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Veganer Heringssalat

Bei uns wird Tradition groß geschrieben. Ist ja schließlich auch ein Substantiv. Aber tatsächlich, auch wenn wir einen durchaus unkonventionellen Lebensstil haben, halten wir gewisse Traditionen immer noch gerne aufrecht. Denn sie bieten eine Orientierung, die manchmal vielleicht fehlt. Auch wenn alles andere im Leben komplett gesetzlos durcheinander geht, existiert etwas, bei dem es Regeln gibt. Bei dem man sich ohne Absprache darauf verlassen kann, dass alle wissen, was zu tun ist.

So war das bei uns an Weihnachten auch immer. Alljährlich haben wir denselben Ablauf verfolgt. Katrin und Uwe haben den Baum geschmückt und das Essen vorbereitet, während wir Kinder die schwierige Aufgabe hatten, ,Der kleine Lord‘ zu schauen und nicht ins Wohnzimmer zu gehen. Irgendwann hat man dann die Haustür und eifrige Stimmen gehört. Oma und Opa sind gekommen. Mit Geschenken und Essen. Und nach einer Weile wurde es plötzlich still. Zu still. Bis der Klang eines kleinen Glöckchen zu uns vordrang. Also auf zur Tür und hoch die Augen.

Während des gesamten Abends wurde dann stummheimlich den Regeln gefolgt, die jeder kannte, aber keiner aussprechen musste. Nach einer bestaunenden Runde um den Baum, wurde sich an den Händen gefasst und gesungen. Um den Baum herum. Alle zusammen die erste Strophe, dann Oma alleine, weil keiner den Text mehr kannte.

Danach wurde das Büfett eröffnet. Unser traditionelles Weihnachtsessen: zwei Brathähnchen, Nudelsalat, Brot und Käse. Oma brachte dazu immer noch einen Heringssalat und einen Nachtisch mit. Und Wein.

Beim Essen wurden dann nach und nach die Geschenke verteilt. Man hat sich umarmt, bedankt, gefreut. Und langsam schrumpften die Kerzen zusammen, bis auch die letzte mutige Flamme (welche wird es sein?), mit einem Zischen erlosch. Dann haben sich Oma und Opa erhoben und sich auf den Weg gemacht. Wir haben uns verabschiedet, ein bisschen traurig, weil der Abend auch ewig hätte weitergehen können. Doch wir alle wussten ja, nächstes Jahr werden wir wieder hier sein. Jeder wird ohne zu fragen seine Aufgabe annehmen, die Brathähnchen braten, die Geschenke verpacken, den Heringssalat mitbringen. Und wenn wir das nächste Mal ,Der Kleine Lord‘ gucken, wird irgendwann wieder die Haustür geöffnet werden und wir werden Stimmen hören und dann ein Glöckchen und wir werden den Baum beschauen und singen und keiner wird die zweite Strophe kennen, außer Oma, und wir werden uns beschenken und uns freuen und uns verabschieden.

Das schöne an einer Tradition ist, dass man fast das Gefühl hat, die Zeit würde still stehen. Dieses Jahr, letztes Jahr, Weihnachten vor fünf Jahren. All diese Momente werden auf einmal zu einem. Es hat etwas Überschauliches. Beruhigendes. Doch natürlich ist das nur eine Illusion. Die Zeit rast. Wir Kinder werden älter, wir alle werden älter. Und egal wie sehr man sich an die Regeln hält, Dinge verändern sich.

Vor drei Jahren ist unsere Oma gestorben. Ungefähr einen Monat vor Weihnachten. Dinge ändern sich.

Wir haben es nicht mehr geschaft ,Der Kleine Lord‘ zu gucken. Wir selber sind erwachsen geworden. Hatten viel zu tun. Aber wieso sollte man auch gucken, wenn man im letzten Drittel des Films keine Haustür hört. Keine fröhlichen Stimmen, keine Ruhe vor dem Klingeln. Wir hatten Schwierigkeiten beim Singen um den Baum zu kommen, wenn wir uns an den Händen hielten. Da fehlte ein wichtiger Teil des Kreisumfanges. Und nach der ersten Strophe wurde es meist etwas stiller.

Beim Geschenke auspacken hat keiner mehr Wein getrunken. Und blöde Witze hat auch keiner mehr erzählt. Das hat eigentlich immer Oma gemacht. Wir mussten uns also erstmal anpassen an diese neue Situation.

Mit Stolz kann ich sagen, dass wir immer noch wunderschöne Weihnachten feiern. Mittlerweile haben wir Lukas, der mit seinen langen Armen den Baum wahrscheinlich alleine umspannen könnte. Und einen Weihnachtsfilm zu gucken ist wieder Pflicht. Es gibt nur noch ein Brathähnchen, weil die meisten von uns vegetarisch oder vegan sind. Und nun ja, der Heringssalat. Das ist auf einmal meine Aufgabe geworden. Es gab keine Absprache. Aber es war klar. Wenn schon ein Platz am Tisch frei wird, sollte nicht auch noch eine Schüssel leer bleiben. Schließlich geht es bei Traditionen auch darum, sie über Generationen hinweg aufrecht zu halten. Sie weiterzutragen.

Ich habe also die Bürde des Heringssalates geerbt. Ohne das Rezept zu kennen, ohne jemals gesehen zu haben, wie Oma den Heringssalat zubereitet. Trotzdem bin ich zuversichtlich in den Laden gegangen und habe mich treiben lassen. Oder leiten. Danke Oma!

Dinge ändern sich. Und da viele von uns mittlerweile vegetarisch und vegan sind, ist es auch der Heringssalat. Und so mache ich ihn (Mengenangaben n.G. (nach Gefühl)):

Rote Beete (vorgekocht)
Cornichons/Saure Gurken
Äpfel
Walnüsse
Soya Cuisine

Der Apfel wird geschält. Hierbei jedes Mal die Aufgabe, es zu schaffen, die Schale in einer einzigen Spirale zu lassen. So hat es mein Opa früher immer gemacht. Dann entkernen und in kleine Stücke schneiden.

Die Rote Beete muss geschnitten werden. Dafür packe ich das Schneidebrett gerne in Frischhaltefolie oder mittlerweile Bienenwachsfolie ein. Denn Rote Beete färbt ziemlich doll ab.

Die Cornichons in Scheiben schneiden.

Dann alles mit der Hälfte der Walnüsse in eine Schüssel geben und mit der Soya Cuisine vermischen. Zwischendurch abschmecken. Wenn es noch zu fad schmeckt, gerne etwas von dem Gurkenwasser dazugeben.

Am besten macht man den Heringssalat schon am morgen. Dann zieht der Saft gut ein. Damit es am Abend dann aber doch noch etwas knackig bleibt, kommen kurz vor dem Servieren nochmal frische Walnüsse auf den Salat.

Es ist ein simples Rezept und folgt irgendwie seiner eigenen Logik. Aber es trägt für uns auch noch mehr mit sich. In einer Art verkörpert der ,Herings‘-Salat die eifrigen Stimmen, den Geruch nach Wein, die unanständigen Witze. Traditionen folgen einer anderen Zeitrechnung. Sie schleichen langsam dahin. Aber auch sie müssen sich ewig rechtfertigen vor der Welt. Auf den Hering können wir verzichten. Auf den Salat nicht. Und Oma fehlt, das ist klar.

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