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Katrin

Royal

Potsdam #4 Schloss Babelsberg

Achtung, diese Beitrag kann Nebenwirklungen haben. Zum Beispiel Neid und Eifersucht auslösen. Schloss Babelsberg – royaler Prunk, Präsentation eines königlichen Lifstyles, Festessen an langen Tafeln, der Blick aus riesigen Panoramafenstern in eine sorgsam gepflegte Gartenanlage. Luxus, Langeweile und anschließendes Lustwandeln im englischen Garten. Irgendwie dekadent. Aber – nun kommt die frohe Botschaft: Dieser Ort und dieses Leben ist nicht mehr so exklusiv wie vor 175 Jahren, sondern – offen für alle!

Schloss Babelsberg

Schloss BabelsbergAls wir 1997 nach Potsdam zogen, waren die meisten Orte, Gebäude und Straßen fast zehn Jahre nach Wiedervereinigung und Wende immer noch in einem stark zerfallenen Zustand. Ganz besonders die Schlösser, die teuer zu erhalten sind und nicht gerade in eine sozialistische Republik gepasst haben. Aber während Gebäude zerfallen, wuchern Gärten und so war der Park Babelsberg eigentlich nur noch großartiger geworden.

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Skeptischer Blick vm Babelsberg auf Potsdam.

Ich erinnere mich an ein Familienpicknick so um 2005 oben auf dem Babelsberg vor dem Schloss mit Blick zurück nach Potsdam über das Wasser. Wie man sehen kann, war das Schloss nicht gerade ein Schmuckstück, die Aussicht aber trotzdem grandios. Trotz der skeptischen Blicke, und leider erinnert sich niemand mehr, was da gerade beobachtet wurde.
Schloss BabelsbergDie Fotos habe
ich – ganz offensichtlich – auch nicht gemacht, um das Schloss zu portraitieren und wenn ihr mich in den Fotos vermisst – ich stand hinter der Kamera. Was man gut sieht: Das Schloss war ziemlich heruntergekommen und die Wiese davor – eben eine Wiese. Grandios zum picknicken. Granidos zum rumspielen.

Throwback 1833

Wie alles begann. Die adelige Augusta trifft auf den preußischen Prinzen Wilhem, heiratet ihn, und folgt ihm an den preußischen Hof. 1833 erhält das Paar den Babelsberg als Geschenk und einen Neubau genehmigt. Ein Berg – geschenkt. So war das damals. Und klar sind royale Geschenke groß und man kann meist nur etwas damit anfangen, wenn man viel Geld hat. Also wird ein Schloss auf dem Berg nach Plänen von Schinkel gebaut und Lenné macht den Park.

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Babelsberger Schloss um 1900

Als Wilhelms großer Bruder 1840 König wird, muss das Schlösschen gleich mal erweitert werden und Fürst Pückler (ja, der mit dem Eis), der sich über die Jahre an das Prinzenpaar Augusta und Wilhelm herangepirscht hat, darf endlich die  Gartenplanung übernehmen. Schinkel stirbt, sein Schüler Persius macht weiter, was vermutlich nicht so einfach war, da Augusta ständig Änderungswünsche hatte. Auch Persius stirbt noch vor Vollendung des Baus und Strack übernimmt. Das nur, um zu erklären, wieso das Schoss so seltsam zusammengestückelt wirkt. Da die Nachfolger von Wilhem I. an diesem Schloss aber kein größeres Interesse hatten, wurde nicht weiter um- und ausgebaut, es blieb so und – zerfiel.

Schlosslose Zeiten

1945 ging das Mobiliar nach Plünderungen verloren, in DDR-Zeiten wurde das Schloss ganz profan als Akademie, Filmhochschule und schließlich als Museum genutzt.

Ich bin nicht unbedingt ein Fan davon, alte Schlösser wieder aufzubauen, weder das Stadtschloss in Berlin, noch das Potsdamer Schloss, aber dieses Schloss war nicht gänzlich weg, sondern eigentlich noch da und ziemlich intakt. Da konnte man noch was machen. Das fand dann wohl auch der Bund, sowie die Länder Berlin und Brandenburg, die zwischen 2008-17 ein Sonderinvestitionsprogramm zur Rettung bedeutender Denkmäler in Berlin und Brandenburg auflegten, mit dem auch das Schloss Babelsberg – vorerst außen – renoviert wurde.

Fürst Pückler

Schloss babelsbergDer Abschluss der Außenrestaurationsarbeiten, die auch den Park betreffen, wird nun – im noch nicht renovierten Innenbereich – mit einer Ausstellung zu Fürst Pückler gefeiert, der mich irgendwie an den deutschen Schauspieler Tom Schilling erinnert. Also wenn mal jemand eine Verfilmung dieser ganzen Schlossära ins Auge fasst …

Ich habe die Ausstellung mit Steffi besucht, die einen Presseausweis hatte, ansonsten muss man 10 Euro Eintritt zahlen, die sich lohnen, da es eine gut gemachte, schöne und mulitmediale Ausstellung und besonders der Blick aus dem Schloss in den Park besser als Kino ist.
Den Blick auf das Schloss von der Wiese aus von 2005 habe ich versuchsweise mal nachgestellt. Denn, ja, so sieht das heute aus.Schloss Babelsberg

Aber selbst wer nicht die Ausstellung im Schloss besuchen kann, die nur noch bis Oktober geht, auch die Außenanlagen sind ziemlich beeindruckend.

Schloss Babelsberg

Hier nach links und ihr kommt zum Café Babel.

Weshalb ich aber empfehle, unbedingt noch bis Oktober das Schoss Babelsberg zu besuchen, ist das temporäre Café Babel gleich neben dem Schloss. Eigentlich nur zwei Reihen mit Bierbänken und schönen Schirmen, aber es gibt einen exellenten Kaffee und Kuchen und einen großartigen Service. Dazu Fürst Pücklereis und wenn man mehr Hunger hat eine Biobratwurst oder einen Garnelenspieß vom Grill und dazu frischen Weißwein. Alles komplett erschwinglich. Wir sind jedenfalls schon voll verliebt in diesen Sommerspot.
Und um euch noch ein wenig mehr anzufixen – ein kleines Video-Snippet oder auch eine Einladung nach Potsdam auf den Babelsberg -Prost!

Ach ja, und vielleicht sollte ich doch noch die Aussicht nachtragen, die wir schon damals von der Wiese vor dem Schloss Babelsberg aus hatten …
Aussicht2Und jetzt muss ich doch ganz ernsthaft mal nachforschen, was es damals so kritisch zu beobachten gab, denn auch ohne Schloss und Café ist diese Aussicht – damals wie heute – einfach großartig.

Roots

Taube auf dem Dach

Als sich vor ein paar Wochen eine Journalistin für eine Homestory beim mir meldete, war mein erster Gedanke: Erwähn die Tauben nicht, die gerade auf deinem Fensterbrett nisten, denn dann wird es in dem Artikel nur noch um die Tauben gehen. Erwähn die Tauben nicht!

Die Sache mit den Tauben

Die Tauben sind an einem Morgen gekommen. Gurrend saßen sie zu zweit auf dem Fensterbrett vor meinem Schreibzimmer. Eigentlich schreibe ich überall wo es gerade passt und wechsle die Stellen auch gerne mehrmals während eines Buchprojekts. Aber manchmal bleibe ich auch eine Weile an einer Stelle bis das Buch fertig ist. Stellen suchen und sich einnisten – das ist mir also sehr vertraut.

Das Männchen bietet Nistplätze an, die endgültige Auswahl erfolgt durch das Weibchen (Wikipedia)

Exakt so war es. Aber Tauben – Freunde! – ihr seid wirklich keine besonders talentierten Nestbauer. Ein paar kleine Stöckchen auf das Fensterbrett legen und bei jedem Flügelschlag wieder herunterwedeln?  Taube auf dem Dach Nicht so überzeugend. Also dachte ich mir, ich helfe mal ein bisschen nach und habe einen alten Strohkranz (von Weihnachten) ausgebuddelt und auf dem Fensterbrett angeleint. Ohne große Hoffnung, wenn ich ehrlich bin.  Auch wenn kurz darauf einige Stöckchen im Kranz lagen – sah jetzt noch nicht so nach ernsten Absichten aus.

Bauen und legen

Selbst als die Taube sich setzte, hielt ich das für einen vergeblichen Versuch. Ich meine, schaut euch das Nest an!

Doch dann flog die Taube mal weg und – zwischen den dürren Ästen lag ein kleines Ei. Ups. Ein Ei? Gleich mal gegoogelt. In der Regel sind es zwei Eier. Die Natur ist nicht immer regelmäßig, aber meine Taube schon. Das zweite Ei kam dann einfach ein paar Tage später.FullSizeRender-17

Ich muss zugeben, ich war ziemlich beeindruckt, wie vorhersehbar und reibungslos das alles geklappt hat. Ich schrieb gerade an einem Manuskript, rang mit dem letzten Akt und da lief alles so – einfach. Ein paar Stöckchen übereinander, Ei reingelegt? Mehr nicht? Ja. So einfach.

Brüten

Brutzeit bei Ringeltauben 16 bis 17 Tage. Okay, game on, dachte ich mir, wenn die Tauben schlüpfen, sollte mein Buch fertig sein. Ab da lebte ich mit einer brütenden Taube auf dem Fensterbrett. Hitze, Regen, Sturm. Nichts hält die Taube davon ab, im Nest auf ihren Eiern zu sitzen, das nur kurz zum Nahrung suchen verlassen wird. Hier brannte teilweise die Sonne auf mein Fensterbrett, doch die Taube blieb stur. Okay, ich auch. Schreiben! Ich schaffe das! Mein Buch wird fertig, wenn die Tauben schlüfen. Wenn sie überhaupt mal schlüpfen …

Schlüpfenlassen und füttern

Nein, ich dachte nicht, dass aus diesen zwei winzigen Eiern irgendetwas wird. Ehrlich. FullSizeRender 5Aber die Natur ist hartnäckig, eine Ringeltaube stur und Leben offenbar nicht so schnell zu zerstören. Und so schlüpften ganz pünktlich zwei kleine, extrem hässliche Taubenküken. Hielten sich erst ein paar Tage unter der Taubenmama auf, bis sie zu groß waren, um auf ihnen draufzusitzen. Und mein Buch – war nicht fertig. Okay, den ersten Battle hatte ich verloren.FullSizeRender-8 Die Küken geschlüpft, mein Buch nicht fertig. Damn.

Flügge werden

Aber ist ein fertiges Buch nicht eher mit Flüggewerden zu vergleichen? Ich meine: Fertig und ab in die Welt? Wie lange brauchen Tauben, um flügge zu werden? Erstmal groß werden, dachte ich mir. Erstmal Federn bekommen, das wird doch wohl eine Weile dauern. Ich bin vor. Googeln: Nestlingszeit 30 Tage – Ich bin sowas von vor!

Wobei ich nicht dachte, dass die wirklich so schnell groß werden …FullSizeRender-11

Und so eine genaue innere Uhr haben. Einmal Ei gelegt (ich vergleich das mal mit einer IDEE), läuft das Programm ab.

Bei dem Ei, das etwas später gelegt wurde, wohl auch leicht versetzt, denn Küken 2 (und nein, ich habe ihnen keine Namen gegeben …) war deutlich etwas zurück mit der Entwicklung. Erstaunlich für mich: Die Taubeneltern sind zu diesem Zeitpunkt eigentlich die meiste Zeit unterwegs. Zweimal am Tag zum Füttern kommen – reicht vollkommen.

Kann ich meine Schreibsessions vielleicht auch etwas reduzieren? Zumal diese aufgeplusterten Federbälle nicht danach aussahen, als ob sie in den nächsten MONATEN fliegen FullSizeRender-3würden – oder sich alleine ernähren könnten. Nun ja. Gefühlte Tage weniger saß Taubenküken 1 schon sehr ungeduldig auf dem Rand des Nestes und wollte offensichtlich ausziehen. Machte Druck. Vor allem mir.

Zeit zu fliegen

„Lass uns fliegen“ –  heißt ein Buch von mir. ich bin jetzt nicht so ein Fan des Titels, den ich nicht ausgesucht habe, aber jetzt schien er mir doch eine Art Erinnerung zu sein: 1. Du kannst Bücher schreiben, auch wenn dieses jetzt gerade – dauert. Und ganz anders wird, als du gedacht hast. 2. Okay, Taubenküken, wir machen dass zusammen. Ihr fliegt, ich beende mein Buch. Oder auch: Wartet auf mich!

Zwischenspiel

Mittlerweile war ich ein wenig besessen von dem Naturschauspiel vor meinem Fenster. Und natürlich ist es mir herausgerutscht, als die Jounalistin da war. Eine unbedachte Sekunde – Und, übrigens, auf meinem Fensterbrett nisten Tauben. Als wär das mein Verdienst. (Kommt Leute, der Strohkranz war schon eine geniale Idee, oder?) Als der Artikel kurz darauf herauskam – fette Überschrift: Taube auf dem Dach – war ich gar nicht mal erstaunt. FullSizeRender-5So ist das eben. Das war gerade mein Thema. Meine Obsession.

Und das Buch wurde fertig. Die Tauben waren es auch. Die Sache lief ganz unsentimental ab. Eines Morgens war es einfach eine Taube weniger im Nest. Taube 1 – gone with the wind. Taube 2 vielleicht etwas irritiert? Kommt die Mutter überhaupt noch? Taube auf dem DachJa, der Job wurde erledigt, bis Nummer 2 ein paar Tage später auch weg war. So einfach. Ich hab dann mal aufgeräumt und das Fensterbrett sauber gemacht. Meine Schreibunterlagen weggeräumt – Schreibpause.

Taube auf dem Dach

Natürlich wird die Taubensache irgendwann in ein Buch wandern. Logisch. Erstmal bin ich froh, dass das Buch geschrieben ist. Und während ich vorsichtig darüber nachdenke, was ich als nächstes schreiben werde … meine Unterlagen sortiere und meine Zettel auslege … liegen zwei neue Stöckchen auf meinem sauberen, leeren Fensterbrett. Freunde! Echt jetzt? Ich habe dann mal den nächsten Strohkranz geholt.

Mein nächstes Buchprojekt? 46 Tage? Ich versuch erst gar nicht, diesen Battle zu gewinnen.

Die Tauben bauen derweil ihr neues Nest.Taube auf dem Dach Ich finde übrigens, es sieht wesentlich solider aus. Auch besser gebaut. Und das werde ich dann wohl mitnehmen für mein nächstes Projekt: Ich will mich ständig weiterentwickeln. Besser werden.

Ja, mir ist die Taube auf dem Dach tatsächlich sehr viel lieber, als der Spatz in der Hand. Also alles gut.

Royal

Berlin #1 Die Pfaueninsel

Ausflug auf die Pfaueninsel

Wo geht man hin, wenn man als Familie einen Ausflug unternehmen will? Am Vatertag, um den Vater zu feiern, weil der  – glücklicherweise – kein Bedürfnis hat, sich mit Freunden zu betrinken oder grölend auf einem Fahrrad mit Flieder am Lenker durch die Gegend zu schaukeln. Amber schlägt die Pfaueninsel vor. Pfaueninsel
Eigentlich schon Berlin (22 km vom Stadtkern), aber gefühlt genauso gut Potsdam (5 km vom Stadtkern), locker mit dem Rad zu erreichen, und dazu noch genau die Natur, die wir als Städter vertragen: gepflegte, sortierte, geschönte, erhobene – kurz royale Natur.

Born in Berlin

Ich bin Berlinerin. In Berlin-Charlottenburg geboren, in Zehlendorf zur Schule gegangen, hier hatte ich meine Ateliers, habe an der FU studiert, meine ersten beiden Kinder geboren. Also wirklich Berlinerin. Dazu noch geborene Westberlinerin, was vermutlich nur der verstehen kann, der das auch erlebt hat: Eine Stadt ohne Umland. Ohne wirkliche Landschaft oder Land, auf das man fahren könnte.

über Trip Advisor

Raum im Schloss auf der Pfaueninsel

Wenn ich mich als Kind an Ausflüge mit der Familie erinnere, dann waren das meist Radtouren. Da wir im Außenbezirk der Stadt wohnten, endeten die dann sehr schnell an der Mauer, was mich nie gestört hat. Und dann gab es Ausflugsziele wie: Glienicker Schlosspark, Märchenwald, Schloss Charlottenburg und – Pfaueninsel. Alles noch im Westen der Stadt und wie mir gerade auffällt: Orte, die mein Weltbild vielleicht mehr geprägt haben, als ich bisher dachte. Orte, die es einem erzählen, dass das Leben auf jeden Fall nicht normal sein sollte, wenn man später mal groß und erwachsen ist. Nicht, wenn es Ballsäle mit großen Kronleuchtern gibt, Zimmerfluchten mit riesigen Bildern an den Wänden, Räume deren Parkett so wertvoll ist, dass es nur in Filzpantoffeln betreten werden darf und eine Insel, auf der Pfauen frei herumspazieren. Ja, so wollte ich leben. Royal. Irgendwie.

Kings are crazy

Wenn man heute Schlösser wieder aufbaut und das mit der Mentalität von Königen in Zusammenhang bringt, dann liegt man gründlich falsch. Jedenfalls was die preußischen Könige angeht. Die wollten nicht zurückschauen und das Alte bewahren. Dann hätte man auf der kleinen Insel, die heute die Pfaueninsel ist, die erste wendische Siedlung wieder aufgebaut. Nein, die preußischen Könige wollten Fortschritt und modernen Lifstyle. 1865 schenkte der Große Kurfürst die Insel dem Alchimisten und Glasmacher Johannes Kunckel. Kunckel sollte dort forschen, Alchemie betreiben, vielleicht versuchen, Gold herzustellen. Alles streng geheim. (Wer literarische gerne tiefer eintauchen möchte, Buchtipp: Die Pfaueninsel von Thomas Hettche.)

Der nächste König fand diese Forscherei dann überflüssig, entzog Kunkel die Unterstützung und die Insel, die 100 Jahre ungenutzt blieb.

Liebe, Sex und Modern life

Erst unter Friedrich Wilhelm II., dem Neffen und Nachfolger von Friedrich dem Großen, der für ewig Preußens Über-König bleiben wird, wurde die Insel endlich wieder genutzt. Schon als Kronprinz soll Friedrich-Wilhelm die Insel mit der 13-jährigen bürgerlichen Wilhelmine zu romantisch-erotischen Aufenthalten besucht haben. Im Alter von 15 Jahren wurde Wilhelmine schwanger; vier weitere Kinder folgten. Sie blieb seine Mätresse und wurde 1796 sogar Wilhelmine Gräfin von Lichtenau.

PfaueninselGemeinsam machte sich das Paar die Insel schön. Ein kleines Schoss, das Wilhelmine „modern“ und gewagt mit verschiedenen Stilen einrichtete.  Teuer, verrückt und bis heute vollständig erhalten. Als Kind hat mich besonders die Besichtigung des Schlosses fasziniert. Filzpantoffeln auf knarzendem Parkett, Räume, die man ehrfürchtig durchschlurfte. Ein Turmzimmer im Stil einer Bamushütte!

Damals und heute

In Berlin hat sich ziemlich viel seit meiner Kindheit geändert. Ich könnte auch sagen, fast alles, denn die Stadt ist nicht mehr geteilt und ich wohne nun in Brandenburg-Potsdam, einer Gegend, die ich als Kind und Jugendliche nur von Westberlin aus sehen konnte, rüber gehen war keien Option. Doch auf der Pfaueninsel ist – alles noch so wie früher. Klar, das liegt auch daran, dass die Insel unter Natur- und Denkmalschutz steht und sich hier nichts verändern darf, aber erstaunlich fand ich es trotzdem.

PfaueninselLogisch, die zum Teil mehrere hundert Jahre alten Eichen waren damals schon gigantisch und die Rasenflächen und Rosengärten sind auch noch da. Vielleicht haben sich die Pfauen am meisten verändert. Eine neue Generation, die man nicht zufällig mit Blicken erhascht, sondern die sich auf auf freigescharrten Plätzen nicht nur den Pfauenfrauen, sondern auch gerne den Besuchern präsentieren. Die Touristen zücken sofort ihre Fotoapperate, obwohl  Mr. Pfau noch nicht mal ein Rad schlägt. Echt mal! Als Familie im Filmbusiness bleibt man bei solchen Auftritten nicht stehen, man geht einfach-schnell-weiter.

Was geht?

Auf der Insel ist so ziemlich alles verboten. Auto und Rad fahren, Rauchen, Hunde, Campen, skaten.
Foto von Amber BongardAber es gibt eine Liegewiese, dort ist Picknicken erlaubt, die wir dann auch direkt ansteuerten. Ja, Redbugx sind eine Spezies, die oft und gerne isst. Teils vegan, aber trotzdem bunt. Geschirr bringen wir umweltfreundlich auch mit und Sekt und Gläser. Schließlich gibt es was zu feiern. Moderner Lifestyle.

Die Liegewiese ist locker mit Gruppen besetzt, eine koreanische Reisetruppe spielt ein Ballspiel, dessen Regeln uns bis zum Ende absolut unklar bleiben. Wir diskutieren, ob das Höschen des Volleyballers eine Badehose oder ein Faux Pas in der Öffentlichkeit ist, alles ganz entspannt.  Und was war noch mal mit den Pfauen?Foto: Amber Bongard

Irgendwie hat uns ein Pfau für seine Performance auserwählt (nun ja, wir sind Agenten) schreitet bis zu unserer Liegestelle und – wow – schlägt sein Rad.  Foto: Amber BongardYes, Sir.  Weswegen der eigentlich gekommen ist, wird kurz darauf klar, als er mal eben die Rinde einer Melone entdeckt und – urrgs – einfach so herunterschlingt. Während uns noch die Frage beschäftigt, ob er gleich tot umfällt, pickt er weiter und schlägt noch mal ein Rad. Danke, für die Aufmerksamkeit – und die Melonenschale. 

Show off

Pfaueninsel

Der Pfau und eine Schar von Touristen, die um unsere Picknickdecket tippeln, werden uns bis zum Spätnachmittag nicht mehr verlassen. Im Mittelpunkt zu stehen, macht auch Spaß. Der Pfau weiß das und wir auch. Ein sehr relaxter Tag.

Uwe macht dann noch mal ein Fotos für die Schauspielkartei, der Typ ist eindeutig sehr leicht zu vermitteln und sehr gut sieht er auch aus.

Um 19 Uhr muss man die Insel wieder verlassen haben, dann geht die letzte Fähre. Wir laufen barfuss zurück, ein Abstecher zum Schloss, das golden in der Sonne liegt. Dann bis zum Fährhaus, an dem man übersetzt, zurück aufs Festland. Etwas warten, gerade genug Zeit, um auf dem Handy den grandiosen Blogbeitrag von Uwe zu Luther und Himmelfahrt zu lesen und zu feiern.

Die Fähre ist fast so lang wie der Abstand zum Festland, aber die Fahrt gehört eindeutig dazu. Beim Übersetzen eine kleine Diskussion darüber, wie erschreckend perfekt der Tag war. Fast zu gut, um wahr zu sein. Ich sehe in den Himmel, an dem majestätisch ein Greifvogel kreist und mir wird auf einmal klar klar, das ich es habe, das royale Leben, das ich mir immer vorgestellt habe. Und dieser Pfau … die Insel ist einfach magic.

 

Radio

Nachrichten, Geschichten und eine 10 Millionen-Dollar-Lüge

Wenn ich schreibe, recherchiere ich viel, aber nie besonders wichtige Dinge. Wie bereitet man einen guten Expresso? Wie geht ein Kickflip? Wie behandelt man eine Depression. Etwa in diesem Spektrum bewegen sich meine Recherchen. Ich weiß, wie man „anständig“ recherchiert, das ist nicht das Problem. Ich brauche es nur nicht. Ich bin kein Journalist, niemand verlässt sich auf meine Informationen, ich schreibe nur Geschichten. So what.

Und dann ist letztens etwas passiert … Ich wollte eigentlich nur mal schnell nachsehen, ob man das Wort Brutkasten noch benutzt. Ich meine, das könnte so sein wie „Neger“, ein Wort, das in meiner alten Pippi-Langstrumpf-Ausgabe noch benutzt wird, aber eigentlich ein No go geworden ist. Ich habe also Brutkasten gegoogelt und bin auf die Brutkastenlüge gestoßen. Zufällig. Lüge, die so groß ist und so unglaublich ist, dass ich eigentlich nicht glauben kann, dass sie funktioniert hat.

20:15 Uhr

Ich bin kein Fan von Nachrichten. Noch nie gewesen. Ich bin mit ihnen großgeworden, 20:15 Uhr war Bürgerpflicht, da saß man vor dem Fernseher und hat etwas für seine politische Bildung getan. So habe ich es als Kind jedenfalls verstanden. Etwas, das man zu tun hat, wenn man ein interessierter und politisch engagierter Bürger ist. Sich informieren! Bei den Nachrichten hat man geschwiegen und mit sanftem Kopfnicken oder Stirnrunzeln seine Zu-oder Abneigung kundgegeben. Es war eine wichtige Sache. Kein Kinderkram. Doch ich habe mich gelangweilt.

Nachricht

Der Begriff Nachricht steht im 20. Jahrhundert im Plural = Nachrichten für politische Meldungen. Sie ist:  „… eine direkte, auf das Wesentliche konzentrierte und möglichst objektive Mitteilung über ein neues Ereignis, das für die Öffentlichkeit wichtig und/oder interessant ist.“ (Dietz Schwiesau und Josef Ohler)

Interessant finde ich: „möglichst objektive“ Mitteilung. Von Wahrheit ist hier nicht die Rede.

Gelangweilt oder nicht, ich bin als Kind aber immer davon ausgegangen, dass in Nachrichten die Wahrheit gesagt wird. Man sich zumindest darum bemüht. Wir alle, oder? Trotz Nationalsozialismus und Watergate, trotz allem. Als Jugendliche wurde ich etwas misstrauischer. Besonders als ich im besetzten Haus gewohnt habe: Hey, was sie dort erzählen, habe ich anders erlebt! Nun gut. Nachrichten sind nicht ganz objektiv. Vertraut habe ich ihnen trotzdem weiterhin.

Die Geschichte

Am 10. Oktober 1990 gibt eine junge Frau aus Kuwait, die sich mit ihrem Vornamen „Nayirah“ vorstellte, vor einem informellen Menschenrechtskomitee des US-Kongresses unter Tränen eine Erklärung ab: Sie habe als kuwaitische Hilfskrankenschwester freiwillige Arbeit im Al-Adnan-Krankenhaus in Kuwait-Stadt geleistet. Sie wäre Zeugin geworden, wie irakischen Soldaten mit Gewehren in das Krankenhaus kamen, Säuglinge aus Brutkästen nahmen und die Kinder auf dem kalten Boden liegen ließen, wo sie starben.

Dies ist eine Lüge, die auf der ganzen Welt als Nachricht verbreitet wurde. Sie ist so groß, dass ich nicht verstehen kann, dass sie es in die Nachrichten geschafft hat. Sie ist so gigantisch groß, dass ich nicht verstehen kann, dass niemand mal nachgefragt hat. Aber noch ungeheuerlicher ist: Diese Lüge hatte einen Preis. Sie wurde für 10 Millionen US-Dollar in Auftrag geben.

Die Brutkastenlüge

Und zwar von der kuwaitischen Regierung (aus dem Exil). Sie beauftragte die amerikanische PR-Agentur Hill & Knowlton damit, in der amerikanischen Öffentlichkeit Werbung für ein militärisches Eingreifen der USA zu machen. Und zahlte dafür zehn Millionen US-Dollar. Eine der PR-Aktionen war die Brutkastengeschichte. Und sie funktionierte.

Sogar Amnesty International ließ sich täuschen und veröffentlicht am 19. Dezember 1990 einen 84-seitigen Bericht über Menschenrechtsverletzungen in Kuwait, der die Brutkastenlüge enthält.(Quelle).

Kein Wunder also, dass  der US-Senat am 12. Januar 1991 mit 52:47 Stimmen für eine Intervention im Zweiten Golfkrieg stimmte und das Repräsentantenhaus mit 250:183 Stimmen für den Krieg.

Was ist mit der Aussage vor der Menschenrechtskommission? Nun, das Mädchen aus Kuwait war die fünfzehnjährige Tochter des kuwaitischen Botschafters Saud Nasir as-Sabah. Ihr Vater saß während ihrer Aussage vor dem Kongress-Komitee als Zuhörer im Publikum. Ihr Bericht war frei erfunden.

Medien und Wahrheit

Die Wahrheit kam erst nach dem Krieg heraus. Man sagt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Aber niemand sagt, was für Auswirkungen eine Lüge auf den Krieg oder die Liebe hat. Oder dass man einen Krieg mit einer Lüge beginnen kann.

Ich sehe schon lange keine Nachrichten mehr, schon gar nicht im Fernsehen. Ich habe es auch jetzt nicht vor. Nicht, weil ich ihnen nicht oder nicht mehr vertraue, sondern einfach weil sie ich sie immer noch langweilig finde. Dass heißt aber nicht, dass ich nicht wissen will, was da draußen so los ist.

Was ich spannender als Nachrichten finde, sind Geschichten. Ob wahr oder erfunden. Denn Geschichten sind sehr viel mächtiger als Nachrichten. Die Medienagentur hat das genau gewusst. Sie hat keine Nachricht in die Welt geschickt, sondern eine emotionalle Story. Und für den Vortrag vor der Menschenrechtskommission eine sehr überzeugende Schauspielerin gefunden. Genau deshalb haben wir alle nicht mehr so genau hingesehen. (Und gerade wundert mich, dass dieses Geschichte noch nicht verfilmt worden ist.)

Ich bin dann mit einem sehr seltsamen Gefühl wieder an die Arbeit gegangen. Irgendetwas hat sich in mir verschoben. Ich glaube, dass ich auch als Geschichtenerzählerin eine Verantwortung habe, aber meist mache ich mir nicht so viele Gedanken darüber. Doch das ändert sich gerade. Und vielleicht mache ich aus genau diesem Gedanken mal eine Geschichte …

Ach ja, man sagt heute eigentlich nicht mehr Brutkasten, sondern Inkubator.

Radio

Dinglisch

Dinglisch

Well, English is not my language. So I have to apologize, if this blogentry is not quite correct or even fluent. It’s strange, I would never apologize in german. Not, because germans don’t apologize (well, we have a lot to apologize for). I’m just much more polite in English. Maybe German is a bit more straight forward. When someone mimics German it’s like a nazi is barking. Are we like this? I like the German language. And I can write much more better in German. But here is the thing: I want people to listen. To read our blog. And English is the most spoken language in the world. Followed by Chinese, Hindi, Spanish. German – is somewhere around position ten. Feels like we have to speak English. And it’s easier than Chinese, right?

Bi- and multilingual

There is a kid in Russia. She is four and speaks 7 languages. 6.6 million hits on YouTube. (Don’t klick on this link, it’s in Russia, you’ll understand nothing.)

I have some French cousins. They speak and write in French and German. But when I asked my cousin, if she could translate something – say a book – she said, she didn’t think, she is good enough in one of the languages. How could that even be possible? Uwe and I discussed the problem very often, when our kids were little. Do we have to start early with English? And meanwhile other parents started with Chinese …

Children raised in bilingual households often confront an array of emotional and intellectual problems that their monolingual playmates are spared. Drifting between two languages and cultures, they can feel like outsiders in both. (New York Times)

When Isabel and Lenny were about 6 and 4, I decided to teach them a bit of English every day with a native speaking voice from a tape and a picture book. One hour tops. Of course it was’nt a duty and totally up to them. Someday someone at school said to me, as though it were absolutely normal: „Isabel kann ja schon Englisch.“ Nope. She could hardly more than a few sentences. And some fancy words like hedgehock. But she and anyone else believed so. Later one she watched MTV, spoke a lot of English and „the lie“ became true. What is going one here?

Meine Sprache

Amerikaner und Briten gehen davon aus, dass du ihre Sprache sprichst. Natürlich! Franzosen auch, doch sie werden mit dieser Taktik vermutlich keinen Erfolg haben, auch wenn 200 Millionen mehr Menschen auf der Welt Französisch sprechen als Deutsch. Schweden gehen davon aus, dass niemand ihre Sprache spricht und sprechen Englisch meist so akzentfrei, dass man sich fragt, wie gut ihr Englischunterricht ist. Bis man herausfindet, dass ihr Fernsehprogramm auf Englisch ist und schwedische Untertiteln hat. Ich war für ein Filmprojekt mit Isabel in Schweden und habe natürlich Englisch geredet. Da wurde es mir zum ersten Mal richtig klar: Es geht nicht nur um die Kinder. Was ist mit meiner Arbeit als Agentin? Mein Englisch musste besser werden. Sehr viel besser. Denn was würde ich machen, wenn der Anruf aus Hollywood kam?

Learning by not doing

We started at the Volkshochschule in Potsdam with an English course. Uwe and I studied vocabulary and read english texts to each other. It was like the old days … in school. Most of the time superboring and very time consuming. We were looking for a shortcut and one was right in front of us: Films and books. When we started to watch movies in English and read books in English, we killed two birds with one stone. (Wir – mit unserem brutalen Deutsch – würden sagen: Zwei Fliegen mit einer Klappe. Nur mal so. )

Hollywood

Als der Anruf aus Hollywood kam, saß ich mit Amber und einem Fahrer in einem VW-Bus und fuhr vom Set in München ins Hotel. Lenny war bei Warhorse besetzt, Riesenaufregung in der Familie. Irgendwann kommt nach der Besetzung immer der Anruf von der Produktion – aber nie, wenn du ihn erwartest. Ich sitze also in diesem VW Bus und mein Handy klingelt.

„Katrin Bongard, Agentur Red Bug?“

„Hi, here is John from DreamWorks Pictures. I try to reach – äh –  how do you to pronounce Juwi?“

„Excuse me, please?“

„The name.“

„Catherine Bongard.“ (I pronounced my name in English)

„No, I mean: Juwi cäroff. How do I pronounce the forename?“

„Oh, you mean: Jui? It’s pronounced: Uffwwäh.“

Okay, that was cool! Someone was asking me to pronounce a german name correctly. Again – The English and the Americans are very polite.

Ich denke, also bin ich oder die Speer-Wurf-Theorie

Die amerikanischen Linguisten Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Lee Whorf (1897–1941) untersuchten die Grammatik nordamerikanischer Indianer und mutmaßten: Wenn Menschen grundverschieden sprechen, dann denken sie auch unterschiedlich.

Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung. Bringt man Menschen zum Beispiel neue Farbwörter bei, verändert dies ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Lehrt man sie, auf eine neue Weise über Zeit zu sprechen, so beginnen sie, anders darüber zu denken. Man kann sich der Frage auch anhand von Menschen nähern, die zwei Sprachen fließend sprechen. Nachweislich ändern bilinguale Personen ihre Weltsicht je nachdem, welche Sprache sie gerade verwenden. (Lera Boroditsky in einem Artikel auf Spekturm.de )

Ich und Englisch

Mein englisches ICH ist anders. Ich würde ihm gerne die gesamte Öffentlichkeitsarbeit überlassen. Facebook, Mails, Anrufe entgegennehmen. Polite, smart, and always able to apologize. More relaxed and confident. (By the way, in French I’m a bitch.) I use more and more English words in my German language. In homöopathischen Dosen. It’s absolutly okay, if you are a young adult writer. Die Jugendsprache hat jedes Jahr mehr Anglizismen, so what?

Und was ist mit Deutsch? Verkommt die Sprache durch immer mehr englische Wörter? Ich weiß nicht. Ehrlich. Ich sehe voraus, dass Sprachtools und Apps und ? kommen werden, die jede der 7000 Sprachen auf der Erde beherrschen werden. Nur das Handy hinhalten – schon übersetzt.

I see that language tools and apps and? Which will dominate any of the 7,000 languages on Earth. Only the mobile phone hold – already translated. (Google Übersetzer)

Noch ist es nicht so weit. Obviously. Oder es kommt ganz anders …

When the snow falls wunderbar
And the children happy are,
When there´s Glatteis on the street
And we all a Glühwein need …

Ruhe

Die Blume des Lebens

Die Blume des LebensBlume des Lebens

Ich bilde mir eigentlich ein, so ziemlich jedes weltweit bekannte Symbol irgendwie und wann – und wenn auch nur am Rande – einmal gesehehen zu haben. Ich habe mit so vielen verschiedenen Menschen studiert, gelebt, gearbeitet, geredet, hätte mir da die Blume des Lebens nicht irgendwann einmal begegnen müssen? Nein. Oder ich habe sie unbewusst übersehen.

Denn irgendwie war sie die ganze Zeit da. Sogar ganz nah. Zum Beispiel auf dem Räucherstäbchen-Teller, den Uwe zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Also frage ich mich, wo ich dieses Ornament noch überall übersehen habe? Mein Kunstgeschichtsstudium fällt mir ein, der Judo-Dojo, der Thai Chi-Übungsraum, Kunstbände, Plattencover, Bücher, Plakate … war ich blind? Warum? Zeit, einmal genauer hinzusehen.

Simpel und gleichzeitig komplex

Blume des Lebens

Ich sehe einen gelangweilten Schüler im Geometrieunterricht sitzen und Kreise mit seinem Zirkel malen. Erst einen. Dann den nächsten vom Mittelpunkt dieses Kreises aus, den nächsten Kreise von einem der zwei Schnittpunkte, die weiteren Kreise von den neuen Schnittpunkten aus … Klingt irgendwie deprimierend, aber wenn man sich das Ergebnis ansieht. Wow. So entsteht die Blume des Lebens, eine gemometrische Form aus 19 Kreisen und 90 „Blütenblättern“.

Leonardo da Vinci
Leonardo_da_Vinci_-_Blume des Lebens

Leonardo um 1512

Seit dem Kunstgeschichtsstudium bin ich ein großer Fan des rebellischen, neugierigen, unkonventionellen, sensiblen Leonardo da Vinci. Vermutlich Sohn einer arabischen Sklavin, die beim Vater gearbeitet hat. Sehr wahrscheinlich homosexuell. Auf jeden Fall hochintelligent und extrem visionär. Der die erste Müllabfuhr von Mailand organisiert und mehr als 30 Menschen seziert hat, da er sich so sehr für das Innere des Menschen interessierte, also die Adern, Knochen, Organe und Muskeln. Um mal das flauschige Bild aus den heutigen Museums-Stores von Leonardo ein wenig aufzumischen. Leonardo sah sich als Wissenschaftler – Haltung zur Kirche und Glaube wohl eher freundlich distanziert.

Codex Atlantis

Der Codex Atlantis ist eine Sammlung von Zeichnungen von Leonardo, oder die Sammlung. Er hat seine Zeichnungen darin nicht nur gesammelt, sondern neu gruppiert, zusammengeklebt, sortiert, sodass manchmal sogar sechs Zeichnungen auf einem Blatt zu sehen waren. Oder in Passepartouts geklebt, damit man Vorher- und Rückseite ansehen konnte. Ich nenne das Collage und modern und extrem interessant für andere Künstler, an die er bei der Herstellung und Aufbewahrung sicher gedacht hat. Ab 1960 hat man diese Sammlung „restauriert“, die Blätter getrennt und auf Einzelbilder geklebt (ja, genau wie die Quittungen bei der Steuererklärung), wodurch ein 12-bändiges Werk mit 1119 Blättern entstanden ist. (Ich hoffe, irgendjemand hat das Original im Urzustand fotografiert, damit spätere Restauratoren das alles wieder rückgängig machen können.)

Leonardo da Vincis Darstellung des Ornaments (Codex Atlanticus, fol. 309v)

Codex Atlanticus, fol. 309v

Jedenfalls ist eine dieser Zeichnungen – genau, die Blume des Lebens, die man damals allerdings gar nicht so genannt hat. Jetzt wäre natürlich interessant zu erfahren, was Leonardo da unter dem Symbol notiert hat …

Türschwelle
Perrot-Chipiez-1884_-_Sill_of_a_door,_from_Khorsabad_-_Louvre

Zeichnung von Jules Bourgoin (1838-1907)

Der erste Fund, einer Darstellung des Blume des Lebens-Ornaments findet sich im Palast von König Aššur-bāni-apli in Dur Šarrukin. Zeit: 645 v. Chr.  und heute in der assyrischen Abteilung des Louvre oder  im British Museum zu finden. Da sieht es tatsächlich mehr wie ein nettes Teppichmuster aus und setzt sich weit über 19 Kreise fort. Zufall? Absicht?

In Ägpyten taucht die Blume des Lebens als Graffiti an Tempelanlagen auf (Tempel Sethos I.), und lässt die Wissenschafler rätseln, wer die dort wann hingekritzelt hat. Wobei – das sieht schon ziemlich exakt aus. Es gibt das Muster in China unter der Pranke eines Löwen, die Blume des Lebens in Pfarrkirchen in Europa, in Indien an Tempelsäulen. Sagen wir einfach: Sie wurde schon fast überall auf der Welt gesehen, vor allem an öffentlichen Gebäuden, Tempeln, Kirchen. Und weil man Mustern in der Kunstgeschichte oder Architektur keine große Bedeutung schenkt, findet man bisher leider nirgendwo eine anständige Antwort auf die Frage, wieso dieses Symbol da oder dort auftaucht.

Heilige Geometrie

Die Blume des Leben ist eben kein Fall für die reine Wissenschaft. In der Gnostik und Esotherik dagegen kennt man geometrische Formen, die als Symbol für den Bauplan der Schöpfung, des Lebens verstanden werden. Formen, in denen alles – vom Atomkern bis zur Spiralgalaxie – aufgehoben sein soll und dargestellt ist. Weil alles Leben aus einem winzigen Samen/Ei erschaffen wurde und mit allem zusammenhängt.

„Jeder Teil eines Dings enthält etwas von der Natur des Ganzen.“ (Leonardo da Vinci)

Leonardo da Vinci etwa 1492

Womit wir wieder bei Leonardo wären.

Esoterik

Und gleichzeitig langsam und stetig die wissenschaftliche Ebene verlassen. In esotherischen Kreisen ist die Blume des Lebens als Schutzsymbol bekannt. Mit einem Aufkleber der Blume des Lebens auf einer Wasserflasche soll man den Inhalt beleben können, also energetisieren, säubern. Mit einem Symbol an der Wand Wohn- und Schlafräume entstören, an Arbeitplätzen den Elektrosmog verringern, mit einem Schmuckstück den Träger schützen oder harmonisieren. Well, well.

Blume des Lebens

 

Ich verstehe gerne, woher Dinge kommen. Was es damit auf sich hat. Da bin ich wohl Leonardo ähnlich. Mich interessiert  – fast alles.

Brauche ich eine Erklärung für eine Sache, ein Symbol? Eigentlich nicht. Denn zum einen kann ich es ausprobieren, zum anderen sieht es einfach schön aus. So what.

Jetzt, wo ich Bescheid weiß – oder ein wenig mehr Bescheid weiß, denn da scheint es eine Menge Geheimnisse zu geben – fühle ich mich etwas erleuchteter. Das Symblol werde ich nicht mehr übersehen. Und ich will definitiv auch so einen kleinen Aufkleber auf meinem Handy haben!

Ruhe

Handlettering

Wie versprochen, kommt heute der zweite Beitrag zum Thema Bullet Journal nämlich Handlettering. Wobei, eigentlich ist das ein ganz eigenes Thema. Und dazu noch ein großes Thema und zurzeit sehr angesagt.

Handlettering

Schrift(arten) waren schon immer etwas, das mich fasziniert hat. Und Handschrift eher etwas, mit dem ich gerungen habe. Note 3 in der Schule. „Schönschreiben“ fand ich schwierig, besonders, wenn man einen interessanten Text schreibt, da zumindest meine Gedanken immer schneller als meine Hand waren. Ah, wie genial ist der Computer für das schnelle Denken/Schreiben. Handlettering heißt dann wohl eher zur Ruhe zu kommen. Es ist wie Zeichnen, wobei der handwerkliche Anteil sehr hoch ist und sehr viel Übung nötig ist, bis man seine eigene Handlettering-Handschrift entwickelt hat.

Learning by doing

Am Anfang habe ich mich eher unstrukturiert mit Handlettering beschäftigt und mir schließlich einen kleinen Kick gegeben, indem ich an einem Letteringkurs teilgenommen habe. Handlettering
Gut, wenn man einen Letteringexperten in der Red Bug Community hat!
Lukas hat den Kurs zusammen mit Lisa organisiert. Es war gut, sich in der Gruppe mal die Zeit zu nehmen, alle Buchstaben einzeln sauber aufzuzeichnen. Das war dann sofort wieder wie Schönschreiben in der Schule – nur sehr viel netter. Als ich Lisa fragte, wo und wie sie sich das alles beigebracht hat, war die Antwort: You Tube Videos. Jep. Immer noch die schellste und coolste Art, heute etwas zu lernen. Trotzdem habe ich nicht nur die nette Atmosphäre, sondern auch noch sehr viel mehr aus dem analogen Kurs mitgenommen.

Papier

Ah, die Autorin kehrt zu ihren Wurzeln zurück: Papier und Stift. Genial. Papier – eigentlich geht alles – doch ich habe schnell gemerkt, dass nicht zu glattes Kopier- oder Umweltpapier mit mittlerer Saugkraft für mich am besten geeignet ist. Handlettering
Auf jeden Fall zum trainieren, also am Anfang. Später geht man von selber freestyle. Packpapier ist toll, weil der Kontrast der sauberen Buchstaben auf dem rauen Papier sehr schön aussieht. Karton ist auch gut, wenn er nicht zu grobkörnig ist.

Für das pure Buchstabenmalen ist es gut, liniertes Papier zu verwenden. Nicht nur auf der Seite von Tombrush kann man sich auch Lernsheets herunterladen und ausdrucken und schon vorgemalte Buchstaben nachzeichnen, was zum einen eine gute Hilfe ist, zum anderen wunderbar entspannt.

Stifte

Ich schreibe/male die Buchstaben beim Handlettering am liebsten mit einem Brush-Pen, also einem Stift, der wie ein kleiner Pinsel funktioniert. Ich benutze am liebsten zwei Stiftsorten. IMG_5605Einmal sind es die TomBow-Brush-Stifte. Gerne in verschiedenen Farben mit zwei verschiedenen Spitzen (dünn oder dicker). Von edding gibt es einen ähnlichen Brushpen (edding 1340 brushpen), der ist halb so teuer, den ich auch gerne benutze. IMG_5604Und dann die Pigma Micron Grafik-Stifte aus Japan. Die haben eine (unterschiedlich) feste breite Spitze, mit der man sehr dünn oder breit zeichnen kann. Sie sind exakter, aber eher für Fortgeschrittene.

Grundregeln

Beachtet man ein paar Grundregeln, dann kann man eigentlich sofort loslegen: Beim Schreiben gibt es zwei Richtungen: Nach oben und nach unten. Bewegt man den Stift nach oben, dann nimmt man den Druck raus, die Linie wird und sollte dünn sein. HandletteringBewegt man den Stift nach unten, verstärkt man den Druck und erzeugt so eine dickere Linie. Handlettering besteht aus dem Wechselspiel von dünnen und dicken Linien. Wann man nach oben und unten zeichnet, ergibt sich eigentlich ganz logisch, aber  seltsamerweise habe ich ständig nachgefragt. So kommen dann solche Anleitungen zustande …

FullSizeRender-HandletteringLinien müssen nicht immer nur Sinn ergeben, sie können auch reine Dekoration sein. Okay, auch dann haben sie eine Funktion, sie umspielen Worte, drücken Emotionen aus und sollten – auch eine Regel – immer zur Bedeutung und dem Ausruck des Wortes passen.
Hier mal meine allerersten Versuche mit der dünnen Seite des Tombrush-Stifts.

Besonders viel Spaß macht es, wenn man anfängt, seine eigenen Schreibvorlieben zu entdecken. Sind es eher die geschwungenen Linien oder ist man am Ende eher der Typ, der in Blockschrift schreibt? Und wie ist es mit Farbe und Schatten, dem Kombinieren von Schriftarten und Größen? Da geht der Spaß erst richtig los. Am Ende, das sehe ich schon, werde ich auf die Wand überwechseln – aber das wird ein anderer Beitrag ;)

Jetzt fasse ich erste einmal Mut – tatsächlich – wirklich – echt – in mein wunderschönes Bullet Journal hinzuschreiben …

Radio

Bullet Journal

Bullet Journal oder back to amazing

Ja, klar, eine neues Ordnungssystem, ich bin dabei. Besonders, wenn zwei meiner Leidenschaften dabei voll auf ihre Kosten kommen:

  1. Mein Bedürfnis, Aufgaben, bevorstehende Ereignisse und Notizen zu ordnen
  2. und sie mit Hand aufzuschreiben (bzw irgendwo hinzukritzeln).

Hier sollte ich wohl hinzufügen: Und sie nie wieder zu finden, wenn ich sie brauche. Aber damit ist jetzt Schluss, denn es gibt ein System! Das Bullet Journal. Genial. Ja, natürlich steht da auch eine Geschäftsidee dahinter und ein Produkt, und demnächst wahrscheinlich auch noch Konzerte und T-Shirts und eine Gruppe für Abhängige. Doch noch ist es nicht so weit, noch kann ich euch ganz einfach ein nettes neues Ordnungssystem für Leute vorstellen, die nicht ALLES am Computer machen wollen.

Ein Notizbuch – ein Stift

Erfunden hat das System Ryder Carroll, der 20 Jahre daran herumgefeilt hat. Wie das so ist – genial ist immer einfach und man versteht gar nicht, warum da nicht schon viel eher jemand draufgekommen ist. Was man braucht, ist erstmal nicht mehr als ein mittelgroßes, mitteldickes Notizbuch mit weißen oder wahlweise leicht karierten Seiten und einen vorzugsweise schönen Stift. Wie fülle ich das Bullet Journal nun? Im Grunde bastelt man sich einen Kalender mit Notizseiten. Doch was an einem Kalender streng vorgeschrieben ist, nämlich die Einteilungen von Tagen, Wochen oder auch der Raum für Notizen – liegt jetzt ganz in meiner Hand.

Index

Ja, es macht Sinn, Carrolls System zu folgen, daher erkläre ich es hier kurz. Die erste Doppelseite, mit der man beginnt, ist der Index, also das Inhaltverzeichnis. Nun, das macht natürlich nur Sinn, wenn das Bullet Journal so um die 50-100 Seiten hat. rbh-10Doch wenn, dann sollte man alle Seiten durchnummerieren. Und im Index eintragen, was und wo in eurem Journal zu finden ist. Nach und nach. Denn, das ist das Tolle: Das Bullet Journal entsteht mit den Bedürfnissen des Benutzers.

Future Log

Als nächstes legt legt man den Future Log an, die Zukunftsplanung. Dafür blättert man zur nächsten Doppelseite. Carroll schägt es so vor: Ein Lineal nehmen und die Seite in 3 Teile teilen. Dann beschriftet man es mit den Monaten, die als nächstes anstehen.
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So habt ich ein halbes Jahr auf einen Blick. Oder ein Jahr, wenn ich umblättere und das Gleiche noch einmal mache.

Monthly Log

Hm, ist nicht gerade viel Platz, wenn man in diese Felder eintragen will, was man im Monat vorhat. Nun, dafür ist der Future Log auch gar nicht da. Dafür gibt es den Monthly Log. rbh-13Ich nehme die nächste freie Doppelseite und trage auf die eine Seite alle Tage des Monats untereinander. (Ja, ich weiß, viele machen sich da lieber ein Grit/Gitter für die Tage, aber vertraut hier Ryder, der sich dabei etwas gedacht hat.)  Auf die andere Seite des Monthly Log kommen die Aufgaben, die man sich für – hier Januar – vorgenommen hat.

Daily Log

Ich bleibe im Januar und blättere um zum Daily Log = der nächsten freien Doppelseite, bzw Seiten. Je nachdem, wie viel man an den einzelnen Tagen vorhat. Das ist die Tagesplanung. Ein Tag braucht keine ganze Seite, denn jeder weiß ja, was man so alles an einem Tag schafft. Genau. Nicht viel. Es sind also eher so 4-5 Tage auf einer Seite. Ich notiere unter jedem Tag, was ich alles machen will. Mache einen Punkt vor alle Aufgaben, einen Kreis vor die Events und einen kleinen Gedankenstrich vor die Notizen, damit da schon mal eine Übersicht ist. Ein Sternchen ist für wichtige Dinge und kommt noch mal vor die anderen Zeichen. Das System ist wieder von Carroll und es ist ausbaubar. Ausrufezeichen, Herzchen und so weiter. Aber auch hier gilt: Weniger ist mehr.rbh-8

  • Punkte für Aufgaben,
  • Kreise für Termine
  • Striche für Notizen

Alles, was ich sonst so lose zusammen in mein Notizbuch hinein notiert habe, findet nun seinen Platz. Viele Dinge passieren an einem bestimmten Tag, die kann ich in die Monatsübersicht eintragen. Das wären dann wohl eher die Events. Andere Dinge will ich irgendwann mal in dem Monat erledigen, die kommen auf die rechte Seite des Montly Logs. Einige Dinge nimmt an sich täglich vor. Die kommen in den Daily Log.

Bullet Journal in action

Ganz besonders genial ist das Bullet Journal in action. Dann, wenn ich mich frage, was ich alles geschafft habe. Was erledigt wird, bekommt ein x über dem Punkt oder Kreis oder dem Gedankenstrich. Yeah! rbh-12Aber dann gibt es Dinge, die habe ich nicht geschafft. Hier also die ernsthafte Frage? Noch wichtig? Nein? Dann durchstreichen. Wenn ja, dann ein kleines Richtungsdreieck vor die Aufgabe machen und in den nächsten Monthly Log eintragen.Bullet Journal -1 Oder eines in die andere Richtung, wenn ich die Sache längerfristig verschiebe, nämlich in den Future Log! Jep, genau, dafür ist der also da. Das nennt man Migration.

Collections

Natürlich hat ein Bullet Journal auch Platz für meine speziellen Listen. Ideen für Bücher, könnte eine bei mir heißen. Oder Weihnachtsgeschenke. Oder Rezeptsammlungen. Quotes, die ich mir merken will. Da wird es dann bunt und ganz persönlich. Und fun! Denn während es vorher durchaus Sinn macht, alles nach System und ordentlich aufzuschreiben, kann man in den Sammlungen verzieren und dekorieren.

Die Kunst der Notiz

Nun bin ich bei aller Ordnungsliebe gegen zu viele Notizen. Es soll Leute geben, die schreiben in ihr Bullet Journal: Abwasch machen oder Wäsche waschen. Hm, muss man sich das wirklich merken? Oder liebt man das Durchstreichen so sehr? Was ich aber auf jeden Fall sehr spannend finde und meinen Nerv vollkommen trifft, ist die Gestaltung des Bullet Journals, die sehr schnell eine individuelle Form annimmt. Farbig, mit Zeichnungen, Symbolen und Lieblingslisten für Musik oder Bücher. Yeah! Ich erinnere mich an meine Tagebücher, in denen mit der Zeit immer mehr Zeichnungen und Doodles vorkamen. Und Farbe und Fotos, die ich eingeklebt habe. Hier bin ich sofort dabei.

Schöner schreiben

Und dann passt es zu einer neuen Leidenschaft, nämlich dem Handlettering, mit dem ich mich seit ein paar Jahren beschäftige.
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Schönschrift war nie mein Ding, aber für mich ist es das auch weniger, sondern eher – zeichnen. Also eine Schrift in eine geschwungene Form bringen. Der Trend, der in Amerika schon vor Jahren angesagt war, schwappt jetzt erst richtig nach Deutschland. Gerade wird auf jedem Blog und auf jeder Chipstüte gelettert. Egal, ich finde es großartig. In Kombination mit dem Bullet Journal wird die Sache nun ein kleines Kunstwerk in Buchform.

Analog lebt länger

Ich schätze mal, ich werde weniger Notizen, Termine und Aufgaben in meinem Bullet Journal sammeln, als Ideen und Listen anlegen. Damit ist es auch schon eine Art Tagebuch, und hält meine Wünsche und Leidenschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt fest, denn irgendetwas sagt mir, dass die Dinge auf Papier am Ende länger bleiben werden, als meine iTunes Bibliothek oder meine Notizen in Evernote oder in meinem iPhone. Kurz: Es lebe das Bullet Journal!

Radio

Ordnung und Chaos

Ordnung ist das halbe Leben

Ja, ich gestehe, ich liebe diesen Satz. Schon als Kind hat es mich extrem fasziniert, Dinge in eine Ordnung zu bringen. Besonders meine Gedanken, weshalb ich mit neun Jahren angefangen habe, Tagebuch zu schreiben und Notizblöcke zu führen. Ich liebe auch Listen. Yay, gibt es ein besseres Gefühl, als Dinge auf einer Liste abzuhaken? Ganz klar liebe ich dabei auch das Analoge. Also das aufschreiben und (gerne mit einem anderen farbigen Stift) abhaken und durchstreichen. Als ich dann so zwanzig war, kam mir der Verdacht, dass ich ein wenig creepy bin, was das angeht. Immerhin hatte ich zu diesem Zeitpunkt einen Karteikasten mit Inhaltsangaben von Büchern, eine Zitate-Sammlung und eine beachtliche Anzahl von Tagebüchern. Außerdem eine Fitnessroutine und einen kontrollierten Ernährungsplan. Und das Computerzeitalter begann gerade erst.

Chaos und Ordnung

Als ich mein Studium begann, dämmerte es mir langsam, dass ich bis an mein Lebensende ordnen und sortieren kann, aber vermutlich dabei eine Menge verpassen werde. Wie das so ist, mit Dingen, die man sich halb unbewusst vornimmt – kurze Zeit später wohnte ich in einem besetzten Haus und das Chaos zog auf allen Ebene in mein Leben ein. Und ich ließ es zu. Ich trennte mich von meinen Buchzusammenfassungen, gewöhnte mich an unregelmäßige Essens- und Schlafzeiten, tanzte auf Besetzerfesten, hing in verrauchten Kneipen herum, ließ mich treiben. Ironischerweise bin ich dann wohl trotzdem diejenige, an die man sich erinnert, weil sie den Frühstückstisch immer sauber gewischt hat, oder versucht hat, Pünktlichkeit auf dem Besetzerplenum einzuführen.

Eins und Null

Keine Frage, dass der Beginn des Computerzeitalter mich vollkommen fasziniert hat. Weg mit dem ganzen Durcheinander, zwei Zahlen, was braucht man mehr? Vieles, was analog war, wanderte auf digitale Geräte und schon vor dem Smartphone fand ich den Palm, das erste digitale Notizbuch, superinteressant. Geschrieben habe ich zwar trotzdem auch weiter auf Papier, aber trotzdem die Möglichkeiten der digitalen Notiz erkundet. Ach, ich liebe die Notizzettelfunktion auf dem Mac. Ich hätte da auch ein paar Verbesserungsvorschläge, denn – ups – mein Bildschirm ist voll. Ich erweitere also auf die Wand, auch, weil ich Notizen gerne vor Augen habe. Und – schups – wird aus der Ordnung wieder das Chaos. Faszinierend.

Notiert, gemerkt, vergessen

Ich bin sicher der Meister der handgeschriebenen Notiz, die sofort danach ihre Bedeutung verliert, weil ich sie nicht wieder entziffern kann. Denn – Aufschreiben heißt merken. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein speichert sich alles ab und sortiert dann auch Wichtiges von Unwichtigen. Was ich vergesse – war nicht wichtig. Bis zu dieser Erkenntnis war es ein langer Weg. Ich weiß noch, wie mir meine Handtasche gestohlen wurde. Darin war auch ein Notizbuch mit Story-Ideen für Bücher. Eigentlich eine Katastrophe, wenn ich nicht wüsste, dass – überall – auf meinem Macbook, auf Festplatten und Disketten (!), auf Servierten und losen Zetteln in Büchern – Buchideen von mir lagern. Wenn ich sie finde, weiß ich meist nicht mehr so genau, wie ich das alles gemeint habe, wenn ich sie überhaupt entziffern kann. Ist das wichtig?, frage ich mich dann.

Kreatives Chaos

Immer mehr digitale Ordnungssysteme wie Evernote oder Asana oder auch das Smartphones sollen uns helfen, Ordnung in unser Leben und unsere Notizen, Termine, Ideen, Gedanken zu bringen. Zumindest das Entziffern der Notizen sollten sie verbessern. Well – warum springe ich nicht an? Warum lagern die Apps unbenutzt auf meinem iPhone? Und selbst, wenn ich nun auch noch Ideen aus Zeitschriften abfotografiere oder in meine Notizbuchfunktion auf dem iPhone schreibe – warum herrscht mittlerweile die gleiche Zettelwirtschaft wie auf der Wand? Meine Antwort: Weil Chaos auch eine Art Ordnung ist. Das wissen wir ja eigentlich seit der Mandelbrot-Menge, obwohl ich das nur emotional verstehe und auf keinen Fall erklären kann. Anders gesagt: Wo Ordnung ist, ist zugleich auch immer Chaos und wo Chaos ist, auch immer Ordnung – man muss sie nur entdecken.

Zurück nach analog

100 % Ordnung  – wer will das? Theoretisch wäre es ja möglich, der Ordnung zumindest sehr nahe zu kommen. Doch es ist sicher kein Zufall, dass jetzt, wo wir die Sache computerish absolut in den Griff kriegen könnten, analoge Ordnungssysteme wieder IN werden. Ach, ja, es hieß ja auch, Ordnung ist das halbe Leben. Der Rest ist nämlich Chaos und so stimmt die Sache wieder.Und weil ich nicht aufhöre, mich für Ordnung UND Chaos zu interessieren, werde ich im nächsten Blogbeitrag mal etwas zum Bullet Journal schreiben. Willkommen zur neusten Idee der personalisierten Ordnung oder besser gesagt: deinem ganz eigenen Chaos.

Ruhe

Erdbeben

Wenn die Erde bebt

Zugegeben, es ist nicht unbedingt ein gutes Gefühl, in eine Region aufzubrechen, die gerade hart von einem Erdbeben getroffen wurde. Nur 4 Tage später aufzubrechen, um genau zu sein. Aber Zuhause zu bleiben, fühlte sich auch nicht gut an. Wir fahren schon seit 16 Jahren nach Italien, immer auf den gleichen Berg – das ist unser Ferienort! Wie gehen wir also damit um, dass nur 40 km Luftlinie entfernt, auf dem gegenüberliegenden Bergmassiv, die Erde gebebt hat?

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Natürlich waren wir nicht cool. Falls es ein Erdbeben gibt, rennen wir alle in den Garten. Nein, das große Feld! Nein, wir bleiben im Haus und stellen uns unter die Türen. Und hatten Bedenken: Dürfen wir dort in der Sonne sitzen, wenn gegenüber auf dem Berg gleichzeitig Menschen unter Häusern begraben sind? Manchmal wünscht man sich, man wüsste weniger. Die Website der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, von der auch die Infos oben stammen, öffnet einem schnell die Augen dafür, dass es an vielen Stellen auf der Welt, jeden Tag, schwere, mittelschwere und kleine Erdbeben gibt. Ups. Das soll keine Aufforderung zur Panik sein – im Gegenteil. Manchmal lässt man sich von einer diffusen Angst von Dingen abhalten, statt an den Ursprung dieser Angst zu gehen.

Vor Ort

Als wir im Tal ankommen, sehen wir die abgesperrte Straße, aber spüren auch die konzentrierte Ruhe. Nicht unbedingt etwas, was man von Italienern erwartet, wenn man sie in den Cafés über Fußball oder Politik diskutieren hört. Die Leute in der Gegend sind Erdbeben gewohnt, eigentlich gibt es jedes Jahr ein kleineres, und alle paar Jahrzehnte ein größeres Beben. Das Leben geht weiter, in den Bars, im Supermarkt, und oben in unserem Landhaus war auch alles wie immer. Nun, nicht ganz so wie immer. Auf dem Weg zum Tante Emma Laden im Nachbarort fielen sie mir als erstes auf.Erdbeben

erdbebenDie blauen Zelte, die auf dem Spielplatz standen. Ein gefüllter Wasserkanister daneben. Okay, da sollte man dann wohl hingehen, wenn es bebt. Erstaunlich sachlich und gleichzeitig beeindruckt, stelle ich fest, dass jedes noch so kleine Dorf, in diesem Jahr vorbereitet ist. Ein leichtes Erstaunen gab es dann kurz darauf auch bei den Cafébesitzern, die wir schon ewig kennen. Okay, dieses Jahr waren wir spät in den Urlaub gefahren, aber es lag wohl eher daran, dass wir überhaupt gekommen waren. Natürlich! Auf einmal war es mir ganz klar. Wie mies wäre das denn, diesen Ort in der Not allein zu lassen? Obwohl das keine Aufforderung sein soll in Krisengebiete zu reisen, hatte ich auf einmal das sehr starke Gefühl, das Richtiges zu tun. Dort zu sein. Zuversicht in eine Region zu tragen, die (auch) von den Ferienbesuchern lebt. Weil dieser Ort nicht einfach nur ein Ferienort für uns ist.

Das Beben

Wir hatten uns gerade daran gewöhnt, die Urlaubs-Helden zu sein, als wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit den (Nach)Beben machten. Nicht, dass es einen Tag ohne Beben in der Region gegeben hätte, wie wir auf einer Erdbeben-Website feststellen konnten, doch alles unter der Stärke 4 ist kaum wahrnehmbar. Oder nicht für alle. Egal wen man in den ersten Tagen im Dorf traf, die erste Frage war immer: Habt ihr es heute Nacht/Mittag gespürt? Nope. Wir fingen an, etwas nachzuspüren, etwas aufmerksamer aufzutreten, spürten nichts. Doch die Wahrheit ist, wenn es kommt, weißt man sofort Bescheid. Für mich war es faszinierend, dass die Beben so unterschiedlich sind. Mal wie ein Zittern und Nachvibrieren, dann nur ein kurzes Rumpeln. Hast du den Schrank umgeworfen? Nein, das muss ein Nachbeben gewesen sein. Und ich muss hier wohl nicht extra sagen, dass wir weder in den Garten gelaufen sind, noch uns unter die Tür gestellt haben. Wie auch, in wenigen Sekunden der Erstarrung? Des ungläubigen Wahrnehmens und der überraschten Erkenntnis: So ist das also!

Ich war gleichzeitig fasziniert und leicht geschockt. Was geht hier eigentlich ab? Ich meine: Auf der Erde? Und es gab ein weiteres Gefühl, das mich an verschiedenen Nachbeben-Morgen beschäftigt hat: Hey, es wäre gut, wenn wir die Erde ein wenig öfter spüren würden. Nicht unbedingt in ihrem verärgerten Zustand. Ihren Wut- und Vulkanausbrüchen oder Zorn-Zunamies. Aber doch bewusst wahrnehmen würden, dass es eine wunderschöne und sehr lebendige Erdkugel ist, auf der wir durch das Weltall fliegen. Und dass wir – und ja, das klingt jetzt kitschig – alle jeden Tag etwas dafür tun können, dass die Erde, das Klima, die Beziehungen hier etwas besser werden.

italien Erdbeben