Mary Wollstonecraft Shelley
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Frankenstein // Mary Wollstonecraft Shelley

Jetzt wo wir den Inhalt des Buches besprochen haben, sollten wir ein bisschen weiter in die Recherche gehen. Wer war Mary Wollstonecraft Shelley eigentlich? Wie konnte sie aus dem Nichts, einen der erfolgreichsten Gruselromane der Welt schreiben? Und wie lebt man als eine Autorin um 1800?

In ihrem ersten Roman, Frankenstein, den sie mit nur neunzehn Jahren schreibt, beschäftigt sich Mary Wollstonecraft Shelley intensiv mit Themen wie Einsamkeit, Ansehen und Wissensdrang. Interessanterweise sind das Themen, die sie später ganz persönlich betreffen werden.

Doch noch ist es 1816. Das Jahr, in dem sie Frankenstein schreibt. Und Mary scheint gänzlich frei von diesen Problemen zu sein. Percy Shelley, der Mann an ihrer Seite, ist ein hochpolitischer, atheistischer Autor. Zwar ist Mary eine Frau, aber dennoch scheinen sich die beiden auf einer intellektuellen Ebene zu treffen. Zusammen mit Lord Byron und John Polidori schwelgen sie am Genfersee in literarischen Auseinandersetzungen. Sie kommen auf die Idee, Spukgeschichten zu schreiben und sie sich gegenseitig vorzutragen. Zwar ist der Druck auf Mary groß, die unter den deutlich erfolgreicheren Schriftstellern nicht untergehen möchte, aber sie bekommt auch einigen Zuspruch. Alle sind begeistert von ihrer Frankenstein Geschichte.

Das Buch veröffentlich Mary ohne Namen beim Verleger ihres Ehemannes. Es ist ein wahnsinniger Erfolg, dessen komplettes Ausmaß ihr erst bei ihrer Rückkehr nach England 1923 bewusst wird.

Sie scheint also alles zu haben. Die wissensdurststillenden Diskussionen, den einsichtigen Partner und die Anerkennung ihrer Arbeit. Doch auch außerhalb der kleinen Gruppe wird über die Reisenden geredet. Percy Shelley, der offene Verfechter der freien Liebe, der nun mit Mary und ihrer Stiefschwester Claire im Urlaub ist. Und dann noch mit dem extravaganten Lord Byron, über den es bereits einige Skandale gibt.

Und tatsächlich ist das Leben nicht so einfach wie es scheint. Unter enormen Druck, hin-und-hergerissen zwischen äußeren Ansprüchen und persönlichen Bedürfnissen, muss die sensible Mary Shelley einiges an Strapazen überwinden. Fast vergleichbar mit einem heutigen Kinderstar. Denn schließlich war sie erst neunzehn.

Es geht von einem Ort in den nächsten. Immer verfolgt von privaten und öffentlichen Skandalen, die sich zwar abstreiten lassen, aber dennoch allgegenwärtig sind. Auch der einst so bekannte William Godwin, Marys Vater, liegt ihr im Nacken. Ständig hat er Geldprobleme und zapft Marys adeligen Ehemann an.

Kurz gesagt, es ist ein stressiges Leben, nicht zuletzt, da Mary an sich selbst enorme Ansprüche hat.

Aber die Erkenntnis kommt nicht. Alle leben sie am Limit. Immer mit einem romantischen Fläschchen Laudanum um den Hals, als könnte man das Leben kontrollieren. Dabei haben sie bereits allen Halt verloren. Percys erste Ehefrau begeht Selbstmord, Clair dreht durch. Mary hat Fehlgeburten und muss ihren Kindern beim Sterben zuschauen. Und die Erkenntnis bleibt aus.

Es kommt wie es kommen muss, wenn nicht sogar schlimmer. Percy Shelley stirbt im Alter von 30 Jahren bei einem Segelunfall. Und Mary, erst 25, ist unsäglich erschöpft. Ihre Prophezeiungen treten ein. Sie ist einsam, ohne einen guten Ruf und auch die unzähligen Bücher, die sie verschlingt, können ihren Drang nach Wissen nicht stillen.

Es ist ein trauriger Verlauf. Ein kurzes, helles Leben, dass erst mit ihrem Tod 1851 im Alter von 53 Jahren beendet wird. Wahrscheinliche Todesursache: Gehirntumor.

Ähnlich wie Frankenstein in den Köpfen der Menschen mit seinem Monster verschmilzt, ist auch Mary Wollstoncraft Shelley kaum noch von ihrem Erstlingswerk Frankenstein zu trennen. Wie ein Mythos taucht sie hin und wieder als historische Gestalt auf, doch das Bild ist fast gänzlich verfälscht.
Dass das bei ihrem Roman genauso ist, ist also kein Wunder.

Aber damit beschäftigen wir uns morgen…

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