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Uwe

Roots

Zufall: Gibt’s das?

In diesem Monat beschäftigen die Red Bug Homies sich rein zufällig mit dem Thema Zufall.

Was soll das sein? Ein Zufall?

Ein Ereignis, von dem wir die Ursache nicht kennen?

Weil es keine Ursache gibt?

Das ist eine physikalische Frage. In der Quantenphysik scheint es nämlich so etwas zu geben. Radioaktive Teilchen zerfallen offensichtlich unvorhersehbar. Ließe sich fragen, ob diese Unvorhersehbarkeit nicht immer noch an unseren eingeschränkten Vorhersehbarkeitsmöglichkeiten liegen könnte.

Das wäre aber auch eine philosophische Frage. Kann es Ereignisse geben, die keine Ursache haben? Das wird in der Welt, wie wir sie wahrnehmen, kaum vorkommen. Das kann man dann gerne bis zum Urknall zurückverfolgen oder bis zum lieben Gott, der vielleicht vor aller Zeit, vor dem Urknall schon …

Oder ist vielleicht nur der Urknall zufällig und danach läuft alles folgerichtig ab? Wir sind aufgewachsen mit dieser Vorstellung vom großen Knall und den ersten ultraheißen Millisekunden und der rasend schnellen Ausdehnung des Universums und der rasend schnellen Abkühlung auf immer noch ultraheiße Temperaturen und dann die Entstehung der Materie, der Gaswolken, der Sterne, bis dann irgendwann nach 13 Milliarden und ein paar zerquetschten Jahren ein kleines Säugetier aus dem ostafrikanischen Graben krabbelt und sich in der afrikanischen Savanne aufrichtet, um über das hohe Gras zu schauen. Um ab dann aufrecht zu gehen und sich ein paar Jahrtausende später Gedanken über Zufälle zu machen. Über zufällige Mutationen, die diese ganze Evolution vorangetrieben haben. Oder doch alles vorherbestimmt durch den Knall damals. Und wir haben keinen Einfluss, sondern folgen willenlos einem gnadenlosen Mechanismus?

Da ist man schnell in einer wohlig, gruseligen Gedankenschleife. Denn das widerspricht irgendwie unserer Lebenserfahrung. Wir spüren schon so etwas wie einen Willen in uns. Wir haben schon den Eindruck, Entscheidungen zu treffen, die weder vorherbestimmt noch rein zufällig sind. Auch wenn diese Vorstellung durch die neuen Erkenntnisse über Big Data schon wieder einer heftigen Attacke ausgesetzt ist. Schließlich sind die Big Data längst algorithmisiert und nicht mehr nur Big, sondern eben auch Smart und wissen oft schon, wie wir uns in bestimmten Situationen entscheiden werden, während wir noch glauben darüber nachzudenken. Was wir für welchen Preis kaufen, ob wir klicken oder nicht, wen wir wählen, was wir über bestimmte Dinge denken.

Im echten Leben erleben wir immer wieder Zufälle.

Je näher man an ein Ereignis herantritt und je detaillierter der Blick wird, desto mehr Zufälle sehen wir.

Wenn wir z.B. in unser Ferienhaus nach Italien fahren, ist es kein Zufall, wenn wir dort auch ankommen. Wir haben Vorkehrungen getroffen, sind einer bestimmten Straße gefolgt und haben vielleicht sogar ungefähr die Ankunftszeit vorausgeplant. Die genaue Sekunde der Ankunft werden wir allerdings kaum vorhersagen können.

Nicht vorhersagbar heißt nicht, dass es keine Ursache hat. Es sind nur zu viele und zu komplexe. Wir nehmen es als Zufall. Wir können nicht alle Einzelheiten kennen.

Gehe ich noch näher heran, erscheint alles völlig zufällig. Ob ich ein paar Kilometer hinter einem roten Wagen fahre, oder welche Aufschrift der LKW neben mir hat. Wer im Autogrill vor mir in der Schlange steht, wann ein Schmetterling die Windschutzscheibe trifft, Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen …

Doch das nennen wir im Allgemeinen nicht Zufall. Warum nicht? Weil es uns gar nicht auffällt. Wir würden es auch nicht als Zufall empfinden, wenn der Mensch im Autogrill vor mir, wie ich auch, einen Cappucchino bestellt. Oh welch ein Zufall? Nein. Aber was wäre, wenn er die gleichen Schuhe und das gleiche T-Shirt wie ich trüge, na ja, schon eher: Zufall. Was wäre, wenn plötzlich drei, vier Autos unserer Marke und Farbe hintereinander führen? Zufall!?

Wir empfinden es erst dann als Zufall, wenn zwei Ereignisse zusammenkommen, die uns auffallen, die aber keinem ersichtlichen kausalen Zusammenhang haben  … und für uns auch in keinem offensichtlichen Sinnzusammenhang stehen.

Aber was ist, wenn der Schmetterling gerade die Scheibe hittet, während »When the music’s over« im Autoradio läuft, ? »I wanna hear, I wanna hear the scream of a butterfly«. Grüßt da Jim Morrisson direkt aus dem Jenseits?

Ist das noch Zufall oder schon Synchronizität, wie C.G. Jung es nannte. Ereignisse, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, deren Zusammentreffen von uns aber mit Bedeutung aufgeladen werden.

Obwohl diese Bedeutungen auf den ersten Blick oft plausibel erscheinen, können sie nur intuitiv, nicht logisch, nicht naturwissenschaftlich erkannt werden. Dort gäbe es noch viel zu erforschen. Aber das macht Angst. Angst vor Paranoia und Borderline. Die Gefahr überall, in jedes »zufällige« Ereignis, in jede Zahlenfolge, Bedeutungen, Zeichen, versteckte Informationen hineinzulesen, ist groß.

Zufall, Fügung oder Bestimmung?

Da nennen wir durchaus auch etwas Zufall, von dem wir die Ursache kennen, oder zumindest im Nachhinein weit zurückverfolgen können.

Seien es die Verkettung unglücklicher Ereignisse, die zu Katastrophen führen oder überraschend glückliche Begegnungen.

Wie in dem Beispiel von Aristoteles, in dem ein Pferd aus dem Stall entkommt und damit einer Katastrophe entgeht. Das Pferd ist nicht aus dem Stall entkommen, um der Katastrophe zu entgehen. Erst im Nachhinein erscheint dann ein glücklicher Zufall als schicksalhafte Fügung.

Fast jeder wird, wenn er sie denn findet, der Liebe seines Lebens zufällig begegnen. Irgendwann wird man zufällig aufeinander getroffen sein. Egal, ob man auf zwei verschiedenen Erdteilen oder im gleichen Haus aufgewachsen ist.

Es läßt sich natürlich zurückverfolgen, wie es dazu gekommen ist, dass ich in den 80ern nach Berlin gekommen bin und in ein besetztes Haus gezogen bin. Und es lassen sich dafür auch viele Gründe finden. Vielleicht war sogar einer der Gründe, dass ich gespürt habe, dass sich dort Menschen aufhalten, die ich interessant finde, die etwas neues probieren, die etwas wagen. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dort die Liebe meines Lebens zu finden, höher ist als in anderen Umgebungen.

Ihr, von der ich bis dahin gar nicht wußte, dass es sie auf dem Planeten gibt, dann wirklich zu begegnen, das heißt mit ihr zur gleichen Zeit am selben Ort zu sein, war natürlich nicht geplant. War reiner Zufall.

War gar nicht planbar. Jedenfalls mit den Begrenzungen eines menschlichen Bewusstseins. Also muss es Zufall sein. Oder Bestimmung? Ich glaube gern an die Bestimmung und bin sehr dankbar dafür.

Der Zufall und The Flow.

Dankbarkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung des Zufalls machen das Leben reicher. Damit uns etwas als Zufall auffällt, müssen wir ihn natürlich wahrnehmen. Und wenn wir ihn dann noch wertschätzen, kann er uns weiterbringen.

Als Bildhauer arbeite ich oft mit Zufällen.

Ich arbeite an einer Figur. In einem zufälligen Papierknick etwa sehe ich die Andeutung eines Knies, oder eine Drehung in der Hüfte. Ich sehe die Bewegung. Ein Grund erst einmal innezuhalten. Was war da gerade passiert? Etwas neues, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Obwohl ich das alles natürlich mit den Augen sehe, habe ich dennoch den Eindruck, dass ich jetzt mehr zuhöre als hinsehe.

Während des Arbeitsprozesses an der Figur ist nichts von vornherein festgelegt. Es gibt keine fertig geschweißte Armatur, die die Größe und Haltung festlegt. Keinen sachgemäßen Aufbau der Form in Ton oder Gips. Keine Vorzeichnungen, kein Modell. Alles ist im Fluß. Im Flow. Es kann alles passieren. Ab jetzt ist es eine spannende Konversation mit dem Material, mit der Figur, mit dem Zufall.

Bei dieser sensiblen fragilen Arbeit, ergeben sich andauernd Zufälle. Etwas fällt herunter, kippt um, löst sich. Und dann immer die Frage, was ergibt sich daraus neues, was soll so bleiben, wo soll etwas geändert werden?

So geht es dann weiter. Sehr vorsichtig, aber auch entschieden. Ich weiß, wenn ich in dem Dialogmodus mit dem Zufall bleibe, wird etwas Großartiges entstehen. No matter what. Ein meditativer Zustand, ein fokussierter Zustand, ein wacher Zustand. Alles ist gewollt und dem Zufall überlassen.

Wie im richtigen Leben.

 

 

Morning routine
Ruhe

Rise & Shine: Morning Routine

Liebe Red Bug Fans,

Rise and Shine. Das ist unser Monatsthema für April. Wie angekündigt wollen wir hier jeden Monat ein Thema umkreisen. Immer freitags – mit Gedanken, Assoziationen, Rezepten, Interviews.

Rise and Shine

Frühling, Wärme, Sonnenschein. Rise and Shine. Zu welcher Jahreszeit passt das besser als zum Frühling. Und dieser Frühling hat es ja wirklich in sich. Lag lange in den Federn. Schneeflockenfedern bis in den April. Dickes Eis auf Teichen und Seen.

Aber jetzt steigt die Sonne wieder höher, scheint kräftiger, wärmt. Oder nein, sie scheint einfach nur so vor sich hin und die Erde dreht sich schrägstehend um sie herum, lässt im Jahreszeitenwechsel die Sonne von Norden nach Süden über ihre Oberfläche streichen. Frühlingsanfang.

In den Frühlingsanfang gehört natürlich auch, die für mich spektakulärste Rise-and-Shine-Story überhaupt. Am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feiern hier ja viele Menschen Ostern. Mit bunten Eier, Schokolade, Spaziergang. Aber dazu gehört natürlich auch Karfreitag. Da lässt sich einer ans Kreuz nageln, stirbt, wird in eine dunkle Grabkammer gelegt und … steht am Sonntagmorgen wieder auf. What? Egal, ob und wieviel man davon glaubt, die Geschichte ist phänomenal. Steh auf und geh. Und lass dein Licht leuchten.

Wie jede gute Geschichte bringt auch diese den Hauptprotagonisten an den absoluten Tiefpunkt, vollkommen gescheitert, ausweglos. Und dann kommt der Wendepunkt, jedesmal – und trotzdem immer wieder überraschend, unerwartet und manchmal fast unglaublich. Nach dem Wendepunkt dann der Erfolg, die Erlösung, der Triumph. Ohne den Tiefpunkt würde der Triumph gar nicht bemerkt. Was will ich damit sagen? Es ist unmöglich die ganze Zeit in Topform zu sein, immer zu scheinen, immer zu strahlen. Nein, es muss einen Rhythmus geben.

Man muss ja nicht gleich sterben und wiederauferstehen. Aber sich ausruhen, auch mal down sein, traurig sein, müde. Erst wenn man sich auch mal hinlegt, ausruht, schläft kann man wieder aufstehen. Rise and Shine. Und genau, ursprünglich ist Rise and Shine ja ein Weckruf, der jemanden dazu bringen soll, aufzustehen, und zwar sofort. Manchmal kombiniert mit dem Wegziehen der Bettdecke. Auf deutsch wohl eher gleichzusetzen mit Raus aus den Federn. Schwingt da ein kleiner Vorwurf an den Langschläfer mit? Wieviel schöner klingt Rise and Shine.  Steh auf und strahle. Strahle, damit man dich in deiner ganzen Schönheit sehen kann, aber auch strahle, damit deine ganze Wärme auf deine Umgebung, über deine loved ones, deinen inner circle in die Welt hinaus strahlen kann.

Morning Routine

Mir hilft dabei eine Art Morning Routine, die immer mal wieder wechselt. Was gehört dazu? Für mich: Vielleicht überraschend, aber die Morning Routine, fängt schon vor dem Einschlafen an. Ich nehme mir kurz Zeit, mich auf den nächsten Tag zu freuen.

Einer meiner Lieblingsfilmzitate stammt aus Hitch: Begin each day as if it were on purpose. Früh aufwachen und … aufstehen. Dem Ruf der Natur folgen, ins Bad. Dann runter ins Wohnzimmer, kurz dem Hund zunicken, aber der schläft um diese Zeit noch und schlägt nur kurz müde mit dem Schwanz, ohne wirklich die Augen zu öffnen.

Meditation

Viertel Stunde, nicht länger als eine halbe. Manchmal ganz in Ruhe, meist mit Headspace und in letzter Zeit auch oft mit der angenehmen Stimme von Rakel Sosa. (THX an Amber, die mir eine Session bei Rakel geschenkt  … und Headspace entdeckt hat, als es noch wenige kannten.)

Morning Pages

Und dann Morning Pages. Was ist das denn? Den Begriff hat so weit ich weiß Julian Cameron geprägt. Ich kenne ihn jedenfalls aus ihrem Buch The Artist’s Way. (THX an Katrin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat.)

Eigentlich ist es ganz einfach: Schreiben. Ich schreibe ein paar Seiten, stream of consciousness, einfach drauflos. Mit Hand, weil man da anders schreibt. Ich jedenfalls und weil es nicht darauf ankommt, dass jemand es lesen können muss. (Selbst ich kann meine Handschrift nur schwer bis gar nicht entziffern, aber wie gesagt, darauf kommt es auch nicht an).

Es ist für mich sehr aufschlussreich beim Schreiben zu bemerken, worüber ich schreibe. Vielleicht gibt es etwas, von dem ich glaube, das es mich sehr beschäftigt. Und ich nehme mit vor, es schreibend zu klären, schreibe dann über etwas ganz anderes, was mir entweder mehr auf der Seele liegt oder einfach nur mal erwähnt werden muss, um auf den Kern der Sache zu kommen. Es hat etwas sehr meditatives. Aha, da kommt ein Gedanke, ich schreibe ihn auf, nehme ihn wahr und lasse ihn gehen. Julian Cameron nennt es auch active meditation.

Aber Morning Pages lassen immer wieder Gedanken, Wünsche, Ängste an die Oberfläche, die ich mir nicht eingestehen möchte. Und sie erinnern immer wieder an wichtige Sachen, die ich gerne verdrängen würde, oder mittelmäßig gut verdrängt hatte.

Morning Pages sind wirklich ein gutes Tool, um Dinge aus einer eher unbewussten Schicht aufs Papier zu holen. Connecting to another source, wie ich es sonst nur vom Bildhauern kenne. Diese Seiten machen mir sehr deutlich klar, wo ich gerade stehe, was mich beschäftigt. Nicht, wenn ich sie nochmal lese (wie gesagt, das tue ich fast nie), sondern direkt beim Schreiben.

Jetzt könnte man denken, na warum denkst du dann nicht einfach nach, ohne zu schreiben, wenn es nicht zum Lesen gedacht ist? Einfach die Tätigkeit, die leichte Verlangsamung der Gedanken durch den Prozess des Schreibens, lässt einen Zustand entstehen, den ich durch hinsetzen und Nachdenken nicht so erreiche. Ich glaube sogar, dass es eine Rolle spielt, ob ich mit links oder rechts schreibe. (Ich bin Linkshänder und kann mit beiden Händen gleich schnell und gut und unleserlich schreiben)

Morning Pages sind eine Aufmerksamkeit, die ich mir selbst schenke. Bevor ich auf das iPhone schaue.

Das Glas Wasser

Und da ich immer wieder höre, dass man viel trinken soll, ist jetzt eine gute Gelegenheit ein großes Glas (warmes) Wasser zu trinken. Das Glas in beiden Händen, counting my blessings and hugging someone in my mind. Jemanden, der mir in dem Moment einfällt, und es fällt mir in dem Moment immer instantly jemand ein, der eine Umarmung gebrauchen kann. Und ich hoffe, bin mir fast sicher, dass der/diejenige es auch irgendwie spürt. Etwas Support, ein Trost, eine Aufmerksamkeit, eine Wärme. Ich spüre es auf jeden Fall.

Wenn Katrin dann herunterkommt und den Hund auf die Morgenrunde führt, mache ich Frühstück für uns. Der Tag kann beginnen, als wäre es mit Absicht.

Roots

Danke

 Liebe Red Bug Fans,

what a year. Danke.

Wir haben es doch tatsächlich geschafft, jede Woche einen Beitrag zu schreiben und dabei nicht nur euch, sondern oft auch uns selbst gegenseitig mit roots-, rausch-, radio-, ruhe- und royalen Beiträgen überrascht.

Es hat sich herausgestellt, dass dieses fünfzackige Gerüst ziemlich stabil und doch beweglich ist. Ein echter Stern eben.

Wie ihr schon gemerkt habt, macht der Red Bug Home Blog gerade eine klitzekurze Pause. Wir frühjahrsputzen. Und relaunchen dann im April mit neuen Rubriken und Monatsthemen.

Wir sind genauso gespannt wie ihr und hoffen, dass ihr weiter dabei seid.   

All the best

die Redbugx

Radio

Los Angeles

Coming in from Berlin, from over the pole

Welch ein Kontrast, wenn man über Oslo nach Los Angeles fliegt. Der Flughafen in Oslo ist nicht umsonst als einer der schönsten Flughäfen der Welt ausgezeichnet. Hell, geschwungen wie die Wege in einem englischen Garten. Freundliche Menschen. Viele ausgeklügelte architektonische Details … uuuund beste Hefeschnecken in vielen Varianten. Norwegen erscheint als ein erhebendes Land voller Möglichkeiten.

Oslo los Angeles   

Unerwartet dann eine Stunde vor dem Boarding in die Maschine nach L.A. noch einmal ein Random Security Check im geclearten Wartebereichs. Den Norwegern ist das offensichtlich unangenehm. Angeblich haben sie Listen von der U.S. Bordercontrol mit zufällig ausgesuchten Passagieren, die und deren Gepäck sie ausführlich checken sollen. Okay.

Angenehmer Flug in der Dunkelheit über Island, Grönland, Kanada. Stundenlang mit einem leuchtend roten Streifen am Horizont. Und dann taucht immer wieder die Sonne selbst als strahlendes rotes Licht auf, um Minuten später wieder abzutauchen. Oval wie ein exterrestrisches Raumschiff. Oder ein fremder Stern über einem fremden Planeten in einem SciFi Movie.

Irgendwann bliebt die Sonne dann oben, steigt höher, wird gelb, dann weiß, es ist wieder, immer noch der gleiche Tag. Unten die Rocky Mountains, schneebedeckt. Dann die Wüste, sepia, grau, staubigbraun.

Comin’ into Los Angeles

What is this. We exit the Norwegian Aircraft and step into pure ugliness. Ist das der Keller eines verrottenden Parkhauses? Wir ziehen unsere Rollkoffer über verschlissene unfarbig braune Auslegeware und klapprige Rolltreppen. Irgendwo dann Toiletten. Wo bin ich hier? Wieder Rolltreppen und dann eine Halle, überfüllt mit Menschen in sich umeinander windenden Schlangen. Custom Border Protection. Über eine Stunde.

Lenny und Benji warten am Ausgang. Sehr schön. Und dann –surprise– statt strahlender Sonne ist es schon wieder dunkel. Ja, auch in Los Angeles ist Winterzeit und um kurz vor 17:00 knallt die Sonne ins Meer. Eine Stunde Fahrt durch die häßlichste Stadt, die ich je gesehen habe. Oder bin ich nur müde?

Next morning. Oh, wir wohnen in einer coolen Gegend. Rechts oben prangt das Hollywood Sign, zwei, drei Straßen weiter links liegen die Sterne unspektakulär im Hollywood Blvd.

    

Aber am besten: nur ein Block weiter ist das Franklin Village mit Supermarkt, Plattenladen und … Coffeeshop! Gerettet.

    

Griffin Observatory

Völlig unerwartet dann aus dem Traffic der Stadt – ein Walk zum Griffin Observatory. Lenny kennt sich schon aus, schlägt es vor. Zehn Minuten entlang der Straße und dann Aufstieg. Zunächst durch eine Art verlassenen unwirklichen botanischen Garten, einem brackigen künstlichen Wasserlauf folgend.

   

Und dann windet sich ein knirschender gelber Sandweg den Berg hinauf. Oben leuchtet weiß die Kuppel des Observatoriums. Nicht wie ein technisches Bauwerk. Aus der Ferne eher wie ein maurischer Tempel.

  

What happened? Es ist für mich, als wäre ich in einer anderen Zeit. Einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum. In einer anderen Realistätsebene. In einer Graphic Novel? Oder in einem uralten Schöpfungsmythos? Alles fühlt sich leicht an, durchlässig. Unkörperlich. Was ist das für eine Energie an diesem Ort?

Ist das der Sand? Oder die Wärme? Der Geschmack der Luft?

Oben angekommen scheint die Luft, die Atmosphäre wirklich reiner. Ein Blick über die Dunstglocke zeigt, dass das mit Sicherheit auch wirklich so ist.

   

Hier oben steht die berühmte Aussichtsbank, von der aus man ganz Los Angeles überblicken kann. Und die Stadt füllt mit ihren niedrigen Häusern und den beiden kleinen Hochhauszentren wirklich den gesamten Horizont bis zum Pazifik aus.

City of Movies

Und hier oben wurden unzählige Filmsequenzen gedreht. Unter anderem für Transformers, Yes Man, Star Trek, kürzlich für Lalaland, aber auch für Rebel Without a Cause. Und James Deans Büste steht wirklich auf dem Plateau des Planetariums mit dem Hollywood Sign im Hintergrund.

   

Aber das ist alles nicht das, was mich so fasziniert. Was uns allen auffällt. Es ist trotz der zahlreichen Besucher ein reiner Ort. Die Luft schmeckt wie sehr klares weiches Wasser. Oder bilde ich mir das nur ein.

Innen dann ein Foucaultsches Pendel. Und Kabinette mit anschaulichen Displays zu verschiedenen kosmischen Phänomenen. Sonnen- und Mondfinsternissen, Galaxien, intergalaktischem Staub, Roten Riesen, weißen Zwergen, Supernovä, den Elementen – , die sich im Laufe der Zeit in den Sternen aus Wasserstoff und Helium bilden und freigesetzt werden. Von uns schön gegliedert und aufgereiht im Periodensystem.

Aber was ist mit dem Bewusstsein? Woher kommt das? Eine Frage, die im Observatory nicht gestellt wird und dort ja auch nicht gestellt werden muss. Dort wird erklärt, was wir alle seit den Siebzigern, seit Crosby, Stills, Nash and Young und ihrem wunderbaren Joni Mitchell Song »Woodstock« wissen: We are stardust, we are golden. We are billion year old carbon …

Aber sind wir nicht vielleicht auch minddust?

City of Angels

Es war wieder dunkel geworden. Hier im Süden geht das wirklich schnell. Die Sonne fliegt fast senkrecht in den Horizont, schleicht sich nicht stundenlang an, wie bei uns hier in den nördlicheren Breiten. Der Blick über die Lichter der Stadt. Die Vorstellung, dass dort jetzt überall, hier und dann da, und dann da und da eine Seele aufsteigt, und da wieder. Und da kommt eine herab. Wie viele Menschen sterben stündlich in einer so riesigen ausgedehnten Stadt? Wie viele werden geboren? Ein ständiger Austausch. Ein Austausch von Bewusstsein. Eine Entwicklung von Erfahrung, von Wissen, von Verständnis – vielleicht von Erleuchtung?

  

Erst nachts wieder in unserer coolen airbnb-Unterkunft ist mir aufgefallen, dass dieser Sandweg der Weg ist, den ich immer mit Teer male. Der Weg, den meine Mönche hinabsteigen mit ihren Kugeln. Auf und ab. Was tragen die? Und was bringen die? Was halten die so preciously in ihren Armen?

Ich weiß es so wenig, wie die Betrachter der Mönche. Ich freue mich immer über die Gedanken, Überlegungen und Vorschläge, die sich die Menschen vor den Skulpturen machen, wie neulich bei unserer ersten Backstage#1 Ausstellung. Was denkst du, was könnte es sein, das uns diese Mönche bringen?

   

Manchmal merke ich, dass ich still einen Song vor mich hin summe. Gestern war es: He’s got the whole world in his hands …

Wir sind dann in den nächsten Tagen noch zweimal hinaufgestiegen. Und wieder die klare, reine Energie dort oben.

Love actually, 2003
Radio

Love is all around

»Whenever I get gloomy with the state of the world, I think about the arrivals gate at Heathrow Airport.

General opinion’s starting to make out that we live in a world of hatred and greed, but I don’t see that.

Love actually, 2003Love actually, 2003

It seems to me that love is everywhere.

Often, it’s not particularly dignified or newsworthy, but it’s always there – fathers and sons,

Love actually, 2003Love actually, 2003

mothers and daughters,

Love actually, 2003Love actually, 2003

husbands and wives,

Love actually, 2003Love actually, 2003

boyfriends, girlfriends,

Love actually, 2003Love actually, 2003

old friends.

Love actually, 2003Love actually, 2003

When the planes hit the Twin Towers, as far as I know, none of the phone calls from the people on board were messages of hate or revenge – they were all messages of love.
If you look for it, I’ve got a sneaking suspicion… love actually is all around …«

(Intro: Love actually, 2003. Writer/Director: Richard Curtis)

Thx for the reminder Richard Curtis.

Roots

Hard working people

Back to the roots.

Als Mensch, der seine Semesterferien des öfteren an den Stahlöfen im Ruhrgebiet verbracht hat, bin ich immer wieder von flüssigem Metall fasziniert. Hier mal ein paar Eindrücke vom Guss meiner lebensgroßen Skulptur »Adam« in der Kunstgießerei Flierl.

    

Letzte Korrekturen am Modell, bevor es abgeformt wird. Dann letzte Retuschen am Wachs, bevor er einschamottiert wird.

  

Der Schamott wird angesetzt, die fertigen Schamottformen stehen bereit.

    

Der Ofen ist voll angeheizt, Rico wirft noch einen Bronzebarren nach.

     

Die Pfanne mit dem flüssigen Bronze wird aus dem Ofen gehoben.

  

Die Schlacke, die auf der Bronze schwimmt wird abgehoben und nochmal Temperatur gemessen.

Jetzt kann es losgehen. Nicht schlabbern und schön gleichmäßig gießen.

  

Millimeterarbeit bis auf den letzten Tropfen. Der Gießer, der Sammler und der Künstler freuen sich.

Dank an Peter Jaworskyj für die tollen Fotos.

Hafthorn
Roots

Potsdam #3 Hafthorn

Gute Kneipen

… sind comforting and inspiring. Ich rede nicht vom Alkohol, sondern von der Atmosphäre. Neben dem vielen Weltkulturerbe, das Potsdam zu bieten hat, gibt es eine für mich ganz besondere Location in dieser Stadt. Das Hafthorn. Das Hafthorn ist eine echte Kneipe. Sie tragen ihren Slogan zu recht auf dem T-Shirt: Wir sind Kneipe. Und — es ist einer der favorite places to go für die Red Bug Homies.

Der Ratinger Hof

In den späten Siebzigern, war es für mich der Ratinger Hof in Düsseldorf. Nur drei Minuten von der Kunstakademie entfernt, ging man nach dem Mensaessen auf ein Alt oder zwei … rüber. Der Punk probte im Keller. Wir flipperten unsere Fünfmarkstücke weg und zeichneten wie die Wilden. Andauernd Konzerte und was man sich hier gar nicht vorstellen kann — um ein Uhr morgens wurde dicht gemacht: Polizeistunde. Vor dem Hof wirklich oft eine echte Polizeistunde, weil die Party draußen weiterging. Des öfteren auch mit Handgemenge. Der Hof war das zu Hause, umgeben vom Klunker der Königsallee.

Das Megot

Dann Winter in den frühen Achtzigern. Wir waren aus den besetzten Häusern geräumt, bewohnten mit vierzig Leuten eine offene Fabriketage in der Pfuelstrasse 5. Über tausend qm, aber keine Heizung. Ich hab noch in einem Charlottenburger Kinderladen gearbeitet. Bin dann nachmittags mit der XT zurück die Skalitzer runter und, bevor ich in die Etage fuhr, in der Wrangelstrasse abgebogen: ab ins Megot. Riesenapfelkuchen mit Schlagsahne, (wie es ihn später nur noch bei Werner Heuser im Bikercafe an der Glienicker Brücke gab), und einen Milchkaffee. Das war Komfortdoppelplusmega bevor es ab in die gefrorene Etage ging. Malen. Mit heißem Teer.

Abends oft wieder ins Megot, jetzt Dortmunder Actien Bier und Salzstangen. Jetzt fällt mir sogar ein, dass ich damals dort ausgestellt habe im Megot. Zu Henry Miller. Weil mir sein Zitat über ätzende Kapitalisten: „Die kosmokokkischen Scheißer von Amerika“, aus Wendekreis des Steinbocks, so gut auf der Zunge gelegen hat. Und ich habe sogar vier Bilder verkauft — an den Kneipenbesitzer.

Das Hafthorn

Warum gehen wir da so gerne hin? Es ist immer voll. Im Sommer im Biergarten. Drinnen laufen Konzertvideos auf einem Screen über der Tür und zwar laut und deutlich. Led Zeppelin, Queen, Beatsticks, Peter Fox …

Wir essen da einfach nur und trinken das zweite Bier — manchmal. Wir feiern da, wenn es was zu feiern gibt — oft. Und wir brainstormen da, wenn es was auszudenken gibt — immer.  Es gibt Burger, Fritten, Salat oder sowas ähnliches. Ganz gutes Bier. Und Rosè für Katrin. Die Bedienung ist Top — ich meine Top. Total on point. Superschnell, supernett, superkonzentriert. Sie geben die Atmosphäre vor. Und die ist so inspiring, dass ich für die gesamte Tavernen Szene in unserer Graphic Novel Shadow das Hafthorn und die Leute dort als Quelle nutzen konnte. Zuerst in Teer gezeichnet, (dabei bin ich geblieben, s.o.) und dann gephotoshopt. Hier ein paar Beispiele:

Blog_Hafthorn_Teer_1   instagram_tavern_1

Blog_Hafthorn_Teer_2   instagram_tavern_2

instagram_tavern_4   instagram_tavern_3

Wer mehr Shadow lesen und schauen möchte. Gibt’s als E-Book bei Amazon und I-Tunes.

Wer sich gern mal das Hafthorn von innen ansehen möchte: Hier ist es.

 

 

 

 

 

 

 

Radio

Instabilität als höchste Sensibilität

 

Instabilität als höchste Sensibilität

Im Zustand ruhiger Instabilität herrscht hohe Sensibilität. Ein interessanter Gedanke, der mir bei der Recherche zu einem anderen Thema untergekommen ist.

Ich habe ihn zufällig gefunden — in einem Vortrag des Quantenphysikers Hans-Peter Dürr. Er erläutert diese Beobachtung an einem starren Pendel, das um einen Drehpunkt schwingt. Solange man es in Ruhe lässt – bleibt es auch in Ruhe. Hängt einfach bequem nach unten. Ruhig und stabil. Könnte ewig so hängen. Angezogen von der Schwerkraft gibt es keine Tendenz, sich aufzuschwingen. Bringt man es in Schwingung, pendelt es um den Drehpunkt, bis Reibungswiderstände und andere Energieverluste es wieder in die untere Stellung bringen. Diese Pendelbewegung ist – nicht für mich –, aber für jemanden, der einigermaßen guten Physikunterricht genossen hat, einfach auszurechnen.

Jetzt gibt es aber einen Punkt, der offensichtlich völlig anders ist, als alle anderen, die die Pendelstange einnehmen kann. Nämlich der Moment, wenn sie ganz genau senkrecht nach oben steht. Eine sehr instabile Position. Irgendwann kippt das Pendel herunter und kommt wieder in Schwingung.

Frage nur: in welche Richtung? Kippt das Pendel nach rechts oder nach links? Offensichtlich ist das nicht nur für mich nicht, sondern auch für keinen Physiker vorherzusagen und auszurechnen. Wenn ich Hans-Peter Dürr richtig verstanden habe, fragt das Pendel in dem Moment sozusagen sämtliche Informationen des Universums ab. Jeder noch so kleine, oder weit entfernte Impuls kann den Ausschlag geben. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas. Oder auch eine kleine Veränderung im Andromedanebel.

Ist es einmal in Schwingung, pendelt das Pendel eben so vor sich hin, bis es wieder zur Ruhe kommt. Aber an diesem einen höchsten Punkt ist es nicht nur instabil sondern auch hochsensibel. Hochsensibel für jeden noch so kleinen Anstoß, der die Richtung bestimmt.

Flash

Das erinnert mich sehr an den hochsensiblen Zustand beim Arbeiten an Skulpturen. Was gibt den Ausschlag für die nächste Entscheidung? Man macht sich offen, connected sich mit allem. Vielleicht ein Zustand, den Künstler, Musiker, Schauspieler, aber auch Extremsportler immer wieder suchen, den Punkt höchster Sensibilität. Und da die nicht anders zu haben ist, nehmen sie dafür die höchste Instabilität nicht nur in Kauf, sondern suchen sie sogar immer wieder.

Es kommt noch besser

Jetzt geht es noch einen Schritt weiter. Jetzt wird es völlig crazy. Hängt man an die erste Pendelstange noch eine oder mehrere weitere Pendelstangen, wird dieser instabile, sensible Punkt ständig erreicht. Es wird vollkommen unberechenbar, chaotisch und — sehr schön.

Trajektorie eines Doppelpendels Autor 100 Miezekatzen Sensibilität

Trajektorie eines Doppelpendels

Übrigens eine Beobachtung, die ich als Kind schon gemacht habe, als ich versucht habe, den Rhythmus der großen Kirchenglocke zu verstehen, deren voller Klang von der Weitmarer Kirche herübergeweht kam. Jetzt weiß ich, warum das nicht ging. Er ist chaotisch. Eine Kirchenglocke ist ein Doppelpendel. Und diese spezielle Glocke hat auch so geklungen.

Dürr nennt diese instabilen, unvorhersehbaren Systeme lebendige Systeme: Wenn Sie einen Apfel fallen lassen, folgt er dem Gesetz der Schwerkraft und fällt zu Boden. Die Welt der Dinge ist die Welt der stabilen Systeme und damit voll determiniert, also vorherbestimmt. Mechanistisch bedeutet voll determiniert. Aber für lebendige Systeme reicht diese mechanistische Beschreibung nicht aus. 

Die Frage ist also, wieviel Unverhersagbarkeit Lebendigkeit nötig hat und wie viel sie aushält.

Abb. von 100miezekatzen unter GNU Free Documentation License

Ruhe

Potsdam #2 Bornimer Feldflur

Der weite Himmel

Fünf Minuten mit dem Rad Richtung Norden und ich bin in einer anderen Welt. Auf dem Land. Plötzlich Big Sky, die Augen haben Weitsicht. Ruhe pur. Aber wir wären nicht in Potsdam, wenn das nicht trotzdem auch irgendwie royal wäre. (und ich meine jetzt mal nicht den Hund). Denn es handelt sich hier nicht einfach um eine einfache Ackerlandschaft, sondern um die Bornimer Feldflur. Und die ist im Zuge der Landesverschönerungsmaßnahmen Friedrich Wilhelm IV entstanden.

Sky  Blog_sky

Alleen so weit das Auge reicht

Ab 1844 gliedert Hermann Sello die Ackerflächen mit Hecken und Alleen. Eichen-, Linden-, Obst- und Maulbeeralleen durchziehen die Äcker. Sie schützen vor Winderosion und den typischen brandenburger Sandstürmen. Maulbeerplantagen sind zur Zeit der Friedrich Wilhelms sehr angesagt. Sie werden zur Seidenraupenzucht angelegt. In Bornim standen seinerzeit angeblich 60 000 Bäume.

Bornimer Feldflur Allee  Blog_allee_raps

Erfrischungen

Sollte man Durst bekommen, kann man sich im Tyroler Graben erfrischen, sobald man die Frösche verscheucht hat. Schafft Chappi leicht. Der Graben fließt in den Sacrow-Paretzer-Kanal. Schönes Plätzchen für ein Picknick und ein kühles Bad.

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Unglückliche Steine

Der Graben ist natürlich auch nicht einfach irgendein Entwässerungskanal. Nein, als der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm sich in Bornim in den 1670er Jahren ein kleines Lustschlösschen bauen will, heben angeworbene Tiroler Bauarbeiter den Graben aus. Sie sollen ihn als Transportweg für Baumaterialien genutzt haben. Das Schlösschen wird kaum hundert Jahre später, wohl wegen Baufälligkeit, schon wieder abgetragen. Spricht das gegen die Tiroler? Die Steine werden  dann beim Bau des Gutshofes Bornim wiederverwendet. Von dem Bau, den Ludwig Persius im italienischen Stil gebaut hat, ist leider auch nur noch der Turm erhalten. Der Rest ist nach 1945 während der Nutzung durch die sowjetische Armee abgebrannt. Den von Sello hier Mitte des 19.Jhd angelegten italienischen Obst- und Gemüsegarten, kann man in seinen Grundrissen jetzt noch durchwandern.

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 Kühe und Kraut

Je nach Bodengüte wechselt die Bewirtschaftung in der Feldflur von Ackerflächen über Weideland und Obstplantagen. Manchmal findet man auch ganz seltsame Plantagen, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat. Das Institut für Agrartechnik forscht hier an nachhaltiger Landwirtschaft und Agrartechnik. Chappi scheint’s zu genießen. Trotzdem werde ich den Beitrag hier nicht in unsere Kategorie Rausch einordnen.

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Happy dog, lucky man

Ein Glück, wenn man einen Hund hat, der einen immer wieder daran erinnert, in die Felder zu gehen, denn here is where the people from the city can relate to the slower things that the country brings.

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Royal

Potsdam #1 Museum Barberini

Potsdam hat eine neue Attraktion. Ein Museum. Ein Privatmuseum. Für Bildende Kunst. Das Barberini.

Hasso Plattner hat sich erbarmt und an prominenter Stelle einen Palast wiederaufbauen lassen. Außen mit historischer Fassade, innen als modernen Museumsbau.

Und er hat durch das Barberini einen touristischen Magneten in Potsdams neuer »historischer« Mitte geschaffen. Sogar TheGuardian reiht das Barberini unter die Top Ten der besten Museumsneubauten ein. Mit dem Museum hat dieser neue Potsdamer Stadtraum jetzt zum ersten Mal einen echten Anziehungspunkt, der einen Besuch zu lohnen scheint und der nun auch fleißig besucht wird.

barb_7_platz   Museum Barberini

Selbst ich, der nun seit zwanzig Jahren in Potsdam wohnt, fühle mich wie ein Tourist, als ich den neuen Platz zwischen Nikolaikirche, altem Rathaus, Schlossfassade des Landtags und jetzt eben dem Barberini betrete.  Ich meine auf angenehme Weise. Nein, ich vergleiche ihn nicht mit der Piazza della Signoria. Es ist nur so eine Art Urlaubsgefühl, das mich beschleicht.

Klassiker der Moderne und impressionistische Landschaftsbilder werden gezeigt. Impressionismus geht immer und es stehen, wie sich das gehört, lange Schlangen vor der engen Drehtür, durch die man ins Foyer kommt. Wenn man nicht vorher im Internet einen Timeslot gebucht hat – oder wie ich glücklicher Besitzer einer Jahreskarte ist. Dann wird einem eine Glastür aufgehalten.

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Innen wieder Schlangen vor dem Ticketschalter, wenn man nicht … richtig Jahreskarte.

Mit dem Ticket dann in die Schlange vor den Garderoben, wenn man nicht … eins der Schließfächer im Souterrain erwischt.

Gut, aber irgendwann ist man dann drin und senkt, wenn man noch unter sechzig ist, augenblicklich den Altersdurchschnitt.

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Ein Highlight für mich natürlich der zentrale Raum mit Rodin. Noch haben es nicht viele Besucher in den zweiten Stock geschafft. Die Fahrstühle sind langsam und überfüllt und die Treppen, na ja, sind nicht jedermanns Sache.

Ich bin etwas enttäuscht, weil ich aus einem Zeitungsartikel fälschlicherweise herausgelesen hatte, es stünden orginalgroße Gipsabgüsse aller sechs Bürger von Calais in der Ausstellung. Trotzdem ein schönes Bild mit dem weißen Gips und den fast schwarz patinierten Bronzestatuetten.

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Zum Haare raufen, wenn der Raum dann doch schnell so overcrowded ist, dass man sich mehr Gedanken über die Betrachter, als über die Skulpturen macht.

Aber auch der Blick aus dem Fenster lohnt sich. Der Hof der dreiflügeligen Anlage öffnet sich zur Alten Fahrt mit der Freundschaftsinsel im Hintergrund.

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Das Cafe im Barberini ist unterdimensioniert und mutet etwas wie die Cafeteria einer Seniorenresidenz an. Um die Ecke findet man dann aber die Möglichkeit bei einem Cappuchino –wieder mit Blick über das Wasser – darüber nachzudenken, ob die vielen Besucher die gezeigten Bilder auch schon vor hundertfünfzig Jahren so gut gefunden hätten. Damals, als die Impressionisten den neuen Malstil entwickelten, waren die Bilder so verunsichernd, dass sie nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern bei von Malerkollegen und Kunstkritikern in der Kritik standen. Der Ausdruck Impressionist war durchaus als Beschimpfung gemeint. Es ist schön, zu wissen, dass sich die Menschheit entwickelt, dass sich Qualität auf Dauer durchsetzt. Und dass es die Künstler gibt, die ihr Ding durchziehen – no matter what.

Aber wie hätte ich, wie hätten die heutigen Besucher damals reagiert?

Angesichts des Besucherandrangs ist heute kaum mehr vorstellbar, dass Munchs erste Ausstellung 1892 in Berlin auf Einladung des Vereins Berliner Künstler wegen des Protests des konservativen Teils der Künstler geschlossen wurde. Jetzt ist Munchs »Mädchen auf der Brücke«, das 2016 für 55 Millionen Dollar versteigert wurde, Teil der Ausstellung im Barberini. Und kaum zu sehen vor lauter Betrachtern. Hätten viele, die jetzt eine Menschentraube vor dem Bild im Erdgeschoß bilden, nicht vielleicht sogar zu denjenigen gehört hätten, die sich damals auch so empört hätten? Who knows?

Jetzt wo die Kunst durch die Zeit gut abgehangen und von der Kunstgeschichte zu Juwelen erklärt, jetzt wo man alles schon einmal gesehen hat, ist es einfach, im Abstand von hundertfünfzig Jahren, mit geschwellter Brust und eingestecktem Halstuch den Kennerblick über die Bilder schweifen zu lassen und ein wenig vom Glanz und Ruhm der Werke auf sich abstrahlen zu lassen.

Jetzt verunsichern die Bilder wirklich niemanden mehr. Genauso wenig wie der weichgespülte von allen Ecken, Kanten und Narben befreite Platz. Auch hier altbekannte Architektur, nichts Neues, nichts gewagt. Hier draußen stört nichts das konservative Gemüt, genauso wenig wie die altbekannten Bilder drinnen. Wie gesagt, ich habe den Tag genossen.

Im fünf Minuten entfernten Kunstraum in der Schiffbauergasse war ich dann wieder allein. Gegen Mittag vermutlich der erste und einzige Besucher des Tages.

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