Kurzgeschichte
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Inspektor Wayne

Es war Winter. Doch Inspektor Wayne hatte ihn nicht so kalt erwartet. Fröstelnd schaute er sich am Tatort um. Komplett verwüstet. So ne Scheiße. Wieso in seinem eigenen Wohnzimmer? Wieso nicht irgendwo anders. Still saß sein Partner auf einem der umgekippten Sessel und betrachtete die Leiche. Blut floss aus ihrer Kehle bis zu seinen Füßen. Der Inspektor betrachtete sie müde. Sein Partner musste sie bewegt haben. So ne Scheiße. „Alles wird gut!“, sagte der Inspektor dennoch. Dort lag die Leiche, und trotzdem sorgte er sich um seinen Partner. Es war absurd. Verdammte Empathie. „Sie ist tot“, sagte sein Partner trocken. „Da wird nichts mehr gut.“ Der Inspektor schluckte. Was für ein beschissenes Leben. Er beugte sich zu der Leiche und betrachtete sie. „Ihr Ehering fehlt“, sagte er dann mehr zu sich selbst. „Sie war reich“, sagte sein Partner hart. Doch der Inspektor spürte die Trauer in seiner Stimme. Er wusste genau, dass sein Partner Mrs. Bloom gemocht hatte. Sie war doch andauernd im Präsidium vorbeigekommen. Nie hatte sie mit Wayne gesprochen. Immer nur mit seinem Partner. Hatte sie damals schon etwas gewusst? Etwas von dem Schicksal erahnt, das sie ereilen sollte? Sein Partner steckte sich eine Zigarette an. „Hier drinnen können Sie nicht rauchen!“ War er verrückt geworden? „Das ist mein Tatort, ich kann machen was ich will!“, entgegnete sein Partner schroff. Der Inspektor schnippte ihm die Zigarette aus dem Mund. „Jetzt nicht mehr Partner. Ab jetzt ist das mein Tatort.“ Ein Weile blieb es still. „Du musst mir ein paar Fragen beantworten“, sagte der Inspektor dann. „Du hast Mrs. Bloom gekannt. Du hast sie gemocht.“ „Na und?“, entgegnete sein Partner. Er schien nun ungeduldig. „Und du kanntest ihren Mann?“ „Mal gesehen“, entgegnete sein Partner. Der Inspektor schaute zur Leiche. „Das hier hätte er sein können?“ Wieder Stille. Dann: „Er war es nicht.“ Der Inspektor nickte. „Ich weiß …“ Er beugte sich wieder zur Leiche. Er spürte einen Instinkt, als hätte er das alles schon einmal getan. An der einen Hand fehlte der Ehering, doch in der anderen — lag ein Zettel. Versteckt in ihrer Faust. Vorsichtig nahm der Inspektor das Stück Papier an sich. Er faltete es auseinander und las:

Sehr geehrter W.
        Ich bin gekommen, da ich nicht zulassen kann, dass sie
        meinem Mann etwas antun.
        Ihre Liebe, so sehr sie mich auch ehrt, wird für immer
        unerwidert bleiben.
Hochachtungsvoll Mrs. Bloom

Schnell las der Inspektor den Brief ein zweites Mal. Jahrelange Detektivarbeit hatten ihn gelehrt, dass sich die meisten Hinweise oftmals erst auf den zweiten Blick zu erkennen gaben.
Dann reichte er den Zettel seinem Partner.

„Ich denke, der ist für Sie, Mr. Winter.“

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