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Frankenstein // Verfilmungen

Mittlerweile ist Frankenstein überall bekannt. Jeder kennt das Monster, das stöhnend durch die Gegend stolpert und dabei eine Spur der Verwüstung und des Todes hinterlässt. Die meisten werden sich auch noch an den verrückten Wissenschaftler erinnern, der in einer stürmenden Nacht in seiner Burg Blitze in einen leblosen Körper schießen lässt. Vielleicht kennt der eine oder andere auch noch den buckligen Gehilfen, der dem Wissenschaftler zur Hilfe kommt.

Die Sache ist nur – all diese Dinge gibt es im Frankenstein Roman eigentlich gar nicht. Es sind Erfindungen der Verfilmungen.

Schon allein das Monster, das in Mary Shelleys Roman eigentlich ein wortgewandtes, intelligentes Wesen ist und sich sehr wohl auszudrücken weiß. Aber auch, dass Frankenstein sich im Buch schlichtweg weigert, den Erschaffungsprozess des Monsters zu erläutern. Er will nicht, dass man seinen Fehler nachahmen kann. Die Blitze, der Sturm, die vielen Geräte, die Burg. Alles Erfindungen für die große Leinwand.
Damit es etwas zu sehen gibt.

Im Roman fällt Victor nach der Erschaffung  in eine grausame Isolation. Er vertraut sich keiner Menschenseele an und verkümmert in inneren Einsamkeit. Damit der Zuschauer aber weiß, was in ihm vorgeht, wird für einen Film ein Ansprechpartner gebraucht. Und somit gibt es in fast jeder Verfilmung den stets anwesenden Gehilfen. Während es in Frankenstein 1931 noch ein buckliger Fritz ist, tritt in Frankensteins Sohn erstmals Ygor auf. Die Charaktere verschmelzen und der bucklige Assistent Igor ist geboren.  Mit Victor Frankenstein – Wahnsinn oder Genie ist nun ein Film entstanden, der eben jenen Igor als Hauptcharakter aufzeigt. Eine meiner Meinung nach gelungene Verfilmung, basierend auf einem Charakter, den es eigentlich gar nicht gibt.

Doch das scheint die Kunst an dieser Geschichte zu sein. Sie bietet eine große Fläche für eine Vielzahl von Interpretationen. Jeder versucht sich an seiner Variante und nutzt die Geschichte für seine eigene Vision.

Der bekannteste Frankenstein Film ist wahrscheinlich von 1931, der übrigens exakt 100 Jahre nach Mary Shelleys Neuauflage erschienen ist. Doch ob hier überhaupt noch etwas von der Thematik Frankensteins enthalten ist, bleibt fragwürdig.

Zum Beispiel fällt dem tollpatschigen Gehilfen Fritz in diesem Film versehentlich das Gehirn, das er für Victor besorgen sollte, auf den Boden. Kurzerhand greift er dann zum nächsten Glas, das ganz groß mit abnormal brain gekennzeichnet ist. Logisch, dass dabei ein Monster entsteht.
Allerdings schießen James Whale und Co. mit dieser kleine Änderung komplett an Marys eigentlicher Aussage vorbei. Ihr geht es vielmehr um die Erschaffung des Bösen durch die Projektion des Bösen. Das Monster findet keine Stellung in der Gesellschaft, da es durchgehend verachtet und bestraft wird. Das Böse wird durch jene erschaffen, die das Böse fürchten. Und, dass das Monster anfänglich noch gut ist, ist ebenfalls eine wichtige Aussage. Denn das bedeutet, dass nach Mary Shelley das Böse erst durch Gesellschaft, Erziehung und äußere Einflüsse entsteht.
1931 sahen die Menschen das dann aber ganz anders. Da war ein böses Gehirn für immer verdorben.

So setzt fast jede Adaption des Romans ihren eigenen Schwerpunkt. Mal geht es um den unnatürlichen Forschungsdrang, mal steht die Trauer um die Toten im Vordergrund, dann wieder scheint es ein Buch über Religion zu sein. Dass sich Frankenstein fast nahtlos an all diese Thematiken anpassen kann, macht es zu so einem großartigen Erfolg.

Und das James Whales Verfilmung einige Änderungen vorgenommen hat, kann man auch niemandem übelnehmen. Schließlich ist dabei nicht nur einer der bekanntesten Horrorfilme aller Zeiten entstanden, sondern wahrscheinlich einer der einprägsamsten Filme überhaupt.

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4 Kommentare

  • Antworten Amber 15. Mai 2016 zu 16:16

    Voll interessant, mit dem philosophischen Gedanken dahinter. So ein bisschen Rousseau mäßig …

  • Antworten Leonard 15. Mai 2016 zu 19:33

    Japp, spot on! Mary Shelley war sehr beeindruckt von Rousseaus Werken und hat sich in vielerlei Hinsicht von ihm inspirieren lassen!

  • Antworten Katrin 16. Mai 2016 zu 18:35

    Ich muss den neuen Film sehen, ich muss den neuen Film sehen … Oder gleich alle Verfilmungen. Lenny, hast du alle gesehen? Wo? Wie?

  • Antworten Leonard 16. Mai 2016 zu 19:17

    Alle habe ich tatsächlich nicht gesehen. Es sind auch einfach zu viele. Ich habe mir die wichtigsten Eckpunkte entweder aus der Bibliothek ausgeliehen oder im Internet zusammengesucht. Fehlen tut da noch die Hammer (Produktionsfirma) Reihe, mit Peter Cushing als Victor Frankenstein und Christopher Lee als Monster. Die muss ich mir noch besorgen.

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