Zufall: Interview mit Lukas Horn
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Zufall: Interview mit Lukas Horn

Lukas ist Schriftgestalter, Buchstabenvirtuose und Letteringliebhaber. Vielleicht hast du seine funky Fonts bereits auf dem ein oder anderen Red Bug Books Cover gesehen. Oder auf einem Buchumschlag in unserer Adventsaktion. Oder du kennst die handmade Font aus Lenny, Ambers und Lukas Sweetwoods Kurzfilm „Rechenzentrum“. In jedem Fall lohnt es sich, mit Lukas in die Welt der Buchstaben einzutauchen. Seine Arbeiten sind dynamisch, lebensfroh, und immer mit Liebe gemacht.

Außer wunderschönen Letterings und Filmtiteln, macht Lukas sich viele Gedanken. Besonders gern über Schrift und die Menschen, die sie machen. Mit „fragenziehen“ hat Lukas hat ein Interviewformat entwickelt, das mit dem Zufall spielt.

 

Was ist „fragenziehen“?

Fragenziehen ist meine Interviewreihe. Das Besondere ist, dass ich anstelle vorgefertigter Fragen nur einen Kartenstapel mit Wörtern habe. Vom Kartendeck zieht die Interviewte dann einzelne Begriffe, wie zB. ‚Liebe’, ‚Wut’ oder ‚Verantwortung’. Die Begriffe stehen in Beziehung zu einem, von mir festgelegten, Wort. Bei mir ist es ‚Schrift’. Daraus ergeben sich Pärchen, also ‚Schrift & Liebe’, ‚Schrift & Wut’ oder ‚Schrift & Verantwortung’. Die Interviewte sagt dann intuitiv, was ihr zu der Kombination einfällt.

Das Tolle daran ist der Zufall. Die Menschen ziehen ihre Karten selbst, sind quasi ‚selbst dafür verantwortlich‘ welche Wörter sie bekommen und ich habe auch keine Ahnung, was es für Karten sein werden, die gezogen werden. Es gibt immer wieder spannende Antworten. Und es ist schön zu sehen, wie emotional die Interviewten auf die einzelnen Wörter reagieren. Es gibt Begriffe, bei denen Geistesblitze herabregnen, es gibt hochinteressante persönliche Stories und es gibt auch Tabuthemen. Aber welche Wörter was auslösen, weiß ich nie. Das ist das Schöne.

Und was ich nicht einberechnet hatte – ein super Nebeneffekt – war, dass es meinen InterviewpartnerInnen total Spaß gemacht hat, die Karten zu ziehen. „Ach komm, eine nehm ich noch …“, „Ok, ich ziehe nochmal …“

Wie ist dir die Idee zu „fragenziehen“ gekommen?

Die TYPO Berlin stellt jedes Jahr ein Editorial Team zusammen, dass die Messe begleitet.
Meine Aufgabe war, ein bis zwei Blogbeiträge für den Blog der TYPO zu schreiben. Das Format war egal.
Mir war wichtig, dass es Spaß macht, dass ich eine kleine Feldstudie betreiben und vor allem, dass ich mit tollen Menschen reden kann (die Schriftszene ist überschaubar, aber es gibt einen Haufen Menschen, die sich leidenschaftlich ihrer Arbeit widmen – egal ob Lettering, Kalligrafie, Typografie, Type Design, Type Engineering usw.).

Ich hatte lustigerweise ein Kartendeck geschenkt bekommen. Die Vorderseiten der Karten waren weiß, ich denke für Zaubertricks. Es lag die ganze Zeit rum und ich wollte immer etwas Cooles damit machen. Als ich meine Interviewidee entwickelte, kamen mir wieder die Karten in die Hand. Es war das perfekte Medium für meine Idee. Manchmal passiert sowas einfach. Das nehme ich dann dankend als Geschenk an.

Was gefällt dir an der Idee besonders?

Wie schon gesagt, der Zufallsmoment ist das Schönste. Es ist für mich als Interviewer spannend, genauso für die InterviewpartnerInnen. Und ich denke, das merkt man auch als LeserIn der Interviews. Und es ist eine sehr kompakte Idee. Kleine Dinge, große Wirkung.

Was macht für dich ein gutes Interview aus?

Es muss ein Moment geteilt werden. Es gibt Menschen, die sich komplett auf die Situation einlassen und das spürt man. Das ist manchmal sogar wichtiger als das, was dann konkret gesagt wird.

Wen würdest du gerne einmal interviewen?

Erik Spiekermann. Auf der einen Seite ist er zu einer Ikone in der Design- & Typeszene geworden. Fast heilig für die einen. Er sticht heraus. Auf der anderen Seite ist er umstritten, weil er sich der Werbung hingegeben hat. Es gibt hitzige Diskussionen über ein paar seiner Projekte (Stichworte: FF Meta vs. Polo, Transit vs. Frutiger). Zum Teil zu Recht. Aber ich finde, er ist ein großartiger Typograf, Schriftgestalter und Kommunikationstalent. Jedes mal, wenn ich ihn sehe, muss ich an eine Zeit in Deutschland denken, in der die Werbung quasi neu erfunden wurde.

Und Funfact: in den 23 Fragenziehen-Interviews, die ich bis jetzt geführt habe, wurde sein Name am häufigsten erwähnt (Platz zwei: Luc(as) de Groot – mein Schriftprofessor & einer der wichtigsten lebenden Schriftgestalter, Platz drei: Bram de Does – war ein virtuoser und weit geschätzter Schriftgestalter aus den Niederlanden). Das zeigt, wie präsent sein Schaffen auch heute noch ist, obwohl er seine großen Coups eher vor Jahrzehnten geschmiedet hat.

Schrift und Zufall?

Ich glaube, Zufall ist die treibende Kraft, vielleicht das Lebenselixier der Schrift. Schrift kann sich nur durch Zufall weiterentwickeln. Durch neue Technologien, die plötzlich da sind und ausprobiert werden wollen, Experimente. Ungewöhnliche Formen, die beim Buchstabenentwurf entstehen, weil du mit dem Stift abgerutscht bist. Oder, dass eine Schrift genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort benutzt wird. Es geht in der Schrift scheinbar viel um Regeln und Know-how, aber eigentlich ist es immer wieder ein Stück neuer Kontinent, der aufgedeckt wird.

Danke, Lukas!

Wenn du mehr über das Malen von schönen Buchstaben wissen willst – Jeden vierten Donnerstag bloggt Lukas auf RED BUG CULTURE über Lettering. 

Special Edition Cover zu LOVING von Katrin Bongard.

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