Roots

Freunde: You’ve got a friend

When you’re down and troubled.
And you need some loving care.
And nothing, nothing is going right.
Close your eyes and think of me.
And soon I will be there.
To brighten up even your darkest night.

You just call out my name
And you know wherever I am
I’ll come running to see you again
Winter, spring, summer or fall
All you have to do is call
And I’ll be there
You’ve got a friend

In diesem wunderbaren Song von Carole King geht es um Freundschaft, wie wir sie uns alle vorstellen, wünschen und vielleicht auch erleben. Wir wünschen uns alle, für jemanden da sein zu können, wenn es ihm mal schlecht geht. Oder dass jemand für uns da ist, wenn es mal nicht so läuft. Energie fließt von einem zum anderen. Und hoffentlich auch immer mal wieder in die andere Richtung.

Aber das ist nur eine Aspekt von Freundschaft. Ich glaube, es geht auch immer um die Erweiterung des Horizonts, das gemeinsame Wachsen. Nicht nur, dass man in schlechten Zeiten füreinander da ist, sondern auch in guten Zeiten. Sich in guten Zeiten gegenseitig herausfordert, voranbringt, aneinander wächst.

Freunde fürs Leben

Ich bewundere immer, oder vielleicht besser, ich bestaune – oft auch mit Befremden – dass einige meiner Freunde, oder sollte ich besser sagen Bekannten, noch immer mit ihren Freunden aus der Schule, und nicht etwa denen aus dem Gymnasium, nein mit denen aus der Grundschule oder vielleicht sogar aus dem Kindergarten befreundet sind. Sie haben einfach den Kontakt nie abgebrochen oder einschlafen lassen. Freunde, die auf der Hochzeit, der Einschulung der Kinder, der Silberhochzeit, der Beerdigung der Eltern und mittlerweile auf dem sechzigsten Geburtstag dabei sind.

Count my blessings

Das ist bei mir vollkommen anders. Ich bin sehr dankbar für die vielen tollen Menschen, die mir bisher begegnet sind, mit denen ich großartige Lebensabschnitte teilen konnte. Und viele von diesen Menschen sind oft auch sehr gute, manchmal beste Freunde geworden. Oft eben auch der eine beste Freund, zu dem das Vertrauen größer war, die Haltung zur Welt, die gemeinsamen Interessen und auch die Art sie anzugehen, mehr übereinstimmten. Mit dem das Zusammensein intensiv, ein echtes Bedürfnis, notwendig und erweiternd war. Aber sie haben gewechselt mit jeder neuen Lebensphase, in die ich eingetreten bin. Da Freundschaften meist informell beginnen und – außer bei Blutsbrüderschaften und dem Austauschen von Freundschaftsringen o.ä. – meist ohne zeremoniellen Aufwand geschlossen werden, können sie sich auch so wieder auflösen.

Leben ist ein ständiges Wachsen, ein Überschreiten von Schwellen von Grenzen. Und wenn Freunde an irgendeinem Punkt vielleicht zunächst unmerklich in unterschiedliche Richtungen wachsen, verliert eine Freundschaft an Intensität. Manchmal etwas ruckelig, manchmal ganz organisch. Bis sie sich vielleicht in eine schöne gemeinsame Erinnerung auflöst. Wenn ich dann nach Jahren oder Jahrzehnten einmal wieder einem alten Freund begegne, sind es dann auch meist die Erinnerungen, in denen wir schwelgen, die die alte Nähe und Vertrautheit wieder wach werden lässt. Und ich finde das auch gut so. Was machen Ron, Hermine und Harry jetzt, nachdem sie die Schule beendet haben und der, dessen Namen man nicht sagen soll, besiegt ist?

Frühe Schulzeit

In der Schulzeit, und da geht es schon los, war mein bester Freund gar kein Schulfreund. Er kam aus einer anderen Stadt, was im Ruhrgebiet nichts und doch viel heißt. Und er ging natürlich auf eine andere Schule. Er war meine erste Freundschaft. Wir waren beste Freunde, da waren wir einig. Wir haben Radtouren an die umliegenden Stauseen gemacht, sind jahrelang miteinander gesegelt und haben Ruby Tuesday gesungen. Es war eine sehr ausgeglichene Freundschaft, vielleicht habe ich sogar mehr daraus gezogen als er, weil er mehr durfte, sich mehr getraut hat, er hatte ein Moped, hatte ein Faltboot und Zugang zu Silvesterböllern, mit denen man kleine Modellboote versenken konnte. Er wusste, dass Uhu-Tuben, die damals noch aus Metall waren, explodieren und wie Raketen abgehen, wenn man sie ins Lagerfeuer wirft. Er war Messdiener, ich Fußballer. Und er hat mal aus einer Zigarrenschachtel eine Camera Obscura gebaut. Seitdem weiß ich, wie so ein Ding funktioniert. Er ist Professor für Fotografie geworden. Man kann ihn googeln. Er war etwas älter, war viel früher an Mädchen interessiert als ich und an der Stelle haben wir uns, wie man so sagt, aus den Augen verloren.

Fußball

Hatte ich Freunde beim Fußball? Elf Freunde sollt ihr sein? Nicht wirklich. Wir waren zwar ständig zusammen, haben uns Spielzüge ausgedacht und stundenlang eingeübt, viel gefeiert, aber nichts über den Fußball hinaus miteinander gemacht.

Späte Schulzeit

Aber es gab eine eingeschworene Vierertruppe von Freunden in den letzten paar Jahren der Schulzeit, wir waren alle sehr an der kompletten Umkrempelung der Welt zu ihrem Besseren interessiert, vornehmlich durch Kunst, Literatur und das farbige Markieren zahlreicher Textpassagen in den drei blauen Bänden des Kapitals. Wir wollten alle zusammen in einen Kotten aufs Land ziehen. Noch bevor es die Scherben dann gemacht haben. Haben uns dann aber nach dem Abitur und dem erfolgreichen Umschiffen der Bundeswehr, auf Düsseldorf, Köln, Münster und Kiel verteilt, so wie es die Studienplätze eben wollten. Das war’s. Aus den Augen verloren. Die Welt hat sich auch ohne uns verbessert.

Nach der Schule

Es entstanden neue enge Freundschaften. Es ging immer noch um die Umkrempelung der bestehenden Verhältnisse, jetzt aber auch schon durch Skilaufen, Roadtrips und zunehmenden Konsum von Alkohol. Als ich dann irgendwann vorschlug, uns an den Fabrikbesetzungen zu beteiligen, war ich dann doch der einzige, der mit dem Schlafsack loszog. Kurz darauf habe ich dann erstmals Polizeiknüppel gespürt, während sich die anderen allmählich ums Haus kaufen und einen sicheren Job kümmerten. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstakademie

Vielleicht habe ich einen meiner besten Freunde auf der Kunstakademie kennengelernt. Er war Maler, ich Bildhauer, er machte sich über meine ignorante Einstellung zu Farben lustig. Das hat mir imponiert. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Mittags betranken wir uns im Ratinger Hof und zeichneten. Es war eine seltsame – ich glaube hier kann man das mal sagen – Seelenverwandtschaft. Ein sich auch im anderen erkennen, ein dem anderen in die Seele und vor allem hinter die Fassade schauen können. Wir haben – das glaube ich heute – beide in dieser Zeit die Traurigkeit im anderen gesehen. Bei ihm kam sogar ein großer Teil Hoffnungslosigkeit dazu, die ihm immer mal wieder einen aufflackernden Anflug von Zynismus bescherte und die er viel mehr noch als ich in Alkohol zu ertränken versuchte, und sie dadurch nur noch größer und realer machte. Dabei hat er den Mut zu unendlicher Sanftheit gehabt, den ich bewunderte und vor dem ich selbst Angst hatte. Obwohl ich deswegen nach außen, glaube ich, stärker wirkte, hat er doch auch irgendwie auf mich aufgepasst, wenn es bei mir ins Selbstzerstörerische ging. Nach einem seiner späteren Besuche in meinem Atelier in Berlin, bei dem ich energisch versuchte, weniger zu trinken und auch ihn davon überzeugen wollte, haben wir uns aus den Augen verloren. Das tut mir heute sehr leid. Als ich mich Jahre später stark genug fand, wieder Kontakt aufzunehmen, fand ich im Netz seine Todesanzeige. He called out my name, I wasn’t there.

Besetzte Häuser

Schon auf dem allerersten Plenum, zu dem ich eingeladen war, um mich der Gruppe der Besetzer vorzustellen, und in dem über meinen Einzug diskutiert und abgestimmt werden sollte, wusste ich, dass ich dort jemand gefunden hatte, der wichtig werden sollte. Nicht etwa, weil er sich, obwohl er mich gar nicht kannte, für meinen Einzug ausgesprochen hat. Es war die Klarheit und Entschiedenheit, mit der er sich gegen Verhandlungen mit der Wohnungsbaugesellschaft stellte. Er wusste, dass die Bewegung dadurch gespalten würde. Und er wusste, mit Verträgen kannst du den RocknRoll vergessen. Und deswegen waren wir doch hier. Es war vor allem die Ruhe und Gelassenheit, mit der er sich mit seiner Haltung gegen die Auffassung der gesamten Gruppe gestellt hat, die mir sehr imponiert hat. Es wurde eine sehr enge Freundschaft. Wir haben beide viel voneinander gelernt. Ich hauptsächlich in Bezug auf Yoga, gesundes Essen, und über das Vertrauen in riskanten Situationen. Nach der Räumung der Häuser ist er dann nach Chiapas gegangen. Ich habe versucht, mit vierzig Leuten in einer Fabriketage zu wohnen. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kunstgeschichte

Während ich mich dann in der Langsamkeit und Ruhe eines Kunsthistorischen Studiums von den Strapazen, Wunden und Nachwirkungen des »Häuserkampfes« erholte, und Katrin und ich vorsichtig unsere Beziehung wie ein kleines Pflänzchen aufzogen, habe ich andere Menschen nur soweit an mich heranlassen können, wie es zum Überleben nötig war. Ich hatte viel zu reflektieren, nachzuholen und aufzuarbeiten. Es war wirklich eine sehr, sehr erholsame Zeit. Der einzige Mensch, mit dem ich sehr selten mal einen Kaffee getrunken habe, war eine etwas ältere Studentin. Sie stand schon kurz vor dem Studienabschluss, sozusagen eine alte Häsin. Sie hat mir einen Job an der Uni besorgt. Wir haben viel über die Kunstgeschichte geredet und im Cafe gesessen. Auch sie hatte eine verletzte Seele und war die einzige, die ich ertragen konnte. Nachdem ich wieder zurück nach Berlin gegangen bin, hat sie noch einmal auf einer Ausstellungseröffnung von Katrin und mir gesprochen. Dann ist sie zu Sothebys gegangen und hat Karriere gemacht. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Kinder

Danach kamen Freunde, die ein Netzwerk bildeten. Das Netzwerk, das man braucht, wenn man Kinder hat. Es waren oft sehr pragmatische Beziehungen. Aus den Paaren und Eltern, denen man zwangsläufig in Geburtsvorbereitungs- Krabbel- und Kindergartengruppen und später auf Klassenversammlungen und Elternabenden trifft, hat man sich die ausgesucht, die irgendwie am besten passten. Mit denen man einen einigermaßen aushaltbaren Nachmittag verbringen oder eine pragmatische Reise unternehmen konnte, während die Kinder miteinander spielten. Es waren wunderbare Menschen dabei, aber eine sehr enge Freundschaft hat sich daraus nicht entwickelt.

Neuer Orbit

Jetzt stehe ich, nachdem die Kinder längst ausgezogen sind, wieder vor einer neuen Transformation, vor einer neuen, aufregenden Lebensphase, auf die ich mich sehr freue. Und ich freue mich auch auf die kreativen, spirituellen, wachsenden Menschen, mit denen sich neue fruchtbare Freundschaften entwickeln werden.

Love

Der einzige Mensch, mit dem ich jetzt schon über fünfunddreißig Jahre befreundet bin und mit dem ich sicher bis in alle Ewigkeit befreundet sein werde, ist Katrin. Ohne sie wäre ich nicht halb so viel Mensch, wie ich jetzt sein kann und mit ihr geht das Wachsen immer weiter.

 

 

 

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1 Kommentar

  • Antworten Isabel Bongard 10. September 2018 zu 17:44

    One of these days
    I’m going to sit down and write a long letter
    To all the good friends I’ve known…

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