Rausch

Haut: Interview mit Tattoo Artist Kathi

Als wir überlegt haben, wer welchen Beitrag im Oktober übernimmt, wusste ich sofort, ich MUSS für das Interview mit einem Tattoo-Artist sprechen. Kunst auf Haut – besser geht es doch gar nicht. Daher freue ich mich sehr, dass Kathi vom Tattoo-Studio Body Temple in Potsdam sich Zeit für meine Fragen genommen hat. Kathi ist in dem 4-köpfigen Tattoo-Team Expertin für Permanent Make-up, Dotwork, Neotribal, Fineline. Okay, stürzen wir uns gleich hinein.

Katrin: Hi Kathi, ich muss gestehen, dass ich hier gerade einen Fanmoment erlebe. KünstlerInnen, die gut zeichnen können, habe ich schon immer bewundert. Und dann zeichnest du nicht allein in deiner Kammer mit Radiergummi und großen Stapeln von Papier, also all den Hilfsmitteln, die wir Künstler so haben, um unsere Arbeit ständig verwerfen zu können, sondern auf Haut. Fehler – nicht vorgesehen. Ist es jedesmal aufregend, auf die Haut eines Menschen zu zeichnen oder gewöhnt man sich daran?

Kathi tätowiert das Logo des Body Temple

Kathi: Aufregend in dem Sinne „aufgeregt zu sein“ nicht, aber ich bin natürlich schon sehr konzentriert und aufmerksam. Da spreche ich nicht nur für mich, sondern für unser komplettes Team. Bei sehr anspruchsvollen Motiven wie Portraits oder schwierigen grafischen Bildern, bin ich auch schon mal ein wenig aufgeregt. Das erhöht aber die Konzentration. Gespräche während der Tattoositzung fallen dann oft weg und die Umgebung blende ich völlig aus. Mein Kunde oder Kundin und ich bilden dann so eine Art Mikrokosmos.

Bist du als Zeichnerin zum Tätowieren gekommen oder wolltest du immer schon tätowieren und hast dann dafür zeichnen gelernt?

In meiner Jugend habe ich gesungen und gemalt. Diese zwei Hobbys waren mein Glück, meine Talente und oft auch Ventil für alle möglichen Gefühle, die wir in uns haben, wenn wir die oft nicht leichten Altersstufen durchleben – du weisst sicher, was ich meine: Streit mit Freundinnen, Pubertät, Konflikte mit den Eltern und mit sich selbst, Abnabeln vom Elternhaus usw …

Kathi vom Body Temple Potsdam

Ich habe mir viel aus der Seele geträllert und wollte eigentlich musikalisch mein Arbeitsleben gestalten. Dazu kam es leider aus politischen Gründen nicht und ich habe mich dann mehr aufs Malen konzentriert. Nach längeren Auslandaufenthalten und Selbstfindungsversuchen nach der Wende habe ich schliesslich eine Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert und mich mit der Zusatzausbildung fürs Permanent Make-up dann recht wohl gefühlt. Die Tätowierkunst und das Handwerk gab es zu DDR- Zeiten nicht – es hat für mich in dem Sinne nicht existiert. Mein Sprungbrett war also das Permanent Make-up. Was ich auf dem Augenlid kann, wird wohl auch an anderen Körperstellen funktionieren. Und so tastete ich mich an andere Bilder heran …

Die Haut – ist deine Leinwand. Leinwand kann unterschiedlich sein, Haut auch. Dick oder dünn, dunkel oder hell – welchen Einfluss hat die Haut der Menschen, die du stichst, auf deine Arbeit?

Die unterschiedliche Beschaffenheit der Haut (Alter, Hautdicke und auch die Körperstelle) muss ich immer mit einbeziehen und beachten. Somit ist es oft schwieriger, unbequemer (auch für den Kunden). Manchmal dauert es auch länger, aber das Ergebnis sollte von meiner Seite möglichst immer gleich gut sein. Weiche Körperpartien, wo – zum Beispiel – die Atmung noch mit einbezogen werden muss, sind logischerweise schwerer zu bearbeiten als eine schöne feste Wade oder ein Oberarm. Ich muss allerdings dazu sagen, dass auch die Pflege eines frisch gestochenen Tattoos mindestens genauso wichtig ist, um am Ende ein optimales Ergebnis für die Ewigkeit zu erzielen.

Welche Art von Haut tätowierst du am liebsten?

Optimal ist natürlich junge, knackige Haut über gut ausgebildeter Muskulatur.

Okay, verstehe! Wie stehst du dazu, Narben überzutätowieren?

Ich persönlich decke häufig Narben ab und helfe in diesen Fällen, diese meist unschönen Erlebnisse zu verarbeiten. Auch wenn die Narben manchmal noch zu sehen sind, ist die Optik abgelenkt, weil das schöne Bild im Vordergrund steht.

Die Haut ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Sie ist an manchen Stellen dünner, an anderen von mehr Fettschichten unterpolstert. Und sie altert. Aus deiner Erfahrung: Gibt es Stellen, die sich besser für ein Tattoo eigenen und Stellen, von denen du eher abraten würdest?

Grundsätzlich rate ich ab, wenn die Kunden zu jung für sichtbare Körperstellen sind. Alles andere entscheide ich je nach dem, was und wo gemacht werden soll – bei jedem individuell.

Für mich sind Tattoos Statements. Was ist deine Erfahrung oder Einschätzung: Wie oft will jemand mit einem Tattoo eher „aus seiner Haut“ hinaus, sich befreien, sich verändern. Und wie oft will er oder sie ihre Persönlichkeit mit einem Tattoo unterstreichen, sich in ihrer Gruppe rückversichern, sich bestätigen. Also sich „mit Haut und Haaren“ einer Sache verschreiben?

Ich denke, dass es eine gesunde Mischung aus allen Typen ist. Für die einen ist der Körper mit Bildern ein Tagebuch, für einige ist es so eine Art Schmuck, der die Körperlinien und Formen unterstreichen soll, andere wollen sich hart von der Familie oder der Gesellschaft abgrenzen … Wir versuchen bei uns im Geschäft den ästhetischen Anspruch mit dem Kundenwunsch so zu vereinbaren, dass sich die Bilder gut an die jeweiligen Körperstellen anschmiegen.

Meist geht es mit einem Tattoo los und dann wird es ein Kunstprojekt, das sich über den ganzen Körper ausdehnt. Gibt es Leute, die immer wieder zu dir zurückkommen und nur deine Kunst auf ihrem Körper haben wollen oder geht es den meisten eher darum, Tattoos von verschiedenen Tattoo Artists auf der Haut zu haben?

Das teilt sich genau in diese zwei Gruppen auf: Treue, sehr personenbezogene Kunden und die „Sammler“. Beides kann ich nachvollziehen und freue mich immer über das Vertrauen – egal von wem.

Ich habe dir ja von dieser Kurzgeschichte von Ronald Dahl erzählt, die ich als Kind gelesen habe und die mir nie aus dem Kopf gegangen ist. In der Geschichte lässt sich ein Tätowierer von einem befreundeten Künstler ein Bild auf den Rücken malen und dann stechen. Und als der Maler berühmt ist, wird um den verarmten Tattoo-Artist von Kunstsammlern geboten. Und weil er kein Geld hat, willigt der Tattoo-Artist ein, mit einem der reichen Sammler mitzugehen und als lebendes Kunstwerk in seinem Hotel zu leben. Nur, dass er dort nie ankommt, aber ein seltsame verblichenes Bild mit dem Rückenmotiv des berühmten Malers später in einer Galerie auftaucht. 

Was mich an der Geschichte fasziniert, ist, dass hier Kunst und Leben gegeneinander aufgewogen werden. Was ist wichtiger? Künstler, die auf Papier oder Leinwand arbeiten, können berühmt werden, aber meist müssen sie um ihren Lebensunterhalt hart kämpfen. Bei euch Tattoo-Artist ist es anders – ihr arbeitet erst, wenn ihr einen Auftrag habt. Aber trotzdem gibt es diese Verbindung, denn bei sehr guten Tattoo Artists läuft die KundIn dann am Ende mit einem Kunstwerk auf dem Körper herum. Siehst du dich eher als Künstlerin oder Handwerkerin wenn du tätowierst?

Ich bin eine gute Mischung. Für ein kreatives Ergebnis (egal welche Kunstrichtung) braucht man immer beides: Das Kino im Kopf und die ausführende Hand müssen zusammen passen.

Vorlage und Ausführung

Ich nehme an, die meisten Kunden, die zu dir kommen, wissen, was sie haben wollen. Also welches Motiv. Zeichnest du dann den Entwurf? Oder kommen Leute eher mit fertigen Entwürfen und sagen: „Mach mir das auf den Oberarm.“ Akzeptierst du das? Ist das der Job – oder machst nur die Kunst, die von dir kommt, die du entworfen hast, zu der du stehst?

Ich zeichne für 95%  meiner Kunden einen Entwurf, weil ich/wir möglichst nichts 1 zu 1 kopieren wollen, es sei denn, es sind Portraits, gemalte Bilder von Kindern, Handschriften von geliebten Personen etc.

Eine Tätowierung auf der Haut ist eine sehr langfritige Entscheidung. Mittlerweile gibt es schon eine Menge Studios, die sich mit Tattoo-Entfernung beschäftigen. Wie ist es bei dir? Gibt es Tattoos, die du heute bereust und nicht wieder stechen lassen würdest? Oder ist es eher wie eine Narbe, also eine biografische Spur auf dem Körper?

Entschlossene Tattoo-Entfernung im Body Temple

Ich trage auf meinem Körper natürlich auch Bilder, die ich heute anders umsetzen würde. Ich habe mir mein Erstes weglasern lassen (der Tätowierer war leider talentfrei und hat es mir versaut). Jedes Bild hat seine Zeit und die Geschichte dazu.

Die Tattoo-Szene ist groß, allein hier in Potsdam gibt es mehrere Tattoo-Studios.

Es gibt – soweit ich weiß – bisher keine geregelte Berufszulassungsreglung, das wird wohl gerade diskutiert. Im Prinzip kann jeder Tattoos stechen und ein Tattoostudio eröffnen. Worauf sollte man aus deiner Sicht bei einem Tattoo Artist oder einem Studio achten, wenn man sich ein Tattoo stechen lassen will?

Jeder, der vorhat, sich tätowieren zu lassen, sollte sich über sein Motiv im klaren sein und dann immer das persönliche Gespräch im Tattooshop suchen, um sich Referenzen anzuschauen, die hygienischen Zustände zu checken, um zu schauen, ob Sympathie zum Künstler vorhanden ist und um eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Das Bauchgefühl wird dann entscheiden, in welchem Studio man sich gut aufgenommen fühlt.

Und wie ist es mit den Motiven? Ich nehme an, es gibt Trends, die dann auch wieder schnell aus der Mode kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr Profis genau seht, wann sich jemand ein Tattoo hat machen lassen. Stimmt das? 

Oh ja, da hast du recht und wenn dann ein „Trend“ zu lange andauert, dann versuche ich auch mit neuen Vorschlägen dagegen zu wirken.

Okay, und wenn wir von Trends reden: Was ist gerade angesagt?

Im Moment sind Mandalas, geometrische Muster in Verbindung mit realistischen Motiven wie zum Beispiel: Löwenköpfe, Füchse, (mal wieder) Rosen … gern und oft angefragte Motive.

Aha … Mein (laienhafter) Eindruck ist, dass die Tattoos größer, bunter und komplexer werden. Richtige Gemälde. Ist der einfache Ring um den Oberarm oder der Schmetterling auf der Schulter noch aktuell?

Die minimalistischen Zeichnungen sind genauso aktuell wie z.B. die komplexen asiatischen Konzepte.

Wie stehst du zu weißen Tattoos? Machen die nur bei dunkelhäutigen Menschen Sinn oder ist das ein allgemeiner Trend?

Ich persönlich habe es gern, es sieht immer ein wenig aus wie eine Narbe – es hat so etwas ursprüngliches bei Dunkelhäutigen.

Es gibt ja eine Menge Dinge, die man mit seiner Haut anstellen lassen kann. Ritzen, Piercen, Tunneln … ???  Was bietet ihr an? Gibt es etwas, von dem du abraten würdest?

Wir haben 2008 mit dem Piercen aufgehört, weil keiner von uns mehr so richtig hinter der Sache stand und unser Piercer in seinen alten Beruf zurück wollte. Ich kann kein guter Piercer sein, wenn ich es nicht liebe, also haben wir es gelassen.

Du bist im Tattoo Temple Spezialitstin für Permanet Make-up. Das werden vermutlich meist Augenbrauen und Lidstrich sein, oder? Auf der anderen Seite gibt es diesen No-Make-up Aufruf, gerade unter Frauen, also sich nicht immer nur dann sicher zu fühlen, wenn man geschminkt ist und man sich ruhig mal ohne Make-up zeigen soll. Wo stehst du in dieser Diskussion?

Das Permanent Make-up ersetzt nicht das Schminken – so arbeite ich. Das heißt, es wird die Natur unterstützt. Wenn keine oder zu spärlichen Augenbrauen da sind oder der Wimpernrand zu hell ist oder das Auge sehr klein wirkt, dann helfe ich hier nach. Bei den Lippen ist es ähnlich und noch komplexer, weil ich hier bei Narben von Herpes oder Nasen-Gaumenspalte gut kaschieren kann und die Frauen dann selbstbewusster durchs Leben gehen können. Ich habe viele Krebspatienten, die zu mir kommen. In der Phase der Chemotherapie (sie verlieren die Körperbehaarung) lassen sie sich das Wichtigste, was ein Gesicht braucht, von mir wieder pigmentieren. Es ist eine super schöne Arbeit mit all den Frauen, die mir ihr Vertrauen schenken. Männer kommen weniger, obwohl da sicher auch Bedarf ist.

Was ist Dir bei deinen Tattoos auf deiner Haut am wichtigsten. Gibt es einen Plan? Oder folgst du deinem Gefühl?

Für eine Tätowiererin bin ich recht wenig tätowiert. Ich habe meinen Rücken, die Seiten und den rechten Arm bunt. Ich lasse mich von meinem Mann Lemme tätowieren, wenn wir Zeit und Lust haben. Wenn es nach Gefühl ginge, wäre es schon mehr, aber meist fehlt es an der Zeit. Du kennst den Spruch vom Schuster und seinen Leisten …

Liebe Kathi, danke für das Interview. Und ihr da draußen, die ihr ein Tattoo wollt und in Potsdam/Berlin wohnt – Tattoo Temple – is the place to go.

Alle Fotos sind von @Steven Ritzer

Das Tattoo Studio Body Temple findet ihr auch auf Facebook und auf Instagram.

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