Rausch

Zufall: Terry Gilliam’s: Don Quixote

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von dem verrückten Alten, der auszieht, um gegen Windmühlen zu kämpfen. Entzückt durch eine Vielzahl von Ritterromanen, entschließt sich Don Quijote, sein eigenes Abenteuer zu bestreiten. Auch wenn es schon lange keine Ritter mehr gibt, bastelt er sich eine Rüstung, sucht sich ein Pferd und einen Knappen und reitet aus. Ein waghalsiges Abenteuer beginnt, das den armen Don Quijote mehr als einmal geprügelt und gepeinigt zurücklässt. Doch dieser gibt nicht auf. Er hält an seinen Fantasien fest und stürmt weiter in den Kampf gegen Bestien, die keine sind, für eine Liebe, die er nie zu Gesicht bekommen wird.

Wiederum entzückt von Miguel DeCervantes’ Geschichte, beschließt Ex-Monty-Python Terry Gilliam Anfang der 2000er, das Abenteuer des Don Quijote zu verfilmen. Bereits über zehn Jahre hat er an dem Stoff gefeilt und eine Version geschrieben, in der ein Marketingleiter zurück in der Zeit reist und vom verwirrten Don Quijote für Sancho Panza gehalten wird.

Nach einigen gescheiterten Finanzierungsversuchen ist es dann irgendwann soweit. Der Film geht in die Produktion. Als Don Quijote ist der französische Schauspieler Jean Rochefort besetzt, der extra für die Rolle Englisch gelernt hat, den Marketingleiter soll Johnny Depp spielen. Doch noch bevor die Dreharbeiten überhaupt begonnen haben, gibt es erste Probleme. Das Budget ist eng und knapp berechnet, was die Vorbereitungen für die wahnwitzige Geschichte schwierig macht. Die Schauspieler sind alle vielbeschäftigt, so dass es schwerfällt Termine für Lese- oder Kostümproben zu finden.

„…Once you start making Quixote, you become Quixote.“
Terry Gilliam 

Und dann, einen Tag vor Drehbeginn, steigt Jean Rochefort nicht ins Flugzeug. Er hat Prostata-Schmerzen und geht direkt zum Arzt. Für Gilliam ist klar, das ist psychosomatisch. Der Schauspieler hat sich sieben Monate lang auf die Rolle vorbereitet, jetzt bekommt er Angst. Doch umbesetzen geht nicht. Vor allem, weil Rochefort der absolute Lieblingskandidat ist. Glücklicherweise schafft er es dennoch pünktlich zum Drehbeginn und die ersten Szenen werden inszeniert, mit einem Don Quijote, der vor Schmerzen nicht auf einem Pferd sitzen kann.

Auch sonst geht nicht alles glatt. Andauernd rasen Düsenjets des nahegelegenen NATO-Übungsplatzes über das Set. Keine gute Sound-Kulisse für einen Historienfilm. Durch mangelndes Geld, bleibt keine Zeit zu warten. Gilliam dreht wide-shots und beschließt, den Ton später aufzunehmen. Oft muss er zusammen mit seinem Kameramann und Regieassistenten noch am Tag Drehpläne verändern, damit sie überhaupt etwas in den Kasten bekommen. Und schon am zweiten Tag spielt das Wetter nicht mehr mit. Wo es am Vortag noch sonnig war, ist es jetzt grau und bewölkt und dann fängt es auch noch an zu regnen. Eine regelrechte Wasserflut überschwemmt das Set. Danach sieht nichts mehr aus wie vorher. Das Equipment beschädigt, das bereits gedrehte Material vom Vortag unbrauchbar. Es dauert nicht lange und die gesamte Produktion wird niedergelegt, geht als einer der tragischsten Zusammenbrüche in die Filmgeschichte ein.

Nur Glück haben Keith Fulton und Louis Pepe. Sie haben die Produktion von Anfang an verfolgt, um eine Dokumentation über Gilliams Masterprojekt zu drehen. Jetzt heißt der Film Lost In La Mancha und ist die einzigartige Aufzeichnung eines Regisseur, der mit schrecklichen Zufällen zu kämpfen hat. Denn das ist es doch, wenn Schauspieler krank werden, das Wetter nicht mitspielt und eine Produktion somit zu Grunde geht. Nichts als ein gemeiner Zufall, oder?

Zufall ist allerdings auch, dass sich einige Jahre zuvor bereits ein anderer ambitionierter Regisseur an die Geschichte des Don Quijote gewagt hat. Kein Geringerer als Orson Welles hat 1955 versucht den Stoff zu verfilmen. Auch seine Geschichte ist ein Twist auf Miguel DeCervantes’ Klassiker. Nur wollte er keinen neuen Sancho Panza in die Vergangenheit reisen lassen, sondern im Gegenteil, Don Quijote und seinen treuen Gefährten in die Gegenwart versetzen. Dort sollten sie auf die junge Dulcie treffen, die von Welles persönlich die Geschichte über den seltsamen Ritter gehört hat. Nun, sei es Zufall, Welles hatte auf jeden Fall ähnliche Schwierigkeiten mit dem Stoff. Nach ersten Farbfilm-Tests, die CBS nicht gefielen, wurde ihm das Budget gestrichen. Der Film stand vor dem Aus. Doch Welles hielt weiter an seiner Idee fest. Als er kurz darauf aus der Postproduktion seines eigenen Filmes Touch Of Evil gestoßen wurden, machte er sich auf den Weg nach Mexiko, um erneut an seinem Passion-Projekt zu arbeiten.

„…unfinished because it was unfinishable…“
Jean-Paul Berthomé and François Thomas über Welles’ Don Quijote

Auf Grund von Finanzierungsschwierigkeiten wurde er erneut sitzengelassen und entschied sich, den Film von nun an aus eigener Tasche zu finanzieren. Über die Jahre drehte er immer wieder mehr oder weniger improvisierte Szenen mit dem spanischen Schauspieler Francisco Reiguera, der den Quijote spielte, Achim Tamiroff als Sancho Panza und der kleinen Patty McCormack. Auch Welles drehte ohne Ton und wollte den Dialog und einen Erzähler später aufnehmen. Da die Dreharbeiten aber immer wieder für andere Projekte von Welles unterbrochen wurden, war Patty irgendwann zu alt für ihre Rolle. Welles konnte somit weder  mit ihr weiterdrehen, noch die bereits gedrehten Szenen verwenden. Auch wenn Welles es schaffte, alle Don Quijote Szenen vor Reigueras Tod 1969 zu drehen, war eine Veröffentlichung des Projektes nicht in Sicht.

Doch Welles sprach weiter darüber, den Film irgendwann zu beenden … Auch wenn es, wie er meinte, unter dem Titel When Are You Going To Finish Don Quixote?‹ sei.  Sein eigener Tod 1985 sorgte dann allerdings dafür, dass seine Version des Don Quijote nie auf der Leinwand zu sehen sein sollte.

Ist das noch bloßer Zufall, oder kann man sich bereits Gedanken darüber machen, dass die Geschichte des Don Quijote verflucht ist. Unverfilmbar. Hat Gilliam mit seiner Filmwahl einfach Pech gehabt? Bei jedem anderen Regisseur würde man vermutlich davon ausgehen. Doch Lost in La Mancha ist nicht der einzige Stolperstein in Gilliams Filmografie.

Man könnte fast behaupten, Terry Gilliam zieht die gemeinen Zufälle nur so an. Am bekanntesten ist hierbei wahrscheinlich der tragische Tod Heath Ledgers, der mitten während der Drehzeit zu Das Kabinett das Dr. Parnassus verstarb. Da lediglich die Aufnahmen in der Fantasiewelt des Parnassus fehlten, sprangen nach einem geschickten Re-write einige Schauspieler für den verstorbenen Ledger ein, um so den Film doch noch zur Fertigstellung zu bringen. Einer von ihnen: Johnny Depp.

Viel bezeichnender für Terry ist aber die Geschichte, die sich hinter seinem Film Brazil befindet. Eine verdrehte Dystopie, in der die Bürokratie die Überhand gewonnen hat. Der verträumte Sam (Jonathan Pryce) wird durch einen Fehler im System zufällig in eine Aneinanderreihungen von Katastrophen verstrickt, immer auf der Suche nach der Liebe seines Lebens, die er aus seinen Träumen wiedererkennt.

Und sei es durch Zufall, spiegelte sich genau jener Kampf mit der Bürokratie in der Veröffentlichung von Brazil wieder. Obwohl die Filmarbeiten mehr oder weniger ohne besondere Vorfälle abgewickelt wurden, rasselte Gilliam kurz darauf in eine Verstrickung, die Brazil als einer der bekanntesten filmischen Auseinandersetzungen zwischen Kreativen und Executives in die Geschichte eingehen ließ. Während 20th Century Fox den Film in seiner originalen Form in Europa vermarktete, weigerte sich Universal Executive Sidney Sheinberg, den Film in Amerika vorzuführen. Auf Grund der Länge und dem düsteren Ende, sah er keinen kommerziellen Wert in dem Film. Sein Vorschlag: der Film müsse mindestens ein drittel kürzer werden und ein Happy End bekommen. Gilliam war sichtlich erzürnt, kürzte seinen Film um wenige Minuten und stellte sich von da an quer. Da dieser Schnitt immer noch über den im Vertrag vereinbarten 2h5 lag, verlor Gilliam den Final Cut und Sheinberg beauftragte einen neuen Editor. Dieser Schnitt wird die 94 minütige „Love Conquers All“-Version. So wurde Gilliam genau wie Welles aus der Postproduktion seines eigenen Filmes verbannt. Aber so leicht ließ sich Gilliam nicht unterkriegen. Kurz darauf kaufte er sich eine ganzseitige Anzeige in der Variety und fragte darin:

„Dear Sid Sheinberg
When are you going to release my film, ‚BRAZIL‘ ?“
Terry Gilliam

Auch das erinnert ein wenig an Welles’ scherzhaften Titel für seinen Don Quixote Film. Gilliam war fest von seiner Version überzeugt. Denn schließlich wurde der Film in Europa vom Publikum und von Kritikern gelobt. Also führte Gilliam „Ausschnitte“, die eben so lang waren wie der gesamte Film, an Film-Universitäten vor. Mittlerweile hatte der Streit zwischen Gilliam und Sheinberg öffentliches Interesse erlangt und die Vorführungen waren gerappelt voll. Auch die Kritiker wollten es sich nicht nehmen lassen ihre Position unter beweis zu stellen und die Los Angeles Film Critics Assoziation zeichnete Brazil für ›Besten Film‹, ›Bestes Drehbuch‹ und ›Beste Regie‹ aus. Alle wollten mitkämpfen bei dem Kampf für die Kunst und gegen den skrupellosen Executive. Und der Kampf war erfolgreich. Nach einigen Rechtsstreits wurde eine 135min Version unter der Aufsicht von Gilliam in den USA veröffentlicht. Und auch wenn der Film bei weitem kein kommerzieller Erfolg war, ging die Erzählung seiner Veröffentlichung dennoch in die Filmgeschichte ein.

Gilliam nennt es ›God Of Symmetry‹ oder ›Irony‹, wenn die Thematik seiner Filme sich ihren Weg in die echte Welt bahnen. Doch nennen wir es Zufall? Wenn man sich Gilliams Karriere anguckt, kommt es einem eher vor wie das Gesetz der Anziehung. Wie ein schlechtes Omen. Oder man bucht es als Folge seiner verbissene Persönlichkeitsstruktur ab. Aber wie sieht es aus mit Krankheitsfällen? Naturkatastrophen? Hat seine manische Art Filme zu entwickeln so großen Einfluss auf alles was um ihn herum passiert? Oder sind das doch alles nur viele gemeine Zufälle, die dieses Bild von komplettem Chaos zeichnen?

„…Terry could only operate in opposition. He has to have an enemy.
I don’t think his juices run, unless he’s fighting against somebody…“
Terry Jones über Gilliam

Nun das muss vielleicht jeder selber für sich entscheiden. Doch selbst wenn es ein Fluch ist, der auf Gilliam liegt, darf man Hoffnung haben. Auf dem diesjährigen Cannes Festival feierte Terry Gilliams: The Man Who Shot Don Quixote seine Premiere. Die Hauptrolle spielt Jonathan Price (BRAZIL), der Marketingleiter wird von Adam Driver verkörpert. Ein Projekt, 20 years in the making. Mit Ups und Downs, oder vielleicht ein paar mehr Downs als Ups. Aber all das ist jetzt egal, denn der Film ist fertig und Gilliam geht es gut. So gut, dass er einen Tag nach Drehschluss auf Facebook scherzen kann, dass er versehentlich das komplette Material gelöscht hat. Und das im Hintergrund zur Cannes Premiere ein Rechtsstreit mit dem einstigen Produzenten Paulo Branco läuft, der auf Grund von Auseinandersetzungen mit Gilliam die Ausstrahlung des Films verhindern möchte, ist sicherlich nichts als reiner Zufall …

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