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Nomadenland
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Potsdam #5 Nomadenland

Nomadenland

Das mag ich an Potsam einfach. Diese Mischung aus Hippie-Alternativ-Kultur und royalem Auftritt. Die Spannbreite, obwohl sie auf den ersten Blick überhaupt nicht auffällt. Da fahren wir letztens mit dem Hund in die Felder und auf dem Rückweg durch den Volkspark Potsdam (ehemals BUGA) und dann stehen da drei Jurten in der letzten Abendsonne. Wir haben es entdeckt: das Nomadenland.

Zwei Schilder. Auf dem ersten werden Veranstaltungen angekündigt (Märchenstunde, Theater, Lesung) auf dem zweiten gibt es Getränke. Der Kombination von Capuccino und Kultur konnten wir noch nie widerstehen, also absteigen, mal sehen, was das hier ist.

Kultur to go

Auch so eine Sache, die ich an Potsdam mag. Die Bandbreite der alternativen Kulturorte und Veranstaltungen. In einer der drei Jurten wird geprobt, morgen ist Vorstellung. Also mal reingehen, sehen, was da passiert.

Drinnen treffe ich eine Bekannte. Noriko Seki, eine Choreografin und Tänzerin, unsere Töchter waren in der gleichen Klasse, so ist das hier in Potsdam. Sie hat am nächsten Tag Aufführung, davor im T-Werk in Potsdam und jetzt muss ein Soundcheck gemacht werden. Zwei Stühle, ein Hocker, das ist die Bühne. Den meisten Platz braucht der Musiker, sagt sie.

Wir fragen uns nach unseren Töchtern aus, life is good.

Ich staune, wie groß die Jurte im Innern ist. Und wie schön. Gemütlich.

Fast möchte man einziehen. Zumindest für eine Nacht und – das geht. Die Jurten werden vermietet, in der Nachbarjurte übernachtete eine Truppe Kinder, es wird Kindergeburtstag gefeiert. Man muss aber kein Kind sein, um hier zu übernachten. Nur mal so.

Leben in der Jurte

Ich zelte nicht gerne, früher hätte ich „hassen“ gesagt, aber die Jurte …  Da wird man an eine Vor-zeit erinnert, so haben wir Menschen mal angefangen, oder uns zumindest durchgeschlagen, und irgendwo auf der Erde wohnen Menschen immer noch so. Finde ich gut. Da mir ein Medium gesagt hat, dass ich in meinem früheren Leben eine Indianer-Schamanin war, nehme ich das mal als vertraut hin. Kann auch am Bier liegen und der Sonne, aber gerade ist das Leben – perfekt.

Less is more

Potsdam hat ein Talent im Improvisieren, der Tisch ist ein überdimensionales Brett und irgendwie sind alle Sitzgelegenheiten – etwas anders. Das macht den Charme aus und eigentlich kenne ich das eher aus Berlin. Potsdam wird also cool.

Da steht ein Grill, daher entscheiden wir uns für Bier, natürlich alles Bio, wir nehmen Potsdamer Stange und der Tag neigt sich golden seinem Ende zu. Ja, ich wollte noch arbeiten, aber carpe diem ist gerade mein Leitspruch geworden, also – relax. Und wiedermal einen guten Ort entdeckt.

 

Roots

Hard working people

Back to the roots.

Als Mensch, der seine Semesterferien des öfteren an den Stahlöfen im Ruhrgebiet verbracht hat, bin ich immer wieder von flüssigem Metall fasziniert. Hier mal ein paar Eindrücke vom Guss meiner lebensgroßen Skulptur »Adam« in der Kunstgießerei Flierl.

    

Letzte Korrekturen am Modell, bevor es abgeformt wird. Dann letzte Retuschen am Wachs, bevor er einschamottiert wird.

  

Der Schamott wird angesetzt, die fertigen Schamottformen stehen bereit.

    

Der Ofen ist voll angeheizt, Rico wirft noch einen Bronzebarren nach.

     

Die Pfanne mit dem flüssigen Bronze wird aus dem Ofen gehoben.

  

Die Schlacke, die auf der Bronze schwimmt wird abgehoben und nochmal Temperatur gemessen.

Jetzt kann es losgehen. Nicht schlabbern und schön gleichmäßig gießen.

  

Millimeterarbeit bis auf den letzten Tropfen. Der Gießer, der Sammler und der Künstler freuen sich.

Dank an Peter Jaworskyj für die tollen Fotos.

Don't hurt yourself.
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Don’t hurt yourself.

What have we done to our fair sister
oder:
Will this whole shithouse go down in flames

Unser neues Abendritual: Naturdokus. Es macht solchen Spaß,mit dem Schnuckerteller auf den Knien unter einem Haufen von Decken hervorzulugen und sich die Welt erklären zu lassen. Aktuell: Südseedokus. Faszinierend, wie ausgeklügelt das alles funktioniert! Alles reagiert, entwickelt sich mit und umeinander… 

Leider kommt eine Art meist mehr schlecht als recht dabei weg, und das sind wir. Die letzte Dokumentation hab ich die Hälfte der Zeit zwischen den Fingern hervor geblinzelt; es ging um die Bedrohung des Pazifiks… Schlagartig fühlte ich mich zurückgesetzt in meine Grundschulzeit, als ich zum ersten Mal einen Aufklärungsfilm über die Überfischung der Meere gesehen habe.

Wir haben damals oft Ausflüge in ein kleines Kino gemacht, das extra für uns Dokumentationsfilme vorführte. Diese Ausflüge und eine Kassette  mit Kinderliedern aus den 70ern, mit Hitsongs wie „Das Ozonloch gibt es doch“, stürzten mich in eine Phase tiefer Unsicherheit und dem quälenden Gefühl von Hilflosigkeit. Ich schwor mir, nie wieder Nagellack zu benutzen und auch keinen Fisch zu essen. Ob es die Tatsache war, dass ich das Ozonloch nirgends am Himmel erblicken konnte wenn ich besorgt hinauf spähte, oder meine persönliche Entwicklung mich vom Leid der Welt ablenkte, weiß ich nicht. Jedenfalls ließ meine Verzweiflung nach.

Bis zu der Dokumentation neulich! 99% des Haibestandes ist bereits ausgerottet? Was? Innerhalb von vier Jahren wird es keinen Thunfisch mehr geben? Was? Wenn weiterhin soviel Co2 vom Pazifik aufgenommen wird, übersäuert das Wasser und das erste Glied der Nahrungskette, Plankton kann nicht länger existieren? Was?!

Und wer ist schuld daran? Na toll.

Immer mehr Menschen leben vegan, sind sich sicher, dass nichts den Menschen berechtigt in die Natur einzugreifen, sie auszunutzen. Heute morgen beäugten wir unser Frühstück und fragten uns: welchen Platz nehmen wir in der Nahrungskette ein? Gibt es einen Platz für uns und haben wir ihn irgendwann verlassen? Wann soll das gewesen sein?

Wo zwischen dem täglichen Kampf ums überleben und dem täglichen Gang zum Supermarkt gehören wir hin?

Ich denke ein Sache, die die letzte Zeit mit sich gebracht hat, ist die schleichende Erkenntnis: wir sind nicht getrennt. Wir sind nicht getrennt von der Luft, die uns umgibt. Winzigkleine Atome. Auf der kleinsten Ebene sind wir einfach nur wabernde Wolken aus Zeug. Und alles kann in uns hinein und durch uns hindurch sausen. Wir sind nicht getrennt vom anderen. Lange bevor ich die Wärme deiner Haut spüre, kann ich dich schon auf dem Bildschirm sehen. Wir sind nicht getrennt von Mother Nature. Wie Beyoncé so schön sagt. When you hurt me, you hurt yourself.

Don’t hurt yourself.

Vielleicht lohnt es sich einen anderen Blickwinkel auf uns einzunehmen. Wir sind Ausschlachter und Egoisten. Wir sind Raubtiere, Missgönner und Wegnehmer. Wir sind arschkalte Soziopathen. Been there. Done that.

Aber sind wir auch Masochisten?

Irgendwo hab ich mal gehört, dass Raucher nicht rauchen, obwohl sie wissen, dass es gesundheitsschädlich ist, sonder weil sie wissen dass es gesundheitsschädlich ist. Als eine Form von Selbstbestrafung. Selbstbelohnung, Selbstbestrafung. Irgendwie aneinander gekoppelt in unserer modernen Welt.

(Ich saß neulich neben einer sehr netten Frau am Buffett und wurde Zeuge einer systematischen Selbstverunsicherung. „Oh, die Tiramisu ist ausgezeichnet. Ouu, ich sollte das nicht essen. Ahh, heute mach ich mal ne Ausnahme. Hhhhh, das wird sich alles rächen…“ Es war schmerzhaft anzusehen. In meinem Hirn trudelten Floskeln und Scherze, Ermutigungen und Verwerfungen hin und her, während mir langsam der Schweiß ausbrach. Das Ganze hatte alttestamentarische Ausmaße.)

Und so steht man am Strand, kickt blinzelnd eine alte Shampooflasche hin und her und fragt sich, wie die da hingekommen ist.

 Cut the crap

Gib es zu. Du hast Mist gebaut. Und jetzt schämst du dich in Mutters Schoß zurückzukehren. Und dir anzuhören, dass jeder Mal Fehler macht. Diese verdammte stoische Liebe, mit der uns der Planet bedenkt, ist aber auch schwer auszuhalten.

Was wäre, wenn der Weg zur Versöhnung nicht der Kreuzweg ist, den wir gerne daraus machen; Das stolze Haupt gebeugt, die Knie blutig aufgeschürft: „Ach, ach, ich hoffe alle Mikropartikel aus meinem Facial haben noch nicht das ganze Plankton gekillt.“

Was wäre wenn der Weg zur Versöhnung, der Weg zu sich selbst wäre.
Vielleicht, wenn wir aufhören würden uns zu schämen. Und anfangen würden uns zu lieben, huhuu könnte die ganze Sache einen guten Turn nehmen.

 .

Further suggestions:

SEA SHEPEARD BEACH CLEAN UPS

VEGAN INSPIRATION

TREAT YOUR HEAD RIGHT

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Hafthorn
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Potsdam #3 Hafthorn

Gute Kneipen

… sind comforting and inspiring. Ich rede nicht vom Alkohol, sondern von der Atmosphäre. Neben dem vielen Weltkulturerbe, das Potsdam zu bieten hat, gibt es eine für mich ganz besondere Location in dieser Stadt. Das Hafthorn. Das Hafthorn ist eine echte Kneipe. Sie tragen ihren Slogan zu recht auf dem T-Shirt: Wir sind Kneipe. Und — es ist einer der favorite places to go für die Red Bug Homies.

Der Ratinger Hof

In den späten Siebzigern, war es für mich der Ratinger Hof in Düsseldorf. Nur drei Minuten von der Kunstakademie entfernt, ging man nach dem Mensaessen auf ein Alt oder zwei … rüber. Der Punk probte im Keller. Wir flipperten unsere Fünfmarkstücke weg und zeichneten wie die Wilden. Andauernd Konzerte und was man sich hier gar nicht vorstellen kann — um ein Uhr morgens wurde dicht gemacht: Polizeistunde. Vor dem Hof wirklich oft eine echte Polizeistunde, weil die Party draußen weiterging. Des öfteren auch mit Handgemenge. Der Hof war das zu Hause, umgeben vom Klunker der Königsallee.

Das Megot

Dann Winter in den frühen Achtzigern. Wir waren aus den besetzten Häusern geräumt, bewohnten mit vierzig Leuten eine offene Fabriketage in der Pfuelstrasse 5. Über tausend qm, aber keine Heizung. Ich hab noch in einem Charlottenburger Kinderladen gearbeitet. Bin dann nachmittags mit der XT zurück die Skalitzer runter und, bevor ich in die Etage fuhr, in der Wrangelstrasse abgebogen: ab ins Megot. Riesenapfelkuchen mit Schlagsahne, (wie es ihn später nur noch bei Werner Heuser im Bikercafe an der Glienicker Brücke gab), und einen Milchkaffee. Das war Komfortdoppelplusmega bevor es ab in die gefrorene Etage ging. Malen. Mit heißem Teer.

Abends oft wieder ins Megot, jetzt Dortmunder Actien Bier und Salzstangen. Jetzt fällt mir sogar ein, dass ich damals dort ausgestellt habe im Megot. Zu Henry Miller. Weil mir sein Zitat über ätzende Kapitalisten: „Die kosmokokkischen Scheißer von Amerika“, aus Wendekreis des Steinbocks, so gut auf der Zunge gelegen hat. Und ich habe sogar vier Bilder verkauft — an den Kneipenbesitzer.

Das Hafthorn

Warum gehen wir da so gerne hin? Es ist immer voll. Im Sommer im Biergarten. Drinnen laufen Konzertvideos auf einem Screen über der Tür und zwar laut und deutlich. Led Zeppelin, Queen, Beatsticks, Peter Fox …

Wir essen da einfach nur und trinken das zweite Bier — manchmal. Wir feiern da, wenn es was zu feiern gibt — oft. Und wir brainstormen da, wenn es was auszudenken gibt — immer.  Es gibt Burger, Fritten, Salat oder sowas ähnliches. Ganz gutes Bier. Und Rosè für Katrin. Die Bedienung ist Top — ich meine Top. Total on point. Superschnell, supernett, superkonzentriert. Sie geben die Atmosphäre vor. Und die ist so inspiring, dass ich für die gesamte Tavernen Szene in unserer Graphic Novel Shadow das Hafthorn und die Leute dort als Quelle nutzen konnte. Zuerst in Teer gezeichnet, (dabei bin ich geblieben, s.o.) und dann gephotoshopt. Hier ein paar Beispiele:

Blog_Hafthorn_Teer_1   instagram_tavern_1

Blog_Hafthorn_Teer_2   instagram_tavern_2

instagram_tavern_4   instagram_tavern_3

Wer mehr Shadow lesen und schauen möchte. Gibt’s als E-Book bei Amazon und I-Tunes.

Wer sich gern mal das Hafthorn von innen ansehen möchte: Hier ist es.

 

 

 

 

 

 

 

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Taube auf dem Dach

Als sich vor ein paar Wochen eine Journalistin für eine Homestory beim mir meldete, war mein erster Gedanke: Erwähn die Tauben nicht, die gerade auf deinem Fensterbrett nisten, denn dann wird es in dem Artikel nur noch um die Tauben gehen. Erwähn die Tauben nicht!

Die Sache mit den Tauben

Die Tauben sind an einem Morgen gekommen. Gurrend saßen sie zu zweit auf dem Fensterbrett vor meinem Schreibzimmer. Eigentlich schreibe ich überall wo es gerade passt und wechsle die Stellen auch gerne mehrmals während eines Buchprojekts. Aber manchmal bleibe ich auch eine Weile an einer Stelle bis das Buch fertig ist. Stellen suchen und sich einnisten – das ist mir also sehr vertraut.

Das Männchen bietet Nistplätze an, die endgültige Auswahl erfolgt durch das Weibchen (Wikipedia)

Exakt so war es. Aber Tauben – Freunde! – ihr seid wirklich keine besonders talentierten Nestbauer. Ein paar kleine Stöckchen auf das Fensterbrett legen und bei jedem Flügelschlag wieder herunterwedeln?  Taube auf dem Dach Nicht so überzeugend. Also dachte ich mir, ich helfe mal ein bisschen nach und habe einen alten Strohkranz (von Weihnachten) ausgebuddelt und auf dem Fensterbrett angeleint. Ohne große Hoffnung, wenn ich ehrlich bin.  Auch wenn kurz darauf einige Stöckchen im Kranz lagen – sah jetzt noch nicht so nach ernsten Absichten aus.

Bauen und legen

Selbst als die Taube sich setzte, hielt ich das für einen vergeblichen Versuch. Ich meine, schaut euch das Nest an!

Doch dann flog die Taube mal weg und – zwischen den dürren Ästen lag ein kleines Ei. Ups. Ein Ei? Gleich mal gegoogelt. In der Regel sind es zwei Eier. Die Natur ist nicht immer regelmäßig, aber meine Taube schon. Das zweite Ei kam dann einfach ein paar Tage später.FullSizeRender-17

Ich muss zugeben, ich war ziemlich beeindruckt, wie vorhersehbar und reibungslos das alles geklappt hat. Ich schrieb gerade an einem Manuskript, rang mit dem letzten Akt und da lief alles so – einfach. Ein paar Stöckchen übereinander, Ei reingelegt? Mehr nicht? Ja. So einfach.

Brüten

Brutzeit bei Ringeltauben 16 bis 17 Tage. Okay, game on, dachte ich mir, wenn die Tauben schlüpfen, sollte mein Buch fertig sein. Ab da lebte ich mit einer brütenden Taube auf dem Fensterbrett. Hitze, Regen, Sturm. Nichts hält die Taube davon ab, im Nest auf ihren Eiern zu sitzen, das nur kurz zum Nahrung suchen verlassen wird. Hier brannte teilweise die Sonne auf mein Fensterbrett, doch die Taube blieb stur. Okay, ich auch. Schreiben! Ich schaffe das! Mein Buch wird fertig, wenn die Tauben schlüfen. Wenn sie überhaupt mal schlüpfen …

Schlüpfenlassen und füttern

Nein, ich dachte nicht, dass aus diesen zwei winzigen Eiern irgendetwas wird. Ehrlich. FullSizeRender 5Aber die Natur ist hartnäckig, eine Ringeltaube stur und Leben offenbar nicht so schnell zu zerstören. Und so schlüpften ganz pünktlich zwei kleine, extrem hässliche Taubenküken. Hielten sich erst ein paar Tage unter der Taubenmama auf, bis sie zu groß waren, um auf ihnen draufzusitzen. Und mein Buch – war nicht fertig. Okay, den ersten Battle hatte ich verloren.FullSizeRender-8 Die Küken geschlüpft, mein Buch nicht fertig. Damn.

Flügge werden

Aber ist ein fertiges Buch nicht eher mit Flüggewerden zu vergleichen? Ich meine: Fertig und ab in die Welt? Wie lange brauchen Tauben, um flügge zu werden? Erstmal groß werden, dachte ich mir. Erstmal Federn bekommen, das wird doch wohl eine Weile dauern. Ich bin vor. Googeln: Nestlingszeit 30 Tage – Ich bin sowas von vor!

Wobei ich nicht dachte, dass die wirklich so schnell groß werden …FullSizeRender-11

Und so eine genaue innere Uhr haben. Einmal Ei gelegt (ich vergleich das mal mit einer IDEE), läuft das Programm ab.

Bei dem Ei, das etwas später gelegt wurde, wohl auch leicht versetzt, denn Küken 2 (und nein, ich habe ihnen keine Namen gegeben …) war deutlich etwas zurück mit der Entwicklung. Erstaunlich für mich: Die Taubeneltern sind zu diesem Zeitpunkt eigentlich die meiste Zeit unterwegs. Zweimal am Tag zum Füttern kommen – reicht vollkommen.

Kann ich meine Schreibsessions vielleicht auch etwas reduzieren? Zumal diese aufgeplusterten Federbälle nicht danach aussahen, als ob sie in den nächsten MONATEN fliegen FullSizeRender-3würden – oder sich alleine ernähren könnten. Nun ja. Gefühlte Tage weniger saß Taubenküken 1 schon sehr ungeduldig auf dem Rand des Nestes und wollte offensichtlich ausziehen. Machte Druck. Vor allem mir.

Zeit zu fliegen

„Lass uns fliegen“ –  heißt ein Buch von mir. ich bin jetzt nicht so ein Fan des Titels, den ich nicht ausgesucht habe, aber jetzt schien er mir doch eine Art Erinnerung zu sein: 1. Du kannst Bücher schreiben, auch wenn dieses jetzt gerade – dauert. Und ganz anders wird, als du gedacht hast. 2. Okay, Taubenküken, wir machen dass zusammen. Ihr fliegt, ich beende mein Buch. Oder auch: Wartet auf mich!

Zwischenspiel

Mittlerweile war ich ein wenig besessen von dem Naturschauspiel vor meinem Fenster. Und natürlich ist es mir herausgerutscht, als die Jounalistin da war. Eine unbedachte Sekunde – Und, übrigens, auf meinem Fensterbrett nisten Tauben. Als wär das mein Verdienst. (Kommt Leute, der Strohkranz war schon eine geniale Idee, oder?) Als der Artikel kurz darauf herauskam – fette Überschrift: Taube auf dem Dach – war ich gar nicht mal erstaunt. FullSizeRender-5So ist das eben. Das war gerade mein Thema. Meine Obsession.

Und das Buch wurde fertig. Die Tauben waren es auch. Die Sache lief ganz unsentimental ab. Eines Morgens war es einfach eine Taube weniger im Nest. Taube 1 – gone with the wind. Taube 2 vielleicht etwas irritiert? Kommt die Mutter überhaupt noch? Taube auf dem DachJa, der Job wurde erledigt, bis Nummer 2 ein paar Tage später auch weg war. So einfach. Ich hab dann mal aufgeräumt und das Fensterbrett sauber gemacht. Meine Schreibunterlagen weggeräumt – Schreibpause.

Taube auf dem Dach

Natürlich wird die Taubensache irgendwann in ein Buch wandern. Logisch. Erstmal bin ich froh, dass das Buch geschrieben ist. Und während ich vorsichtig darüber nachdenke, was ich als nächstes schreiben werde … meine Unterlagen sortiere und meine Zettel auslege … liegen zwei neue Stöckchen auf meinem sauberen, leeren Fensterbrett. Freunde! Echt jetzt? Ich habe dann mal den nächsten Strohkranz geholt.

Mein nächstes Buchprojekt? 46 Tage? Ich versuch erst gar nicht, diesen Battle zu gewinnen.

Die Tauben bauen derweil ihr neues Nest.Taube auf dem Dach Ich finde übrigens, es sieht wesentlich solider aus. Auch besser gebaut. Und das werde ich dann wohl mitnehmen für mein nächstes Projekt: Ich will mich ständig weiterentwickeln. Besser werden.

Ja, mir ist die Taube auf dem Dach tatsächlich sehr viel lieber, als der Spatz in der Hand. Also alles gut.

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Papa

Mein Papa kann alles! Er kann segeln, kochen, Ski fahren, Feuer spucken, einen Balkon bauen, Skulpturen machen, Motorrad fahren, Sachen pflanzen, Kinder erziehen, über seine eigenen Witze lachen, schweißen, Thai Chi, Slackline laufen, Bücher verlegen… the list goes on!

Und er weiß auch alles! Wie die Säulen an dem Haus heißen und warum, wie man aufjedenfall schreibt (so zumindest nicht), was man macht wenn das Handgelenk wehtut und man Panik schiebt (Mobilat!), wie man einen Teich in Schuss hält, wie man Perspektivisch zeichnet… the list goes on!

PAPA3_FotorHier ist eine Auswahl von Dingen die ich in den letzten zwanzig Jahren von Papa gelernt habe:

  1. Beim Zimmer ausmisten wird es definitiv immer den Punkt geben wo alles viel, viel Schlimmer ist und man keinen Bock mehr drauf hat und es bereut überhaupt angefangen zu haben. Wichtig: Keep Calm! Fang bei einer Ecke an und arbeite dich bis zur diagonal gegenüberliegenden Ecke durch. Du wirst eine Krams-Schublade brauchen! Wenn Sachen die keinen Ort haben da rein kommen, haben sie einen Ort. Außerdem Aufräumen ist nur Wegräumen solange alles seinen Platz hat.
  2. Mehr Butter ist mehr. Und Soulfood ist wichtig!
  3. Bei Flugverspätung oder unnötig spät gebuchten Flügen bringt es gar nichts sich aufzuregen. Vielleicht wäre das Flugzeug abgestürzt … who knows! Alles ist wie es sein soll. Gönn dir was. Rödeln kostet an einem bestimmten Punkt nur noch Energie und da hilft es die Dinge zu akzeptieren. (Ich bekomme momentan viele Chancen diese Lektion zu verinnerlichen … Thx AirBerlin.)
  4. Außerdem niemals Reiserücktrittsversicherungen abschließen!
  5. Man kann auch mal mit einem Schaschlikspieß, durch die Hand, sich selbst auf dem Motorrad zur Notaufnahme fahren. Muss man aber vielleicht nicht.PAPA_Fotor
  6. Beim Halma immer zuerst versuchen den ganz hintersten People nach draußen zu bringen. Ja es sieht verlockend aus gleich mit der zweiten Reihe durchzustarten, aber glaubt mir, am Ende bekommt man ihn nicht mehr weg.
  7. Dankbar sein! Das bringt einem am aller schnellsten aus einem depressiven Denkmuster. Und am besten jeden Tag dankbar sein! Für seine unglaubliche Familie, die neue Küche, den tollen Hund. (!)
  8. Wenn man auf Partys geht um Leute kennenzulernen, lernt man halt Leute kennen die auf Partys gehen.

Ich kann nicht sagen wie oft Papa mir schon Erdbeersmoothies gemacht hat, oder Zwiebackapfelpampe wenn ich krank war, oder die Füße massiert hat, oder mich zum Flughafen gefahren oder abgeholt hat, oder von wie vielen Klassenfahrten, Übernachtungen oder furchtbaren Partys mitten in der Nacht am Arsch der Welt!

Danke für deinen endlosen Support und danke, dass ich so viel von dir lernen kann! Happy Birthday!!!!

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Jericho

In aller Welt

Als Schauspieler bin ich durch meine Arbeit schon viel durch die Gegend gereist. Für kürzere oder längere Zeit habe ich schon in einigen deutschen Städten gewohnt und einige Male im Ausland gedreht.
Letztens hatte ich dann tatsächlich das Glück, eine Woche in Palästina drehen zu dürfen.
Genauer gesagt in Jericho.
Man sagt, dass Jericho die älteste Stadt der Welt ist. Und auch wenn das wissenschaftlich noch umstritten ist, konnte ich mir Mauern anschauen, die vor über 10 Tausend Jahren gebaut wurden.

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Warm

Mit 250 m unterm Meeresspiegel ist Jericho noch dazu die tiefstgelegenste Stadt der Welt und dementsprechend warm. Durchschnittliche 37°C bei wolkenlosem Himmel sind natürlich nichts im Vergleich zu den 45°C-50°C die es dort im Juli oder August hat, für uns allerdings trotzdem eine deutliche Umstellung. Grundlegender Zustand: Mir ist warm. Da Jericho nicht weit vom tatsächlich tiefsten Punkt der Erde entfernt ist, und zwar dem Toten Meer, habe ich mit einem Kollegen natürlich sofort einen Abstecher dahin gemacht. Und ja, man kann einfach auf dem Wasser schweben. Nächste Stufe: übers Wasser laufen.

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Long time ago in…

Und tatsächlich ist das nicht so weit hergeholt. Die gesamte Umgebung um Jericho ist im Grunde die Geburtsstädte des Christentums. Mit Bethlehem, Nazareth und Jerusalem gleich um die Ecke, stolpert man von einem Wegmarker Jesus‘ zum nächsten. So war ich unter anderem auf dem Mount of Temptation auf dem Jesus angeblich 40 Tage lang den Versuchungen des Teufels widerstanden hat. Darauf hin wurde in den Berg ein Kloster gehauen. Sehr beeindruckend.
Auch war ich in der Monastery of Saint Mark in Jerusalem unter der scheinbar das Last Supper stattgefunden haben soll, am Geburtsort von Virgin Mary und auf der Via Dolorosa auf der Jesus seinen Kreuzweg gegangen ist. Alles Orte, auf die ich mehr oder weniger zufällig gestoßen bin.
Doch nicht nur das Christentum hat hier sein Lager aufgeschlagen. Die Klagemauer ist nicht weit entfernt von der al-Aqsa-Mosche und so tummeln sich orthodoxe Juden und Muslime in den kleinen Straßen Jerusalems. Ein überwältigender Anblick, besonders, da ich am ersten Freitag des Ramadans in Jerusalem war und 250 Tausend Musilme zum Beten in die Stadt geströmt sind.

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People

Doch was ich am meisten daran liebe, an neuen Orten zu drehen, ist, dass ich die Städte und Länder auf ganz spezielle Weise kennenlernen kann. Ich muss nicht als Tourist durch die Straßen wandern, da ich zum arbeiten da bin. Meistens steige ich aus dem Zug, Flugzeug oder Auto und mache mir sofort Gedanken, wie ich hier am besten Leben kann. Das heißt dann im Grunde Augen aufhalten nach Supermarkt, Café, Restaurant. Sofort in den Alltag der Menschen hineingeworfen zu werden, gibt einem ein vollkommen neues Verständnis für die jeweilige Mentalität.
Wenn man dann noch die Möglichkeit bekommt, mit einem Team vor Ort zu arbeiten, ist es eigentlich immer eine wunderbare Erfahrung. Das Team aus Palästina, das uns geholfen hat unseren Film zu drehen, war da absolut zuvorkommend.

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Freiheit

Ich bin auf jeden Fall unheimlich dankbar über diese enorme Freiheit, die mein Beruf mir gibt.
Physische Beweglichkeit bringt meistens auch eine mentale Beweglichkeit mit sich. So kann ich mir Gedanken um Filme, Musik und Kunst machen. Zu sehen, dass sich aus politischen Gründen einzelne Gesellschaftsgruppen nicht frei bewegen können, war für mich sehr unangenehm. Dass unser Team dennoch eine enorme positive Energie hatte und diese dafür verwendet, Filme zu drehen, war für mich außerordentlich beeindruckend und schön!

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Artefakte – Tag am Meer

Artefakte

Wenn ich an den Beginn von Kultur denke, denke ich an den Strand. Vielleicht, weil das Meer mir oft das Gefühl gibt, eine kleine flüchtige Erscheinung zu sein, der es freundlich und doch leicht herablassend die Knöchel umspült. Ich war schon lange vor dir da.

Doch auch wenn der Anblick des weiten Ozeans oder der zarten Linie des Horizonts in vielen von uns philosophische Gefühle weckt, erkenne ich die Art und Weise, in der wir versuchen, die Welt zu begreifen, am Strand.

Wir wenden uns ab von den Unweiten und Tiefen des Meeres und beginnen, an seinen Rändern auf und ab zu spazieren. Die nackten Füße im Sand, den Blick auf den Boden gerichtet, in einer abgespreizten Hand zwei Muscheln, ein Schneckenhaus und einen Stock.

Jedes Mal frage ich mich, welcher eigentümliche Reflex von mir Besitz ergreift, wenn ich, andächtig langsam, mal kniend, mal stehend, den Strand hinauf pilgere. Wie ein Gläubiger auf den Straßen von Assisi.

Beweise Sammeln

Jede Muschel, jeder Stein wird aufgehoben, in der Hand gewendet. Geprüft, bewundert und ins Licht gehalten. Alles erscheint bedeutungsvoll und bemerkenswert. Ein versteinerter Tintenfischtentakel, tausende von Jahren alt! Eine Muschelschale, in ihr habt mal ein Tier gelebt! Ein Stein, über Jahre hinweg fast rundgeschliffen! Ein verkrüppeltes Aststück, ganz weich von der Brandung!

Jedem den ich passiere, sehe ich es an, die Faszination teil zu haben, an einem kleinen Stück Erdgeschichte. Fossilien erzählen von längst ausgestorbenen Tierarten, Kiesel von einstigen Gebirgen. Alles was wir über die Geschichte wissen, wissen wir weil wir ihre Überreste studieren. Seien es Texte, Bilder oder Muscheln und Scherben.

Das Wasser spült Beweise an den Strand, denen wir uns gewissenhaft annehmen. Sind sie doch die einzigen Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, die sich in unserem Kopf aus Hypothesen und Erklärungsversuchen zusammensetzt.

Doch woher kommt diese manische Ahnung, das drängende Bedürfnis, sich vor Augen zu führen, was und vor allem wer vor uns kam? Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, dass wir, egal wie wir zu ihnen stehen, ja sogar egal, ob wir sie kennen oder nicht, unseren Eltern gegenüber haben.

Ob durch Ablehnung oder Anerkennung, wir studieren sie aufmerksam, wohl wissend, dass in dem familiären Gesicht Informationen schlummern, implantiertes Wissen um unsere eigene Herkunft. Irgendwo steht genetisch geschrieben, woher wir unsere Augenfarbe, den Hang zur Ordnung oder lange Arme haben.

Zukunft und Vergangenheit

Manche Indianerstämme schreiten rückwärts gewandt in die Zukunft, den Blick stets auf die Ahnenreihe gerichtet, aus der jeder einzelne entsprungen ist. Alltäglich lässt sich diese unendlich lange Reihe aus den Augen verlieren. Schon unsere Urgroßeltern wandeln in nebulöser Ferne längst vergangener Zeiten. Das Signal flackert, die Informationen sind verzerrt oder unvollständig. Schwarz-weiß und vergilbt, die Ränder abgestoßen und eingerissen.

Wir wenden uns ab, fixieren eine gleißende Zukunft. Blinzeln mit zusammengekniffenen Augen in die nahe Ferne, mit tastendem beschwörendem Blick. So als könnte unter der Intensität unseres Augenlichts etwas aus dem schwarzen Schleier heraus gefräst werden, der vor uns liegt. Der Umriss einer Form, ein Loch, durch das man hindurch spähen kann. Hinter dem sich in zarten Pastelltönen Wahrheiten abzeichnen, die es noch wahr zumachen gilt. Sich verfestigende Vorstellungen, die einem langsam aber sicher zu Leibe rücken und uns zuflüstern, dass sie möglich sind, wenn wir nur die Hand ausstrecken und sie zu uns in die Gegenwart ziehen.

Blind in die Leere greifend prickelt uns doch immer der Blick der Urgroßeltern im Nacken. Und dieses Prickeln, dieses atemlose Versprechen ist es womöglich, das uns in die Knie gehen und ergeben im Sand graben lässt.

Die Muscheln, die ich in den Händen halte sind Erinnerungen. An meinen Urlaub, den Tag am Meer. Ich war da. Erinnerungen an längst vergangene Augenblicke und Menschen die sie erlebten. Sie waren da.
Wir graben im Sand, wühlen im Geröll, tauchen durchs Wasser. Immer auf der Suche nach Verbindungen. Leere Seiten im Tagebuch des Menschen, die gefüllt werden sollen.

Verbindungen

Stolz auf meine Funde spaziere ich am Meer entlang, komme an ein paar Hockenden vorbei, sie haben ähnliche Entdeckungen gemacht. Einige haben ihre Schätze vor sich ausgebreitet und angefangen, Steine, Muscheln und Treibholz zu Formen zu legen. Fast sieht es aus, als würden sie versuchen einen Code zu knacken. Dem Meer Fragen zu stellen. Ist es so gewesen? Ist das Metall oder ein Stein? Was bedeutet diese kleine Kuhle hier? War das mal ein Tier?

Ein paar von Ihnen stapeln Steine zu kleinen wackeligen Türmen auf. Wie wird das aussehen, wenn der Strand verlassen ist, die Sonne unter und wir nach Hause gegangen sind und im Mondlicht kleine Steintürme herumstehen? Und wenn zehntausend Jahre später die Sonne wieder aufgeht und eine Gruppe Zukunftsmenschen sich am Kopf kratzend davor steht und sich fragt, was das sollte.

Nach dem wenigen, was wir unseren entfernten Verwandten an Wissen zugestehen, ist es nicht umso überraschender, dass uns dieses magische Gefühl mit ihnen verbindet? Die vage Idee, dass dieser oder jener Gegenstand mir etwas erzählen kann, eine Antwort geben kann, wenn ich nur lerne sie zu lesen.

Ich klettere den schmalen Weg zur Steilküste hinauf und sehe noch einmal zurück. Kleine buntbeanorackte Punkte, die im Wind flatternd an der Küste entlang krabbeln. Schweigend, lauschend, suchend. Gestalten wandelnd oder in Grüppchen sitzend, spielen im Sand. Das Meer schmunzelt.

Neujahr
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Neujahrshörnchen

Irgendwann erinnerte ich mich, wie ich als kleiner Junge meinem Opa beim Backen von Neujahrshörnchen zugeschaut habe. Die Küche duftete himmlisch nach Anis. Aber nicht nur der Duft war faszinierend, sondern auch das schnelle Einrollen der Oblaten, wenn sie heiß aus dem Eisen kamen. Ich habe meinen Opa sehr bewundert, wie souverän er die heißen Dinger anfasste und zu perfekten Hörnchen rollte. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um mich zu trauen, es auch mal zu probieren. Ehrlich gesagt, tat es an den Fingerspitzen ganz schön weh. Und die Hörnchen wurden auch eher … naja, dafür konnte man sie gleich essen.

Das traditionelle Neujahrhshörnchenessen gehört bei den Red Bug Homies seit zig Jahren als festes Ritual zum Jahreswechsel. Am Nachmittag des ersten Januar sind alle Freunde eingeladen, die Anishörnchen mit Sahne und Kirschen zu füllen und das neue Jahr zu feiern.

Für mich beginnt die Vorbereitung immer schon ein paar Tage früher. Man solllte es nicht glauben, aber auch nach über zwanzig Jahren, brauche ich immer noch das Rezept.

rezept   Teigschüssel

Die Rezepte

Mein Grundrezept: 200 g Butter mit 200 g Zucker schaumig rühren, 4 Eier dazu, und mit 400 g Mehl und – ja – 2TL Backpulver glattrühren, doppelt soviel Anis zugeben, wie man eigentlich glaubt, und lauwarmes Wasser einrühren bis der Teig schön cremig ist, kann gut 1/4l sein. Der Teig sollte dann etwas ruhen. Das ergibt gut dreißig Hörnchen, wenn man beim Backen schon ein paar ißt.

Neujahrshörnchen – jetzt auch vegan

Da ja mittlerweile viele Menschen aus unterschiedlichen – oft guten – Gründen, auf eine vegane Lebensweise umgestiegen sind, habe ich in diesem Jahr zum erstemal eine vegane Varinate für Neujahshörnchen ausprobiert.

Sehr gut funktioniert hat folgende Version: 100 g Aslan (Biomargarine) mit 125 g braunem Zucker aufschlagen, 2 EL Sojamehl, 250g Mehl, ne Menge Anis abwechselnd mit 3/8l warmem Wasser und einer Prise Salz zu einem relativ flüssigen Teig glattrühren. Etwas stehen lassen. Aus diesen Zutaten konnte ich genau zwanzig Hörnchen rollen.

Ich war sehr überrascht, dass die Hörnchen ohne Eier fest wurden. Sie lassen sich etwas schwerer aus dem Eisen lösen, sind einige sekundenlang gummiartig zäh und kamen mir beim Rollen viel heißer vor. Nach wenigen Sekunden werden sie dann allerding superknusprig. Sehen toll aus und schmecken klasse.

Die Zubereitung

Neujahrshörnchen Anis   Neujahrshörnchen Wasser

Ich verdoppele, verdreifache, vervierfache die Menge natürlich, weil ich nie genau weiß, wieviele Freunde kommen werden. Manchmal sind es zwanzig, manchmal an die fünfzig. Die Zurückhaltenden essen nur ein Hörnchen und nehmen sich erst nach dem zweiten Kaffee und  intensiven Gesprächen ein zweites. Die Jugendlichen sind oft mit vier oder fünf Hörnchen dabei. Mit Hundert Hörnchen fühle ich mich aber auf der sicheren Seite. Wenn es zuviele sein sollten, ist das kein Problem. Die Hörnchen bleiben wochenlang knusprig und lassen sich übrigens auch sehr gut zu Trifle verarbeiten.

Einfüllen des Teigs   Neujahrshörnchen

Neujahrshörnchen im Eisen   Neujahrshörnchen rollen

Das Backen ist eine sehr meditative Angelegenheit. Jedes Hörnchen braucht etwa 2min51sec vom Einfüllen ins Eisen bis zum Rollen. Da mein Hörncheneisen sowohl ein optisches als auch ein akkustisches Signal gibt, wenn der richtige Bräunungsgrad erreicht ist, kann ich dabei sehr gut andere Dinge erledigen, z.B. Quittungen für die Steuer sortieren.

Das Fest

Neujahrshörnchen Gäste   Neujahrshörnchen, die Gäste kommen

Es ist immer eine Freude, wenn dann die ersten Gäste kommen. Für viele gehört es mittlerweile auch zum ersten festen Termin im Jahr. Manche kommen nur alle paar Jahre, weil sie in anderen Städten wohnen, und es kommen immer wieder neue Freunde dazu. Denen muss ich dann zeigen wie es geht. Hörnchen nehmen, Sahne hinein, Kirschen drauf und nochmal Sahne, oder umgekehrt, oder nur mit Sahne, oder nur mit Kirschen oder Hörnchen pur.

Neujahrshörnchen   Neujahrshörnchen Kirschen

Riesendanke an die anderen Homies, die dafür sorgen, dass auf wundersame Weise immer wieder frischer Kaffee oder Tee auf dem Tisch steht, und frische Sahne geschlagen ist. Danke an Amber für die schönen Fotos. Wie man sieht, sind Neujahrshörnchen echtes royal root soul food.

 

 

 

 

 

Roots

Übers Lehren

Ich hab letztes Mal über das Finden einer Leidenschaft geschrieben.

Nun ist es so, dass ich Yoga nicht in Kursen mache, sondern zuhause über YouTube. Das Üben, allein, zuhause, gibt einem natürlich enorme Freiheit. Ich kann so lange, so viel, machen wie ich will. Manchmal merke ich nach fünf Minuten, dass es heute nicht das Richtige ist. Manchmal vergesse ich die Zeit total und mache, ohne es zu merken, drei Stunden Yoga. Gleichzeitig spar ich natürlich Unmengen an Geld. Außerdem kann ich so zum Beispiel von Adriene lernen, die sonst nur in Amerika unterrichtet.

Das Internet überbrückt halt einfach Meilen.

Doch natürlich fehlt manchmal etwas. Man hat nicht jemanden, der einen ganz individuell daran erinnert, die Schultern zu lockern. Oder zeigt einem, wie man eine Pose verbessern kann. Man schaut halt immer nur mit seinen eigenen Augen und wird mitunter blind für seine Fehler.

Zum Glück habe ich in meinem Umfeld viele Leute, die ebenso Yogabegeistert sind, und so fiel es nicht schwer, sich zusammenzutun.

Im Stillen „Trainieren“ und dann in einer kleinen Gruppe voneinander lernen. Großartig! Ich war zufrieden. Doch wie so oft sollte das noch nicht alles sein. Denn diesen Urlaub hab ich noch einen neuen Aspekt kennengelernt, der mir bis dahin unbekannt war. Das Lehren.

Die anderen Redbugx hatten Interesse an einem Yoga-Kurs, den ich leiten soll.

„Klar kann ich machen“, dachte ich. „Eigentlich muss ich ja nur Yoga machen wie sonst auch und dabei kommentieren, was ich mache. Easy.“ Damit hatte ich natürlich die ganze Sache unterschätzt. Das Lehren bringt nochmal eine ganz eigene Philosophie mit sich und ähnelt im Kern daher mehr einer Performance.

Du machst dennoch nicht einfach Yoga mit Publikum, du machst Yoga mit individuellen Leuten, mit individuellen Körpern. Jeder bringt seine eigene Sport-Vergangenheit mit, seine Fragen und Wünsche, Verletzungen und Schwächen. Ich musste mich nie damit beschäftigen, wie bestimmte Übungen für Leute mit kaputten Knien funktionieren, weil meine in Ordnung waren. Und so hab ich den Spaß entdeckt, die Übungen in ihre Grundform hinunterzubrechen. „Okay, wobei geht es bei der Übung? „Sollte der Rücken gerade sein, oder geht es mehr um das Strecken der Beine?“ „Wie kommt es, dass jemand eine perfekte Krähe schafft, aber Probleme mit dem zweiten Krieger hat? „Haben Menschen unterschiedliche Schwerpunkte und daher eine unterschiedliche Balance?“

Vor mir hat sich ein riesiges Feld an neuen Möglichkeiten aufgetan. Mein Horizont wurde also wortwörtlich über meinen eigenen Körper hinaus erweitert.

Gleichzeitig hat das Beibringen mir selber gezeigt, wie weit ich schon gekommen war. „Stimmt, damit hat ich früher auch immer Probleme gehabt, und inzwischen denk ich da gar nicht mehr drüber nach“ Ähnlich wie man eigene Veränderungen oft nicht sieht und sie einem erst klar werden, wenn man von jemanden angesprochen wird, der einen Monate nicht gesehen hat.

Das Unterrichten gab meinem Individuellen Training ein ganz neues Selbstbewusstsein,

Und dann ist aber noch etwas Faszinierendes passiert. Ich habe angefangen, von meinen „Schülern“ zu lernen. Der Lehrer wird zum Schüler und alles findet seine Balance.

Manchmal lohnt es sich wirklich aus seiner Höhle hinauszuschauen. Egal ob man vorne steht oder in der Gruppe, der Lehrer lernt bei jeder Stunde so viel wie seine Schüler. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Das Foto ist übrigens von dem Taekwondo Kurs den Lenny in Italien geleitet hat.