Royal

Royal: Ein Leben Sans Souci

12. August 2018

(französisch sans souci deutsch: ohne Sorge)

Ein Leben Sans Souci, das war ehrlich gesagt als kind meine Vorstellung von einem normalen Leben. Alles andere hat in meinem Kosmos keinen Sinn gemacht. Und dann wird man älter und die große Verwunderung: „Wieso sprüht man die Bäume und Häuser nicht einfach Gold an?“

Ich bin in Potsdam geboren und aufgewachsen. Und zu meiner eigenen Überraschung habe ich einen ganz schön ausgeprägten Heimat-Stolz. Ich liebe diese Stadt. Die Seen, die Parks, die vielen Cafés, die Menschen und last but definetly not least: die Schlösser. Was soll ich sagen … Preußen interessiert mich halt. Ich habe schon viele Stunden zwischen den Regalen der Abteilung Brandenburgica in der Stadtbibliothek verbracht und mich in Biografien der Königin Luise verloren.

Goldene Stadt

Friedrich II oder auch Friedrich der Große oder ‚Der alte Fritz‘ ließ Sanssouci von 1745- 1747 nach Entwürfen des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbauen. Es sollte sein Sommerschloss, sein Erholungsort im Stil des Rokoko werden. Und da das Leben in Preußen eben alles andere als Sans Souci war, war es vor allen Dingen eine Flucht vor den Kriegen und der Frau. Friedrich soll ein ziemlich sensibler Junge gewesen sein. Sich mehr für die Dichtkunst und das Flöte spielen, als für Krieg und die Unterweisungen seines Vaters interessiert haben, der ihn oftmals gewalttätig zurechtgewiesen hat. Er war ein kleiner Rebell und plante mit seinem damaligen besten Freund Hans Hermann von Katte die Flucht vor seinem gewalttätigem Vater nach Frankreich. Als das aufflog, ließ sein Vater Katte vor den Augen Friedrichs köpfen. Kein Wunder, dass man da von dem Leben ohne Sorge träumt.

Für Friedrich ging es als weder vor noch zurück. Wer weiß, vielleicht hat er nach Jahren irgendwann Gefallen an den Kriegen gefunden. Aber im Endeffekt hat er mit Sanssouci genau das versucht. Er hat sein Leben golden angesprüht und sich ein goldenes Schloss bauen lassen (Na ja Gelb, aber ihr wisst was ich meine).

Ich spaziere also durch Sanssouci und frage mich, ob ich das jetzt doof finden soll? Vor seinen Problemen fliehen? Sollte man nicht dem Ernst des Lebens ins Auge blicken? Zumindest eins habe ich in meinen jungen Jahren gelernt, man sollte die Sorgen in seinem Leben dankbar annehmen, denn wenn man sie ignoriert, werden sie nur größer und komplizierter und die Lektionen immer härter. Ich frage mich, ob Sanssouci Friedrich zu einem glücklicheren Menschen gemacht hat? Ich frage mich, wovor ich fliehe?

Wer ein kleines Leiden nicht ertragen kann, muß auf große gefaßt sein. – Jean-Jaques Rousseau

Eine Stadt ohne Sorgen

Lange sind die Diskussionen von dem Abriss der FH Potsdam an mir vorbeigezogen. Ich kannte mich zu wenig aus, um ernsthaft Stellung beziehen zu können. Oberflächlich gedacht: ‚Hm, nee, die FH ist nicht schön.‘ Aber irgendwie fühlt es sich falsch an, sie abzureißen. Das Viertel um die lange Brücke hat sich sehr stark verändert. Früher war das Filmmuseum das einzige Prunkvolle in der Gegend. Inzwischen sieht es aus, als ob jemand alles glatt geschmirgelt und dann mit dem neuen Dyson Staubsauger einmal drüber gefahren wäre. Leblos.

Und ich habe mich auch verändert. Ich kann nicht mehr von mir behaupten, dass ich kein Outdoor Typ bin. Zum Glück. Denn es gibt sehr viel Schönes, was vor der Tür auf einen wartet. Sehr viel kuddelmuddeliges. Und ich habe keinen Bock auf ein preußisches Potsdam. Denn wenn ich darüber nachdenke, liebe ich genau das an Potsdam. Die Mischung. Dass man vom Schloss Sanssouci zur Waschbar schlendern kann. Dass im Sommer die Leute nackt neben dem Marmorpalais liegen. Dass Freunde von mir beim Neuen Palais studieren und dann zum Volleyball spielen zur Datscha kommen. Mich fasziniert das dreckige, besprayte, neben dem barocken, goldenen. Das eine wäre ohne das andere langweilig.

 Ich weiß, daß ich ein Mensch, das heißt: daß ich dem Leiden geweiht bin. Gegen Schicksalstücke hilft mir nur eins: Standhaftigkeit. – Friedrich der Große

Es ist so leicht wegzuschauen und nichts zu sagen. Sich nicht zu informieren. Vom Leben Sans Souci zu Träumen und alles geschehen zu lassen. Und am Ende sitzt man in der 4 Quadratmeter großen Buga und wundert sich wo das Freiheitsgefühl hin ist.

Ich will Sorgen haben. An meinen Fehlern wachsen, Entschuldigung sagen müssen. Und ich will nicht mehr, dass alles Gold angemalt wird. Und ich glaube ehrlich gesagt, das Friedrich das auch nicht wollte. Immerhin war er mal ein Freak.

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