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Uwe

Ruhe

Ausdauer: Der Blick des Odysseus

Ausdauer und Film. Fällt einem da nicht sofort »Marathon Man« ein? Ja, aber, obwohl Dustin Hoffman ein paarmal um das Reservoir im Central Park rennt, geht es in dem Film nicht mehr um Ausdauer als in fast allen Filmen der Welt. Muss nicht der Held immer wieder Ausdauer beweisen, nachdem er endlich aufhört, sich zu weigern, seine altvertraute Welt zu verlassen, und sich schließlich auf die Reise, die Reise des Helden macht?

Und wie Katrin im Focus-Beitrag schon sehr schön dargelegt hat, macht Ausdauer ohne ein Ziel keinen Sinn. Wenn der Held endlich akzeptiert, dass der Ring ins Feuer oder eine senkrechte Felswand unbedingt »free solo« erklimmt werden muss, kann er auch die nötige Ausdauer aufbringen.

Aber nicht nur der Held auf der Leinwand braucht Ausdauer. Bis es ein Film von der ersten Idee auf die Leinwand schafft, ist auch viel Ausdauer nötig. Und nicht zuletzt brauchen oft die Zuschauer Ausdauer. Netflix-Binchwatch-Serien verlangen genauso Durchhaltevermögen, wie dreieinhalbstündige Blockbuster oder sechsstündige Oscar-Verleihungen.

Der Blick des Odysseus — erster Abend

Der Film, den ich persönlich am meisten mit dem Begriff Ausdauer in Verbindung bringe, ist »Der Blick des Odysseus« von Theo Angelopoulos. Ich habe den Film, der zu meinen all time favourites gehört, nach seinem Erscheinen 1995 im Bali Kino Zehlendorf gesehen. Am ersten Abend hat er mich so beeindruckt, dass ich ihn mir an den nächsten beiden Abenden noch einmal angeschaut habe. Bei allen drei Vorstellungen waren außer mit nur noch zwei/drei andere Zuschauer im Kino, von denen am zweiten Tag auch noch zwei das Kino vorzeitig verlassen haben. Keine Ausdauer?

Nun der Film ist ziemlich genau drei Stunden lang, was dem Zuschauer schon eine gewisse Ausdauer abverlangt, zumal er sich nicht gerade durch einen abwechslungsreichen Plot und überraschende Plottwists auszeichnet. Ein Mann, Filmemacher, kommt aus dem Exil nach Hause, ist da immer noch nicht gut gelitten. Das interessiert ihn allerdings kaum, weil er auf der Suche ist. Wonach? Natürlich nach allem. Nach ein paar alten Filmrollen, seiner Vergangenheit, seiner Heimat, seiner Seele. Um es nicht zu spannend werden zu lassen, wird zum Beispiel die Frage, die sich der Protagonist den ganzen Film über stellt, für den Zuschauer gleich in den ersten Minuten des Films beantwortet. Darum kann es also nicht gehen.

Was hat mich also so fasziniert?

(ab jetzt Spoileralarm, obwohl man den Film gar nicht mit Worten spoilern kann) Am ersten Abend war ich vollkommen geflashed von den Bildern. Den Bildern und der Musik, den vielen long-shots und den ewiglangen Einstellungen, – einmal wird die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen in einer einzigen Einstellung gezeigt. Dann — die Farben. Gibt es überhaupt Farben? Am Anfang regnet es, schwarze Schirme, unglaubliche, schwarze Schirme, und das Wetter wird in den nächsten drei Stunden auch nicht wirklich besser. Aber doch, es gibt sie, die Farben. Farben wie auf Teerzeichnungen – und ein unvergessliches, unübersehbares Cyanblau. Und dann wieder die Bilder, Bühnenbilder, mehr Ballett als Film. Was sind das für Bilder? Es ist alles so aufgeladen, dass es schon fast weh tut?

So weh wie dieser ganze Krieg, der 50 Jahre nach »Kriegesende« mitten in Europa wütet. Und ein Harvey Keitel, der sich mit unerschütterlicher, gelassener Ausdauer auf eine lange Reise durch den zerrütteten, winterlichen Balkan macht, bis er im zerstörten Sarajevo landet, wo 80 Jahre vorher der erste Weltkrieg mit der Ermordung Franz Ferdinands begonnen hat.

Das alles hat schon gereicht für einen Abend.

Aber es geht nicht um den Krieg. Es geht ums Filmemachen, um den Blick durch die Kamera, um Kino. Oder geht es um einen Mann auf einer Reise in seine Vergangenheit, zu sich selbst, nachdem er jahrelang im Exil gelebt hat? Oder geht es wirklich um die Odyssee?

A., so wird der Filmemacher genannt, (was ich nicht bemerkt hatte) begegnet auf seiner Reise immer wieder verschiedenen, oft etwas seltsamen Frauen. Wie Odysseus auf seiner Irrfahrt nach Hause. Sie werden alle von der gleichen Schauspielerin gespielt. (Was ich tatsächlich auch erst beim-dritten-Mal-sehen bemerkt habe) Facetten einer einzigen Figur? Gibt es Parallelen zu Penelope, Calypso, Circe und Nausicaa? Vermutlich.

Es gibt sehr viele Ebenen, die vielleicht zu entschlüsseln sind. Für mich wäre es aber so, als würde man ein Konzeptalbum oder eine Symphonie, ein Kunstwerk entziffern, interpretieren, entschlüsseln wollen, statt es wirken zu lassen. Für mich ist der Film, der ja auch von einer großartigen Musik getragen wird, wie ein Musikstück, ein Ballett. Bilder und Musik! Es geht nicht um das Verstehen und Erkennen von Zusammenhängen mit dem diskursiven Verstand. Meiner Meinung nach wird die kontemplative Ausdauer mit intuitivem Erlebnis belohnt.

Der Film setzt großes Vertrauen in die Ausdauer des Zuschauers. Man kann ihn sehen, wie man Musik hört, in der richtigen Stimmung, mit Kopfhörern. Mehrmals.

Neuanfang mit Apfelkuchen
Roots

Neuanfang: Beim Essen?

Neuanfang beim Essen?

Kann es da überhaupt einen Neuanfang geben. Ich meine, man kann ja mit Essen nicht wirklich aufhören, und wieder neu anfangen. Es sei denn man hat einen längeren Hungerstreik, eine schwere Krankheit oder eine längere Fastenzeit durchgemacht – und überlebt. Dann gibt es sicher eine Art Neuanfang. Ein vorsichtiges Aufbauen der Ernährung, eine allmähliche Gewöhnung des Körpers an die neuerliche Nahrungsaufnahme.

Statt kompletter Neuanfänge habe ich allerdings schon viele Wechsel in der Ernährung, in den Essgewohnheiten erlebt.

Yes right, we were the »Krauts«

In der Kindheit und Schulzeit gab es Deutsche Küche: Stielmus, Rotkohl, Grünkohl, Kohlrabi, Wirsing, Sauerkraut. Eintöpfe aus dem Garten. Fleisch von Kaninchen oder Hühnern aus dem eigenen Stall und dem in der Waschküche geschlachteten Schwein. Das übrigens komplett aufgegessen wurde samt Zunge, Rückenmark, Öhrchen, Schwänzchen, Pfötchen, da blieb nichts übrig, außer ein paar abgenagter Knochen.

Das sonntägliche Drei-Gänge-Menü, das natürlich nicht so hieß, bestand aus Hühnersuppe mit Hühnerherzchen, -leber und -mägen, Rinderrolladen mit Erbsen und Möhren, Götterspeise mit Kondensmilch.

Wenn man aus essen ging, dann in die benachbarten Dorfkneipen zu Jäger- oder Zigeunerschnitzel. Pils für die Männer, mit Schuss für die Frauen, Dunkelbier für die Kinder.

Dann Pommes …

Die erste Pommesbude direkt an der Ecke. Erste Begegnung mit Fast Food, das natürlich auch nicht so hieß. Damals gab es noch nicht so viel english, dinglish. Pommes waren das beste Abendbrot nach einem staubigen Arbeitstag im Garten. Man ging mit großen Schüsseln zur Bude und holte gleich für die ganze Familie Pommes, Schaschlik und »Türkische« (so hieß das, was jetzt Currywurst ist). Genauso wie man im Winter die fertig gekochten Miesmuscheln aus der Kneipe nebenan holte. Unverpackt. Das war kein Wort, sondern die Art, wie man einkaufte. Dann kamen die ersten Supermärkte.

… und Knoblauch

Kurz vor dem Abitur erwischte mich dann der Einfluss der ersten Studenten-WGs. Meine erste Bekanntschaft mit Knoblauch. Worte, wie biologisch-dynamisch, makrobiotisch, schwirrten durch die Luft. Keine Ahnung, was das sein sollte. Hatte das mit dem Zeug zu tun, was die da rauchten? Oder Müsli, auch so ein ganz neues Wort, löste Haferflocken mit Milch und haufenweise Zucker ab. Und man machte sich Gedanken darüber, ob gesund ist, was man isst. Gesunde Ernährung? Das Konzept habe ich noch nie verstanden. Braucht man das, wenn es doch lecker ist und satt macht?

Angeblich isst die Nationalmannschaft 1974 nur Steak und Salat und wird Weltmeister. Jetzt ernährt sie sich sicher gesünder, ausgeklügelter, aber naja. Das wird schon wieder.

Cuisine française …

Dann die Begegnung mit französischer Küche. Unzählige Gänge, stundenlanges rumsitzen, reden, essen, trinken, essen, mehr trinken. Erst ein Aperetif. Dann Wein, erst leicht und weiß, später rot und schwer. Zwischendurch ein eau de vie. Fruit de mer vorneweg und Käse zum Nachtisch. Ach nein, da kommt ja noch was, tarte aux pommes. Und wenn man schon bei Äpfeln ist, kann ein Gläschen Calvados nicht schaden. Schmeckt den ganz Kleinen, die um den Tisch wuseln, natürlich nur, wenn man ihn auf ein Stückchen Würfelzucker träufelt. Hatte ich nicht gelernt, man solle nicht alles durcheinandertrinken? Ach was soll’s.

Wenn ich was Besonderes kochen wollte, gab es jetzt also nicht mehr einfach Kaninchen mit Bratensoße, sondern lapin aux prunes. Und das Tier kam nicht mehr aus Opas Stall, sondern vom Fleischer auf dem Markt.

… und dann die Italiener

Mit neunzehn, meine erste Pizza. Ich werde es nicht vergessen. Cipolla, im »Backofen«, d e r Pizzeria im Unicenter Querenburg. Die italienischen Restaurants und die italienische Küche werden schnell Mainstream. Von Pizza, über carbonara bis osso buco ala milanese und saltimbocca romana. Und wie lecker erst der Nachtisch klingt Tiramisu, Zuppa Inglese, Zabaione, (alles natürlich mit Alkohölchen in Form von Marsala, Alchermes, Amaretto). Nach dem Essen löst der Grappa den Calvados ab.

Döner, Junk Food …

In den besetzten Häusern, dann die ersten Döner, aber auch Getreidemühlen, Frischkornbrei, Körnerbrot und Energiebällchen, (selbstgemacht sind sie dann auch als Kolikbällchen bekannt geworden.) Es gab die Food Coop. Säcke voller Getreideflocken, Rosinen, Nüsse und Kerne. Jute statt Plastik. Und trotzdem immer wieder viel junk food, das jetzt auch so hieß.

Und es gab die Bücher von Frantz Fanon und Frances Moore-Lappe über die Kolonialisierung und den Mythos vom Hunger.

Plötzlich wurden Zusammenhänge klar. Zusammenhänge zwischen unserem Fleischkonsum und dem Hunger in der Welt. Ich nahm zum ersten Mal Massentierhaltung wahr. Klimawandel gab es damals noch nicht – als Begriff.

… und Bioläden

Anfang der Achtziger tauchen die ersten Bioläden auf, klein, local, im Tante-Emma-Style. Ich aß kein Fleisch mehr, trank keinen Alkohol und kaufte zwei vegetarische Kochbücher. Den Klassiker der heiligen Barbara (Rütting). Und Ingrid Früchtels Vollkorn Kochbuch. Kann man überleben, ohne Fleisch zu essen? Ja, mit viel Sahne und Butter. Vegetarisch war jedenfalls in meinen Augen nicht asketisch. Es war vor allem weniger salzhaltig und geschmacksintensiver.

Chicken McNuggets …

Mit den eigenen Kindern dann die erste vorübergehende Begegnung mit McDonalds. Hühnchen sind jetzt zu Nuggets püriert. Der unique selling point am point of sale? Sie haben damals die einzigen »Spielplätze« an den Autobahnraststätten. In der Pubertät stehen dann Nackenkoteletts wieder auf dem Speiseplan. Auch ich esse mit ihnen wieder Fleisch. Dann erweitern sich die Küchen um asiatische, mexikanische, arabische Gerichte.

… und jetzt?

Die Massentierhaltung ist schlimmer geworden und vor allem nicht mehr zu übersehen. Die Tante-Emma-Bioläden weitgehend verdrängt. Sie sind jetzt Supermärkte. Ein paar wenige Ketten. Buy local ist ein neuer Trend. Aber Kaffee, Tee, Bananen und Ananas? Unverpackt ist ein anderer, full circle. Die Kinder sind vegetarisch, oder sogar vegan, bringen neuen Input. Schützen die Meere, die für unseren Fleischkonsum leergefischt werden. Seasheperd Gründer Paul Watson macht darauf aufmerksam, dass das meiste seafood an unsere Mast- und Haustiere verfüttert wird.

Ein Umdenken, ein Neuanfang ist nötig. Fällt mir schwer. Kein Fleisch – kein Problem. Kein Käse, kein Quark, keine Eier, keine Butter, keine Sahne – ohoh. Step by step. Das alles muss kein Verlust sein, sondern eine Erweiterung um neue Gerichte, Geschmäcker, Möglichkeiten. Eine Ergänzung zum best soulfood ever: Oma Ellis Apfelkuchen – mit Sahne.

Und Stielmus gibt es auch wieder (vermutlich aber nur local und unverpackt in Westfalen).

 

 

Rituale Interview mit Isabel Bongard
Ruhe

Rituale: Interview mit Isabel

Uwe: Isa, du bist nicht nur Schauspielerin, Mitgründerin von iffy und Redbug-Homie, sondern auch noch an einem 24.12. geboren. (sie lacht: tja ich hab alles richtig gemacht) Wenn man mit dir über Rituale spricht, kommt man natürlich nicht drumrum zu fragen, wie das für dich ist, am Heiligabend, mitten in dieser mit Ritualen geballten Zeit, Geburtstag zu haben.

Isabel: Erstmal finde ich es lustig, dass mich so gut wie jeder fragt, ob es nicht total blöd ist, am Heiligabend Geburtstag zu haben. Was mich immer sehr wundert. Denn ich hatte nie das Gefühl, dass ich dadurch irgendeinen Nachteil hätte. Erstmal habt ihr als meine Eltern von vornherein ein sehr schönes Geburtstagsritual gestaltet. Morgens ist Geburtstag. Ich hab meine Zeit, bekomme meine Geburtstagsgeschenke, wir essen Kuchen. Und abends ist dann Heiligabend. Es gab eigene Rituale für beide Abschnitte. Und dann finde ich es auch gerade jetzt, wo ich erwachsen werde, immer cooler, dass ich mich nie darum kümmern muss, dass mein Geburtstag in irgendeiner Form feierlich ist, weil alle Leute in meinem Umkreis, die Weihnachten feiern, sich sowieso Mühe geben, dass das ein schöner, zeremonieller Tag wird. Und es ist total schön, in diesem Swing Geburtstag zu haben. Ich meine, es ist ja auch eigentlich eine Geburtstagsfeier, Jesus.

Vielleicht kommt es daher, dass ich tendenziell aus allem im Leben ein Ritual machen könnte. Oder vielleicht auch, weil ich so aufgewachsen bin. Ich hatte das Gefühl, bei uns war schon jedes Paradiescremeessen ein Ritual. Nicht etwas, das zufällig passiert.

Oder jedes gemeinsame Abendbrot war in gewisser Hinsicht etwas, worauf man sich verlassen konnte, was bei einem Ritual ja eine große Bedeutung hat, und was einen Raum gibt, in dem bestimmte Werte nochmal in gewisser Weise aufmerksam gelebt werden.

Dabei muss man diese ideellen Werte dann nicht intellektuell durchdringen, sondern es kommt wirklich auf das gemeinsame Tun an, auf die Handlungen, das gemeinsame Essen. So ein Abendbrot z.B. hatte bei uns ja gewisse Regeln: wir fangen gemeinsam an, wir bedanken uns bei demjenigen, der gekocht hat. Oder man sagt, es schmeckt mir.

Das waren zwar keine Gebete in dem Sinne, hat aber trotzdem eine Aufmerksamkeit, eine Wertschätzung ausgedrückt. Wir haben dann zwar nicht gesagt, danke lieber Gott fürs Essen, aber der Dank an denjenigen, der gekocht hat, meint eigentlich dieselbe Sache.

Also sind Rituale für dich sozusagen auch Handlungen, die einer bestimmten Sache, bestimmten Ideen oder Werten eine besondere Aufmerksamkeit verleihen?

Ja, letzendlich hat in unserer Dimension – sag ich mal so – physische Energie ja ein großes Potenzial. In anderen Dimensionen denkt man vielleicht nur was und das ganze Universum entsteht von neuem, aber für uns ist das ja anders. Wir verbinden alles auch damit, dass man etwas tut und dass man sich an Dingen abarbeitet. Und zum Beispiel ist „Danke sagen“ in diesem Sinn auch eine Handlung. Lukas und ich sagen uns sehr oft Danke. Danke, dass du die Tüten aus dem Supermarkt hochgetragen hast. Man könnte denken, dass das ein ganz förmlicher Austausch ist, aber es bedeutet für mich dann, diesem Moment Aufmerksamkeit zu schenken.

Was sind denn für dich die wichtigsten, die schönsten Rituale?

Das sind eigentlich alle Rituale, die einerseits genug Struktur haben, um einen besonderen Moment zu schaffen, andererseits aber genug Luft haben, dass auch tatsächlich was passieren kann. Also z.B., wenn wir uns als Familie treffen, meinetwegen, weil ihr uns einladet und wir uns dann zum Aperetif setzen. Das ist ein Ritual, das ich besonders mag, weil es einen Zwischenmoment dehnt, der normalerweise nicht da wäre. Dieses Aperetifding ist so eine heimliche Zeit, weil man sich zusammensetzt und sich gemeinsam entspannt und dabei entstehen dann gute Gespräche, dabei kommt man auf Dinge, man kommt sich näher. Weil dem wieder nicht so viel anhaftet, was man macht, wie beim Essen, da ist man schon wieder so beschäftigt. Der Aperetif ist für mich so ein totaler Luxus, eben so ein Zwischenmoment, der mir gefällt. Daraus ein Ritual zu machen, mag ich total.

Ich mag grundsätzlich Rituale, bei denen Menschen zusammenkommen, so wie Weihnachten – ein Superritual, oder gemeinsam Frühstücken, Abendbrot essen, oder so wie jetzt, wir sitzen im Museum. Dieses Kaffeetrinken, bei dem man sich hinsetzt. Wenn man diese Schwelle aus dem Alltag übertritt, kann etwas entstehen.

Also sich zum Kaffee hinsetzen, ist für dich auch schon ein Ritual?

Ja, würde ich schon sagen, weil man sich selbst die Information gibt, dass jetzt etwas passieren kann, was out of the ordinary ist. Egal, was es ist. Und gerade im Kontakt mit Menschen liebe ich es, wenn man das an Rituale knüpft, weil man Beziehungen manchmal so fahrig lebt.

Fahrig?

Hm, ja z.B. was den Umgang und die Beziehung mit Menschen angeht, habt ihr uns auch sehr viele Rituale beigebracht. Dinge anzusprechen, sich hinzusetzen, zu streiten. Sich ordentlich zu streiten, ist auch ein superwichtiges Ritual. Es gibt ein Ritual zu streiten, ich komm zu dir, und sage, was ist und du sagst dies, du sagst das, bis hin zu, man verträgt sich.

Obwohl beim Streiten doch auch viel Improvisation im Spiel ist, würdest du trotzdem sagen, das ist auch eine Art Ritual?

Ja, wahrscheinlich müsste man gucken, was der Unterschied zwischen Kultur und Ritual ist, weil doch ganz viele Dinge, die überliefert werden, eher Rituale sind als Kultur.

Es gibt ja jetzt auch ständig die Frage nach routines, hast du irgendwelche routines, was ist deine Morgenroutine. Was hälst du davon? Hast du auch irgendwelche routines, so Sachen, die du täglich machst?

Ja, seltsamerweise habe ich mit dem Wort Routine viel mehr Schwierigkeiten als mit Ritual. Für mich heißt routine, etwas alltäglicherweise zu tun und das ist genau das Gegenteil davon, was ich an Ritualen schätze, nämlich etwas Alltägliches mit besonderer Aufmerksamkeit zu tun. Aus jedem Alltagsmoment, sozusagen eine Art heiligen Moment zu machen.

Du bist Schauspielerin und bist jetzt auch noch Mitgründerin von iffy, dem Studio für Kommunikationsdesign. Da unterscheiden sich deine Tage vermutlich sehr von denen eines nine to five jobbers. Spielen da Rituale auch eine Rolle?

Ja sicher, das ist genau das, was Rituale sonst auch für einen machen. Sie geben der unförmigen Zeit Struktur.

Bei uns gab es ja in diesem Jahr eine Diskussion um den Weihnachtsbaum. Es wurde infrage gestellt, ob das vertretbar ist, einen Baum zu fällen, um ihn dann nach wenigen Tagen auf die Straße zu werfen. Wie stehst du dazu? Findest du, dass man Rituale auch immer wieder hinterfragen muss, und gucken muss, was bedeuten sie mir, sind die noch zeitgemäß, oder schränken die mich ein?

Ja, glaube ich schon. Ich fand diese ganze Weihnachtsbaumdiskussion zwar ein bisschen gruselig, weil man dann auch merkt, dass auf einem basic level so ein Ritual auch einfach vor einer Art Lebensangst schützt. Und wenn das weggenommen wird oder man es sich selbst wegnimmt, befindet man sich leicht im freien Fall. Was ist die Welt dann noch?

Es ist seltsam, dass man dann so an bestimmten Dingen hängt, aber man gibt ihnen ja selbst diese Bedeutung. Der Baum ist ein schönes Symbol für dieses Fest, für dieses Zusammenkommen und vielleicht für das Zentrum der Familie. Natürlich gibt es ein Zentrum der Familie auch, ob wir einen Baum haben oder nicht, aber er ist für uns eben ein schönes Symbol dafür.

Und was mich besonders gefreut hat, ist zu sehen, für wie viele andere Leute der Baum ein Symbol ist, euer Baum sozusagen. Denn für uns ist es der Familienbaum, aber für all die Leute, die dann an Neujahr zum Hörnchenessen kommen (auch ein schönes Ritual zum Beispiel) ist er das ja nicht. Aber sie freuen sich, wow der Baum, vielleicht haben sie zu Hause gar keinen mehr, lieben aber euern Baum. Es ist also schön zu sehen, dass so ein Ritual auch eine völlig andere Bedeutung für jeden haben kann.

Von daher fand ich es sehr gut, dass wir es kritisch hinterfragt haben, denn ein Ritual muss immer gewährleisten, dass man aufmerksam sein kann. Sonst ist das ganze Ritual für die Katz, dann ist es eine Routine in meinem Verständnis, dann ist es einfach etwas, das passiert, oder das man passieren lässt. Und wenn man merkt, ich fühle mich nicht mehr so inspiriert von einem Ritual, wie man es gerne hätte, dann sollte man es ändern. Oder gucken, was bedeutet es mir und sehen, dass die Bedeutung in Erfüllung geht.

Es gibt ja auch Rituale zur sozialen Abgrenzung, oder sogar Ausgrenzung. Wie siehst du das?

Ich finde es prinzipiell schwierig, sich ein Ritual für jemand anderen auszudenken. Das ist teilweise in der Schule so. Du stehst auf, wenn der Lehrer kommt, das ist ja als Ritual eher eine Disziplinierungsmaßnahme, die das Gefälle festschreiben soll. Da wendet man sich dann eher wieder dieser ängstlichen Seite zu, das Leben unter Kontrolle zu bekommen. Rituale sind super, man kann sie aber nicht dazu benutzen, sich von dieser Angst zu befreien, die man manchmal einfach hat. Lieber ein Ritual daraus machen, Angst zu haben – oder zumindest im Gleichgewicht damit zu sein.

Ich weiß nicht, ob es nicht auch mal interessant wäre, ein Ritual zu machen, das irgendwie streng zu einem ist. Also man diszipliniert sich über Rituale und wenn du was hast, das dir schwerfällt, dann musst du das trainieren – vielleicht mit einem Ritual. Ich finde es ganz interessant, sich mal mit den dark sides auseinanderzusetzen. Für manche kann das schon Streit sein, für andere vielleicht, Zeit mit sich selbst zu verbringen, die nicht nur mit Komfort zu tun hat, sondern auch mit einem Hinterfragen von einem selbst, shadowwork, oder was auch immer man dann vielleicht machen möchte. Also man gibt sich dann auch die Möglichkeit, Rituale zu finden für die unangenehmen Dinge.

Kommen wir zum Schluss nochmal auf den Grund, weswegen sich dieses Interview, dieser Blogbeitrag so verschoben hat. Das hatte ja auch damit zu tun, dass Tom, dein Opa, mit knapp neunzig Jahren sehr ruhig gestorben ist. Auch hier gibt es dann eine ganze Reihe von Ritualen und Abläufen, die einem etwas Halt geben. Wie hast du z.B. die Trauerfeier und die Beerdigung erlebt?

Ich weiß nicht, ob das früher anders war, dass man irgendwie näher an diesen Ritualen war. Ich habe das Gefühl, dass es eine grundsätzliche Annahme gibt, dass Menschen früher viel mehr connected waren mit ihren Ritualen, also z.B. mit so einer Beerdigung. Der Sarg muss in die Erde oder muss verbrannt werden, das ist nicht zu diskutieren, aber das ist auch kein Ritual, das ist eine Notwendigkeit, also irgendwas muss mit dieser Leiche passieren.

Aber diesen Abschied, diesen zeremoniellen Abschied kann man natürlich so gestalten, wie es sich für einen richtig anfühlt. Deswegen fand ich die Beerdigung sehr beeindruckend.

Da gibt es zwar bestimmte Abläufe, die vorgegeben sind, aber dennoch war es ein ganz individueller Abschied. Der mir auch noch einmal ein neues Gefühl dafür gegeben hat, was man alles machen kann mit solchen Momenten. Anstatt den Regeln hinterher zu hetzen, mach ich das gerade richtig oder nicht, trauere ich auf die richtige Art und Weise, kann ich dem Ritual gerecht werden. Stattdessen sind bei der Feier für Opa so viele neue, schöne Ideen dazugekommen, das Blumenbouquet zu stecken, die besondere Musik und auch die Diashow. Alles Elemente, die vom üblichen Ritual gerade soweit abwichen, dass sie eine besondere Aufmerksamkeit auf den Abschied gelenkt haben.

Vielen Dank, Isabel, für diese ausführlichen, nachdenklichen Antworten.

 

 

 

Ruhe

Ruhe: Immer mit der …

Oasen der Ruhe, Räume der Stille, Meditation, Duftkerzen, Räucherstäbchen. Liegen im Shavasana. Das ist Ruhe und …

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Ruhe ist aber auch, heißt es, die erste Bürgerpflicht. Und zwar, weil der König eine Bataille verloren hat. Preußens Armee aus Leibeigenen und Söldnern war gegen Napoleons Truppen schlecht aufgestellt. Man nennt es in Preußen gern in der Sprach des Gegners französisch elegant »Bataille«. Was man da 1806 bei Jena und Auerstedt gegen die Revolutionsfranzosen verloren hat – im deutschen Klartext war es eine Schlacht. Ein Schlachten. Friedrich Wilhelm macht sich vom Acker. Königin Luise auch. Fast 50.000 Soldaten gehen nirgendwo mehr hin. Mit ihnen geht das alte Preußen unter. Die Bevölkerung soll ruhig bleiben. Was ihr nicht schwerfällt, sie hängt nicht besonders an dem antiquerten Regime, das da gerade weggefegt wurde.

Warum fällt mir ausgerechnet dieser Satz, diese Geschichte ein, wenn ich über das Thema Ruhe nachdenke. Vielleicht, weil Preußen hier in Potsdam so nah ist. Und weil es hier gerade im Stadtbild zwischen allen Schlössern, Schlossattrappen, Gärten, Weinbergen, Parks und Sichtachsen in aller Ruhe zu einer unglaublich kitschigen Verklärung Preußens kommt. Ruhe als Pflicht, wer kann sich sowas ausdenken? Ruhe eine preußische Tugend?

Bräuchten wir nicht mehr Aufstand, Widerstand, Randale?

Aber auch dazu gehört Ruhe. Es ist, ich kann da aus Erfahrung sprechen, nie gut, sich hinwegtragen zu lassen, von Aufregung, von Arbeit, von Ehrgeiz, vom eigenen Gebrüll, auch nicht von dem unbedingten Willen, etwas Großartiges, etwas Notwendiges, etwas Gerechtes zu machen. Wenn wir nicht selbst zur Ruhe kommen, sondern auf irgendeinem falschen Weg in die falsche Richtung rennen, ist es oft unser Körper, der uns dann zur Ruhe bringt, Ruhe einfordert, Ruhe erwartet und erzwingt. Kleiner Schnupfen, ne Grippe, die uns flachlegt, wenn es harmlos verläuft. Wenn wir dann immer noch nicht aufmerksam sind, kann es auch schon mal ein kleiner Unfall sein, ein Gipsbein, ein Armbruch,  you name it. Und ein Armbruch ist kein Armbruch, ist kein Armbruch, ist kein …, sondern ein Wake-up call, etwas ruhiger zu werden, etwas Tempo rauszunehmen, mal zu relaxen und mal zu checken, ob überhaupt die Peilung stimmt.

Keep calm and expect to wait

Auf dem Flughafen in Kopenhagen, leuchtet mir, während ich an diesem Beitrag über Ruhe schreibe, dieses Schild entgegen. Keep calm and expect to wait. Where on Earth is Schengen.

Also gut. Wir erinnern uns. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es den Versuch, stationäre Grenzkontrollen in Europa abzubauen. Seit Mitte der 90er Jahre ist er verwirklicht. Zwischen 22 europäischen Staaten gibt es beim Grenzübergang keine Personenkontrollen mehr. Was für junge Menschen mittlerweile ganz selbstverständlich ist, war eine der größten Errungenschaften der europäischen Integration. Als sich dann zwanzig Jahre später immer mehr Menschen nach Europa retten müssen, werden zwischen mehreren europäischen Staaten wieder Grenzkontrollen eingeführt, nicht nur zwischen Deutschland und Österreich, sondern auch in Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen. Ruhe und Angst vertragen sich nicht gut, dabei ist es umso wichtiger, ruhig zu bleiben, wenn die Angst kommt. Dass Menschen Angst haben, gehört zu ihrer Natur, Angst vor wilden Tieren, Angst vor Dingen und Menschen, die fremd sind oder einfach Angst, weil man beim freeclimben, vielleicht den nächsten Griff verpasst. Und genau dann, wo wir sie am meisten brauchen, ist sie am schwersten zu erreichten. Die Ruhe.

Wo Ruhe fehlt, ist immer Angst im Spiel

Denn wo Ruhe fehlt, ist oft, wenn nicht immer auch Angst im Spiel. Angst, zu spät zu kommen, etwas zu verpassen, nicht gut genug, schnell genug, effektiv genug zu sein. Und wir Menschen sind ängstliche Wesen. Ruhig  zu bleiben, wenn es am schwersten fällt, wenn mal eine schlechte Nachricht kommt, wenn es mal nicht so läuft. Besonnenheit, wenn die Aufregung am größten ist. Das ist die hohe Schule. Das Leben ist schnell zu Ende. Deswegen glauben wir oft, wenig Zeit zu haben, und vergessen dabei, dass Ruhe unsere Zeit unendlich ausdehnt. In Ruhe findet man unendlich viel Zeit zwischen den Sekunden.

Es ist keine dumme Floskel, aus der Ruhe ziehen wir die Kraft. In der Ruhe können wir uns erden, in alignment kommen, mit dem was wir wirklich machen wollen, was uns wirklich etwas bedeutet und wichtig ist.

In der Ruhe können wir passiv tagträumen oder aktiv visualisieren. Um Probleme zu lösen, auf neue, ich meine »Neue« Gedanken zu kommen, ist es für mich oft viel besser, nicht angestrengt nachzudenken, sondern in einen Zustand der mittleren Konzentration zu kommen. Etwa beim Zugfahren, wenn der Regen prasselt oder die Sonne über die hügelige Landschaft scheint. Das sind die Momente, in denen mir oft die besten Ideen kommen. Besser als beim bewussten Nachdenken. Wenn ich eigentlich nur so vor mich hinträume, aber aufmerksam genug bin, um zu bemerken, wenn eine Bild, eine Idee, ein Gedanke, ein Klang, eine Information in den Kopf trifft.

Ruhe ist Rhythmus.

Der Beat im Groove. Gott schuf die Erde, so sagt man, an sechs Tagen und ruhte dann am siebten. Wieso er sich für so einen schrägen siebener Takt entschiedenen hat, weiß der Teufel – oder Sting. Vielleicht hatte der liebe Gott den Walzer oder den vier/viertel Takt einfach noch nicht erfunden. Ein gutes Bild für den Rhythmus von Tun und Ruhen. Ein Rhythmus, den wir ja überall finden. Tag und Nacht. Schon als segelnder Junge hat mich fasziniert, wie das Wasser nach einem stürmischen Tag, am Abend oft so ruhig wurde. Thermik hin oder her. Für mich hatte es etwas Mystisches. Oder nehmen wir den Rhythmus der Jahreszeiten. Jetzt gerade, wo wir nach einem heißen Sommer und einem goldenen Herbst mit einer Tasse Ostfriesentee in den dunklen November gehen. Bevor der Dezember dann schon wieder festlich beleuchtet wird und eine geschäftige Powerbesinnlichkeit die Ruhe hinwegfegt, ist der November ein oft unterschätzter Monat der besonderen Ruhe.

Liegen im Shavasana

Genau wie das Shavasana am Ende einer Yogapraxis eine oft unterschätzte Übung der Ruhe ist. Gerade durch das stille entspannte Liegen auf dem Rücken, zieht man den Nutzen aus den vorhergehenden Übungen. Der Körper und die Gliedmaßen liegen, der Atem atmet, der Geist lässt Gedanken und Gefühle kommen und gehen.

Eine wunderbare Art des Visualisierens, weil man es gerade nicht tut, sondern geschehen lässt, ohne es aktiv geschehen zu lassen.

Ganz ähnlich bei der Meditation, die ja vielleicht als die ruhigste Tätigkeit, als der ruhigste wache Zustand gilt, in dem man als Mensch sein kann. Dabei ist es ein durchaus aktiver Zustand. Ein Zustand, in dem man üben und lernen kann, seinen unruhigen Geist zu erkennen. Die Gedanken und Gefühle zu beobachten, wie sie kommen und gehen. Und dabei ruhig zu bleiben, ihnen nicht nachzuhängen, sie nicht zu verfolgen, aber sie auch nicht zu unterdrücken oder vor ihnen wegzulaufen.

Natürlich macht es keinen Sinn, den ganzen Tag zu meditieren, so wie es keinen Sinn macht, den ganzen Tag zu schlafen. Auf den Rhythmus kommt es an. Ruhe und Bewegung, Ruhe und Aufregung, Ruhe und Arbeit gehören untrennbar zusammen.

Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich durch die bewusste Integration von Ruhe in mein Leben, in Form von Yoga, Meditation, Spaziergängen, wesentlich effizienter in den aktiven Dingen bin.

Ruhe ist keine Bürgerpflicht, sondern ein Menschenrecht. Ein Menschenrecht, dass man sich selbst nehmen muss. In aller Ruhe.

 

Roots

Haut: Lecker Haut

Haut, Pelle, Kruste, Schale, Rinde, Schwarte. Vergiss unverpackt. Alles Essbare ist irgendwie eingepackt.

Wir Menschen sind fast immer am schälen, pellen, schaben, knacken, häuten, pulen, wenn wir an etwas Essbares herankommen oder uns etwas zubereiten wollen.

Es soll allerdings auch Wesen gegeben haben, vornehmlich märchenhafte Wölfe, die verspeisten alles, was entweder vom Weg abgekommen oder nicht schnell genug in der Standuhr verschwunden ist, mit Haut und Haaren. Soll ihnen aber, wie ich des öfteren gehört habe, nicht gut bekommen sein. Das Blöde am Mit-Haut-und-Haaren-Verschlingen ist nämlich, wie man sich erzählt, dass das Verschlungene sich immer mal wieder aus dem Staub, bzw. Wanst macht und durch schlecht verdauliche Ballaststoffe ersetzt wird, vornehmlich durch sogenannte Wackersteine. Die machen, so sagt man, dermaßen durstig, dass es immer wieder zu tragischen Unfällen mit tödlichem Ausgang an diversen Brunnen gekommen ist. Worüber sich dann wiederum das vorher MitHautundHaarenVerschlungene tierisch freut.

Vermutlich aus diesem Grund hat sich das Häuten von Essbarem, insbesondere von Tieren recht früh durchgesetzt. Im späten Mittelalter etwa, so um 1960, konnte ich noch miterleben, wie mein Großvater, den Kaninchen das Fell, im wahrsten Sinne des Wortes über die Ohren gezogen hat. Später dann, in der frühen Neuzeit, ab 1962 wurde ich mehrfach Zeuge, wie auch abgetrennten Rinderzungen die Haut abgezogen wurde, was zum einen notwendig ist, weil diese papillenbesetzte Haut ziemlich ledrig ist, zum anderen wiederum ziemlich einfach geht, wenn die Zunge vorher gekocht und dann in eiskaltem Wasser abgeschreckt wird. Die Papillen kommen aber auch im darunter liegenden Muskelfleisch noch sehr gut zur Geltung. Aber das nur am Rande.

Damals in dieser düsteren Zeit wurde Tierhaut aber nicht nur verschmäht, sondern auch z.B. als Schweineschwarte mitgekocht, um etwa dem Rotkohl die ordentliche Würze zu geben. Wenn man in der richtigen Stimmung war, konnte man darauf einen ganzen Nachmittag herumkauen. Alles Geschmackssache.

Als Relikt aus dieser Zeit hat sich das Verspeisen von Tierhaut bis heute erhalten und ist in manchen Gegenden weit verbreitet;  etwa in Form kross gebratener Haut bruzzeliger Backhendl.

Wie ist das bei Fischen? Gerade erst las ich auf der Speisekarte vom Goldenen Anker in Burgstaaken: Dorschfilet frisch vom Kutter auf der Haut gebraten, dazu Bratkartoffeln. Scheint also etwas besonderes Gutes zu sein, dieses Auf-der-Haut-braten. Soll man die dann mitessen? Eher nicht. Alles über Heringsgröße wird vom heutigen Omnivoren wohl ohne Haut und Schuppen verspeist. Genauso wie Krabben, Scampis, Gambas …

Aber nicht nur ganze Tiere, sondern auch tierische Produkte haben Häute. Eier z.B. haben ja nicht nur eine Eihaut um das Eiweiß herum, sondern auch nochmal eine um das Eigelb. Deswegen lassen sich Eier so gut trennen. Und außen drumherum dann auch noch die Eierschale. Köpfen, pellen oder klopfen? Fragen über Fragen. Genau wie beim Käse. Als Milch-Magenlab-Kombination, ein echtes Tierprodukt. Hier heißt die Haut meist Rinde und die Frage: mitessen oder abschneiden. Man weiß es nicht. Genausowenig wie bei den dazu gereichten Feigen. Es scheiden sich die Geister.

Lecker Haut  Lecker Haut Feigen

Unbestritten aber ist einer der wichtigsten kulinarischen Streits, der fast die gesamte vorvegane Ära überschattet hat, und über den zahlreiche Dissertationen und gelehrte Abhandlungen geschrieben worden sind, die Frage: Haut auf Milch und Pudding. Lecker oder uuuuuuuaaaaaoahhhhoooh? An dieser Stelle alle Argumente, Standpunkte, Meinungen wiederzugeben würde den Rahmen dieses Beitrags weit sprengen. Nur so viel, ich bin Fraktion: lecker, geschmacksintensiv, bekömmlich, gehaltvoll.

Wenden wir uns den veganen Lebensmitteln zu. Obst, Getreide und Gemüse. Alles mit Schale? Was man da alles schälen, schaben und entfernen muss, um an manche Leckerei zu kommen, geht auf keine Kuhhaut.

Geschälter Reis oder ungeschälter? Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber die Schale nicht vom Korn. Also Vollkorn oder Weißmehl? Und erst die Möhren. Schälen oder waschen? Oder waschen und schälen? Oder erst schälen und dann waschen? Weltanschauungen.

Wie ist es beim Obst? Äpfel nicht schälen! Unter der Schale ist das Beste, sagte mein Opa immer, der mit den Kaninchen. Fragt sich nur wie tief. Bei Bananen sind wir Menschen uns mit den meisten anderen Primatenkollegen einig. Schälen! Der elegante Affe knackt die Banane übrigens nicht am Stiel auf, weil das stillos wäre, sondern drückt sanft das untere Ende der Frucht zusammen, um dann die Schale ganz leicht abziehen zu können. Ich möchte hier behaupten, dass fast alle Südfrüchte geschält werden. Außer sie sind so klein wie diese – wie heißen sie – Kumquats. Aber hat schon jemals jemand eine reife Mango ohne Sauerei geschält? Vielleicht braucht die Evolution dazu noch etwas und wartet bis wir AI soweit haben.

Mandeln, Tomaten, Pfirsiche werden – ja so ist es nun mal – wie Rinderzungen gehäutet. Rein ins kochende Wasser, eiskalt mit eiskaltem Wasser abschrecken – die Haut, Pelle, oder Schale löst sich wie von selbst.

Will man allerdings an eine leckere Esskastanie ran, muss man sich erst durch eine seeigelstachelige, echt höllisch piksende Cupula, – ich nenne das seit dem zweiten Germanistiksemester: Schlaube  – kämpfen, wenn man sie nicht frisch und fertig geröstet auf dem Weihnachtsmarkt kauft. Vor dem Rösten schneidet man am besten den ledrigen, braunen, glatten Perikarp – so heißt das, was wir Schale nennen – kreuzweise ein. Dann läßt sich die Schale nach dem Rösten leichter lösen und man stößt auf eine weitere haarige Haut – Endokarp, wenn man es genau wissen will.  Die läßt sich manchmal leicht, manchmal sehr schwer lösen und es stellt sich die immer gleiche Frage –  mitessen, abpulen, aufgeben? Nein, nicht aufgeben, dazu duftet es zu gut.

Und dann gibt es ja noch die legendäre Zwiebel. Sie besteht eigentlich nur aus Haut. Um genau zu sein aus sieben, aber das ist nicht genau, weil es gar nicht stimmt. Und die sieben Häute sind darüber hinaus noch gut verpackt in einer äußeren Schale. Die muss ab. Es ist zum Heulen.

  

Dafür bzw. dagegen kommt hier mein ultimativer Zwiebelschneidetrick: Schwimmbrille auf? Nicht schlecht. Schluck Wasser im Mund behalten? Ja, hat was. Kontaktlinsen? Hat ein, zwei Zwiebeln lang gewirkt. Zwiebeln in einer mit Wasser gefüllten Schüssel schneiden? Ja, die Reizgase bleiben weitgehend im Wasser. Aber am allerbesten ist immer noch: ein extrem scharfes Messer!

Ein scharfes Messer ist auch nicht verkehrt, um etwa eine schöne Schale mit Pomelo auf dem Frühstückstisch stehen zu haben. Man muss nämlich die zähe und bittere Haut von den einzelnen Fruchtsegmenten entfernen, nachdem man die fingerdicke Schale abgeschält, die Folie entfernt und das Netz abgezogen hat.

           

Wieso noch eine Folie und ein Netz, wo diese dicke Pomelo, wie fast alle anderen Früchte doch von Natur aus wirklich gut in Haut und Schale »verpackt« sind? Sollte man da nicht doch noch einmal über unverpackt nachdenken?

Roots

Freunde: You’ve got a friend

When you’re down and troubled.
And you need some loving care.
And nothing, nothing is going right.
Close your eyes and think of me.
And soon I will be there.
To brighten up even your darkest night.

You just call out my name
And you know wherever I am
I’ll come running to see you again
Winter, spring, summer or fall
All you have to do is call
And I’ll be there
You’ve got a friend

In diesem wunderbaren Song von Carole King geht es um Freundschaft, wie wir sie uns alle vorstellen, wünschen und vielleicht auch erleben. Wir wünschen uns alle, für jemanden da sein zu können, wenn es ihm mal schlecht geht. Oder dass jemand für uns da ist, wenn es mal nicht so läuft. Energie fließt von einem zum anderen. Und hoffentlich auch immer mal wieder in die andere Richtung.

Aber das ist nur eine Aspekt von Freundschaft. Ich glaube, es geht auch immer um die Erweiterung des Horizonts, das gemeinsame Wachsen. Nicht nur, dass man in schlechten Zeiten füreinander da ist, sondern auch in guten Zeiten. Sich in guten Zeiten gegenseitig herausfordert, voranbringt, aneinander wächst.

Freunde fürs Leben

Ich bewundere immer, oder vielleicht besser, ich bestaune – oft auch mit Befremden – dass einige meiner Freunde, oder sollte ich besser sagen Bekannten, noch immer mit ihren Freunden aus der Schule, und nicht etwa denen aus dem Gymnasium, nein mit denen aus der Grundschule oder vielleicht sogar aus dem Kindergarten befreundet sind. Sie haben einfach den Kontakt nie abgebrochen oder einschlafen lassen. Freunde, die auf der Hochzeit, der Einschulung der Kinder, der Silberhochzeit, der Beerdigung der Eltern und mittlerweile auf dem sechzigsten Geburtstag dabei sind.

Count my blessings

Das ist bei mir vollkommen anders. Ich bin sehr dankbar für die vielen tollen Menschen, die mir bisher begegnet sind, mit denen ich großartige Lebensabschnitte teilen konnte. Und viele von diesen Menschen sind oft auch sehr gute, manchmal beste Freunde geworden. Oft eben auch der eine beste Freund, zu dem das Vertrauen größer war, die Haltung zur Welt, die gemeinsamen Interessen und auch die Art sie anzugehen, mehr übereinstimmten. Mit dem das Zusammensein intensiv, ein echtes Bedürfnis, notwendig und erweiternd war. Aber sie haben gewechselt mit jeder neuen Lebensphase, in die ich eingetreten bin. Da Freundschaften meist informell beginnen und – außer bei Blutsbrüderschaften und dem Austauschen von Freundschaftsringen o.ä. – meist ohne zeremoniellen Aufwand geschlossen werden, können sie sich auch so wieder auflösen.

Leben ist ein ständiges Wachsen, ein Überschreiten von Schwellen von Grenzen. Und wenn Freunde an irgendeinem Punkt vielleicht zunächst unmerklich in unterschiedliche Richtungen wachsen, verliert eine Freundschaft an Intensität. Manchmal etwas ruckelig, manchmal ganz organisch. Bis sie sich vielleicht in eine schöne gemeinsame Erinnerung auflöst. Wenn ich dann nach Jahren oder Jahrzehnten einmal wieder einem alten Freund begegne, sind es dann auch meist die Erinnerungen, in denen wir schwelgen, die die alte Nähe und Vertrautheit wieder wach werden lässt. Und ich finde das auch gut so. Was machen Ron, Hermine und Harry jetzt, nachdem sie die Schule beendet haben und der, dessen Namen man nicht sagen soll, besiegt ist?

Frühe Schulzeit

In der Schulzeit, und da geht es schon los, war mein bester Freund gar kein Schulfreund. Er kam aus einer anderen Stadt, was im Ruhrgebiet nichts und doch viel heißt. Und er ging natürlich auf eine andere Schule. Er war meine erste Freundschaft. Wir waren beste Freunde, da waren wir einig. Wir haben Radtouren an die umliegenden Stauseen gemacht, sind jahrelang miteinander gesegelt und haben Ruby Tuesday gesungen. Es war eine sehr ausgeglichene Freundschaft, vielleicht habe ich sogar mehr daraus gezogen als er, weil er mehr durfte, sich mehr getraut hat, er hatte ein Moped, hatte ein Faltboot und Zugang zu Silvesterböllern, mit denen man kleine Modellboote versenken konnte. Er wusste, dass Uhu-Tuben, die damals noch aus Metall waren, explodieren und wie Raketen abgehen, wenn man sie ins Lagerfeuer wirft. Er war Messdiener, ich Fußballer. Und er hat mal aus einer Zigarrenschachtel eine Camera Obscura gebaut. Seitdem weiß ich, wie so ein Ding funktioniert. Er ist Professor für Fotografie geworden. Man kann ihn googeln. Er war etwas älter, war viel früher an Mädchen interessiert als ich und an der Stelle haben wir uns, wie man so sagt, aus den Augen verloren.

Fußball

Hatte ich Freunde beim Fußball? Elf Freunde sollt ihr sein? Nicht wirklich. Wir waren zwar ständig zusammen, haben uns Spielzüge ausgedacht und stundenlang eingeübt, viel gefeiert, aber nichts über den Fußball hinaus miteinander gemacht.

Späte Schulzeit

Aber es gab eine eingeschworene Vierertruppe von Freunden in den letzten paar Jahren der Schulzeit, wir waren alle sehr an der kompletten Umkrempelung der Welt zu ihrem Besseren interessiert, vornehmlich durch Kunst, Literatur und das farbige Markieren zahlreicher Textpassagen in den drei blauen Bänden des Kapitals. Wir wollten alle zusammen in einen Kotten aufs Land ziehen. Noch bevor es die Scherben dann gemacht haben. Haben uns dann aber nach dem Abitur und dem erfolgreichen Umschiffen der Bundeswehr, auf Düsseldorf, Köln, Münster und Kiel verteilt, so wie es die Studienplätze eben wollten. Das war’s. Aus den Augen verloren. Die Welt hat sich auch ohne uns verbessert.

Nach der Schule

Es entstanden neue enge Freundschaften. Es ging immer noch um die Umkrempelung der bestehenden Verhältnisse, jetzt aber auch schon durch Skilaufen, Roadtrips und zunehmenden Konsum von Alkohol. Als ich dann irgendwann vorschlug, uns an den Fabrikbesetzungen zu beteiligen, war ich dann doch der einzige, der mit dem Schlafsack loszog. Kurz darauf habe ich dann erstmals Polizeiknüppel gespürt, während sich die anderen allmählich ums Haus kaufen und einen sicheren Job kümmerten. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstakademie

Vielleicht habe ich einen meiner besten Freunde auf der Kunstakademie kennengelernt. Er war Maler, ich Bildhauer, er machte sich über meine ignorante Einstellung zu Farben lustig. Das hat mir imponiert. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Mittags betranken wir uns im Ratinger Hof und zeichneten. Es war eine seltsame – ich glaube hier kann man das mal sagen – Seelenverwandtschaft. Ein sich auch im anderen erkennen, ein dem anderen in die Seele und vor allem hinter die Fassade schauen können. Wir haben – das glaube ich heute – beide in dieser Zeit die Traurigkeit im anderen gesehen. Bei ihm kam sogar ein großer Teil Hoffnungslosigkeit dazu, die ihm immer mal wieder einen aufflackernden Anflug von Zynismus bescherte und die er viel mehr noch als ich in Alkohol zu ertränken versuchte, und sie dadurch nur noch größer und realer machte. Dabei hat er den Mut zu unendlicher Sanftheit gehabt, den ich bewunderte und vor dem ich selbst Angst hatte. Obwohl ich deswegen nach außen, glaube ich, stärker wirkte, hat er doch auch irgendwie auf mich aufgepasst, wenn es bei mir ins Selbstzerstörerische ging. Nach einem seiner späteren Besuche in meinem Atelier in Berlin, bei dem ich energisch versuchte, weniger zu trinken und auch ihn davon überzeugen wollte, haben wir uns aus den Augen verloren. Das tut mir heute sehr leid. Als ich mich Jahre später stark genug fand, wieder Kontakt aufzunehmen, fand ich im Netz seine Todesanzeige. He called out my name, I wasn’t there.

Besetzte Häuser

Schon auf dem allerersten Plenum, zu dem ich eingeladen war, um mich der Gruppe der Besetzer vorzustellen, und in dem über meinen Einzug diskutiert und abgestimmt werden sollte, wusste ich, dass ich dort jemand gefunden hatte, der wichtig werden sollte. Nicht etwa, weil er sich, obwohl er mich gar nicht kannte, für meinen Einzug ausgesprochen hat. Es war die Klarheit und Entschiedenheit, mit der er sich gegen Verhandlungen mit der Wohnungsbaugesellschaft stellte. Er wusste, dass die Bewegung dadurch gespalten würde. Und er wusste, mit Verträgen kannst du den RocknRoll vergessen. Und deswegen waren wir doch hier. Es war vor allem die Ruhe und Gelassenheit, mit der er sich mit seiner Haltung gegen die Auffassung der gesamten Gruppe gestellt hat, die mir sehr imponiert hat. Es wurde eine sehr enge Freundschaft. Wir haben beide viel voneinander gelernt. Ich hauptsächlich in Bezug auf Yoga, gesundes Essen, und über das Vertrauen in riskanten Situationen. Nach der Räumung der Häuser ist er dann nach Chiapas gegangen. Ich habe versucht, mit vierzig Leuten in einer Fabriketage zu wohnen. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstgeschichte

Während ich mich dann in der Langsamkeit und Ruhe eines Kunsthistorischen Studiums von den Strapazen, Wunden und Nachwirkungen des »Häuserkampfes« erholte, und Katrin und ich vorsichtig unsere Beziehung wie ein kleines Pflänzchen aufzogen, habe ich andere Menschen nur soweit an mich heranlassen können, wie es zum Überleben nötig war. Ich hatte viel zu reflektieren, nachzuholen und aufzuarbeiten. Es war wirklich eine sehr, sehr erholsame Zeit. Der einzige Mensch, mit dem ich sehr selten mal einen Kaffee getrunken habe, war eine etwas ältere Studentin. Sie stand schon kurz vor dem Studienabschluss, sozusagen eine alte Häsin. Sie hat mir einen Job an der Uni besorgt. Wir haben viel über die Kunstgeschichte geredet und im Cafe gesessen. Auch sie hatte eine verletzte Seele und war die einzige, die ich ertragen konnte. Nachdem ich wieder zurück nach Berlin gegangen bin, hat sie noch einmal auf einer Ausstellungseröffnung von Katrin und mir gesprochen. Dann ist sie zu Sothebys gegangen und hat Karriere gemacht. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kinder

Danach kamen Freunde, die ein Netzwerk bildeten. Das Netzwerk, das man braucht, wenn man Kinder hat. Es waren oft sehr pragmatische Beziehungen. Aus den Paaren und Eltern, denen man zwangsläufig in Geburtsvorbereitungs- Krabbel- und Kindergartengruppen und später auf Klassenversammlungen und Elternabenden trifft, hat man sich die ausgesucht, die irgendwie am besten passten. Mit denen man einen einigermaßen aushaltbaren Nachmittag verbringen oder eine pragmatische Reise unternehmen konnte, während die Kinder miteinander spielten. Es waren wunderbare Menschen dabei, aber eine sehr enge Freundschaft hat sich daraus nicht entwickelt.

Neuer Orbit

Jetzt stehe ich, nachdem die Kinder längst ausgezogen sind, wieder vor einer neuen Transformation, vor einer neuen, aufregenden Lebensphase, auf die ich mich sehr freue. Und ich freue mich auch auf die kreativen, spirituellen, wachsenden Menschen, mit denen sich neue fruchtbare Freundschaften entwickeln werden.

Love

Der einzige Mensch, mit dem ich jetzt schon über fünfunddreißig Jahre befreundet bin und mit dem ich sicher bis in alle Ewigkeit befreundet sein werde, ist Katrin. Ohne sie wäre ich nicht halb so viel Mensch, wie ich jetzt sein kann und mit ihr geht das Wachsen immer weiter.

 

 

 

Radio

Freiheit: Easy Rider

Es gibt unzählige Filme, die auf irgendeine Weise das Thema Freiheit behandeln. Die beiden, die mir als erstes einfallen, haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind im Jahr 1969 erschienen, als der Krieg in Vietnam genauso eskalierte wie der Widerstand dagegen und die ersten Menschen auf dem Mond landeten. Beide sind Buddy Movies, beide Road Movies, mehr oder weniger. In beiden Filmen sind die Hauptprotagonisten kleine Kriminelle, im einen Fall hauptberuflich, im anderen eher amateurhaft. In beiden Filmen werden die Helden (bei Filmen aus dem Jahr 1969 ist die Spoilerverjährungsfrist abgelaufen) am Ende abgeschossen. Und genau wie Martin Luther King und Robert Kennedy, die im Produktionsjahr der Filme erschossen wurden, stehen Butch Cassidy und The Sundance Kid und Wyatt und Billy für Freiheit. Für Freiheit, die Angst macht. Es gibt vermutlich keine Filmszene, die das besser thematisiert als die berühmte Lagerfeuerszene in Easy Rider.

Morganza

  

Wyatt, Billy und George hatten ihre Motorräder vor einem Diner im Süden geparkt. Werden aber in der feindseligen Stimmung, die ihnen entgegenschlägt, nicht bedient und verschwinden wieder.

Für diese Szene hatte Dennis Hopper ein Cafe in Morganza, Louisiana, ausfindig gemacht und wie so oft während der Dreharbeiten, vermischten sich Spiel und Realität auf erschreckende Weise. Hopper wollte auf keinen Fall Komparsen von ansässigen Laientheatergruppen anheuern, sondern genau die Locals, die wirklich in dem Cafe saßen, als er es zum erstenmal betrat und wusste, dass er den richtigen Ort für diese Szene gefunden hatte. Paul Lewis, der production manager war entsetzt: We’re gonna get in so much trouble. We’re never gonna leave this town. They’re gonna kill us.

Und DOP László Kovács erinnert sich: When I saw the faces, they loved to hate, and it was kind of scary. The only thing that toned down the real hatred was: We are in a movie.

De facto war Louisiana zu der Zeit immer noch ein Staat mit Rassentrennung. Es gab im Cafe eine white section und eine non white section. Und offensichtlich war die non white section die coolere. Bessere Musik, klasse Jukebox, lockere Atmosphäre. Also amüsierten sich einige Crew-Mitglieder dort, tanzten mit den Leuten.

Das schürte – zum Nutzen der anschließenden Szene – die feindselige Stimmung noch mehr. Paul Lewis erinnert sich, dass der Sheriff, der nachher wirklich (as deputy) im Film zu sehen ist, droht, die Crew ins Jail zu werfen, wenn sie sich nicht von der non white section fernhält.

Dennis Hopper hält seine Local-Laienschauspieler an, wirklich alles rauszuhauen, was sie von Hippies wie ihnen halten, und es entsteht eine der – wie ich finde – bedrückendsten Szenen des Films.

»What the hell is this? Troublemakers?«

»You name it, I’ll throw rocks at them, sheriff.«

Campfire

                                               

Mir ist nicht wirklich klar, auf welche Zeit sich George (Jack Nicholson) bezieht, wenn er den Dialog beginnt mit: »You know this used to be a hell of o good country.« Wilder Westen? Bürgerkrieg? Kampf gegen die deutschen Nazis? Es heißt vermutlich nur, es gibt viel, worauf Amerika stolz sein kann.

Aber die Analyse ist umso deutlicher: Menschen haben Angst vor Freiheit. Und Angst macht gefährlich. George wird die Nacht nicht überleben.

Der Film hat überlebt. Für unter 400K Dollar produziert, hatte Easy Rider einen überwältigenden kommerziellen Erfolg und begründete in den USA eine neue Art, Filme zu machen. Vor 1969 gab es dort kaum unabhängige Filmemacher. Easy Rider, ein Film über die Freiheit, hat dem Filmemachen eine neue Freiheit gegeben.

Alle Abbildungen sind aus dem Making of Born to Be Wild by Nicholas F. Jones, 1995.

 

Roots

Italien: Essen wie Gott in Umbrien

Endlich wieder in Italien.

   

Seid ’zig Jahren fahren die Homies immer wieder zur Erholung, zum kreativen Nichtstun, zum Barcamp, auf Workation, zum Rumlungern und natürlich zum Essen nach Italien. Auf Eduardos Landgut in Umbrien. Mittlerweile zu siebent plus Hund. In einem Auto. Yes. And it is fun.

In Mantova erster abendlicher Zwischenstopp für die erste Pizza in Italien. Dann – bevor es auf den Berg geht – Großeinkauf für die ersten Tage, passt noch alles in den überladenen Wagen, sind ja nur noch ein paar Kurven.

  

Traditionell gibt es am ersten Abend, weil es so superleicht zu machen ist, Gnocchi mit Salbeibutter. Diesmal ohne Salbei, da Rosas Salbeistrauch, an dem wir uns immer bedient haben, leider vertrocknet ist. Also dann mit viel Parmesan und Knoblauchbutter. Mindestens genauso lecker – bei der Aussicht.

  

Palatschinken mit Spinat/Ricotta Füllung

Ein fester Bestandteil unserer umbrischen Küche sind die überbackenen Palatschinken mit Spinat/Ricotta Füllung – und die gehen so:

 

Acht Eier mit einem Liter Milch und ungefähr 600 Gramm Mehl verrühren. Dann vieeeeel geschmolzene Butter dazu.

 

Eine kleine Kelle in die heiße, gebutterte Pfanne – und schwenken, damit sich eine hauchdünne Teigschicht auf dem Pfannenboden bildet. Ein paar Minuten — geht wirklich schnell – warten, bis der Teig auf der oberen Seite trocken wird. Er sieht dann stumpf aus. Dann wenden. Entweder mit dem Pfannenheber — oder schleudern, je nach Laune.

    

Dann die Palatschinken beiseite stellen und bewachen. Blattspinat — wir nehmen meist den gefrorenen aus der Kühlung, weil er dann während des Transports vom Supermarkt auf den Berg als Kühlmittel für die anderen empfindlichen Lebensmittel dient — in der gleichen Pfanne andünsten und abschmecken. Danach mit Ricotta vermischen.

    

Die Spinat/Ricottamasse auf die Palatschinken verteilen und einrollen und in eine gebutterte Auflaufform legen.

    

Parmesan darüberhobeln und mit der dicken italienischen Kochsahne bestreichen. Die übriggebliebenen Palatschinken eignen sich sehr gut für einen süßen Nachtisch.

           

In die Röhre, auf den Teller und lecker.

… und die Trüffel

Hier in Umbrien findet man überall die gelben Schilder mitten in der Landschaft, die darauf hinweisen, dass das Sammeln von Trüffeln riservata ist. Also versuchen wir es erst gar nicht.

   

Außerdem ist Chappi nicht wirklich ein ausgebildeter Trüffelhund, der uns an die richtigen Stellen führen könnte. Trüffelhund ist hier ein echter Beruf. Wir kaufen also unsere Trüffel im Dorf. Weil wir in diesem Jahr sehr früh sind, gibt es noch keine frischen Sommertrüffel und wir nehmen die aus dem Glas.

   

Einfach auf die Spaghetti hobeln oder reiben. Ein Genuss. Irgendwo zwischen Nuss und Schinken und Pilzen oder alles zusammen.

Bei so viel gutem Essen kann man sich dann natürlich gleich wieder auf die faule Haut legen.

PS: Das Eis der Weltmeister

Was in Italien natürlich auch nicht fehlen darf ist: Gelato. Wie gesagt, fahren wir seid zwanzig Jahren in den Ort und trotzdem erleben wir immer wieder Überraschungen. Erst vor zwei Jahren haben wir eine unscheinbare Eisdiele auf der Straße zum Bahnhof gefunden, in der es allerdings Eis gibt, das eine ganz neue Liga bespielt. Ist das überhaupt möglich, ja es ist. Und in diesem Jahr haben wir es erst an letzten Tag geschafft, dort mal wieder ein Eis zu essen – und entdeckt. Die sind tatsächlich die Weltmeister!!!

Alessandro Crispini von der Gelateria Crispini in Spoleto hat sich nach dreijährigem Wettbewerb gegen mehr als 1800 Eishersteller aus 19 Ländern durchsetzen und den Titel erringen können. Herzlichen Glückwunsch — an uns, dass wir ihn gefunden haben.

   

Roots

Zufall: Gibt’s das?

In diesem Monat beschäftigen die Red Bug Homies sich rein zufällig mit dem Thema Zufall.

Was soll das sein? Ein Zufall?

Ein Ereignis, von dem wir die Ursache nicht kennen?

Weil es keine Ursache gibt?

Das ist eine physikalische Frage. In der Quantenphysik scheint es nämlich so etwas zu geben. Radioaktive Teilchen zerfallen offensichtlich unvorhersehbar. Ließe sich fragen, ob diese Unvorhersehbarkeit nicht immer noch an unseren eingeschränkten Vorhersehbarkeitsmöglichkeiten liegen könnte.

Das wäre aber auch eine philosophische Frage. Kann es Ereignisse geben, die keine Ursache haben? Das wird in der Welt, wie wir sie wahrnehmen, kaum vorkommen. Das kann man dann gerne bis zum Urknall zurückverfolgen oder bis zum lieben Gott, der vielleicht vor aller Zeit, vor dem Urknall schon …

Oder ist vielleicht nur der Urknall zufällig und danach läuft alles folgerichtig ab? Wir sind aufgewachsen mit dieser Vorstellung vom großen Knall und den ersten ultraheißen Millisekunden und der rasend schnellen Ausdehnung des Universums und der rasend schnellen Abkühlung auf immer noch ultraheiße Temperaturen und dann die Entstehung der Materie, der Gaswolken, der Sterne, bis dann irgendwann nach 13 Milliarden und ein paar zerquetschten Jahren ein kleines Säugetier aus dem ostafrikanischen Graben krabbelt und sich in der afrikanischen Savanne aufrichtet, um über das hohe Gras zu schauen. Um ab dann aufrecht zu gehen und sich ein paar Jahrtausende später Gedanken über Zufälle zu machen. Über zufällige Mutationen, die diese ganze Evolution vorangetrieben haben. Oder doch alles vorherbestimmt durch den Knall damals. Und wir haben keinen Einfluss, sondern folgen willenlos einem gnadenlosen Mechanismus?

Da ist man schnell in einer wohlig, gruseligen Gedankenschleife. Denn das widerspricht irgendwie unserer Lebenserfahrung. Wir spüren schon so etwas wie einen Willen in uns. Wir haben schon den Eindruck, Entscheidungen zu treffen, die weder vorherbestimmt noch rein zufällig sind. Auch wenn diese Vorstellung durch die neuen Erkenntnisse über Big Data schon wieder einer heftigen Attacke ausgesetzt ist. Schließlich sind die Big Data längst algorithmisiert und nicht mehr nur Big, sondern eben auch Smart und wissen oft schon, wie wir uns in bestimmten Situationen entscheiden werden, während wir noch glauben darüber nachzudenken. Was wir für welchen Preis kaufen, ob wir klicken oder nicht, wen wir wählen, was wir über bestimmte Dinge denken.

Im echten Leben erleben wir immer wieder Zufälle.

Je näher man an ein Ereignis herantritt und je detaillierter der Blick wird, desto mehr Zufälle sehen wir.

Wenn wir z.B. in unser Ferienhaus nach Italien fahren, ist es kein Zufall, wenn wir dort auch ankommen. Wir haben Vorkehrungen getroffen, sind einer bestimmten Straße gefolgt und haben vielleicht sogar ungefähr die Ankunftszeit vorausgeplant. Die genaue Sekunde der Ankunft werden wir allerdings kaum vorhersagen können.

Nicht vorhersagbar heißt nicht, dass es keine Ursache hat. Es sind nur zu viele und zu komplexe. Wir nehmen es als Zufall. Wir können nicht alle Einzelheiten kennen.

Gehe ich noch näher heran, erscheint alles völlig zufällig. Ob ich ein paar Kilometer hinter einem roten Wagen fahre, oder welche Aufschrift der LKW neben mir hat. Wer im Autogrill vor mir in der Schlange steht, wann ein Schmetterling die Windschutzscheibe trifft, Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen …

Doch das nennen wir im Allgemeinen nicht Zufall. Warum nicht? Weil es uns gar nicht auffällt. Wir würden es auch nicht als Zufall empfinden, wenn der Mensch im Autogrill vor mir, wie ich auch, einen Cappucchino bestellt. Oh welch ein Zufall? Nein. Aber was wäre, wenn er die gleichen Schuhe und das gleiche T-Shirt wie ich trüge, na ja, schon eher: Zufall. Was wäre, wenn plötzlich drei, vier Autos unserer Marke und Farbe hintereinander führen? Zufall!?

Wir empfinden es erst dann als Zufall, wenn zwei Ereignisse zusammenkommen, die uns auffallen, die aber keinem ersichtlichen kausalen Zusammenhang haben  … und für uns auch in keinem offensichtlichen Sinnzusammenhang stehen.

Aber was ist, wenn der Schmetterling gerade die Scheibe hittet, während »When the music’s over« im Autoradio läuft, ? »I wanna hear, I wanna hear the scream of a butterfly«. Grüßt da Jim Morrisson direkt aus dem Jenseits?

Ist das noch Zufall oder schon Synchronizität, wie C.G. Jung es nannte. Ereignisse, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, deren Zusammentreffen von uns aber mit Bedeutung aufgeladen werden.

Obwohl diese Bedeutungen auf den ersten Blick oft plausibel erscheinen, können sie nur intuitiv, nicht logisch, nicht naturwissenschaftlich erkannt werden. Dort gäbe es noch viel zu erforschen. Aber das macht Angst. Angst vor Paranoia und Borderline. Die Gefahr überall, in jedes »zufällige« Ereignis, in jede Zahlenfolge, Bedeutungen, Zeichen, versteckte Informationen hineinzulesen, ist groß.

Zufall, Fügung oder Bestimmung?

Da nennen wir durchaus auch etwas Zufall, von dem wir die Ursache kennen, oder zumindest im Nachhinein weit zurückverfolgen können.

Seien es die Verkettung unglücklicher Ereignisse, die zu Katastrophen führen oder überraschend glückliche Begegnungen.

Wie in dem Beispiel von Aristoteles, in dem ein Pferd aus dem Stall entkommt und damit einer Katastrophe entgeht. Das Pferd ist nicht aus dem Stall entkommen, um der Katastrophe zu entgehen. Erst im Nachhinein erscheint dann ein glücklicher Zufall als schicksalhafte Fügung.

Fast jeder wird, wenn er sie denn findet, der Liebe seines Lebens zufällig begegnen. Irgendwann wird man zufällig aufeinander getroffen sein. Egal, ob man auf zwei verschiedenen Erdteilen oder im gleichen Haus aufgewachsen ist.

Es läßt sich natürlich zurückverfolgen, wie es dazu gekommen ist, dass ich in den 80ern nach Berlin gekommen bin und in ein besetztes Haus gezogen bin. Und es lassen sich dafür auch viele Gründe finden. Vielleicht war sogar einer der Gründe, dass ich gespürt habe, dass sich dort Menschen aufhalten, die ich interessant finde, die etwas neues probieren, die etwas wagen. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dort die Liebe meines Lebens zu finden, höher ist als in anderen Umgebungen.

Ihr, von der ich bis dahin gar nicht wußte, dass es sie auf dem Planeten gibt, dann wirklich zu begegnen, das heißt mit ihr zur gleichen Zeit am selben Ort zu sein, war natürlich nicht geplant. War reiner Zufall.

War gar nicht planbar. Jedenfalls mit den Begrenzungen eines menschlichen Bewusstseins. Also muss es Zufall sein. Oder Bestimmung? Ich glaube gern an die Bestimmung und bin sehr dankbar dafür.

Der Zufall und The Flow.

Dankbarkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung des Zufalls machen das Leben reicher. Damit uns etwas als Zufall auffällt, müssen wir ihn natürlich wahrnehmen. Und wenn wir ihn dann noch wertschätzen, kann er uns weiterbringen.

Als Bildhauer arbeite ich oft mit Zufällen.

Ich arbeite an einer Figur. In einem zufälligen Papierknick etwa sehe ich die Andeutung eines Knies, oder eine Drehung in der Hüfte. Ich sehe die Bewegung. Ein Grund erst einmal innezuhalten. Was war da gerade passiert? Etwas neues, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Obwohl ich das alles natürlich mit den Augen sehe, habe ich dennoch den Eindruck, dass ich jetzt mehr zuhöre als hinsehe.

Während des Arbeitsprozesses an der Figur ist nichts von vornherein festgelegt. Es gibt keine fertig geschweißte Armatur, die die Größe und Haltung festlegt. Keinen sachgemäßen Aufbau der Form in Ton oder Gips. Keine Vorzeichnungen, kein Modell. Alles ist im Fluß. Im Flow. Es kann alles passieren. Ab jetzt ist es eine spannende Konversation mit dem Material, mit der Figur, mit dem Zufall.

Bei dieser sensiblen fragilen Arbeit, ergeben sich andauernd Zufälle. Etwas fällt herunter, kippt um, löst sich. Und dann immer die Frage, was ergibt sich daraus neues, was soll so bleiben, wo soll etwas geändert werden?

So geht es dann weiter. Sehr vorsichtig, aber auch entschieden. Ich weiß, wenn ich in dem Dialogmodus mit dem Zufall bleibe, wird etwas Großartiges entstehen. No matter what. Ein meditativer Zustand, ein fokussierter Zustand, ein wacher Zustand. Alles ist gewollt und dem Zufall überlassen.

Wie im richtigen Leben.

 

 

Morning routine
Ruhe

Rise & Shine: Morning Routine

Liebe Red Bug Fans,

Rise and Shine. Das ist unser Monatsthema für April. Wie angekündigt wollen wir hier jeden Monat ein Thema umkreisen. Immer freitags – mit Gedanken, Assoziationen, Rezepten, Interviews.

Rise and Shine

Frühling, Wärme, Sonnenschein. Rise and Shine. Zu welcher Jahreszeit passt das besser als zum Frühling. Und dieser Frühling hat es ja wirklich in sich. Lag lange in den Federn. Schneeflockenfedern bis in den April. Dickes Eis auf Teichen und Seen.

Aber jetzt steigt die Sonne wieder höher, scheint kräftiger, wärmt. Oder nein, sie scheint einfach nur so vor sich hin und die Erde dreht sich schrägstehend um sie herum, lässt im Jahreszeitenwechsel die Sonne von Norden nach Süden über ihre Oberfläche streichen. Frühlingsanfang.

In den Frühlingsanfang gehört natürlich auch, die für mich spektakulärste Rise-and-Shine-Story überhaupt. Am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feiern hier ja viele Menschen Ostern. Mit bunten Eier, Schokolade, Spaziergang. Aber dazu gehört natürlich auch Karfreitag. Da lässt sich einer ans Kreuz nageln, stirbt, wird in eine dunkle Grabkammer gelegt und … steht am Sonntagmorgen wieder auf. What? Egal, ob und wieviel man davon glaubt, die Geschichte ist phänomenal. Steh auf und geh. Und lass dein Licht leuchten.

Wie jede gute Geschichte bringt auch diese den Hauptprotagonisten an den absoluten Tiefpunkt, vollkommen gescheitert, ausweglos. Und dann kommt der Wendepunkt, jedesmal – und trotzdem immer wieder überraschend, unerwartet und manchmal fast unglaublich. Nach dem Wendepunkt dann der Erfolg, die Erlösung, der Triumph. Ohne den Tiefpunkt würde der Triumph gar nicht bemerkt. Was will ich damit sagen? Es ist unmöglich die ganze Zeit in Topform zu sein, immer zu scheinen, immer zu strahlen. Nein, es muss einen Rhythmus geben.

Man muss ja nicht gleich sterben und wiederauferstehen. Aber sich ausruhen, auch mal down sein, traurig sein, müde. Erst wenn man sich auch mal hinlegt, ausruht, schläft kann man wieder aufstehen. Rise and Shine. Und genau, ursprünglich ist Rise and Shine ja ein Weckruf, der jemanden dazu bringen soll, aufzustehen, und zwar sofort. Manchmal kombiniert mit dem Wegziehen der Bettdecke. Auf deutsch wohl eher gleichzusetzen mit Raus aus den Federn. Schwingt da ein kleiner Vorwurf an den Langschläfer mit? Wieviel schöner klingt Rise and Shine.  Steh auf und strahle. Strahle, damit man dich in deiner ganzen Schönheit sehen kann, aber auch strahle, damit deine ganze Wärme auf deine Umgebung, über deine loved ones, deinen inner circle in die Welt hinaus strahlen kann.

Morning Routine

Mir hilft dabei eine Art Morning Routine, die immer mal wieder wechselt. Was gehört dazu? Für mich: Vielleicht überraschend, aber die Morning Routine, fängt schon vor dem Einschlafen an. Ich nehme mir kurz Zeit, mich auf den nächsten Tag zu freuen.

Einer meiner Lieblingsfilmzitate stammt aus Hitch: Begin each day as if it were on purpose. Früh aufwachen und … aufstehen. Dem Ruf der Natur folgen, ins Bad. Dann runter ins Wohnzimmer, kurz dem Hund zunicken, aber der schläft um diese Zeit noch und schlägt nur kurz müde mit dem Schwanz, ohne wirklich die Augen zu öffnen.

Meditation

Viertel Stunde, nicht länger als eine halbe. Manchmal ganz in Ruhe, meist mit Headspace und in letzter Zeit auch oft mit der angenehmen Stimme von Rakel Sosa. (THX an Amber, die mir eine Session bei Rakel geschenkt  … und Headspace entdeckt hat, als es noch wenige kannten.)

Morning Pages

Und dann Morning Pages. Was ist das denn? Den Begriff hat so weit ich weiß Julian Cameron geprägt. Ich kenne ihn jedenfalls aus ihrem Buch The Artist’s Way. (THX an Katrin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat.)

Eigentlich ist es ganz einfach: Schreiben. Ich schreibe ein paar Seiten, stream of consciousness, einfach drauflos. Mit Hand, weil man da anders schreibt. Ich jedenfalls und weil es nicht darauf ankommt, dass jemand es lesen können muss. (Selbst ich kann meine Handschrift nur schwer bis gar nicht entziffern, aber wie gesagt, darauf kommt es auch nicht an).

Es ist für mich sehr aufschlussreich beim Schreiben zu bemerken, worüber ich schreibe. Vielleicht gibt es etwas, von dem ich glaube, das es mich sehr beschäftigt. Und ich nehme mit vor, es schreibend zu klären, schreibe dann über etwas ganz anderes, was mir entweder mehr auf der Seele liegt oder einfach nur mal erwähnt werden muss, um auf den Kern der Sache zu kommen. Es hat etwas sehr meditatives. Aha, da kommt ein Gedanke, ich schreibe ihn auf, nehme ihn wahr und lasse ihn gehen. Julian Cameron nennt es auch active meditation.

Aber Morning Pages lassen immer wieder Gedanken, Wünsche, Ängste an die Oberfläche, die ich mir nicht eingestehen möchte. Und sie erinnern immer wieder an wichtige Sachen, die ich gerne verdrängen würde, oder mittelmäßig gut verdrängt hatte.

Morning Pages sind wirklich ein gutes Tool, um Dinge aus einer eher unbewussten Schicht aufs Papier zu holen. Connecting to another source, wie ich es sonst nur vom Bildhauern kenne. Diese Seiten machen mir sehr deutlich klar, wo ich gerade stehe, was mich beschäftigt. Nicht, wenn ich sie nochmal lese (wie gesagt, das tue ich fast nie), sondern direkt beim Schreiben.

Jetzt könnte man denken, na warum denkst du dann nicht einfach nach, ohne zu schreiben, wenn es nicht zum Lesen gedacht ist? Einfach die Tätigkeit, die leichte Verlangsamung der Gedanken durch den Prozess des Schreibens, lässt einen Zustand entstehen, den ich durch hinsetzen und Nachdenken nicht so erreiche. Ich glaube sogar, dass es eine Rolle spielt, ob ich mit links oder rechts schreibe. (Ich bin Linkshänder und kann mit beiden Händen gleich schnell und gut und unleserlich schreiben)

Morning Pages sind eine Aufmerksamkeit, die ich mir selbst schenke. Bevor ich auf das iPhone schaue.

Das Glas Wasser

Und da ich immer wieder höre, dass man viel trinken soll, ist jetzt eine gute Gelegenheit ein großes Glas (warmes) Wasser zu trinken. Das Glas in beiden Händen, counting my blessings and hugging someone in my mind. Jemanden, der mir in dem Moment einfällt, und es fällt mir in dem Moment immer instantly jemand ein, der eine Umarmung gebrauchen kann. Und ich hoffe, bin mir fast sicher, dass der/diejenige es auch irgendwie spürt. Etwas Support, ein Trost, eine Aufmerksamkeit, eine Wärme. Ich spüre es auf jeden Fall.

Wenn Katrin dann herunterkommt und den Hund auf die Morgenrunde führt, mache ich Frühstück für uns. Der Tag kann beginnen, als wäre es mit Absicht.