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Ausdauer: Interview mit Ulrike Schlue

Ihr werdet es gleich merken, Ulrike Schlue hat ein Leben, das glaub man nicht. Ich habe Ulli 2015 kennengelernt, als ich Teil der Potsdamer Theatergruppe Tarántula wurde. Ulli hat eine unglaubliche Energie. Sie gibt einem Kritik, aber immer so, dass man sich gelobt fühlt und trotzdem an seine Grenzen geht. Sie ist ein Vorbild, in ihrer Art zu leben, mit Mitmenschen umzugehen, Vertrauen zu haben. Theater spielen fordert vor allen Dingen meine Ausdauer. Und damit kennt sich Ulli aus. Ausdauer braucht sie mit 12 Jahren Zelttheater, Leben in einer Kommune, Jugendtheatergruppen mit wilden Jungs und Mädchen, als Frau und Freundin. Ulli leitete fast 20 Jahre lang Jugendtheatergruppen des Offenen Kunstvereins Potsdam (Okev). Vor drei Jahren ging sie in das Stadium als Privatgelehrte …. sie hat zwar die Leitung der Theatergruppe abgegeben, aber sie hilft beim Organisieren, gibt Kritik und Gastauftritte bei Tarántula.

Hey Ulli, fangen wir vorne an … wann kam bei dir der Wunsch ans Theater zu gehen?

In der Volksschule, bei Fräulein Kruft, sollten wir ein Märchen spielen und ich spielte Rumpelstilzchen. Ich war ein stilles Kind, aber ich erinnere mich, wie ich einmal in dieser Klasse aus mir rausgehen und aufstampfen konnte und wirklich brannte. Da war ich so glücklich. Da kam das erste mal die Idee: Ach, ich möchte eigentlich Schauspielerin werden. Aber daran war gar nicht zu denken. Aus vielen Gründen. Erstmal Ruhrgebiet, die Vorfahren eben Bergarbeiter und Bauern, und dann in der nächsten Generation immerhin schon, mein Vater Volksschullehrer und meine Mutter Krankenschwester. Für mich kam es nie in Frage, Schauspielerin zu werden. Ich traute mir das auch nicht zu. Also einmal, ich bin ja klein, und in nem bestimmten Alter findet man sich sowieso nicht hübsch, und ich dachte immer, man muss Groß sein wie Catherine Deneuve. Aber bei Schulaufführungen war ich immer in der ersten Reihe. Und da gab es mal ne böse Bemerkung, als eine Lehrerin sagte: »Wieso spielt die da die große Rolle. Die hat doch nen Sprachfehler.« Den hatte ich wirklich, aber das war so taktlos damals, wie es rauskam. Das war wirklich verletzend. An dem Sprachfehler habe ich aber auch mit sehr viel Ausdauer gearbeitet. Und auch an meinem Ruhrpott Slang. Sodass ich zumindest Hochdeutsch sprechen kann und diesen s-c-h-Fehler. Das sind so Sachen, die mir wichtig sind, da geb ich dann auch nicht auf, bis ich das hinkriege.

A free Spirit! (Auf dem Beutel das Logo der Theaterperformance ‚Foreign Bodies‘ mit Gruppen aus Spanien, Italien und Deutschland)

Also hattest du schon als Kind Ausdauer?!

Ja, in zwei Sachen: Sport und Mathematik, da wollte ich gerne gut sein. Und zwar Mathematik, weil es mir nicht lag, Sprachen flogen mir zu, das wusste ich, aber ich wollte Mathematik begreifen. Und ich begriff es nicht und setzte mich nachmittags mit Freundinnen zusammen, kam aber mit Mühe und Not durchs Abitur, mehr war nicht drin. Aber Sport … Sport war eins meiner Liebsten. Und ich war in Leichtathletik, ich wollte das, aber ich war einfach zu klein, hatte zu kurze Beine. Ich konnte nicht sprinten, nicht springen und auch nicht werfen, aber im Langstreckenlauf war ich gut. Das wurde dann mein Ehrgeiz. Da konnte ich meine Kraft einteilen. Das ist fürs Theater interessant, das ich immer noch für nen Endspurt aufdrehen konnte. Laufen, gleichmäßig laufen und am Ende nen Endspurt. Das hab ich jedesmal so eingeteilt. Die Freundinnen rauchten alle schon, die blieben zurück aber im Langstreckenlauf hatte ich wirklich eine 1+. Jahre später traf ich wieder meine Lehrerin bei einem Klassentreffen. 25 Jahre nach dem Abitur. Die Turnlehrerin Fräulein Tengelmann war da und ich bin immer neugierig, wie man mich als Kind empfand und ich fragte sie: „Können sie sich an mich erinnern wie ich als Kind war?« »Ja«, sagte sie, »Sie waren unermüdlich. Wenn ein Schulausflug war, wollte ich immer laufen, laufen, laufen und in Bewegung sein. Und wenn ich etwas am Stufenbarren nicht konnte, hätte ich unermüdlich geübt.« Aber ehrlich gesagt nur die Sachen, die mir Spaß machen. Langfristig hat das alles bei mir nur Sinn, wenn es mir Spaß macht.

Und wie bist du dann Schauspielerin geworden?

Ja, dann habe ich erstmal studiert, Sozialwissenschaften und Germanistik, weil ich eigentlich Berufsschullehrerin werden wollte. Ich dachte Nö normale Schule interessiert mich nicht, aber mit Lehrlingen zu arbeiten, hätte ich Lust. Überhaupt hätte ich Lust, mit jungen Leuten zu arbeiten. Aber dann ging ne frühe Ehe in die Brüche. Gott sei dank und ich verliebte mich neu und kam nach Westberlin. Anfang/Mitte der 70er. Und da wusste ich: ‚Ne, Schule ist nichts für mich.‘ Das frühe Aufstehen, das  Begutachtetwerden, all das wollte ich nicht. Aber ich dachte, es wär vielleicht schön, mit Jungendlichen zu arbeiten. Hab dann mein Diplom gemacht in Soziologie und bin dann wieder ins Ruhrgebiet gegangen, um nen Jugendheim zu leiten. Das war ne Riesenherausforderung. Ein Haus der offenen Tür. Ein Jugendfreizeitheim. Da war ich 25. Und da hab ich als erstes von meinem Vorgänger interessanterweise die Theatergruppe übernommen. Und da merkte ich ganz schnell, das war mein Ding. Das waren alles so Arbeiter-Jugendliche. Eine herzliche direkte Art, manchmal aber auch an der Grenze zum Kriminellen. Da merkte ich aber auch schon: das ist irgendwie nicht meine Lebensaufgabe. Da war ich dann 2 Jahre und dann dachte ich, ne ich muss doch zum Theater. Ich habs einfach gemerkt. Ich hab gespürt, ich will da hin. Stadttheater, war mir viel zu starr. Die ganze freie Szene blühte ja grad auf und da war eine Theatergruppe Rote Grütze, die fand ich toll.  Die machten damals ein sehr skandalumwittertes Stück übers Liebhaben und Kinderkriegen. Das hieß »Darüber spricht man nicht«. Und zufällig las ich nen Bericht, dass die im Ruhrgebiet auftreten und gerade ne Schauspielerin suchen. Dann fuhr ich von Bochum nach Hannover und bin nach der Vorstellung zu denen und meinte: »Ich finde das toll, was ihr macht und ihr sucht doch jemanden, kann ich nicht bei euch anfangen?» »Ach naja, dann kommste mal nach Berlin zum Vorsprechen dann gucken wir weite«. Und dann weiß ich, da war außer mir noch ne junge, ausgebildete Schauspielerin. Wir beide haben improvisiert, und dann sagten die, ja wir finden euch beide gut. Da war ich natürlich selig. Aber die sagten auch, du musst natürlich noch was tun. Körper und Stimmarbeit. Das war mir aber klar. Aber ich hab einfach frech drauflos improvisiert. Technik kann man im Grunde schnell lernen. Stimme, Bewegung muss man halt üben, mit Ausdauer, aber man kann es lernen. Ja, dann hab ich meine Arbeit gekündigt, mein Auto verkauft. Und bin von Gladbeck nach Berlin gegangen.

Wie war das, mit der „Roten Grütze“ zu spielen?

So schön wie die Aufführungen waren, so schwierig war es hinter den Kulissen, sich zu behaupten. Menschlich. Teilweise war es auch ganz schön an der Grenze zum Mobbing. Das war sehr hart. Aber ich hab das durchgehalten, bis ich dann eines Tages sagte: »Leute ich kann nicht mehr, Ich muss hier aufhören.« Dann hat der Holger, also der Leiter zu mir gesagt: »Naja ist klar, aber du bist ja auch nen Steher.« Also er hat das nachträglich bewundert, dass ich nicht sofort aufgehört hab. Das war dann auch mit Ausdauer verbunden, aber wenn ich dann merke, der Punkt ist erreicht, muss ich auch loslassen und sagen jetzt kommt was anderes.

Und was hast du dann gemacht?

Dann war ich erstmal ein Jahr lang frei. Das war auch schön. Ich musste erstmal zur Ruhe kommen. Hab mich zurückgezogen und fing damals auch an, Texte zu schreiben. Und hab dann bei einer anderen freien Theatergruppe gespielt. Da hatte ich dann auch schon wieder Glück, weil die gingen sofort auf Tournee nach Skandinavien, die Goethe Institute abklappern. Das war schön. Und hatte dann ne Freundin – das is tja, jetzt 40 Jahre her – mit der ich bis heute befreundet bin. Ich bin eine sehr ausdauernde Freundin. Eine wirkliche Freundschaft bedeutet für mich Ausdauer. Von mir aus endet es auch nicht.

Ulli, 1988, irgendwo in Afrika

Naja, dann hab ich bei dieser freien Theatergruppe mitgemacht. Und hatte dann auch ein paar Filmerfahrungen. Ich wurde dann vermittelt an einen fantastischen Filmregisseur: Peter Lilienthal. Der hat tolle Filme gemacht. Und durfte dann gleich eine kleine Rolle in seinem Film David spielen. Das waren drei Drehtage und der Beginn einer Freundschaft, die ich nie im  Leben vergessen werde. Ich war drauf und dran zu sagen: Vielleicht schaff ich es doch nicht mit den Beruf, und da hat plötzlich jemand an mich geglaubt. Da hatte ich schon in einem Blumenladen gefragt, ob ich da arbeiten kann. Zu sowas muss man auch bereit sein. Wenn es mal nicht so läuft, zu sagen: gut dann mach ich halt was anderes. Das war dann so ein Blick in diese Filmwelt, wobei ich aber wusste, dass ich mich da nicht behaupten werde. Das war mir auch klar, aber ich hatte wieder den Mut fürs Theater.

Das Zelttheater „Theaterhof Priessental“

Und dann las ich in der Zeitung, es wird eine neue freie Gruppe auftreten in einem ganz kleinen Theater in Kreuzberg, und die wollen was aufbauen. Das war der Martin Lüttge und der Michel Leye. Von Martin Lüttge hatte ich natürlich schon gehört. Der war damals ein ganz berühmter Theaterspieler in Stuttgart, ein großartiger „Faust“ in der Peymann-Inszenierung. Und den mochte ich so als Schauspieler. Was der geht weg vom Staatstheater? der will nen eignes Theater machen? Das muss ich mir angucken! Dann haben die ein Stück gemacht von Athol Fugard, „Sizwe Bansi ist tot“.  Viele deutsche Künstler engagierten sich in der Bewegung gegen Apartheid in Südafrika. Und dann dachte ich: Was jetzt macht der auch noch nen politisch tolles Stück? Und in so nem kleinen Theater?  Ich ging also dahin und war hingerissen. Politisches Volkstheater war genau mein Ding. Und dann hab ich die nach der Aufführung angesprochen und hab gesagt, ich komm von der Roten Grütze. Das sagte denen natürlich was und ich finde toll, was sie machen und ob ich mitmachen kann. Und dann gab er mir seinen Tourneeplan an der Ostsee und meinte: »Ja kannst ja mal vorbeikommen, wir machen ne Tour an der Ostsee.« Ich hab meinen kleinen VW Käfer genommen und bin dahin. Und ich weiß noch: dann warf mich Martin in die Luft und meinte: »Du bist wirklich gekommen?! Alle die sagen sie finde es toll kommen nicht. Die bleiben alle in ihrer Sicherheit.« Dann hab ich die begleitet auf der Tournee. Und dann meinte er: »Komm lass dir mal zeigen wie das Licht gefahren wird. Wir machen Anfang September ne Tour in Baden-Württemberg und Regine meine Frau kann nicht, weil die Kinder in die Schule müssen. Du kannst ja mal das Licht fahren.« Klar ich war zu allem bereit. Ich habe in Berlin meine Wohnung gekündigt, alles hinter mir gelassen, mich umgemeldet und bin mit meinem kleinen VW Käfer von Berlin nach Bayern gezogen. Wirklich am Arsch der Welt. Nicht mal auf dem Dorf, sondern auf nem Einödhof. So kommunemäßig. Und einen Tag bevor die Tournee losging, war ich dann da. Dann sind wir los.

Aber dann kam raus, dass Martin einen viel größeren Plan hatte. Er meinte, er wollte eigentlich Volkstheater im Zelt machen. »Zelt haben wir schon von einer holländischen Theatergruppe. Die hab ich mal auf nem Theaterfestival, hintenrum in den „Faust“ gelassen.« Der war so ein toller Typ. Der konnte mit allen.

Klingt nach einer sehr intensiven Zeit!

Ja, in dem halben Jahr von November bis Mai, haben wir das Zelt kennengelernt, haben ein Stück gemacht, die ganze Ausstattung, und eine Tournee organisiert. Wir waren eigentlich immer am Arbeiten, entweder haben wir geprobt oder Autos angemalt, Wohnwagen angeschafft, ein Lichtpult repariert. Ich hab löten gelernt. Aber da musste man auch durchhalten. Es war ein bayrischer Winter. Wahnsinnig kalt. Voll Eis und Schnee. Das war wirklich eine irre Zeit.

Ihr seit im Sommer getourt und im Winter wart ihr auf dem Hof? Und das 12 Jahre lang?Boah! Würdest du sagen, das war die Phase deines Lebens, die dir am meisten Ausdauer abverlangt hat? Oder welche war das?

1980, der Mariannenplatz in Kreuzberg, Berlin

Jede, eigentlich jede. Ja, jetzt eigentlich nicht mehr so, jetzt kann ich mich ein wenig zurücklehnen.

Hat Manne auch die kompletten 12 Jahre in diesem Kollektiv gelebt?

Ne, der hat sich ja in mich verliebt und ich mich in ihn, als ich schon 2 Jahre dabei war. Das war auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg.

Aber die restliche Zeit hat er dann auch da gelebt?

Ja, er hat damals noch Platz gehabt, als er mit alten LKWs und Bussen handelte. Als wir uns kennenlernten war gerade dabei, seine erste große Afrikareise vorzubereiten. Er hat ingesamt sieben große Touren durch Afrika gemacht. Aber sein Lebensmittelpunkt war dann bei uns. Da hat er dann den ganzen Wagenpark unter sich gehabt. Und Autos gebaut. Er hat dann auf die Pritsche von einem Schnauzenwagen einen Wohnwagen gebaut, der dann noch einen Wohnwagen ziehen konnte. Und als die dann vom Tüv kamen, war technisch alles ok. Es war  sogar ein Foto davon in der TÜV-Zeitung mit der Unterschrift: Ein findiger Zeitgenosse.

Manne als Partner ist schon toll, weil er so viel kann. Der ist natürlich auch jemand, der in seinem Rhythmus lebt. Er interessiert sich für so viele Sachen. Der ist ein Träumer. Der setzt sich dann hin, macht ne technische Zeichnung, und wenn dann alles in seinem Kopf klar ist, dann weiß er welcher Ofen anzuschaffen ist. Ein sehr geduldiger Mensch.

Und dann bist du mit Manne nach Potsdam gezogen?

Manne und Ulli

Manne und ich kriegten sofort ein Angebot, bei dem Footsbarn Theatre mitzumachen, auch ein reisendes Zelt-Theater-Kollektiv, oder das „Ton und Kirschen Theater“ mit zu gründen, hier in Glindow am See. Wir entschieden uns für letzteres. Ich habe dann aber nur eine Spielzeit gemacht, weil ich dann merkte, man steigt nicht zweimal in denselben Fluss. Also nochmal diese Art von Härtekollektiv, die die ja auch gelebt haben, das mach ich nicht nochmal. Ich brauch ein eigenes Leben und ich will auch mit Manne sein. Das war mir dann doch wichtiger. Und weil wir nicht in der Stadt und in einer Stadtwohnung leben wollten, haben wir ein halbes Jahr auf einem Campingplatz in Glindow gelebt. Wiedermal einen Winter. Weil wir zuversichtlich waren, das wir was finden. Durchhalten, einfach durchhalten und wir werden was finden. Manne hatte eine sogenannte Entwurzelungsdepression. Das kommt, wenn man lange Zeit in einer Gruppe gelebt hat und es vorbei ist. Dann fällt man in ein Loch. Ich sagte: »Ist ja schön und gut, aber irgendwann muss man mal raus an die Luft.«  Und beim Spazierengehen hat er dann die Hasenheide gefunden.

Und dann kamen die Potsdamer Theatergruppen? 

2017, „Stadt ohne Ufer“ von Tarántula in der Fabrik Potsdam

Ja, ich musste mich 1996 entscheiden, mach ich jetzt weiter auf dem freien Theater? Aber davon war ich eigentlich ein bisschen müde. Und ich hatte das Gefühl, ich hab eigentlich genug gespielt, also es muss etwas Neues kommen. Ich hatte ja schon mit dem Offenen Kunstverein Sommerprojekte gemacht und hatte die ersten beiden Gruppen – eine Kinder- und eine Jugendgruppe – gegründet. Und da merkte ich, ich muss mich da schon stark drauf vorbereiten, ich hab ja nie eine theaterpädagogische Ausbildung gemacht. Ich hab einfach gedacht, Kinder und Jugendliche nehm ich genauso ernst, mit denen mach ich die gleiche Übungen wie mit den Erwachsenen. Das war dann auch sehr gut und ich bin sehr glücklich über die Entscheidung. Sowas kann man nur ganz machen, das kann man nicht nebenbei.

Und wie kam es dann 2005 zu der Gründung von Tarántula?

2015 in Poliagno a Mare, im Zuge eines dreiteiligen Theaterprojekts haben Theatergruppen aus Bilbao (Spanien), Poliagno a Mare (Italien) und Potsdam (Deutschland) die Open-Air-Theaterperformance „eurOpera“ entwickelt.

Tilmans Mutter hatte schon immer unsere Aufführungen gesehen und rief mich an: »So jetzt musst du aber, Tilman und die Jungs sind jetzt alt genug. Und ich hab noch mehr Jungs.« Ich fand auch wichtig, dass von Anfang an Jungs und Mädchen dabei waren. Das ist eine Gruppe, von der ich bei einer Spielaufgabe nie gehört habe: uns fällt nichts ein. Die Gruppe hatte sehr viel Vertrauen zu mir und ich zu ihnen. Ich weiß auch nicht: manchmal ist alles einfach glücklich bestrahlt.

Das ist es in der Tat! Jetzt bist du ja in dem Stadium der Privatgelehrten und man könnte meinen das jetzt alles etwas ruhiger wird. Geduld ist ja für ruhige Zeiten, was Ausdauer für stressige Zeiten ist. Kommst du besser mit Ausdauer klar oder mit Geduld?

Ich kann schon auch sehr ungeduldig sein. Wahrscheinlich komme ich besser mit Ausdauer klar. Ausdauer habe ich eigentlich immer.

Danke für das Gespräch!

 

Neuanfang mit Apfelkuchen
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Neuanfang: Beim Essen?

Neuanfang beim Essen?

Kann es da überhaupt einen Neuanfang geben. Ich meine, man kann ja mit Essen nicht wirklich aufhören, und wieder neu anfangen. Es sei denn man hat einen längeren Hungerstreik, eine schwere Krankheit oder eine längere Fastenzeit durchgemacht – und überlebt. Dann gibt es sicher eine Art Neuanfang. Ein vorsichtiges Aufbauen der Ernährung, eine allmähliche Gewöhnung des Körpers an die neuerliche Nahrungsaufnahme.

Statt kompletter Neuanfänge habe ich allerdings schon viele Wechsel in der Ernährung, in den Essgewohnheiten erlebt.

Yes right, we were the »Krauts«

In der Kindheit und Schulzeit gab es Deutsche Küche: Stielmus, Rotkohl, Grünkohl, Kohlrabi, Wirsing, Sauerkraut. Eintöpfe aus dem Garten. Fleisch von Kaninchen oder Hühnern aus dem eigenen Stall und dem in der Waschküche geschlachteten Schwein. Das übrigens komplett aufgegessen wurde samt Zunge, Rückenmark, Öhrchen, Schwänzchen, Pfötchen, da blieb nichts übrig, außer ein paar abgenagter Knochen.

Das sonntägliche Drei-Gänge-Menü, das natürlich nicht so hieß, bestand aus Hühnersuppe mit Hühnerherzchen, -leber und -mägen, Rinderrolladen mit Erbsen und Möhren, Götterspeise mit Kondensmilch.

Wenn man aus essen ging, dann in die benachbarten Dorfkneipen zu Jäger- oder Zigeunerschnitzel. Pils für die Männer, mit Schuss für die Frauen, Dunkelbier für die Kinder.

Dann Pommes …

Die erste Pommesbude direkt an der Ecke. Erste Begegnung mit Fast Food, das natürlich auch nicht so hieß. Damals gab es noch nicht so viel english, dinglish. Pommes waren das beste Abendbrot nach einem staubigen Arbeitstag im Garten. Man ging mit großen Schüsseln zur Bude und holte gleich für die ganze Familie Pommes, Schaschlik und »Türkische« (so hieß das, was jetzt Currywurst ist). Genauso wie man im Winter die fertig gekochten Miesmuscheln aus der Kneipe nebenan holte. Unverpackt. Das war kein Wort, sondern die Art, wie man einkaufte. Dann kamen die ersten Supermärkte.

… und Knoblauch

Kurz vor dem Abitur erwischte mich dann der Einfluss der ersten Studenten-WGs. Meine erste Bekanntschaft mit Knoblauch. Worte, wie biologisch-dynamisch, makrobiotisch, schwirrten durch die Luft. Keine Ahnung, was das sein sollte. Hatte das mit dem Zeug zu tun, was die da rauchten? Oder Müsli, auch so ein ganz neues Wort, löste Haferflocken mit Milch und haufenweise Zucker ab. Und man machte sich Gedanken darüber, ob gesund ist, was man isst. Gesunde Ernährung? Das Konzept habe ich noch nie verstanden. Braucht man das, wenn es doch lecker ist und satt macht?

Angeblich isst die Nationalmannschaft 1974 nur Steak und Salat und wird Weltmeister. Jetzt ernährt sie sich sicher gesünder, ausgeklügelter, aber naja. Das wird schon wieder.

Cuisine française …

Dann die Begegnung mit französischer Küche. Unzählige Gänge, stundenlanges rumsitzen, reden, essen, trinken, essen, mehr trinken. Erst ein Aperetif. Dann Wein, erst leicht und weiß, später rot und schwer. Zwischendurch ein eau de vie. Fruit de mer vorneweg und Käse zum Nachtisch. Ach nein, da kommt ja noch was, tarte aux pommes. Und wenn man schon bei Äpfeln ist, kann ein Gläschen Calvados nicht schaden. Schmeckt den ganz Kleinen, die um den Tisch wuseln, natürlich nur, wenn man ihn auf ein Stückchen Würfelzucker träufelt. Hatte ich nicht gelernt, man solle nicht alles durcheinandertrinken? Ach was soll’s.

Wenn ich was Besonderes kochen wollte, gab es jetzt also nicht mehr einfach Kaninchen mit Bratensoße, sondern lapin aux prunes. Und das Tier kam nicht mehr aus Opas Stall, sondern vom Fleischer auf dem Markt.

… und dann die Italiener

Mit neunzehn, meine erste Pizza. Ich werde es nicht vergessen. Cipolla, im »Backofen«, d e r Pizzeria im Unicenter Querenburg. Die italienischen Restaurants und die italienische Küche werden schnell Mainstream. Von Pizza, über carbonara bis osso buco ala milanese und saltimbocca romana. Und wie lecker erst der Nachtisch klingt Tiramisu, Zuppa Inglese, Zabaione, (alles natürlich mit Alkohölchen in Form von Marsala, Alchermes, Amaretto). Nach dem Essen löst der Grappa den Calvados ab.

Döner, Junk Food …

In den besetzten Häusern, dann die ersten Döner, aber auch Getreidemühlen, Frischkornbrei, Körnerbrot und Energiebällchen, (selbstgemacht sind sie dann auch als Kolikbällchen bekannt geworden.) Es gab die Food Coop. Säcke voller Getreideflocken, Rosinen, Nüsse und Kerne. Jute statt Plastik. Und trotzdem immer wieder viel junk food, das jetzt auch so hieß.

Und es gab die Bücher von Frantz Fanon und Frances Moore-Lappe über die Kolonialisierung und den Mythos vom Hunger.

Plötzlich wurden Zusammenhänge klar. Zusammenhänge zwischen unserem Fleischkonsum und dem Hunger in der Welt. Ich nahm zum ersten Mal Massentierhaltung wahr. Klimawandel gab es damals noch nicht – als Begriff.

… und Bioläden

Anfang der Achtziger tauchen die ersten Bioläden auf, klein, local, im Tante-Emma-Style. Ich aß kein Fleisch mehr, trank keinen Alkohol und kaufte zwei vegetarische Kochbücher. Den Klassiker der heiligen Barbara (Rütting). Und Ingrid Früchtels Vollkorn Kochbuch. Kann man überleben, ohne Fleisch zu essen? Ja, mit viel Sahne und Butter. Vegetarisch war jedenfalls in meinen Augen nicht asketisch. Es war vor allem weniger salzhaltig und geschmacksintensiver.

Chicken McNuggets …

Mit den eigenen Kindern dann die erste vorübergehende Begegnung mit McDonalds. Hühnchen sind jetzt zu Nuggets püriert. Der unique selling point am point of sale? Sie haben damals die einzigen »Spielplätze« an den Autobahnraststätten. In der Pubertät stehen dann Nackenkoteletts wieder auf dem Speiseplan. Auch ich esse mit ihnen wieder Fleisch. Dann erweitern sich die Küchen um asiatische, mexikanische, arabische Gerichte.

… und jetzt?

Die Massentierhaltung ist schlimmer geworden und vor allem nicht mehr zu übersehen. Die Tante-Emma-Bioläden weitgehend verdrängt. Sie sind jetzt Supermärkte. Ein paar wenige Ketten. Buy local ist ein neuer Trend. Aber Kaffee, Tee, Bananen und Ananas? Unverpackt ist ein anderer, full circle. Die Kinder sind vegetarisch, oder sogar vegan, bringen neuen Input. Schützen die Meere, die für unseren Fleischkonsum leergefischt werden. Seasheperd Gründer Paul Watson macht darauf aufmerksam, dass das meiste seafood an unsere Mast- und Haustiere verfüttert wird.

Ein Umdenken, ein Neuanfang ist nötig. Fällt mir schwer. Kein Fleisch – kein Problem. Kein Käse, kein Quark, keine Eier, keine Butter, keine Sahne – ohoh. Step by step. Das alles muss kein Verlust sein, sondern eine Erweiterung um neue Gerichte, Geschmäcker, Möglichkeiten. Eine Ergänzung zum best soulfood ever: Oma Ellis Apfelkuchen – mit Sahne.

Und Stielmus gibt es auch wieder (vermutlich aber nur local und unverpackt in Westfalen).

 

 

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Haut: Lecker Haut

Haut, Pelle, Kruste, Schale, Rinde, Schwarte. Vergiss unverpackt. Alles Essbare ist irgendwie eingepackt.

Wir Menschen sind fast immer am schälen, pellen, schaben, knacken, häuten, pulen, wenn wir an etwas Essbares herankommen oder uns etwas zubereiten wollen.

Es soll allerdings auch Wesen gegeben haben, vornehmlich märchenhafte Wölfe, die verspeisten alles, was entweder vom Weg abgekommen oder nicht schnell genug in der Standuhr verschwunden ist, mit Haut und Haaren. Soll ihnen aber, wie ich des öfteren gehört habe, nicht gut bekommen sein. Das Blöde am Mit-Haut-und-Haaren-Verschlingen ist nämlich, wie man sich erzählt, dass das Verschlungene sich immer mal wieder aus dem Staub, bzw. Wanst macht und durch schlecht verdauliche Ballaststoffe ersetzt wird, vornehmlich durch sogenannte Wackersteine. Die machen, so sagt man, dermaßen durstig, dass es immer wieder zu tragischen Unfällen mit tödlichem Ausgang an diversen Brunnen gekommen ist. Worüber sich dann wiederum das vorher MitHautundHaarenVerschlungene tierisch freut.

Vermutlich aus diesem Grund hat sich das Häuten von Essbarem, insbesondere von Tieren recht früh durchgesetzt. Im späten Mittelalter etwa, so um 1960, konnte ich noch miterleben, wie mein Großvater, den Kaninchen das Fell, im wahrsten Sinne des Wortes über die Ohren gezogen hat. Später dann, in der frühen Neuzeit, ab 1962 wurde ich mehrfach Zeuge, wie auch abgetrennten Rinderzungen die Haut abgezogen wurde, was zum einen notwendig ist, weil diese papillenbesetzte Haut ziemlich ledrig ist, zum anderen wiederum ziemlich einfach geht, wenn die Zunge vorher gekocht und dann in eiskaltem Wasser abgeschreckt wird. Die Papillen kommen aber auch im darunter liegenden Muskelfleisch noch sehr gut zur Geltung. Aber das nur am Rande.

Damals in dieser düsteren Zeit wurde Tierhaut aber nicht nur verschmäht, sondern auch z.B. als Schweineschwarte mitgekocht, um etwa dem Rotkohl die ordentliche Würze zu geben. Wenn man in der richtigen Stimmung war, konnte man darauf einen ganzen Nachmittag herumkauen. Alles Geschmackssache.

Als Relikt aus dieser Zeit hat sich das Verspeisen von Tierhaut bis heute erhalten und ist in manchen Gegenden weit verbreitet;  etwa in Form kross gebratener Haut bruzzeliger Backhendl.

Wie ist das bei Fischen? Gerade erst las ich auf der Speisekarte vom Goldenen Anker in Burgstaaken: Dorschfilet frisch vom Kutter auf der Haut gebraten, dazu Bratkartoffeln. Scheint also etwas besonderes Gutes zu sein, dieses Auf-der-Haut-braten. Soll man die dann mitessen? Eher nicht. Alles über Heringsgröße wird vom heutigen Omnivoren wohl ohne Haut und Schuppen verspeist. Genauso wie Krabben, Scampis, Gambas …

Aber nicht nur ganze Tiere, sondern auch tierische Produkte haben Häute. Eier z.B. haben ja nicht nur eine Eihaut um das Eiweiß herum, sondern auch nochmal eine um das Eigelb. Deswegen lassen sich Eier so gut trennen. Und außen drumherum dann auch noch die Eierschale. Köpfen, pellen oder klopfen? Fragen über Fragen. Genau wie beim Käse. Als Milch-Magenlab-Kombination, ein echtes Tierprodukt. Hier heißt die Haut meist Rinde und die Frage: mitessen oder abschneiden. Man weiß es nicht. Genausowenig wie bei den dazu gereichten Feigen. Es scheiden sich die Geister.

Lecker Haut  Lecker Haut Feigen

Unbestritten aber ist einer der wichtigsten kulinarischen Streits, der fast die gesamte vorvegane Ära überschattet hat, und über den zahlreiche Dissertationen und gelehrte Abhandlungen geschrieben worden sind, die Frage: Haut auf Milch und Pudding. Lecker oder uuuuuuuaaaaaoahhhhoooh? An dieser Stelle alle Argumente, Standpunkte, Meinungen wiederzugeben würde den Rahmen dieses Beitrags weit sprengen. Nur so viel, ich bin Fraktion: lecker, geschmacksintensiv, bekömmlich, gehaltvoll.

Wenden wir uns den veganen Lebensmitteln zu. Obst, Getreide und Gemüse. Alles mit Schale? Was man da alles schälen, schaben und entfernen muss, um an manche Leckerei zu kommen, geht auf keine Kuhhaut.

Geschälter Reis oder ungeschälter? Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber die Schale nicht vom Korn. Also Vollkorn oder Weißmehl? Und erst die Möhren. Schälen oder waschen? Oder waschen und schälen? Oder erst schälen und dann waschen? Weltanschauungen.

Wie ist es beim Obst? Äpfel nicht schälen! Unter der Schale ist das Beste, sagte mein Opa immer, der mit den Kaninchen. Fragt sich nur wie tief. Bei Bananen sind wir Menschen uns mit den meisten anderen Primatenkollegen einig. Schälen! Der elegante Affe knackt die Banane übrigens nicht am Stiel auf, weil das stillos wäre, sondern drückt sanft das untere Ende der Frucht zusammen, um dann die Schale ganz leicht abziehen zu können. Ich möchte hier behaupten, dass fast alle Südfrüchte geschält werden. Außer sie sind so klein wie diese – wie heißen sie – Kumquats. Aber hat schon jemals jemand eine reife Mango ohne Sauerei geschält? Vielleicht braucht die Evolution dazu noch etwas und wartet bis wir AI soweit haben.

Mandeln, Tomaten, Pfirsiche werden – ja so ist es nun mal – wie Rinderzungen gehäutet. Rein ins kochende Wasser, eiskalt mit eiskaltem Wasser abschrecken – die Haut, Pelle, oder Schale löst sich wie von selbst.

Will man allerdings an eine leckere Esskastanie ran, muss man sich erst durch eine seeigelstachelige, echt höllisch piksende Cupula, – ich nenne das seit dem zweiten Germanistiksemester: Schlaube  – kämpfen, wenn man sie nicht frisch und fertig geröstet auf dem Weihnachtsmarkt kauft. Vor dem Rösten schneidet man am besten den ledrigen, braunen, glatten Perikarp – so heißt das, was wir Schale nennen – kreuzweise ein. Dann läßt sich die Schale nach dem Rösten leichter lösen und man stößt auf eine weitere haarige Haut – Endokarp, wenn man es genau wissen will.  Die läßt sich manchmal leicht, manchmal sehr schwer lösen und es stellt sich die immer gleiche Frage –  mitessen, abpulen, aufgeben? Nein, nicht aufgeben, dazu duftet es zu gut.

Und dann gibt es ja noch die legendäre Zwiebel. Sie besteht eigentlich nur aus Haut. Um genau zu sein aus sieben, aber das ist nicht genau, weil es gar nicht stimmt. Und die sieben Häute sind darüber hinaus noch gut verpackt in einer äußeren Schale. Die muss ab. Es ist zum Heulen.

  

Dafür bzw. dagegen kommt hier mein ultimativer Zwiebelschneidetrick: Schwimmbrille auf? Nicht schlecht. Schluck Wasser im Mund behalten? Ja, hat was. Kontaktlinsen? Hat ein, zwei Zwiebeln lang gewirkt. Zwiebeln in einer mit Wasser gefüllten Schüssel schneiden? Ja, die Reizgase bleiben weitgehend im Wasser. Aber am allerbesten ist immer noch: ein extrem scharfes Messer!

Ein scharfes Messer ist auch nicht verkehrt, um etwa eine schöne Schale mit Pomelo auf dem Frühstückstisch stehen zu haben. Man muss nämlich die zähe und bittere Haut von den einzelnen Fruchtsegmenten entfernen, nachdem man die fingerdicke Schale abgeschält, die Folie entfernt und das Netz abgezogen hat.

           

Wieso noch eine Folie und ein Netz, wo diese dicke Pomelo, wie fast alle anderen Früchte doch von Natur aus wirklich gut in Haut und Schale »verpackt« sind? Sollte man da nicht doch noch einmal über unverpackt nachdenken?

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Freunde: You’ve got a friend

When you’re down and troubled.
And you need some loving care.
And nothing, nothing is going right.
Close your eyes and think of me.
And soon I will be there.
To brighten up even your darkest night.

You just call out my name
And you know wherever I am
I’ll come running to see you again
Winter, spring, summer or fall
All you have to do is call
And I’ll be there
You’ve got a friend

In diesem wunderbaren Song von Carole King geht es um Freundschaft, wie wir sie uns alle vorstellen, wünschen und vielleicht auch erleben. Wir wünschen uns alle, für jemanden da sein zu können, wenn es ihm mal schlecht geht. Oder dass jemand für uns da ist, wenn es mal nicht so läuft. Energie fließt von einem zum anderen. Und hoffentlich auch immer mal wieder in die andere Richtung.

Aber das ist nur eine Aspekt von Freundschaft. Ich glaube, es geht auch immer um die Erweiterung des Horizonts, das gemeinsame Wachsen. Nicht nur, dass man in schlechten Zeiten füreinander da ist, sondern auch in guten Zeiten. Sich in guten Zeiten gegenseitig herausfordert, voranbringt, aneinander wächst.

Freunde fürs Leben

Ich bewundere immer, oder vielleicht besser, ich bestaune – oft auch mit Befremden – dass einige meiner Freunde, oder sollte ich besser sagen Bekannten, noch immer mit ihren Freunden aus der Schule, und nicht etwa denen aus dem Gymnasium, nein mit denen aus der Grundschule oder vielleicht sogar aus dem Kindergarten befreundet sind. Sie haben einfach den Kontakt nie abgebrochen oder einschlafen lassen. Freunde, die auf der Hochzeit, der Einschulung der Kinder, der Silberhochzeit, der Beerdigung der Eltern und mittlerweile auf dem sechzigsten Geburtstag dabei sind.

Count my blessings

Das ist bei mir vollkommen anders. Ich bin sehr dankbar für die vielen tollen Menschen, die mir bisher begegnet sind, mit denen ich großartige Lebensabschnitte teilen konnte. Und viele von diesen Menschen sind oft auch sehr gute, manchmal beste Freunde geworden. Oft eben auch der eine beste Freund, zu dem das Vertrauen größer war, die Haltung zur Welt, die gemeinsamen Interessen und auch die Art sie anzugehen, mehr übereinstimmten. Mit dem das Zusammensein intensiv, ein echtes Bedürfnis, notwendig und erweiternd war. Aber sie haben gewechselt mit jeder neuen Lebensphase, in die ich eingetreten bin. Da Freundschaften meist informell beginnen und – außer bei Blutsbrüderschaften und dem Austauschen von Freundschaftsringen o.ä. – meist ohne zeremoniellen Aufwand geschlossen werden, können sie sich auch so wieder auflösen.

Leben ist ein ständiges Wachsen, ein Überschreiten von Schwellen von Grenzen. Und wenn Freunde an irgendeinem Punkt vielleicht zunächst unmerklich in unterschiedliche Richtungen wachsen, verliert eine Freundschaft an Intensität. Manchmal etwas ruckelig, manchmal ganz organisch. Bis sie sich vielleicht in eine schöne gemeinsame Erinnerung auflöst. Wenn ich dann nach Jahren oder Jahrzehnten einmal wieder einem alten Freund begegne, sind es dann auch meist die Erinnerungen, in denen wir schwelgen, die die alte Nähe und Vertrautheit wieder wach werden lässt. Und ich finde das auch gut so. Was machen Ron, Hermine und Harry jetzt, nachdem sie die Schule beendet haben und der, dessen Namen man nicht sagen soll, besiegt ist?

Frühe Schulzeit

In der Schulzeit, und da geht es schon los, war mein bester Freund gar kein Schulfreund. Er kam aus einer anderen Stadt, was im Ruhrgebiet nichts und doch viel heißt. Und er ging natürlich auf eine andere Schule. Er war meine erste Freundschaft. Wir waren beste Freunde, da waren wir einig. Wir haben Radtouren an die umliegenden Stauseen gemacht, sind jahrelang miteinander gesegelt und haben Ruby Tuesday gesungen. Es war eine sehr ausgeglichene Freundschaft, vielleicht habe ich sogar mehr daraus gezogen als er, weil er mehr durfte, sich mehr getraut hat, er hatte ein Moped, hatte ein Faltboot und Zugang zu Silvesterböllern, mit denen man kleine Modellboote versenken konnte. Er wusste, dass Uhu-Tuben, die damals noch aus Metall waren, explodieren und wie Raketen abgehen, wenn man sie ins Lagerfeuer wirft. Er war Messdiener, ich Fußballer. Und er hat mal aus einer Zigarrenschachtel eine Camera Obscura gebaut. Seitdem weiß ich, wie so ein Ding funktioniert. Er ist Professor für Fotografie geworden. Man kann ihn googeln. Er war etwas älter, war viel früher an Mädchen interessiert als ich und an der Stelle haben wir uns, wie man so sagt, aus den Augen verloren.

Fußball

Hatte ich Freunde beim Fußball? Elf Freunde sollt ihr sein? Nicht wirklich. Wir waren zwar ständig zusammen, haben uns Spielzüge ausgedacht und stundenlang eingeübt, viel gefeiert, aber nichts über den Fußball hinaus miteinander gemacht.

Späte Schulzeit

Aber es gab eine eingeschworene Vierertruppe von Freunden in den letzten paar Jahren der Schulzeit, wir waren alle sehr an der kompletten Umkrempelung der Welt zu ihrem Besseren interessiert, vornehmlich durch Kunst, Literatur und das farbige Markieren zahlreicher Textpassagen in den drei blauen Bänden des Kapitals. Wir wollten alle zusammen in einen Kotten aufs Land ziehen. Noch bevor es die Scherben dann gemacht haben. Haben uns dann aber nach dem Abitur und dem erfolgreichen Umschiffen der Bundeswehr, auf Düsseldorf, Köln, Münster und Kiel verteilt, so wie es die Studienplätze eben wollten. Das war’s. Aus den Augen verloren. Die Welt hat sich auch ohne uns verbessert.

Nach der Schule

Es entstanden neue enge Freundschaften. Es ging immer noch um die Umkrempelung der bestehenden Verhältnisse, jetzt aber auch schon durch Skilaufen, Roadtrips und zunehmenden Konsum von Alkohol. Als ich dann irgendwann vorschlug, uns an den Fabrikbesetzungen zu beteiligen, war ich dann doch der einzige, der mit dem Schlafsack loszog. Kurz darauf habe ich dann erstmals Polizeiknüppel gespürt, während sich die anderen allmählich ums Haus kaufen und einen sicheren Job kümmerten. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstakademie

Vielleicht habe ich einen meiner besten Freunde auf der Kunstakademie kennengelernt. Er war Maler, ich Bildhauer, er machte sich über meine ignorante Einstellung zu Farben lustig. Das hat mir imponiert. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Mittags betranken wir uns im Ratinger Hof und zeichneten. Es war eine seltsame – ich glaube hier kann man das mal sagen – Seelenverwandtschaft. Ein sich auch im anderen erkennen, ein dem anderen in die Seele und vor allem hinter die Fassade schauen können. Wir haben – das glaube ich heute – beide in dieser Zeit die Traurigkeit im anderen gesehen. Bei ihm kam sogar ein großer Teil Hoffnungslosigkeit dazu, die ihm immer mal wieder einen aufflackernden Anflug von Zynismus bescherte und die er viel mehr noch als ich in Alkohol zu ertränken versuchte, und sie dadurch nur noch größer und realer machte. Dabei hat er den Mut zu unendlicher Sanftheit gehabt, den ich bewunderte und vor dem ich selbst Angst hatte. Obwohl ich deswegen nach außen, glaube ich, stärker wirkte, hat er doch auch irgendwie auf mich aufgepasst, wenn es bei mir ins Selbstzerstörerische ging. Nach einem seiner späteren Besuche in meinem Atelier in Berlin, bei dem ich energisch versuchte, weniger zu trinken und auch ihn davon überzeugen wollte, haben wir uns aus den Augen verloren. Das tut mir heute sehr leid. Als ich mich Jahre später stark genug fand, wieder Kontakt aufzunehmen, fand ich im Netz seine Todesanzeige. He called out my name, I wasn’t there.

Besetzte Häuser

Schon auf dem allerersten Plenum, zu dem ich eingeladen war, um mich der Gruppe der Besetzer vorzustellen, und in dem über meinen Einzug diskutiert und abgestimmt werden sollte, wusste ich, dass ich dort jemand gefunden hatte, der wichtig werden sollte. Nicht etwa, weil er sich, obwohl er mich gar nicht kannte, für meinen Einzug ausgesprochen hat. Es war die Klarheit und Entschiedenheit, mit der er sich gegen Verhandlungen mit der Wohnungsbaugesellschaft stellte. Er wusste, dass die Bewegung dadurch gespalten würde. Und er wusste, mit Verträgen kannst du den RocknRoll vergessen. Und deswegen waren wir doch hier. Es war vor allem die Ruhe und Gelassenheit, mit der er sich mit seiner Haltung gegen die Auffassung der gesamten Gruppe gestellt hat, die mir sehr imponiert hat. Es wurde eine sehr enge Freundschaft. Wir haben beide viel voneinander gelernt. Ich hauptsächlich in Bezug auf Yoga, gesundes Essen, und über das Vertrauen in riskanten Situationen. Nach der Räumung der Häuser ist er dann nach Chiapas gegangen. Ich habe versucht, mit vierzig Leuten in einer Fabriketage zu wohnen. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstgeschichte

Während ich mich dann in der Langsamkeit und Ruhe eines Kunsthistorischen Studiums von den Strapazen, Wunden und Nachwirkungen des »Häuserkampfes« erholte, und Katrin und ich vorsichtig unsere Beziehung wie ein kleines Pflänzchen aufzogen, habe ich andere Menschen nur soweit an mich heranlassen können, wie es zum Überleben nötig war. Ich hatte viel zu reflektieren, nachzuholen und aufzuarbeiten. Es war wirklich eine sehr, sehr erholsame Zeit. Der einzige Mensch, mit dem ich sehr selten mal einen Kaffee getrunken habe, war eine etwas ältere Studentin. Sie stand schon kurz vor dem Studienabschluss, sozusagen eine alte Häsin. Sie hat mir einen Job an der Uni besorgt. Wir haben viel über die Kunstgeschichte geredet und im Cafe gesessen. Auch sie hatte eine verletzte Seele und war die einzige, die ich ertragen konnte. Nachdem ich wieder zurück nach Berlin gegangen bin, hat sie noch einmal auf einer Ausstellungseröffnung von Katrin und mir gesprochen. Dann ist sie zu Sothebys gegangen und hat Karriere gemacht. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kinder

Danach kamen Freunde, die ein Netzwerk bildeten. Das Netzwerk, das man braucht, wenn man Kinder hat. Es waren oft sehr pragmatische Beziehungen. Aus den Paaren und Eltern, denen man zwangsläufig in Geburtsvorbereitungs- Krabbel- und Kindergartengruppen und später auf Klassenversammlungen und Elternabenden trifft, hat man sich die ausgesucht, die irgendwie am besten passten. Mit denen man einen einigermaßen aushaltbaren Nachmittag verbringen oder eine pragmatische Reise unternehmen konnte, während die Kinder miteinander spielten. Es waren wunderbare Menschen dabei, aber eine sehr enge Freundschaft hat sich daraus nicht entwickelt.

Neuer Orbit

Jetzt stehe ich, nachdem die Kinder längst ausgezogen sind, wieder vor einer neuen Transformation, vor einer neuen, aufregenden Lebensphase, auf die ich mich sehr freue. Und ich freue mich auch auf die kreativen, spirituellen, wachsenden Menschen, mit denen sich neue fruchtbare Freundschaften entwickeln werden.

Love

Der einzige Mensch, mit dem ich jetzt schon über fünfunddreißig Jahre befreundet bin und mit dem ich sicher bis in alle Ewigkeit befreundet sein werde, ist Katrin. Ohne sie wäre ich nicht halb so viel Mensch, wie ich jetzt sein kann und mit ihr geht das Wachsen immer weiter.

 

 

 

Roots

Italien: Essen wie Gott in Umbrien

Endlich wieder in Italien.

   

Seid ’zig Jahren fahren die Homies immer wieder zur Erholung, zum kreativen Nichtstun, zum Barcamp, auf Workation, zum Rumlungern und natürlich zum Essen nach Italien. Auf Eduardos Landgut in Umbrien. Mittlerweile zu siebent plus Hund. In einem Auto. Yes. And it is fun.

In Mantova erster abendlicher Zwischenstopp für die erste Pizza in Italien. Dann – bevor es auf den Berg geht – Großeinkauf für die ersten Tage, passt noch alles in den überladenen Wagen, sind ja nur noch ein paar Kurven.

  

Traditionell gibt es am ersten Abend, weil es so superleicht zu machen ist, Gnocchi mit Salbeibutter. Diesmal ohne Salbei, da Rosas Salbeistrauch, an dem wir uns immer bedient haben, leider vertrocknet ist. Also dann mit viel Parmesan und Knoblauchbutter. Mindestens genauso lecker – bei der Aussicht.

  

Palatschinken mit Spinat/Ricotta Füllung

Ein fester Bestandteil unserer umbrischen Küche sind die überbackenen Palatschinken mit Spinat/Ricotta Füllung – und die gehen so:

 

Acht Eier mit einem Liter Milch und ungefähr 600 Gramm Mehl verrühren. Dann vieeeeel geschmolzene Butter dazu.

 

Eine kleine Kelle in die heiße, gebutterte Pfanne – und schwenken, damit sich eine hauchdünne Teigschicht auf dem Pfannenboden bildet. Ein paar Minuten — geht wirklich schnell – warten, bis der Teig auf der oberen Seite trocken wird. Er sieht dann stumpf aus. Dann wenden. Entweder mit dem Pfannenheber — oder schleudern, je nach Laune.

    

Dann die Palatschinken beiseite stellen und bewachen. Blattspinat — wir nehmen meist den gefrorenen aus der Kühlung, weil er dann während des Transports vom Supermarkt auf den Berg als Kühlmittel für die anderen empfindlichen Lebensmittel dient — in der gleichen Pfanne andünsten und abschmecken. Danach mit Ricotta vermischen.

    

Die Spinat/Ricottamasse auf die Palatschinken verteilen und einrollen und in eine gebutterte Auflaufform legen.

    

Parmesan darüberhobeln und mit der dicken italienischen Kochsahne bestreichen. Die übriggebliebenen Palatschinken eignen sich sehr gut für einen süßen Nachtisch.

           

In die Röhre, auf den Teller und lecker.

… und die Trüffel

Hier in Umbrien findet man überall die gelben Schilder mitten in der Landschaft, die darauf hinweisen, dass das Sammeln von Trüffeln riservata ist. Also versuchen wir es erst gar nicht.

   

Außerdem ist Chappi nicht wirklich ein ausgebildeter Trüffelhund, der uns an die richtigen Stellen führen könnte. Trüffelhund ist hier ein echter Beruf. Wir kaufen also unsere Trüffel im Dorf. Weil wir in diesem Jahr sehr früh sind, gibt es noch keine frischen Sommertrüffel und wir nehmen die aus dem Glas.

   

Einfach auf die Spaghetti hobeln oder reiben. Ein Genuss. Irgendwo zwischen Nuss und Schinken und Pilzen oder alles zusammen.

Bei so viel gutem Essen kann man sich dann natürlich gleich wieder auf die faule Haut legen.

PS: Das Eis der Weltmeister

Was in Italien natürlich auch nicht fehlen darf ist: Gelato. Wie gesagt, fahren wir seid zwanzig Jahren in den Ort und trotzdem erleben wir immer wieder Überraschungen. Erst vor zwei Jahren haben wir eine unscheinbare Eisdiele auf der Straße zum Bahnhof gefunden, in der es allerdings Eis gibt, das eine ganz neue Liga bespielt. Ist das überhaupt möglich, ja es ist. Und in diesem Jahr haben wir es erst an letzten Tag geschafft, dort mal wieder ein Eis zu essen – und entdeckt. Die sind tatsächlich die Weltmeister!!!

Alessandro Crispini von der Gelateria Crispini in Spoleto hat sich nach dreijährigem Wettbewerb gegen mehr als 1800 Eishersteller aus 19 Ländern durchsetzen und den Titel erringen können. Herzlichen Glückwunsch — an uns, dass wir ihn gefunden haben.

   

Roots

Italien: taste I touch I smell I pray

Italien

Wenn ich an Italien denke, dann steigt mir der Duft der Pinien in die Nase. Ziegenglocken, die hinter der Hecke klingeln, Hundegebell im Morgengrauen, das Knirschen der Steine unter meinen Sandalensohlen auf dem Weg zum starken Cappuccino und einem kühlen Eis. Der dunstig blaue Blick hinter den Bergen, wo Grün langsam zu Himmel wird. Zikadenrauschen in den trockenen Wiesen und der Wind trägt den Duft der Gräser. Es gibt, ein Bein aus der Hängematte, nichts zu tun, außer sich dem sanften Schaukeln hinzugeben und ins endlose Blau hinauf zu blinzeln, dass zwischen den weißen Wolken treibt.

Aus irgendeinem Grund ist Italien für mich ein sinnliches Land. Durch die Zypressen geduckt und vor mir öffnet sich ein empfindsames Spektakel. Hat irgendwo schonmal Zitronencreme so saftig geschmeckt? Irgendwo schon einmal ein Nudelkern so nussig, buttrig, zwischen den Zähnen gesungen? Meine Haut atmet Sonne und entfacht lauter kleine Feuer, in den kühlsten Winkeln meines Körpers.

Die Pupillen ziehen sich zu zusammen, schärfen den Blick für winzigkleine Ameisen, die Nadeln umhertragen, zwischen meinen nackten Füßen. Weiten sich dem Horizont entgegen, fokussieren einen Adler, der langsam auf der Strömung segelt. Eine Fliege sitzt in der Armebeuge und kitzelt bis ins Mark. Alles ist durchdrungen von der Schärfe meiner Sinne und somit durchdrungen von einer körperlichen Sinnhaftigkeit, die in der Nektarinenschale, im Brot, zwischen den kühlen Steinen, und im Rosmarinstrauch sitzt und sich mir in lebhafter Hingabe entgegen schleudert.

The Mind

Avi Grinberg wird in Israel geboren. Schon früh fängt er an sich für Wahrnehmung zu interessieren. Für jede Form von Wahrnehmung. Er verschlingt Bücher, eins nach dem anderen. Versucht, durch Zen Mediation seinen Geist zu schärfen und die Grenzen seiner mentalen Welt zu weiten.

Mit sechzehn besucht er eine Mediationsgruppe, angeleitet von einem japanischen Meister. Der Meister spricht nur Japanisch und Avi versteht nicht. Er begnügt sich damit, zu beobachten, was die andere tun und es ihnen nachzuahmen. Sich hinsetzten, still sein, den Blick an die Wand. Die erste halbe Stunde ist eine stille Geduldsprobe. Nach zwanzig Minuten, die Beine eingeschlafen. Dann steht der Meister auf und die Gruppe läuft eine Weile durch den Raum. Avi mit weichen Knien und kribbelnden Knöcheln.

Der Meister setzt sich wieder hin und das Spiel begann von neuem. Sitzen. Starren. Stumme Qual. Der Rücken schmerzt, die Knie ziepen, die Schultern sind schwer. Noch einmal laufen. Noch einmal sitzen. Und dann nach einem letzten Laufen und letzen Hinsetzten – fopp – ist die Grenze von Avi zu Raum verschwunden. Im Bruchteil einer Sekunde, die Verschmelzung der Welt. Kein hier und kein Da, nur…Sein. Später versucht er es nachzuempfinden, seinen Geist zu schärfen und zu trainieren. Noch einmal…

Poetry in the Body

Aber vergeblich. Eigentlich will Avi Poet werden, aber dann wird er Rettungssanitäter. Und mit einem Mal ist alles wichtig. Jede kleine Bewegung, jeder lichte Atemzug. Menschen sterben. Langsam beginnt sich in Avi eine Erkenntnis zu regen. Er näht Körper, wäscht sie, kleidet sie an. Verbindet, desinfiziert. Aber er versucht, auf Abstand zu bleiben. Sich nicht zu sehr einzumischen. In die Krankheit.

Viel von seiner Zurückhaltung ist Angst. Davor sich in die Schmerzen einzufühlen. Aufmerksam zu sein, für die inneren und äußeren Zusammenhänge, die zu einer Verletzung fühlen. Er sieht auch die Angst in seinen Patienten. Dann fällt ihm auf, dass Dinge besser gehen, Wunden schneller heilen, wenn er sich mit den Patienten auseinandersetzt. Ihnen mehr von seiner Aufmerksamkeit schenkt. Mit einem Mal tritt der Ehrgeiz, seinen Geist zu weiten in den Hintergrund. Heutzutage, ist Poesie für mich im Körper. sagt Avi.

Und so beginnt das Experiment des Sich Annäherns. Er beginnt damit, Menschen bei Schmerzen und Verletzungen zu helfen, in dem er sich mit ihnen beschäftigt. Seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Körper richtet, den er zu behandeln hat. Nicht länger Angst vor den Schmerzen hat. Und findet heraus, dass sie schneller heilen. Besser heilen. Länger gesund sind.

Fix it. Please.

Trotzdem gibt es welche, die zu ihm kommen, sich auf die Liege hieven, die Augen schließen und sich ihm überlassen. Fix it. Please. Er erzielt gute Erfolge, aber viele kommen wieder. Einige reagieren auf die zweite Session nicht so gut wie auf die erste. Als wären sie immun geworden. Die Körper abgelegt, wie eine Autokarosserie in der Werkstatt, der Geist treibt oder zieht sich zurück. Going to my happy place. Avi beobachtet, wie die Aufmerksamkeit seiner Patienten abdriftet, sich von ihrem Körper löst. Er knetet und konzentriert sich, aber mit der Zeit macht sich Unzufriedenheit breit. Er will den Menschen helfen. Er will sie heilen. Aber seinen Blick auf die Lösung des Problems zu richten, reicht nicht aus. Also fängt er an, sie miteinzubeziehen. Heb diese Hand, bieg dieses Bein, drück mal hier, atme mal so. Und  langsam, ganz langsam, sieht er das Leben in die Körper zurückkehren.

Jetzt ist nicht nur Avis Fokus auf den Körper gerichtet, sondern auch die seines Bewohners.
Du bist nichts anderes. All die Energie, die dafür verbraucht wird, sich vor den Schmerzen zu schützen, sich zurückzuziehen, dringt in den Körper zurück und mit einem Mal ist genug da um vollständig zu heilen. Don’t be afraid of pain. Seine Patienten genesen. Und Avi nennt sich ab jetzt Lehrer. Denn heilen, tun die Menschen sich selbst. Er bringt ihnen nur bei, ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Körper zu richten in dem sie leben.

Pleasure

Im Schatten der Kirche streife ich die Sandalen ab und fühle die kühlen runden Steine die uneben über die Piazza führen. Hinter mir tönt die Glocke und wirbelt Moleküle auf, die wie Wellen gegen die Innenseiten meiner Haut schlagen. Und darüber hinaus, in die Wärme der Luft schleudern.

Es ist leicht an einen Gott zu glauben, wenn man den Wind im Nacken spürt. Oder an viele Götter. Im Himmel oder in der Erde oder zwischen den Fingerspitzen, im Trommelfell oder im Blut. Es ist leicht, sich der Fülle der Erfahrung hinzugeben, die sich durch den Körper bahnt. Maria späht schräg zum Himmel hinauf, salzige Tränen auf den weichen Wangen. Lebhaftes Geschnatter vor den Bars, Tropfen die von Gläsern rinnen. Der holzige Zahnstocher nach salzigem Foccacia. Das Schlagen deines Herzens. Blut, das durch die Adern pumpt.

Es ist aufregend, sich Gedanken zu machen, tonlose Worte durch die Synapsen zu schieben. Es macht Spaß, in den Himmel zu gucken und sich vorzustellen, dass irgendwo das draußen Leben durch den Äther wirbelt. Es ist faszinierend, die Augen auf die Wand zu richten und sich langsam aus dem Raum gleiten zu sehen. Aber manchmal, wenn die Muskeln glühen und die Wimpern blinzeln und meine Lippen etwas schmecken, dass ich liebe, frage ich mich-

Is there anything more pleasurable than having a body?

 

Roots

Zufall: Spiegelei und andere Einfälle

Allerlei Spiegelei

Manchmal frage ich mich: Wie sind die Menschen darauf gekommen, aus einem Ei ein Spiegelei zu machen? Ich meine, wann ist das passiert? Denn, Freunde, im Internet gibt es keine Antwort darauf. Da heißt es bei Wikipedia nur über Spiegelei:

 Bildung aus dem 18. Jahrhundert, möglicherweise nach dem spiegelnden Glanz der Dotter.

Okay, klar. Meine Frage ist aber: Wer hat das Ei zum ersten Mal in die Pfanne oder wo auch immer hingeschlagen? Wer kam auf diese geniale Idee, die für viele Millionen Menschen ein anständiges Frühstück ausmacht? Das Spiegelei gibt es schon sehr lange, nicht erst seit dem 18. Jahrhundert, wie Bilder mit Spiegeleiern aus dem 16. Jahrhundert zeigen. Also – wie ging das los?

Jäger und Sammler

Klar, ich denke, es war ein Zufall. Essen war ja in frühen Vorzeiten eine sehr einfache Angelegenheit: Da haben wir Beeren gesammelt und Mammuts gejagt. Und da Vögel noch viel älter als Mammuts und Menschen sind, haben wir vielleicht auch Eier „gesammelt“. Also aus Nestern geklaut. Und dann ist im tiefsten Afrika oder sonswo in einer heißen Gegend mal ein Ei auf einen heißen Stein gefallen. Platsch. Und dann kam – denn das Feuer war schon erfunden – eine Idee zur anderen. Was wäre … und dann könnte – und dann: Jep. Ab da war es dann ganz selbstverständlich: So kann man Eier zubereiten. Vielleicht konnten die Menschen damals noch gar nicht sprechen oder sie haben das Spiegel PLATSCH geannnt und das mit dem Spiegel(ei) kam später, als es Spiegel gab, aber so ging es los. Ich bin mir (fast) sicher.

Ich kann noch nicht mal ein …

… Spiegelei braten. Früher war das die kokette Ausrede von Männer, die andeuten sollte, dass sie wirklich noch nie eine Küche betreten haben. Da lächelt man heute vielleicht drüber, aber als Kind fand ich ein Spiegelei zu braten auch ziemlich mysteriös und schwierig. Schon ein Ei am Pfannenrand aufzuschlagen (und wer ist da draufgekommen?) war eine Kunst. Meine Mutter war Feministin, also hat sie mir Kochen nicht beigebracht. Das musste ich mir im Laufe der Zeit von anderen abgucken.  Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, als eine Austauschschülerin aus Frankreich bei uns wohnte und an einem Tag für unsere Familie … kochen wollte. Wow. Mutig. Meine Mutter verlor fast die Nerven, weil dieses Mädchen (in allem) quälend langsam war und auch für ihre spezielle Mahlzeit sehr, sehr lange brauchte. Dabei war es ein ganz einfaches und ungemein geniales Gericht.

spiegeleiTomaten und Eier a la Austauschschülerin

Zutaten für 2: 2-4 Gemüsetomaten, 2 Knoblauchzehen, 4 Bioeier, etwas Öl, Pfeffer, Salz, Kräuter der Provence oder frischen Oregano oder andere Kräuter.

Zubereitung: Tomaten in dicke Scheiben schneiden, Knoblauch in dünne Scheiben schneiden, mittlere Pfanne, Öl erhitzen, Hälfte der Tomaten nebeneinanderlegen, so dass der Pfannenboden bedeckt ist und mit Hälfte des Knoblauchs anbraten. Eier darüberschlagen, würzen, stocken lassen. Auf Teller tun, warm stellen. Zweite Pfanne genauso machen, servieren. Baguette und Wein dazu. Bäm. Fertig.

Was ich so grandios an diesem Rezept finde, ist, dass man die Zutaten in der Regel im Kühlschrank hat. Also im Sommer mit ziemlicher Sicherheit, und wenn nicht, dann sind sie sehr einfach und schnell zu beschaffen, außerdem ist alles günstig. Nun sind ja Eier ziemlich in Verruf geraten und erinnern wir uns an den Anfang der Sache: Eier klauen. Und dann aus schlechtem Gewissen fallen lassen. Jaaa, jaaa! Das war schon von Anfang an nicht so ganz korrekt.

Rein zufällig im Kühlschrank

Abgesehen von den Eiern – die Sache mit dem einfachen Kochen finde ich faszinierend. Es gab da mal eine Sendung im Fernsehen (dieser flimmernde Kasten, der früher immer in den Wohnzimmern stand), das war vermutlich der Anfang des Reality-TVs und ein Vorgriff auf etwas, was wir heute besser bei YouTube sehen können. Jedenfalls besuchte da ein Spitzenkoch irgendwelche prominenten Schauspieler und sollte in deren Küche mit dem kochen, was er im Kühlschrank vorfand. „Hallo, kommen Sie herein! “  „Gerne. Und dann schauen wir mal … was sie zufällig im Kühlschrank haben!“

Okay, keine Ahnung, ob das so zufällig war. Ganz offensichtlich wurden da viele Dinge plaziert, die erstens den Koch vor eine sehr schwierige Aufgabe stellen sollten und auf der anderen Seite irgendwie cool für den Gastgeber aussahen. Da war eine Schauspielerin, die hatte nur eine Flasche Champagner und ein paar Snacks im Kühlschrank. Sehr sexy. Das kann aber tatsächlich sein, denn wenn Schauspieler viel am Set sind, dann haben sie dort ein Catering. Manche gut beschäftigte Schauspieler hangeln sich so von Set zu Set. Und der Kühlschrank bleibt leer.

Der Koch hat daraufhin (und ich fand, er hat die Zufallsregel schon sehr großzügig ausgelegt), alles genommen, was im Kühlschrank lag und es mit den Sachen, die er sonst noch in der Küche gefunden hat, kombiniert und tatsächlich etwas kreiert, was ihm zufällig gerade eingefallen musste und essbar war. Ja, Jäger und Sammler, wir haben das wohl immer noch in uns.

Improvisiert kreiert

Was mir an dieser Sendung gefiel war, dass Leuten, die eigentlich überhaupt keine Fantasie oder den Nerv zum Kochen haben und logischerweise einen in der Regel sehr spärlich bestückten Kühlschrank, ein Kochwunder gezeigt wurde. „Mönsch, aus dem Zeug, was da im Kühlschrank vor sich hinrottet, kann man ja echt noch was machen!“ Gefällt mir auch, weil wir nicht so viel wegwerfen sollten und lieber hinsehen, was alles da ist. Einfach großartig, wie kreativ dieser Meisterkoch an seine Aufgabe heranging, auch wenn die Ausgangbedingungen äußerst schwierig waren.

Ein Gericht, das vielleicht aus einer ähnlichen „Notlage“ heraus entstanden ist, ist dieses:

Nudeln mit Wodka mit dem-was-zufällig-im-Kühlschrank-war

Zutaten für 4 Personen: Zwei Becher Sahne, 50 Gramm Butter, 2 TL Mehl oder Stärke zum Andicken, Salz, Pfeffer, kleiner Flachmann Wodka, 500 Gramm Spagetti.

Zubereitung: Butter in mittlerer Pfanne zerlassen, Sahne dazu, aufkochen, mit Mehl oder Stärke etwas andicken, Würzen, Wodka vorsichtig und langsam dazugeben, erneut aufkochen, auf kleiner Flamme warmhalten. Spagetti in leicht gesalzenem Wasser al dente kochen. Abgießen, zu der Soße geben, sanft verrühren. Der Alkohol verfliegt beim Kochen, der Wodkageschmack bleibt. Guten Appetit!

Sollte man die Zutaten nicht im Haus haben, kann man zumindest den Wodka auch an der Tankstelle bekommen …

Rezepte – kein Zufall

Ich sagte schon, dass ich als Kind keine Ahnung vom Kochen hatte. Ich hielt die Sache offengestanden für Magie. Wie sonst ließ sich erklären, dass aus staubigen, feuchten und krümeligen Zutaten auf einmal ein Kuchen entstehen konnte? Rezepte waren daher für mich daher Zaubersprüche, die man nur richtig genug befolgen musste, dann passierte – Magic!

Als älteste von vier Kindern habe ich dies auch mit viel Überzeugung meinen beiden Brüdern erklärt, als wir gemeinsam etwas kochen wollten, da unsere Eltern unterwegs waren. Ich war vielleicht acht oder neun, meine Brüder entsprechen 1 bis 3 Jahre jünger. Da wir die Sache nicht unbedingt an die große Glocke hängen wollten, entschieden wir uns für ein Rezept, für das man wenige Zutaten brauchte. Ich fand es in einem alten Dr. Oetker-Kochbuch. Apfel-Reis. Hört sich großartig an, oder? Zutaten: Reis, Wasser, Äpfel. Wir kochten streng nach Rezept, was eigentlich nur bedeutete, den Reis in Wasser zu kochen und die Äpfel reinzuschneiden. Doch es musste ja noch die Magie wirken, denn immerhin mischten wir hier Dinge mit Wasser unter Hitze zusammen!

Nun – sie wirkte nicht. Das Gericht war eine Enttäuschung. Es schmeckte – kein Zufall – nur nach Reis mit zerkochten Äpfeln, die Konsistenz war enttäuchend pampig. Mein Glaube an Rezepte hat damals einen sehr derben Knacks bekommen. Wo war die Magie?

Der magische Kuchen

Ich habe es aber doch noch gefunden, das Rezept, das einfach und magisch ist. Es wurde mir mündlich in einer kleinen Küche in Frankreich überliefert. Ich war zufällig da. Es ist ein Kuchenrezept, wird also gebacken. Bis heute glaube ich an die wundersame Kraft von Backöfen. Was oben auf dem Herd passiert ist mir eher unheimlich, wenn ich schreibe, lasse ich dauernd etwas anbrennen – Backöfen sind da viel gemütlicher und stressfreier, obwohl es hier auch schon Desaster gab, die einen weiteren Blogbeitrag füllen könnten. Zurück zu einem magischen Abend in einer Küche mit drei Französinnen, die mal eben einen Nachtisch für ein sowieso schon üppiges Mahl gezaubert haben, weil es ja ohne nicht perfekt wäre und Kuchen – immer geht.

Magischer Kuchen mit Obst, das zufällig da ist

Zutaten für den Teig: 200 Gramm Mehl, 200 Gramm Butter oder Margarine, ein Schnapssglas Wasser, eine Prise Salz.

Zubereitung: Alles zusammenwerfen, durchkneten, notfalls Mehl dazu, falls es klebt. Eine Springform oder Kuchenform damit auslegen und dann – rauflegen, was gerade zufällig im Obstkorb ist. Bevorzugt: Äpfel oder Birnen, die in feine Scheiben geschnitten und auf den Teig gefächert werden. Darüber etwas Zucker streuen oder Creme Fresh verteilen oder Ahornsirup oder Honig oder geröstete Mandeln. 20 Minuten in den Ofen bis alles schön braun ist. Dazu Kaffee oder Tee und ein französischer Schwarz-Weiß-Film. Voilà.

Vegan, wenn man Margarine statt Butter nimmt. Die Eier fehlen nicht im Teig, denn es ist eher eine zarte dünne Teigschicht, die das Obst trägt.

Zufall und Kreativität

Hätte es nicht irgendwann einmal Menschen gegeben, die beim Kochen ausprobiert und herumexperimentiert hätten, wären niemals neue Gerichte entstanden. Das finde ich großartig, daran sollte man sich viel öfter erinnern, statt das x-te Kochbuch zu kaufen, weil man an eine Magie glaubt, die man in den Rezepten nicht finden wird. Dafür muss man sich selber – dem Zufall überlassen, etwas ausprobieren. Oder fallen lassen.

Ups, I dropped the lemoncake heißt der Nachtisch eines Spitzenkochs, dem ein Missgeschick passierte und der seitdem seinen Zitronenkuchen genauso serviert, wie der aussah, als er ihm vom Teller gerutscht ist: In einem krümeligen Haufen.

Bon appétit!

Roots

Zufall: Gibt’s das?

In diesem Monat beschäftigen die Red Bug Homies sich rein zufällig mit dem Thema Zufall.

Was soll das sein? Ein Zufall?

Ein Ereignis, von dem wir die Ursache nicht kennen?

Weil es keine Ursache gibt?

Das ist eine physikalische Frage. In der Quantenphysik scheint es nämlich so etwas zu geben. Radioaktive Teilchen zerfallen offensichtlich unvorhersehbar. Ließe sich fragen, ob diese Unvorhersehbarkeit nicht immer noch an unseren eingeschränkten Vorhersehbarkeitsmöglichkeiten liegen könnte.

Das wäre aber auch eine philosophische Frage. Kann es Ereignisse geben, die keine Ursache haben? Das wird in der Welt, wie wir sie wahrnehmen, kaum vorkommen. Das kann man dann gerne bis zum Urknall zurückverfolgen oder bis zum lieben Gott, der vielleicht vor aller Zeit, vor dem Urknall schon …

Oder ist vielleicht nur der Urknall zufällig und danach läuft alles folgerichtig ab? Wir sind aufgewachsen mit dieser Vorstellung vom großen Knall und den ersten ultraheißen Millisekunden und der rasend schnellen Ausdehnung des Universums und der rasend schnellen Abkühlung auf immer noch ultraheiße Temperaturen und dann die Entstehung der Materie, der Gaswolken, der Sterne, bis dann irgendwann nach 13 Milliarden und ein paar zerquetschten Jahren ein kleines Säugetier aus dem ostafrikanischen Graben krabbelt und sich in der afrikanischen Savanne aufrichtet, um über das hohe Gras zu schauen. Um ab dann aufrecht zu gehen und sich ein paar Jahrtausende später Gedanken über Zufälle zu machen. Über zufällige Mutationen, die diese ganze Evolution vorangetrieben haben. Oder doch alles vorherbestimmt durch den Knall damals. Und wir haben keinen Einfluss, sondern folgen willenlos einem gnadenlosen Mechanismus?

Da ist man schnell in einer wohlig, gruseligen Gedankenschleife. Denn das widerspricht irgendwie unserer Lebenserfahrung. Wir spüren schon so etwas wie einen Willen in uns. Wir haben schon den Eindruck, Entscheidungen zu treffen, die weder vorherbestimmt noch rein zufällig sind. Auch wenn diese Vorstellung durch die neuen Erkenntnisse über Big Data schon wieder einer heftigen Attacke ausgesetzt ist. Schließlich sind die Big Data längst algorithmisiert und nicht mehr nur Big, sondern eben auch Smart und wissen oft schon, wie wir uns in bestimmten Situationen entscheiden werden, während wir noch glauben darüber nachzudenken. Was wir für welchen Preis kaufen, ob wir klicken oder nicht, wen wir wählen, was wir über bestimmte Dinge denken.

Im echten Leben erleben wir immer wieder Zufälle.

Je näher man an ein Ereignis herantritt und je detaillierter der Blick wird, desto mehr Zufälle sehen wir.

Wenn wir z.B. in unser Ferienhaus nach Italien fahren, ist es kein Zufall, wenn wir dort auch ankommen. Wir haben Vorkehrungen getroffen, sind einer bestimmten Straße gefolgt und haben vielleicht sogar ungefähr die Ankunftszeit vorausgeplant. Die genaue Sekunde der Ankunft werden wir allerdings kaum vorhersagen können.

Nicht vorhersagbar heißt nicht, dass es keine Ursache hat. Es sind nur zu viele und zu komplexe. Wir nehmen es als Zufall. Wir können nicht alle Einzelheiten kennen.

Gehe ich noch näher heran, erscheint alles völlig zufällig. Ob ich ein paar Kilometer hinter einem roten Wagen fahre, oder welche Aufschrift der LKW neben mir hat. Wer im Autogrill vor mir in der Schlange steht, wann ein Schmetterling die Windschutzscheibe trifft, Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen …

Doch das nennen wir im Allgemeinen nicht Zufall. Warum nicht? Weil es uns gar nicht auffällt. Wir würden es auch nicht als Zufall empfinden, wenn der Mensch im Autogrill vor mir, wie ich auch, einen Cappucchino bestellt. Oh welch ein Zufall? Nein. Aber was wäre, wenn er die gleichen Schuhe und das gleiche T-Shirt wie ich trüge, na ja, schon eher: Zufall. Was wäre, wenn plötzlich drei, vier Autos unserer Marke und Farbe hintereinander führen? Zufall!?

Wir empfinden es erst dann als Zufall, wenn zwei Ereignisse zusammenkommen, die uns auffallen, die aber keinem ersichtlichen kausalen Zusammenhang haben  … und für uns auch in keinem offensichtlichen Sinnzusammenhang stehen.

Aber was ist, wenn der Schmetterling gerade die Scheibe hittet, während »When the music’s over« im Autoradio läuft, ? »I wanna hear, I wanna hear the scream of a butterfly«. Grüßt da Jim Morrisson direkt aus dem Jenseits?

Ist das noch Zufall oder schon Synchronizität, wie C.G. Jung es nannte. Ereignisse, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, deren Zusammentreffen von uns aber mit Bedeutung aufgeladen werden.

Obwohl diese Bedeutungen auf den ersten Blick oft plausibel erscheinen, können sie nur intuitiv, nicht logisch, nicht naturwissenschaftlich erkannt werden. Dort gäbe es noch viel zu erforschen. Aber das macht Angst. Angst vor Paranoia und Borderline. Die Gefahr überall, in jedes »zufällige« Ereignis, in jede Zahlenfolge, Bedeutungen, Zeichen, versteckte Informationen hineinzulesen, ist groß.

Zufall, Fügung oder Bestimmung?

Da nennen wir durchaus auch etwas Zufall, von dem wir die Ursache kennen, oder zumindest im Nachhinein weit zurückverfolgen können.

Seien es die Verkettung unglücklicher Ereignisse, die zu Katastrophen führen oder überraschend glückliche Begegnungen.

Wie in dem Beispiel von Aristoteles, in dem ein Pferd aus dem Stall entkommt und damit einer Katastrophe entgeht. Das Pferd ist nicht aus dem Stall entkommen, um der Katastrophe zu entgehen. Erst im Nachhinein erscheint dann ein glücklicher Zufall als schicksalhafte Fügung.

Fast jeder wird, wenn er sie denn findet, der Liebe seines Lebens zufällig begegnen. Irgendwann wird man zufällig aufeinander getroffen sein. Egal, ob man auf zwei verschiedenen Erdteilen oder im gleichen Haus aufgewachsen ist.

Es läßt sich natürlich zurückverfolgen, wie es dazu gekommen ist, dass ich in den 80ern nach Berlin gekommen bin und in ein besetztes Haus gezogen bin. Und es lassen sich dafür auch viele Gründe finden. Vielleicht war sogar einer der Gründe, dass ich gespürt habe, dass sich dort Menschen aufhalten, die ich interessant finde, die etwas neues probieren, die etwas wagen. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dort die Liebe meines Lebens zu finden, höher ist als in anderen Umgebungen.

Ihr, von der ich bis dahin gar nicht wußte, dass es sie auf dem Planeten gibt, dann wirklich zu begegnen, das heißt mit ihr zur gleichen Zeit am selben Ort zu sein, war natürlich nicht geplant. War reiner Zufall.

War gar nicht planbar. Jedenfalls mit den Begrenzungen eines menschlichen Bewusstseins. Also muss es Zufall sein. Oder Bestimmung? Ich glaube gern an die Bestimmung und bin sehr dankbar dafür.

Der Zufall und The Flow.

Dankbarkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung des Zufalls machen das Leben reicher. Damit uns etwas als Zufall auffällt, müssen wir ihn natürlich wahrnehmen. Und wenn wir ihn dann noch wertschätzen, kann er uns weiterbringen.

Als Bildhauer arbeite ich oft mit Zufällen.

Ich arbeite an einer Figur. In einem zufälligen Papierknick etwa sehe ich die Andeutung eines Knies, oder eine Drehung in der Hüfte. Ich sehe die Bewegung. Ein Grund erst einmal innezuhalten. Was war da gerade passiert? Etwas neues, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Obwohl ich das alles natürlich mit den Augen sehe, habe ich dennoch den Eindruck, dass ich jetzt mehr zuhöre als hinsehe.

Während des Arbeitsprozesses an der Figur ist nichts von vornherein festgelegt. Es gibt keine fertig geschweißte Armatur, die die Größe und Haltung festlegt. Keinen sachgemäßen Aufbau der Form in Ton oder Gips. Keine Vorzeichnungen, kein Modell. Alles ist im Fluß. Im Flow. Es kann alles passieren. Ab jetzt ist es eine spannende Konversation mit dem Material, mit der Figur, mit dem Zufall.

Bei dieser sensiblen fragilen Arbeit, ergeben sich andauernd Zufälle. Etwas fällt herunter, kippt um, löst sich. Und dann immer die Frage, was ergibt sich daraus neues, was soll so bleiben, wo soll etwas geändert werden?

So geht es dann weiter. Sehr vorsichtig, aber auch entschieden. Ich weiß, wenn ich in dem Dialogmodus mit dem Zufall bleibe, wird etwas Großartiges entstehen. No matter what. Ein meditativer Zustand, ein fokussierter Zustand, ein wacher Zustand. Alles ist gewollt und dem Zufall überlassen.

Wie im richtigen Leben.

 

 

Roots

Danke

 Liebe Red Bug Fans,

what a year. Danke.

Wir haben es doch tatsächlich geschafft, jede Woche einen Beitrag zu schreiben und dabei nicht nur euch, sondern oft auch uns selbst gegenseitig mit roots-, rausch-, radio-, ruhe- und royalen Beiträgen überrascht.

Es hat sich herausgestellt, dass dieses fünfzackige Gerüst ziemlich stabil und doch beweglich ist. Ein echter Stern eben.

Wie ihr schon gemerkt habt, macht der Red Bug Home Blog gerade eine klitzekurze Pause. Wir frühjahrsputzen. Und relaunchen dann im April mit neuen Rubriken und Monatsthemen.

Wir sind genauso gespannt wie ihr und hoffen, dass ihr weiter dabei seid.   

All the best

die Redbugx

Roots

Eat like a Yogi

Essen ist ein riesiger Aspekt in meinem Leben („Food is Life“ ist definitiv ein Satz, den man oft von mir hört). Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich zum Geburtstag das Kochbuch „My Yoga Canteen“ geschenkt bekommen habe. Yoga und Essen in einem … was gibt es Besseres? Also wo ist der Zauberplan? Der Shortcut? Sagt mir, was ich essen soll, und ich bin zufrieden. Tja so einfach machen sie es einem natürlich nicht. Aber sie sprechen mit einem liebevollen Augenzwinkern Empfehlungen aus und nicken verständlich, wenn du sie ignorierst. Yoga kann ein sehr nerviger Lehrer sein. Aber halt eben auch der Beste. Was sagen also die Yogis über unsere Ernährung?

Umgebung

A h i m s a

Ahimsa bedeutet Gewaltlosigkeit und ist ein der wichtigsten Gebote im Hinduismus und Buddhismus. Laut Ahimsa darfst du keinem anderen Lebewesen Schaden zufügen. Demnach wird die vegetarische Ernährung als die höchste Ernährung angesehen.

            

Körper

S a t t v a,  R a j a s,  T a m a s

Manche Nahrung gibt dem Körper Prana (die Lebensenergie in unserem Körper) wieder, andere nimmt dem Körper Prana und manche blockiert das Prana in unserem Körper. Diese drei Kategorien sind also wie die Pfeiler der Yogischen Ernährung:

 

 

„Yogische Ernährung heisst, Sattva-Reinheit zu bevorzugen, sich von rajasigen Lebensmitteln im Laufe der Zeit mehr und mehr loszusagen und tamasische ganz zu meiden.“ – My Yoga Canteen

Es geht aber nicht nur darum, was man isst, sondern wie man isst. In Ruhe und Achtsamkeit. Mit völliger Konzentration auf das Essen, mit so wenig Ablenkung wie möglich. Sadhguru sagt dazu, dass Gewohnheit der größte Feind von Bewusstsein ist.

Das heißt, eine Mahlzeit, die bewusst und in Ruhe eingenommen wird, ist Sattva.

Eine Mahlzeit, die hektisch und schnell eingenommen wird ist Rajas.

Und so viel von einer Sache zu essen bis man Bauchschmerzen hat, ist Tamas.

Das heißt, wenn man sich einen Teller Obst und Gemüse reinhaut, im Stehen, vorm Fernseher dann ist das nicht Sattva. Zelebrieren wir das Essen vor sich, vielleicht sogar in einer Gruppe von Menschen, die wir lieben, dann ist das wesentlich gesünder.

             

D u  b i s t,  w a s  d u  i s s t

In der Theorie klingt das alles erstmal sehr einleuchtend. Eine für den Körper richtige Ernährung kann den Körper stärken und sogar heilen. Eine für den Körper schlechte Ernährung schwächt und verlangsamt den Körper und kann ihn Krank machen. Es leuchtet mir auch ein, dass simples Essen, wie Obst und Gemüse oder Nüsse für den Körper leichter zu verdauen ist, als stark verarbeitetes Essen mit vielen Zusatzstoffen. Aber in der Realität ist unsere Ernährung wahnsinnig vorbelastet. Kindheitserinnerungen, Stress, emotionale Abhängigkeit, Zugehörigkeitsgefühl, Gewohnheit. All diese Dinge essen ja quasi mit, wenn wir etwas zu uns nehmen. Als ich mal drei Tage gefastet habe, war der körperliche Aspekt das allerkleinste Problem. Die Isoliertheit von allen Menschen um mich herum, das Emotionale war das Problem. (Hier mein Blogbeitrag dazu).

Geist

A g n i,  O j a s  u n d  A m a

Was hat es den nun mit der Verarbeitung unserer Gefühle und der Verdaung des Essen zu tun?

Man geht davon aus, dass jeder Mensch ein transformierendes Feuer in sich besitzt. Es heißt Agni. Alles was wir essen wird von Agni in Ojas transformiert. Ojas wird benutzt, um den Körper gesund zu halten, stark und rein.

Das geht aber nur, wenn das Essen „rein“ ist. Also Sattva.

Ist das Essen nicht rein, muss Agni mehr arbeiten, um Ojas zu produzieren und es entsteht ein Nebenprodukt namens Ama. Ama ist laut Ayurveda der Hauptgrund für jede Krankheit. Es blockiert Prana und okkupiert den Körper. Es gibt ihm mehr zu arbeiten, als er sollte, so kann er sich nicht darauf konzentrieren gesund zu bleiben.

Ama wird jedoch nicht nur durch schlechte Ernährung produziert. Ungelöste Emotionen aus der Vergangenheit oder emotionale und körperliche Giftstoffe aus der Umwelt sind ebenfalls Gründe für Ama.

Agni kann Ama „verbrennen“. Wenn es jedoch konstant mit für den Körper falsches Essen bombardiert wird, kann es sich erstmal nur darauf konzentrieren und negative Emotionen stapeln sich. Das Feuer wird dadurch immer schwächer.

 M e i n e  B e z i e h u n g  z u m  E s s e n

Wenn ich zurück denke, hatte ich am meisten Probleme mit dem Essen, wenn es mir emotional schlecht ging. Kurz bevor ich die Schule abgebrochen habe zum Beispiel. Im Nachhinein kein Wunder, da mein Agni Feuer definitiv überfordert gewesen sein muss.

Ich hatte sicherlich schon Phasen,  wo ich meinen Komfort im Essen gesucht habe. Ich hatte nie eine Essstörung und es war nie dramatisch. Aber ja, essen macht mich glücklich. Wenn ich gestresst bin esse ich viel und schnell. Es soll ja auch die Menschen geben, die nichts essen, wenn sie gestresst sind. Nope not me. Ich esse, wenn es mir gemütlich ist, und wenn ich traurig bin. Und ich neige definitiv dazu, mich mit Essen zu belohnen. An sich ja erstmal alles nicht verwerflich, aber es kann eben auch ganz schnell umschlagen in sich mit Essen bestrafen.

          

D i e  Y o g i s c h e  E r n ä h r u n g

Yoga bedeutet Einheit. Eins sein mit dem Universum und allem um dich herum.

Nimm Dankbarkeit und Achtsamkeit und Liebe als Grundlage für Alles. Eben auch dein Essen. Lerne dann dich selbst und deinen Körper kennen und schaue dann, dass du möglichst reine und vollwertige Nahrung zu dir nimmst.

Beobachte wie du dich nach dem Essen fühlst. Fühlst du dich energetisch und frisch, ausgeruht und zufrieden. Fühlst du dich schlapp und hast Bauchweh? Wie fühlst du dich am nächsten Tag? Wie hast du in der nacht geschlafen. Lerne deinen Körper kennen. Experimentiere mit Essen.

Und am allerwichtigsten sei dankbar für das Essen. Sei dankbar für jeden Menschen, der dazu beigetragen hat, dass das Essen in diesem Moment vor dir steht. Vom Bauern, über den Lastwagenfahrer, dem Kassierer an der Kasse, dem Koch oder Kellner, hinzu dir selber, weil du es dir gekauft und liebevoll zubereitet hast. Esse in Ruhe und achtsam. Mach dich nicht verrückt, daüber was du isst. Versuche die Nahrung als Medizin anzusehen und höre darauf was dein Körper braucht. Hattest du einen stressigen oder emotional aufwühlenden Tag? Versuche deinem Körper leicht verdauliche Dinge zu geben, um es ihm nicht noch schwerer zu machen. Hast du das Gefühl, dass du gerade dann ein Stück Schokolade brauchst? Dann iss die Schokolade und sei dankbar für deine Instinkte. Esse aus dem Bauch heraus und passe deine Ernährung an deine momentane Lebenssituation an. Fühlst du dich träge und musst Ballast loswerden? Esse eher Sonnen und Bodennahrungsmittel wie z.b Salat, Beeren, Obst. Ist das Leben super-rasant und musst du dich dadurch erden? Esse Kartoffeln und Beete um dich zu rooten. Sie nicht zu streng mit dir, fülle jede Mahlzeit mit Liebe.

Wie immer gibt es keine einfach, simple, „esse-nur-dies-und-du-wirst-glücklich“- Lösung. Das Leben ist ein Lernprozess und wir müssen ihm unsere Aufmerksamkeit schenken. Sich Fehler verzeihen und liebevoll weitergehen. In der Meditation wandern wir auch immer von der Umgebung, in den Körper, in den Geist. Nimm jede Mahlzeit als Chance für eine kleine Meditation.

„Do not make food into a Religion. It is not. It is a Choice.“  – Sadhguru

 

Vielen Dank an Krissi und Nik für das tolle Geschenk!

Hier ist „My Yoga Canteen“ von Marlo Scheder-Bieschin – ich kann es nur Empfehlen!

Hier sind ein paar Videos zu dem Thema die ich mir angeschaut habe:

Healthy Food and a Proper Diet — How Does One Decide?

The Science of Yoga (Part 4 – Diet)