Ruhe

Erdbeben

Wenn die Erde bebt

Zugegeben, es ist nicht unbedingt ein gutes Gefühl, in eine Region aufzubrechen, die gerade hart von einem Erdbeben getroffen wurde. Nur 4 Tage später aufzubrechen, um genau zu sein. Aber Zuhause zu bleiben, fühlte sich auch nicht gut an. Wir fahren schon seit 16 Jahren nach Italien, immer auf den gleichen Berg – das ist unser Ferienort! Wie gehen wir also damit um, dass nur 40 km Luftlinie entfernt, auf dem gegenüberliegenden Bergmassiv, die Erde gebebt hat?

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Natürlich waren wir nicht cool. Falls es ein Erdbeben gibt, rennen wir alle in den Garten. Nein, das große Feld! Nein, wir bleiben im Haus und stellen uns unter die Türen. Und hatten Bedenken: Dürfen wir dort in der Sonne sitzen, wenn gegenüber auf dem Berg gleichzeitig Menschen unter Häusern begraben sind? Manchmal wünscht man sich, man wüsste weniger. Die Website der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, von der auch die Infos oben stammen, öffnet einem schnell die Augen dafür, dass es an vielen Stellen auf der Welt, jeden Tag, schwere, mittelschwere und kleine Erdbeben gibt. Ups. Das soll keine Aufforderung zur Panik sein – im Gegenteil. Manchmal lässt man sich von einer diffusen Angst von Dingen abhalten, statt an den Ursprung dieser Angst zu gehen.

Vor Ort

Als wir im Tal ankommen, sehen wir die abgesperrte Straße, aber spüren auch die konzentrierte Ruhe. Nicht unbedingt etwas, was man von Italienern erwartet, wenn man sie in den Cafés über Fußball oder Politik diskutieren hört. Die Leute in der Gegend sind Erdbeben gewohnt, eigentlich gibt es jedes Jahr ein kleineres, und alle paar Jahrzehnte ein größeres Beben. Das Leben geht weiter, in den Bars, im Supermarkt, und oben in unserem Landhaus war auch alles wie immer. Nun, nicht ganz so wie immer. Auf dem Weg zum Tante Emma Laden im Nachbarort fielen sie mir als erstes auf.Erdbeben

erdbebenDie blauen Zelte, die auf dem Spielplatz standen. Ein gefüllter Wasserkanister daneben. Okay, da sollte man dann wohl hingehen, wenn es bebt. Erstaunlich sachlich und gleichzeitig beeindruckt, stelle ich fest, dass jedes noch so kleine Dorf, in diesem Jahr vorbereitet ist. Ein leichtes Erstaunen gab es dann kurz darauf auch bei den Cafébesitzern, die wir schon ewig kennen. Okay, dieses Jahr waren wir spät in den Urlaub gefahren, aber es lag wohl eher daran, dass wir überhaupt gekommen waren. Natürlich! Auf einmal war es mir ganz klar. Wie mies wäre das denn, diesen Ort in der Not allein zu lassen? Obwohl das keine Aufforderung sein soll in Krisengebiete zu reisen, hatte ich auf einmal das sehr starke Gefühl, das Richtiges zu tun. Dort zu sein. Zuversicht in eine Region zu tragen, die (auch) von den Ferienbesuchern lebt. Weil dieser Ort nicht einfach nur ein Ferienort für uns ist.

Das Beben

Wir hatten uns gerade daran gewöhnt, die Urlaubs-Helden zu sein, als wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit den (Nach)Beben machten. Nicht, dass es einen Tag ohne Beben in der Region gegeben hätte, wie wir auf einer Erdbeben-Website feststellen konnten, doch alles unter der Stärke 4 ist kaum wahrnehmbar. Oder nicht für alle. Egal wen man in den ersten Tagen im Dorf traf, die erste Frage war immer: Habt ihr es heute Nacht/Mittag gespürt? Nope. Wir fingen an, etwas nachzuspüren, etwas aufmerksamer aufzutreten, spürten nichts. Doch die Wahrheit ist, wenn es kommt, weißt man sofort Bescheid. Für mich war es faszinierend, dass die Beben so unterschiedlich sind. Mal wie ein Zittern und Nachvibrieren, dann nur ein kurzes Rumpeln. Hast du den Schrank umgeworfen? Nein, das muss ein Nachbeben gewesen sein. Und ich muss hier wohl nicht extra sagen, dass wir weder in den Garten gelaufen sind, noch uns unter die Tür gestellt haben. Wie auch, in wenigen Sekunden der Erstarrung? Des ungläubigen Wahrnehmens und der überraschten Erkenntnis: So ist das also!

Ich war gleichzeitig fasziniert und leicht geschockt. Was geht hier eigentlich ab? Ich meine: Auf der Erde? Und es gab ein weiteres Gefühl, das mich an verschiedenen Nachbeben-Morgen beschäftigt hat: Hey, es wäre gut, wenn wir die Erde ein wenig öfter spüren würden. Nicht unbedingt in ihrem verärgerten Zustand. Ihren Wut- und Vulkanausbrüchen oder Zorn-Zunamies. Aber doch bewusst wahrnehmen würden, dass es eine wunderschöne und sehr lebendige Erdkugel ist, auf der wir durch das Weltall fliegen. Und dass wir – und ja, das klingt jetzt kitschig – alle jeden Tag etwas dafür tun können, dass die Erde, das Klima, die Beziehungen hier etwas besser werden.

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