schwatzen. Ab und zu mal den Deckel anheben und vorsichtig umrühren, damit nichts anbrennt. In jedem Fall würde ich das Curry mindestens eine Stunde auf dem Herd lassen. Für den übergroßen Hunger gibt es ja Chips.

Manche essen ihr Curry gerne pur oder mit Brot. Ich bin aber ein absoluter Reis-Fan. Also mache ich meins mit Reis.

Für sieben Leute koche ich meist 500g Jasmin-Reis oder zwei Heisenberg-Tassen.

Den trockenen Reis in einen Topf geben und waschen. Das habe ich von einem Freund gelernt, der lange in Indonesien gelebt hat. Einfach Wasser dazugeben, leicht schwenken und das Wasser wieder abgießen. Das könnt ihr zwei-drei mal wiederholen. Dann die doppelte Menge Reis an Wasser hinzugeben. Also 1L oder vier Heisenberg-Tassen. Alles auf den Herd stellen, Deckel drauf und bei fast voller Flamme zum kochen bringen. Zwischendurch umrühren. Sobald das Wasser kocht, könnt ihr es etwas runter drehen. Hier kann es schnell passieren, das man den Reis vergisst, während man sich unterhält. Wenn der Reis langsam aus dem Wasser hervorkommt könnt ihr die Flamme noch etwas weiter herunter drehen. Dann nochmal umrühren und auf kleinste Flamme stellen. Ist der Reis fertig, einfach Flamme abdrehen und Deckel drauf lassen. Auch der Reis kann eine Weile so stehen bevor er serviert werden muss. Macht euch also um Timing keine Sorge.

Wenn dann alle eingetrudelt sind und Hunger haben, könnt ihr das Tischdecken in die Wege leiten. Dann zwei Untersetzter auf den Tisch und königlich das Curry hineintragen.

Und jetzt kommt der wichtigste Teil. Einen Menschen finden, der den Reis auftut und einen, der das Curry auftut. Nach der Zeit in der Küche könnt ihr euch einfach hinsetzten und bedienen lassen.

Ist ja schließlich Curry für alle.

  

Und wenn doch noch was übrig bleibt, habt ihr am Tag danach noch was für euch. (Schmeckt dann sogar noch besser!)

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Royal: Interview mit Katrin

Hey Katrin! Du bist Malerin, Autorin, Agentin. Wann wurde dir klar, dass du Künstlerin bist?

Sehr früh. Obwohl ich mich nicht erinnere, habe ich mit meinen Eltern im ersten Lebensjahr in einer WG mit einer Künstlerin gewohnt. Der Geruch von Ölfarbe ist ein Trigger! So mit 8 oder 9 Jahren war es mir aber ganz klar, ich will Malerin werden. Ich habe ständig gemalt, das war mein Ding.

Was bedeutet ein künstlerisches Leben für dich? 

Also einmal gibt es das Leben als Künstlerin. Das heißt, man macht Kunst, denkt über Kunst nach, redet über Kunst, geht in Ausstellungen. Eigentlich die ganze Zeit. Egal, ob man malt oder schreibt oder Musik macht, es erfüllt die ganze Existenz 24/7.

Und dann kann man auch sein Leben auf sehr kreativ-künstlerische Art gestalten und leben. Also freie Lebensmodele entwicklen, mit Kindern, ohne Kinder, auf einem Hausboot, in einem Baumhaus. Also die Lebensart zu einer eigenen Kunst erheben. Beides finde ich spannend.

Was hat Kunst mit royal zu tun? 

Für mich ist Kunst die Krone der Schöpfung. Man hat Basisbedürfnisse: Essen, Wärme, Schutz, Freunde, Liebe und so weiter – und wenn das alles befriedigt ist, dann hat man Zeit und Kraft für Kunst. Das ist ein Luxus. Klar, Künstler hungern für ihre Kunst, das ist nicht sehr royal, aber sie wissen, dass wir Menschen Royalität brauchen, uns täglich daran aufrichten müssen, dass es etwas Höheres, Größeres, Schöneres als den Alltag gibt. Wenn ich an die Menschen denke, die Zeit und Kraft für Kunst haben, dann sind das Menschen, die sich selber eine kleine Krone aufsetzen können, weil sie aus dem niedrigen Trubel raus sind. Sie können sich KUNST leisten.

Als Autorin hast du deinen eigenen Verlag eröffnet, als Agentin eine Agentur. Bist du gerne ,in charge’?

Ja, ich bin gerne der Boss. Das war schon als Kind so. Erstgeborene, Bestimmerin, Nerverin, immer die Ideen, alle sollten machen, was ich wollte. Meine armen Brüder …

Und was sind Aufgaben, die du lieber abgeben würdest? 

Ganz klar, die „niedrigen“ Aufgaben, die man ohne Nachdenken machen kann. Routinesachen. Aber – ich bin auch der Meinung, dass man etwas lernt, wenn man Dinge selbst macht und nicht immer abgibt. Ich habe also alles selbst gemacht und weiß jetzt, was ich von anderen erwarten und verlangen kann. Ich hoffe, das macht einen besseren Boss aus mir.

Aufgewachsen bist du in Berlin. Was reizt dich an der Stadt? 

Na, die Stadt ist eine der besten, großartigsten, tollsten, lebendigsten Städte der Welt. Punkt. Da lässt sich absolut nichts hinzufügen. The best!

Du bist ja dann als Jugendliche in ein besetztes Haus gezogen. Wie kam es dazu?

Ich wollte immer ein aufregendes Leben haben. Neue Strukturen, etwas erfinden, etwas herausfinden. Abenteuer. In den 80er Jahren war die Hausbesetzerszene genau das. Ein Aufbruch, ein Abenteuer.

Hatte das für dich etwas royales? 

Nope, das war ganz und gar nicht royal. Na ja, vielleicht ein wenig, weil ja auch ziemlich royale Häuser besetzt wurden. Also auch Villen in Zehlendorf mit Swimmingpool und Zimmerfluchten und Kronleuchtern. Aber die Bewegung selbst war mehr: das Proletariat im Kampf gegen die Bonzen=Hausbesitzer.

Und wieso bist du dann später nach Potsdam gezogen? 

Ach, schon als Kind – ich habe ja in Berlin-Zehlendorf gewohnt – habe ich über die Mauer gesehen und fand das da drüben spannend. So nah und doch so weit weg. Nach der Maueröffnung wollte ich da rüber. Ich wusste das irgendwie schon als Kind, die Mauer wird irgendwann fallen und dann geh‘ ich da rüber.

Würdest du sagen, dass Potsdam royaler ist als Berlin?

Ja. Potsdam ist ja von Friedrich ganz bewusst royal aufgebaut worden. Alles dreht sich hier um diese royale Identität. Sie haben sogar das Schloss in Potsdam wieder aufgebaut.

Spielt Ästhetik für dich eine große Rolle?

Ja, ja, ja.

In deinem neuen Buch geht es wieder um Jugendliche, warum schreibst du so gerne für und über dieses Alter? 

Einmal ist es Zufall, weil ich für einen Kinderfilmproduzenten gearbeitet habe, der ein Jugendformat (fürs TV) von mir wollte und dann bin ich da so reingerutscht.

Auf der anderern Seite ist das Alter einfach spannend. Da passiert so viel.

Und was sind Dinge die du von deinen Hauptcharakteren lernst? 

Toleranz. Sie sagen mir immer: Hey, schau mal, so geht es auch!

Könntest du dir vorstellen einmal einen historischen Roman zu schreiben? 

Ja.

Wären dort auch Jugendliche die Hauptpersonen?

Oh, interessanter Ansatz. Denn Jugend ist ja historisch gesehen ein junger Begriff. Früher gab es keine Jugend, da war man Kind und dann gleich erwachsen und wurde manchmal auch schon als Kind wie ein kleiner Erwachsener angezogen.

Was bedeutet „royal“ für dich?

Kopf hoch, Krone auf, Verantwortung übernehmen. (Siehe meinen Fokus-Beitrag zu Royal;)

Royal: The Crown
Royal

Royal: The Crown

Die Krone in Netflix’ „The Crown“ steht nicht nur für den prunkvollen Kopfschmuck, der Elisabeth, 25 Jahre alt, auf dem Kopf platziert wird. Sie steht für eine Institution. Und für die junge Königin für eine Lebenshaltung. Frisch gekrönt, repräsentiert sie, als Hauptdarstellerin der royalen Show, all das, was die Krone ausmacht. Für Elisabeth bedeutet das, dass sie sich an eine neues Leben gewöhnen muss. Ein Leben im Rampenlicht zwischen Entscheidungen und Zeremonien.

„The people look to the monarchy for something bigger than themselves.“

Was im grellen Scheinwerferlicht nicht ins Bild einer Monarchin passt, muss verborgen oder gänzlich aus aus ihrem Leben getilgt werden. Es beginnt ein Prozess des Reinemachens, in dem die ungezügelte Lebensart des Ehemanns, die ausufernden Trotztiraden der Schwester und diverse unzuverlässige Staatsmänner unter die Lupe genommen und korrigiert werden müssen.

Bei Tageslicht muss die königliche Familie den Erwartungen einer royalen Einrichtung entsprechen, bei Mondlicht wandern die Schatten durchs Haus. Hinter der Fassade brodelt es.

Um sie herum arrangieren sich ihre Mitmenschen mal mehr mal weniger glücklich mit den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Schnell wird klar: Nicht jeder ist dafür gemacht, ein „royales“ Leben zu führen. Perlen und Juwelen, raschelnde Seide und kühler Marmor helfen nicht weiter, wenn zwischen den Prunk eine Person geklemmt ist, die sich nicht ausdrücken kann. Nicht authentisch lieben, leben und lernen kann. Wenn kein Raum für Fehler ist und keine Freiheit zum Experimentieren, welken neben Elisabeth selbst die glamourösesten Persönlichkeiten.

Sie hingegen versucht, herauszufinden, wo zwischen all den Regalien Platz für eine Privatperson ist.
Und  muss beginnen ein Bild zu formen, von der Königin, die sie sein will. Die Entschiedenheit und Hingabe mit der Elisabeth sich dieser Transformation widmet, ist bemerkenswert und wird zum Kernstück der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt. Kann ein Mensch zu einem Symbol werden? Wie viel Persönlichkeit verträgt ein Idol?

Mit stoischer Robustheit unterzieht sie sich den Feuerproben einer frischgekrönten Herrscherin. Jede Herausforderung macht sie stärker. Resoluter.

„Yes I am Queen. Bit I am also a woman. And a wife.“

Natürlich ist Elisabeth’ Position ebenso eigenartig wie einzigartig. Dennoch erkennt man in ihren majestätischen Bemühungen, den Eindruck von Effizienz und Transzendenz aufrecht zu erhalten, auch unsere eigene Art in die Welt  hinauszutreten. Auf Biegen und Brechen zu versuchen, elegant und professionell zu wirken, während sich hinter den panischen Augen das Chaos weitet. Als gäbe es eine Sphäre, in der die Absurditäten und Ungereimtheiten unserer Erfahrung keinen Platz finden. Das öffentliche Leben.

Kaum überschreiten wir die Schwelle unserer heimlichen Existenz, geben wir uns Mühe, das Bild zu erfüllen, dass man von uns zeichnet. Schattenhüpfen und Pantomime bis hinter die nächste Litfasssäule, dann weiter bis zum Backstand und nach anständigem Geplauder hinter den sicheren Schreibtisch. Dort kann man das Leben ordnen. Flitschgummies hierhin, Büroklammern dorthin. Nur das Prickeln im Nacken erinnert uns daran, beobachtet zu werden.

„Who we are is not what we wear or what glitters. It’s the spirit that defines us.“

Das Leben seit Elisabeth Thronbesteigung ist freier geworden. Wir dürfen wählen, was wir sein wollen, wer wir sein wollen, wie wir sein wollen.

Doch wie viel von den unsichtbaren Anforderungen an einen anständigen Menschen haben wir hinter uns gelassen? Was trauen wir uns nicht zu zeigen? Von was sind wir überzeugt, könnte sich unser Ruf nicht erholen? Was repräsentieren wir, wenn wir das Haus verlassen?

Elisabeth’ Ringen um Fassung und Vermögen erinnert uns daran, ab und an den Mantel abzuschmeißen und barfuss durch das Gras zu walzen. Bis zum Hals in Ungereimtheiten zu baden, Löcher in die Luft zu starren, nicht der zu sein, für den man uns hält. Das Floß vom Ufer abzustoßen und eine Weile lang zu treiben. Zu hinterfragen, wo wir uns klein machen, verstecken und verbiegen und mit Respekt und Hingabe dem Leben Stück für Stück seinen goldenen Glanz wiederzugeben. Komplett mit Schatten. 

Royal

Royal: Royal Evening

Die Idee des Royal Evening

Manchmal flashen mich Kunstwerke//Bücher//Filme so sehr, dass ich eine spontane Eingebung bekomme. Der goldene Strahl aus dem Himmel, direkt in meinen Kopf. So war das mit dem Royal Evening. Eine Idee, die mir kam, als ich eine Serie auf Netflix sah. Als Netflix-Fan bin ich besonders fasziniert von den Eigenproduktionen des Senders und ganz besonders von den neuen Dokumentationen. So stylish! Intelligent! Geschmackvoll! Persönlich UND informativ. Bei Chef’s Table kam alles zusammen.

Eine Serie über die besten KöchInnen der Welt. Ich fühlte mich den Chefs sofort verbunden: Perfektionisten, Workaholics, Künstler. Detailversessen, neugierig, künstlerisch-kreativ, ungeduldig, cholerisch, ambitioniert, ehrgeizig. Besonders spannend fand ich die Kombination von Künstler-In und Geschäftsmann/frau. Denn wer sein eigenes Haute-Cuisine-Restaurant eröffnet, muss beides schaffen: Genial kreativ-künstlerische Gerichte erfinden und genug Kunden anziehen. Ich wusste auf einmal, hier steckt sehr viel Information, die ich für meine eigene Situation nutzen kann. Hier finde ich eine Tonne von Antworten auf Fragen zu meinem eigenen Leben.

Royaler Leben

Ich denke, ich kann mit jeder Situation mit jedem Problem, mit jeder Arbeit klarkommen und umgehen, wenn sie mir auf eine geschmackvolle Art und Weise präsentiert wird: Von Geburt bis Tod und alles dazwischen. Ich mag, dass wir Menschen Formen für bestimmte Ereignisse gefunden haben. Geburt ist ein Festtag: Weiß, hell, sonnig, Blumen, Karten, Fotos, Freude. Und wenn etwas tragisch, traurig oder sogar schrecklich ist, dann haben wir eben eine andere Form: Schwarz, Tränen, Blumen, Karten, Regen. Blumen und Karten scheinen immer dazuzugehören, heute ist es vielleicht eher eine Mail, aber egal: Es gibt eine Form, es gibt ein Protokoll. Das nenne ich royal.

Seeigel a la Haute Cuisine

Natürlich weiß ich, dass das Protokoll eine sehr formalisierte Handlung ist und dahinter eine Menge Messiness lauert. – Amber hat es ja in der letzten Woche sehr gut geschildert. Dass Geburten mit sehr viel Flüssigkeit und Blut und Einblicken auf intime Körperteile und Momente verbunden sind. Und reden wir erst gar nicht vom Tod …

Doch wenn man der Sache eine royale Form gibt, dann schützt man sich, indem man sagt: „Hey, egal, wie müllig und verdreht es gerade in mir aussieht, ich halte den Kopf oben.“ Ich mag das. Ich mag, wenn Königin Elisabeth von England – egal was für verrückte Dinge gerade im Könighaus passieren – sich ihre klatschbunt-hässlichen Kostüme anzieht, einen dummen Hut aufsetzt und den Kopf oben hält. Ich mag das!

Abgründe

Aber natürlich kann man die Sache auch andersherum betrachten und so ging es mir zwischen 2015 und 2016. 2015 hatte ich ein Literaturstipendium auf einen Schloss bekommen. Mein Leben wurde mit Gold übergossen, dachte ich, doch als ich dann tatsächlich auf dem Schloss ankam und die anderen Stipendiaten traf, da sah alles ganz anders aus. Missgunst, Aggression, Ausgrenzung, Neid, extremer Ehrgeiz.
Auf einem Gruppenfoto wurde sich in die erste Reihe gedrängelt, statt zu arbeiten wurden neue Stipendien gesucht, weil das offenbar der Sinn eines Stipendiums ist – das nächste zu bekommen. Und ich spare mal die zahllosen Affären, denen sogar verheiratete KünstlerInnen offenbar nicht aus dem Weg wollten – aus. Das Gleiche spielte sich zur gleichen Zeit in dem Verlag ab, der die Rechte von vielen meiner Bücher erworben hatte und mir immer wie ein goldener Stern am Himmel der Verlagswelt erschienen war: Hinter den Kulissen sah es – extrem messy aus.

*(Fastforward 2018: Das Stipendium auf dem Schloss gibt es nicht mehr, tatsächlich erlebte ich einen Niedergang. Was den Verlag angeht – ich bin froh, dass ich meine Rechte zurückbekomme.)

Chef’s Table

2015 war die Netflix-Serie wie eine Offenbarung für mich. Sie zeigte mir nicht nur das schön gestaltete Essen der Haute Cuisine, sondern auch die Messiness, die sich hinter den Kulissen oft abspielt. Das ist vor allem der Großzügigkeit der ChekfköchInnen zu verdanken, die sich für diese Dokumentation extrem öffnen, von ihrem Leben erzählen, ihrem Scheitern. Aber eben auch von ihren Kampf um Schönheit und Royalität. Es ging um Essen – aber auch um so viel mehr. Jedes Mal, wenn ein neuer Koch in der mitterlweile 4 Staffeln langen Serie vorgestellt wurde, war ich in einer neuen Welt, doch immer war es der gleiche Kampf, die gleiche Challenge: Wie bringe ich Wunder an Schönheit, Eleganz, Nachhaltigkeit, Größe, Gesundheit in die Welt und bleibe ein einigermaßen anständiger Mensch// GeschäftsFrau/mann//Ehemann/frau. Denn der Zweck heiligt in dieser Serie und überhaupt nicht die Mittel. Für den Kuchen von Marie Antoinette wurden die Bauern ausgebeutet, aber heute wollen wir mehr: Wir wollen Werke von großartiger Schönheit hervorbringen UND gute Menschen sein.

Oder das ist nur mein Wunsch? Das musste ich herausfinden.

Royal Evening #1

Meinen ersten Royal Evening veranstaltet ich im Juni 2016. Ein Experiment, zu dem ich die engsten Red Bug Homies einlud. Wir empfehlen uns oft Filme// Theaterstücke//Bücher untereinander, aber ich wollte nicht nur sagen: Seht euch unbedingt diese Dokumentation über Chefköche an, ich wollte ein ganzes Event um diese Aussage erschaffen. Eine bestimmte Kleiderordnung, ein Aperitif, ein 3 Gänge-Menü mit neuer Sitzordnung – und dann gemeinsam beim Dessert die erste Folge der ersten Staffel ansehen und darüber sprechen. Sehen, ob die anderen genauso fasziniert sind wie ich. Ob sie das Gleiche empfinden. Als Künstler, als sensible Menschen, als Leute, die auch irgendwie ihr Geld verdienen müssen, aber auf keinen Fall in einem Büro oder Amt oder noch nicht mal einem halbwegs normalen Job landen können, weil es diese Sehnsucht nach Schönheit und Wahrheit gibt. Etwas, das wir Menschen nur erschaffen können, wenn wir entweder Könige machen lassen, oder uns selbst zur Royalität erheben.

Der erste Chef, den ich vorstellte, heißt Massimo Bottura, er lebt in Italien. Meine Kleiderordnung hieß: Grün oder Rot (ich kam in Weiß). Das Essen war schlicht und frisch und grün/rot/weiß. Am Abend sahen wir die erste Folge und diskutierten. Es war ein wunderschöner Abend. Der Royal Evening war geboren.

Royale Erkenntnis

Ich habe nicht nur diesen, sondern noch weitere Royal Evenings veranstaltet. Der Ablauf war immer gleich: Sorgfältig zubereitetes Essen, das einen Bezug zum jeweiligen Chef hat, dann gemeinsames Ansehen der entsprechnenden Chef’s -Table-Folge beim Dessert. Ich habe mit großer Freude gekocht, dekoriert und serviert. Ich hoffe, alle haben das Essen, die Filme und die Diskussionen genossen. Doch vor allem habe ich mir selbst mit diesen Royal Evenings etwas zurückgegeben: Den Glauben an die Royalität meines Lebens. Und die Erkenntnis, dass ich – und nur ich – dafür verantwortlich bin, mein Leben golden anzumalen.

Royal

Royal: Ein Leben Sans Souci

(französisch sans souci deutsch: ohne Sorge)

Ein Leben Sans Souci, das war ehrlich gesagt als kind meine Vorstellung von einem normalen Leben. Alles andere hat in meinem Kosmos keinen Sinn gemacht. Und dann wird man älter und die große Verwunderung: „Wieso sprüht man die Bäume und Häuser nicht einfach Gold an?“

Ich bin in Potsdam geboren und aufgewachsen. Und zu meiner eigenen Überraschung habe ich einen ganz schön ausgeprägten Heimat-Stolz. Ich liebe diese Stadt. Die Seen, die Parks, die vielen Cafés, die Menschen und last but definetly not least: die Schlösser. Was soll ich sagen … Preußen interessiert mich halt. Ich habe schon viele Stunden zwischen den Regalen der Abteilung Brandenburgica in der Stadtbibliothek verbracht und mich in Biografien der Königin Luise verloren.

Goldene Stadt

Friedrich II oder auch Friedrich der Große oder ‚Der alte Fritz‘ ließ Sanssouci von 1745- 1747 nach Entwürfen des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbauen. Es sollte sein Sommerschloss, sein Erholungsort im Stil des Rokoko werden. Und da das Leben in Preußen eben alles andere als Sans Souci war, war es vor allen Dingen eine Flucht vor den Kriegen und der Frau. Friedrich soll ein ziemlich sensibler Junge gewesen sein. Sich mehr für die Dichtkunst und das Flöte spielen, als für Krieg und die Unterweisungen seines Vaters interessiert haben, der ihn oftmals gewalttätig zurechtgewiesen hat. Er war ein kleiner Rebell und plante mit seinem damaligen besten Freund Hans Hermann von Katte die Flucht vor seinem gewalttätigem Vater nach Frankreich. Als das aufflog, ließ sein Vater Katte vor den Augen Friedrichs köpfen. Kein Wunder, dass man da von dem Leben ohne Sorge träumt.

Für Friedrich ging es als weder vor noch zurück. Wer weiß, vielleicht hat er nach Jahren irgendwann Gefallen an den Kriegen gefunden. Aber im Endeffekt hat er mit Sanssouci genau das versucht. Er hat sein Leben golden angesprüht und sich ein goldenes Schloss bauen lassen (Na ja Gelb, aber ihr wisst was ich meine).

Ich spaziere also durch Sanssouci und frage mich, ob ich das jetzt doof finden soll? Vor seinen Problemen fliehen? Sollte man nicht dem Ernst des Lebens ins Auge blicken? Zumindest eins habe ich in meinen jungen Jahren gelernt, man sollte die Sorgen in seinem Leben dankbar annehmen, denn wenn man sie ignoriert, werden sie nur größer und komplizierter und die Lektionen immer härter. Ich frage mich, ob Sanssouci Friedrich zu einem glücklicheren Menschen gemacht hat? Ich frage mich, wovor ich fliehe?

Wer ein kleines Leiden nicht ertragen kann, muß auf große gefaßt sein. – Jean-Jaques Rousseau

Eine Stadt ohne Sorgen

Lange sind die Diskussionen von dem Abriss der FH Potsdam an mir vorbeigezogen. Ich kannte mich zu wenig aus, um ernsthaft Stellung beziehen zu können. Oberflächlich gedacht: ‚Hm, nee, die FH ist nicht schön.‘ Aber irgendwie fühlt es sich falsch an, sie abzureißen. Das Viertel um die lange Brücke hat sich sehr stark verändert. Früher war das Filmmuseum das einzige Prunkvolle in der Gegend. Inzwischen sieht es aus, als ob jemand alles glatt geschmirgelt und dann mit dem neuen Dyson Staubsauger einmal drüber gefahren wäre. Leblos.

Und ich habe mich auch verändert. Ich kann nicht mehr von mir behaupten, dass ich kein Outdoor Typ bin. Zum Glück. Denn es gibt sehr viel Schönes, was vor der Tür auf einen wartet. Sehr viel kuddelmuddeliges. Und ich habe keinen Bock auf ein preußisches Potsdam. Denn wenn ich darüber nachdenke, liebe ich genau das an Potsdam. Die Mischung. Dass man vom Schloss Sanssouci zur Waschbar schlendern kann. Dass im Sommer die Leute nackt neben dem Marmorpalais liegen. Dass Freunde von mir beim Neuen Palais studieren und dann zum Volleyball spielen zur Datscha kommen. Mich fasziniert das dreckige, besprayte, neben dem barocken, goldenen. Das eine wäre ohne das andere langweilig.

 Ich weiß, daß ich ein Mensch, das heißt: daß ich dem Leiden geweiht bin. Gegen Schicksalstücke hilft mir nur eins: Standhaftigkeit. – Friedrich der Große

Es ist so leicht wegzuschauen und nichts zu sagen. Sich nicht zu informieren. Vom Leben Sans Souci zu Träumen und alles geschehen zu lassen. Und am Ende sitzt man in der 4 Quadratmeter großen Buga und wundert sich wo das Freiheitsgefühl hin ist.

Ich will Sorgen haben. An meinen Fehlern wachsen, Entschuldigung sagen müssen. Und ich will nicht mehr, dass alles Gold angemalt wird. Und ich glaube ehrlich gesagt, das Friedrich das auch nicht wollte. Immerhin war er mal ein Freak.

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Potsdam #4 Schloss Babelsberg

Achtung, diese Beitrag kann Nebenwirklungen haben. Zum Beispiel Neid und Eifersucht auslösen. Schloss Babelsberg – royaler Prunk, Präsentation eines königlichen Lifstyles, Festessen an langen Tafeln, der Blick aus riesigen Panoramafenstern in eine sorgsam gepflegte Gartenanlage. Luxus, Langeweile und anschließendes Lustwandeln im englischen Garten. Irgendwie dekadent. Aber – nun kommt die frohe Botschaft: Dieser Ort und dieses Leben ist nicht mehr so exklusiv wie vor 175 Jahren, sondern – offen für alle!

Schloss Babelsberg

Schloss BabelsbergAls wir 1997 nach Potsdam zogen, waren die meisten Orte, Gebäude und Straßen fast zehn Jahre nach Wiedervereinigung und Wende immer noch in einem stark zerfallenen Zustand. Ganz besonders die Schlösser, die teuer zu erhalten sind und nicht gerade in eine sozialistische Republik gepasst haben. Aber während Gebäude zerfallen, wuchern Gärten und so war der Park Babelsberg eigentlich nur noch großartiger geworden.

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Skeptischer Blick vm Babelsberg auf Potsdam.

Ich erinnere mich an ein Familienpicknick so um 2005 oben auf dem Babelsberg vor dem Schloss mit Blick zurück nach Potsdam über das Wasser. Wie man sehen kann, war das Schloss nicht gerade ein Schmuckstück, die Aussicht aber trotzdem grandios. Trotz der skeptischen Blicke, und leider erinnert sich niemand mehr, was da gerade beobachtet wurde.
Schloss BabelsbergDie Fotos habe
ich – ganz offensichtlich – auch nicht gemacht, um das Schloss zu portraitieren und wenn ihr mich in den Fotos vermisst – ich stand hinter der Kamera. Was man gut sieht: Das Schloss war ziemlich heruntergekommen und die Wiese davor – eben eine Wiese. Grandios zum picknicken. Granidos zum rumspielen.

Throwback 1833

Wie alles begann. Die adelige Augusta trifft auf den preußischen Prinzen Wilhem, heiratet ihn, und folgt ihm an den preußischen Hof. 1833 erhält das Paar den Babelsberg als Geschenk und einen Neubau genehmigt. Ein Berg – geschenkt. So war das damals. Und klar sind royale Geschenke groß und man kann meist nur etwas damit anfangen, wenn man viel Geld hat. Also wird ein Schloss auf dem Berg nach Plänen von Schinkel gebaut und Lenné macht den Park.

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Babelsberger Schloss um 1900

Als Wilhelms großer Bruder 1840 König wird, muss das Schlösschen gleich mal erweitert werden und Fürst Pückler (ja, der mit dem Eis), der sich über die Jahre an das Prinzenpaar Augusta und Wilhelm herangepirscht hat, darf endlich die  Gartenplanung übernehmen. Schinkel stirbt, sein Schüler Persius macht weiter, was vermutlich nicht so einfach war, da Augusta ständig Änderungswünsche hatte. Auch Persius stirbt noch vor Vollendung des Baus und Strack übernimmt. Das nur, um zu erklären, wieso das Schoss so seltsam zusammengestückelt wirkt. Da die Nachfolger von Wilhem I. an diesem Schloss aber kein größeres Interesse hatten, wurde nicht weiter um- und ausgebaut, es blieb so und – zerfiel.

Schlosslose Zeiten

1945 ging das Mobiliar nach Plünderungen verloren, in DDR-Zeiten wurde das Schloss ganz profan als Akademie, Filmhochschule und schließlich als Museum genutzt.

Ich bin nicht unbedingt ein Fan davon, alte Schlösser wieder aufzubauen, weder das Stadtschloss in Berlin, noch das Potsdamer Schloss, aber dieses Schloss war nicht gänzlich weg, sondern eigentlich noch da und ziemlich intakt. Da konnte man noch was machen. Das fand dann wohl auch der Bund, sowie die Länder Berlin und Brandenburg, die zwischen 2008-17 ein Sonderinvestitionsprogramm zur Rettung bedeutender Denkmäler in Berlin und Brandenburg auflegten, mit dem auch das Schloss Babelsberg – vorerst außen – renoviert wurde.

Fürst Pückler

Schloss babelsbergDer Abschluss der Außenrestaurationsarbeiten, die auch den Park betreffen, wird nun – im noch nicht renovierten Innenbereich – mit einer Ausstellung zu Fürst Pückler gefeiert, der mich irgendwie an den deutschen Schauspieler Tom Schilling erinnert. Also wenn mal jemand eine Verfilmung dieser ganzen Schlossära ins Auge fasst …

Ich habe die Ausstellung mit Steffi besucht, die einen Presseausweis hatte, ansonsten muss man 10 Euro Eintritt zahlen, die sich lohnen, da es eine gut gemachte, schöne und mulitmediale Ausstellung und besonders der Blick aus dem Schloss in den Park besser als Kino ist.
Den Blick auf das Schloss von der Wiese aus von 2005 habe ich versuchsweise mal nachgestellt. Denn, ja, so sieht das heute aus.Schloss Babelsberg

Aber selbst wer nicht die Ausstellung im Schloss besuchen kann, die nur noch bis Oktober geht, auch die Außenanlagen sind ziemlich beeindruckend.

Schloss Babelsberg

Hier nach links und ihr kommt zum Café Babel.

Weshalb ich aber empfehle, unbedingt noch bis Oktober das Schoss Babelsberg zu besuchen, ist das temporäre Café Babel gleich neben dem Schloss. Eigentlich nur zwei Reihen mit Bierbänken und schönen Schirmen, aber es gibt einen exellenten Kaffee und Kuchen und einen großartigen Service. Dazu Fürst Pücklereis und wenn man mehr Hunger hat eine Biobratwurst oder einen Garnelenspieß vom Grill und dazu frischen Weißwein. Alles komplett erschwinglich. Wir sind jedenfalls schon voll verliebt in diesen Sommerspot.
Und um euch noch ein wenig mehr anzufixen – ein kleines Video-Snippet oder auch eine Einladung nach Potsdam auf den Babelsberg -Prost!

Ach ja, und vielleicht sollte ich doch noch die Aussicht nachtragen, die wir schon damals von der Wiese vor dem Schloss Babelsberg aus hatten …
Aussicht2Und jetzt muss ich doch ganz ernsthaft mal nachforschen, was es damals so kritisch zu beobachten gab, denn auch ohne Schloss und Café ist diese Aussicht – damals wie heute – einfach großartig.

Royal

Berlin #1 Die Pfaueninsel

Ausflug auf die Pfaueninsel

Wo geht man hin, wenn man als Familie einen Ausflug unternehmen will? Am Vatertag, um den Vater zu feiern, weil der  – glücklicherweise – kein Bedürfnis hat, sich mit Freunden zu betrinken oder grölend auf einem Fahrrad mit Flieder am Lenker durch die Gegend zu schaukeln. Amber schlägt die Pfaueninsel vor. Pfaueninsel
Eigentlich schon Berlin (22 km vom Stadtkern), aber gefühlt genauso gut Potsdam (5 km vom Stadtkern), locker mit dem Rad zu erreichen, und dazu noch genau die Natur, die wir als Städter vertragen: gepflegte, sortierte, geschönte, erhobene – kurz royale Natur.

Born in Berlin

Ich bin Berlinerin. In Berlin-Charlottenburg geboren, in Zehlendorf zur Schule gegangen, hier hatte ich meine Ateliers, habe an der FU studiert, meine ersten beiden Kinder geboren. Also wirklich Berlinerin. Dazu noch geborene Westberlinerin, was vermutlich nur der verstehen kann, der das auch erlebt hat: Eine Stadt ohne Umland. Ohne wirkliche Landschaft oder Land, auf das man fahren könnte.

über Trip Advisor

Raum im Schloss auf der Pfaueninsel

Wenn ich mich als Kind an Ausflüge mit der Familie erinnere, dann waren das meist Radtouren. Da wir im Außenbezirk der Stadt wohnten, endeten die dann sehr schnell an der Mauer, was mich nie gestört hat. Und dann gab es Ausflugsziele wie: Glienicker Schlosspark, Märchenwald, Schloss Charlottenburg und – Pfaueninsel. Alles noch im Westen der Stadt und wie mir gerade auffällt: Orte, die mein Weltbild vielleicht mehr geprägt haben, als ich bisher dachte. Orte, die es einem erzählen, dass das Leben auf jeden Fall nicht normal sein sollte, wenn man später mal groß und erwachsen ist. Nicht, wenn es Ballsäle mit großen Kronleuchtern gibt, Zimmerfluchten mit riesigen Bildern an den Wänden, Räume deren Parkett so wertvoll ist, dass es nur in Filzpantoffeln betreten werden darf und eine Insel, auf der Pfauen frei herumspazieren. Ja, so wollte ich leben. Royal. Irgendwie.

Kings are crazy

Wenn man heute Schlösser wieder aufbaut und das mit der Mentalität von Königen in Zusammenhang bringt, dann liegt man gründlich falsch. Jedenfalls was die preußischen Könige angeht. Die wollten nicht zurückschauen und das Alte bewahren. Dann hätte man auf der kleinen Insel, die heute die Pfaueninsel ist, die erste wendische Siedlung wieder aufgebaut. Nein, die preußischen Könige wollten Fortschritt und modernen Lifstyle. 1865 schenkte der Große Kurfürst die Insel dem Alchimisten und Glasmacher Johannes Kunckel. Kunckel sollte dort forschen, Alchemie betreiben, vielleicht versuchen, Gold herzustellen. Alles streng geheim. (Wer literarische gerne tiefer eintauchen möchte, Buchtipp: Die Pfaueninsel von Thomas Hettche.)

Der nächste König fand diese Forscherei dann überflüssig, entzog Kunkel die Unterstützung und die Insel, die 100 Jahre ungenutzt blieb.

Liebe, Sex und Modern life

Erst unter Friedrich Wilhelm II., dem Neffen und Nachfolger von Friedrich dem Großen, der für ewig Preußens Über-König bleiben wird, wurde die Insel endlich wieder genutzt. Schon als Kronprinz soll Friedrich-Wilhelm die Insel mit der 13-jährigen bürgerlichen Wilhelmine zu romantisch-erotischen Aufenthalten besucht haben. Im Alter von 15 Jahren wurde Wilhelmine schwanger; vier weitere Kinder folgten. Sie blieb seine Mätresse und wurde 1796 sogar Wilhelmine Gräfin von Lichtenau.

PfaueninselGemeinsam machte sich das Paar die Insel schön. Ein kleines Schoss, das Wilhelmine „modern“ und gewagt mit verschiedenen Stilen einrichtete.  Teuer, verrückt und bis heute vollständig erhalten. Als Kind hat mich besonders die Besichtigung des Schlosses fasziniert. Filzpantoffeln auf knarzendem Parkett, Räume, die man ehrfürchtig durchschlurfte. Ein Turmzimmer im Stil einer Bamushütte!

Damals und heute

In Berlin hat sich ziemlich viel seit meiner Kindheit geändert. Ich könnte auch sagen, fast alles, denn die Stadt ist nicht mehr geteilt und ich wohne nun in Brandenburg-Potsdam, einer Gegend, die ich als Kind und Jugendliche nur von Westberlin aus sehen konnte, rüber gehen war keien Option. Doch auf der Pfaueninsel ist – alles noch so wie früher. Klar, das liegt auch daran, dass die Insel unter Natur- und Denkmalschutz steht und sich hier nichts verändern darf, aber erstaunlich fand ich es trotzdem.

PfaueninselLogisch, die zum Teil mehrere hundert Jahre alten Eichen waren damals schon gigantisch und die Rasenflächen und Rosengärten sind auch noch da. Vielleicht haben sich die Pfauen am meisten verändert. Eine neue Generation, die man nicht zufällig mit Blicken erhascht, sondern die sich auf auf freigescharrten Plätzen nicht nur den Pfauenfrauen, sondern auch gerne den Besuchern präsentieren. Die Touristen zücken sofort ihre Fotoapperate, obwohl  Mr. Pfau noch nicht mal ein Rad schlägt. Echt mal! Als Familie im Filmbusiness bleibt man bei solchen Auftritten nicht stehen, man geht einfach-schnell-weiter.

Was geht?

Auf der Insel ist so ziemlich alles verboten. Auto und Rad fahren, Rauchen, Hunde, Campen, skaten.
Foto von Amber BongardAber es gibt eine Liegewiese, dort ist Picknicken erlaubt, die wir dann auch direkt ansteuerten. Ja, Redbugx sind eine Spezies, die oft und gerne isst. Teils vegan, aber trotzdem bunt. Geschirr bringen wir umweltfreundlich auch mit und Sekt und Gläser. Schließlich gibt es was zu feiern. Moderner Lifestyle.

Die Liegewiese ist locker mit Gruppen besetzt, eine koreanische Reisetruppe spielt ein Ballspiel, dessen Regeln uns bis zum Ende absolut unklar bleiben. Wir diskutieren, ob das Höschen des Volleyballers eine Badehose oder ein Faux Pas in der Öffentlichkeit ist, alles ganz entspannt.  Und was war noch mal mit den Pfauen?Foto: Amber Bongard

Irgendwie hat uns ein Pfau für seine Performance auserwählt (nun ja, wir sind Agenten) schreitet bis zu unserer Liegestelle und – wow – schlägt sein Rad.  Foto: Amber BongardYes, Sir.  Weswegen der eigentlich gekommen ist, wird kurz darauf klar, als er mal eben die Rinde einer Melone entdeckt und – urrgs – einfach so herunterschlingt. Während uns noch die Frage beschäftigt, ob er gleich tot umfällt, pickt er weiter und schlägt noch mal ein Rad. Danke, für die Aufmerksamkeit – und die Melonenschale. 

Show off

Pfaueninsel

Der Pfau und eine Schar von Touristen, die um unsere Picknickdecket tippeln, werden uns bis zum Spätnachmittag nicht mehr verlassen. Im Mittelpunkt zu stehen, macht auch Spaß. Der Pfau weiß das und wir auch. Ein sehr relaxter Tag.

Uwe macht dann noch mal ein Fotos für die Schauspielkartei, der Typ ist eindeutig sehr leicht zu vermitteln und sehr gut sieht er auch aus.

Um 19 Uhr muss man die Insel wieder verlassen haben, dann geht die letzte Fähre. Wir laufen barfuss zurück, ein Abstecher zum Schloss, das golden in der Sonne liegt. Dann bis zum Fährhaus, an dem man übersetzt, zurück aufs Festland. Etwas warten, gerade genug Zeit, um auf dem Handy den grandiosen Blogbeitrag von Uwe zu Luther und Himmelfahrt zu lesen und zu feiern.

Die Fähre ist fast so lang wie der Abstand zum Festland, aber die Fahrt gehört eindeutig dazu. Beim Übersetzen eine kleine Diskussion darüber, wie erschreckend perfekt der Tag war. Fast zu gut, um wahr zu sein. Ich sehe in den Himmel, an dem majestätisch ein Greifvogel kreist und mir wird auf einmal klar klar, das ich es habe, das royale Leben, das ich mir immer vorgestellt habe. Und dieser Pfau … die Insel ist einfach magic.