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Freiheit: 27

AVICII

Vor fast drei Monaten ist der schwedische Musikproduzent Tim Bergling, besser bekannt als Avicii, gestorben. Kurz davor hatte ich die Dokumentation True Stories auf Netflix über ihn gesehen, die mir Katrin so sehr empfohlen hat. Auch wenn die genaue Todesursache nicht bekannt ist, sieht man in der Dokumentation deutlich die Schwierigkeiten und  Probleme, die Avicii auf seiner Karriere begleitet haben.
Angefangen hat er, wie man heute eben so anfängt, mit dem Musik machen. Alleine in seinem Zimmer vor einem Computer. Tag und Nacht hat er damit verbracht, Songs zu schreiben. Wenn man Aufnahmen aus dieser Zeit sieht, tut man sich schwer, diesen vollgeräumten Raum ein Zimmer zu nennen. Nur ein schmaler Platz ist für das Bett freigeräumt, der Rest vollkommenes Chaos. Doch das ist egal, denn Avicii sitzt eh nur vor seinem Computer, schaufelt sich somit einen Weg in die Freiheit. Keiner seiner Freunde zweifelt zu diesem Zeitpunkt daran, dass Tim ein erfolgreicher Produzent wird. Sie scherzen sogar darüber, dass wenn er erstmal erfolgreich genug ist, sie alle zusammen in ein Haus in Malibu ziehen.

Doch als der Erfolg dann tatsächlich kommt, ist es natürlich etwas anders als erwartet. Avicii hat das Geld und die Bekanntheit, mit seinen Freunden um die Welt zu fahren, aber da sind dann eben auch über 300 Shows, die gespielt werden müssen. Ein kleiner Preis für Freiheit denkt man sich, aber Aviciis Körper sagt etwas anderes. Zu viel Alkohol, zu viel Arbeit und nun ja, zu wenig Freiheit. Avicii wird mit einer Pankreatitis ins Krankenhaus eingeliefert. Er möchte sofort einige seiner Shows absagen, am liebsten gar nicht mehr vor Publikum auftreten. Und schon fällt die Fassade der Freiheit. Die Shows sind monatelang im Voraus geplant, sein Manager rät ihm dazu, weiterzumachen. Erdrückt durch diese Zwänge muss sich Avicii durchkämpfen. Er besteht darauf, aufzuhören und tut dies. Doch war es zu spät? Nach seinem Tod gibt seine Familie folgendes Statement aus: „Er hat wirklich gerungen mit dem Nachdenken über den Sinn, das Leben, das Glück. Jetzt hat er es nicht länger geschafft. Er wollte Frieden haben.“

JANIS

Mit nur 28 Jahren stirbt Tim Bergling. Damit ist er nur ein Jahr zu alt, um in den berühmten 27 Club einzutreten. Aber vergleichbar ist sein Schicksal trotzdem. Der 27 Club, eine eher weniger belegte Studie über berühmte Persönlichkeiten, Musiker, Schauspieler, die im Alter von 27 Jahren starben. Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison starben alle Ende der 60er mit 27 Jahren. Aber auch Curt Cobain und Amy Winehouse gehören dem ,Club‘ an. Heath Ledger, der im Alter von 28 Jahren starb, kann, ähnlich wie Avicii wahrscheinlich dennoch dazu zählen. Man sagt sie haben zu schnell gelebt, zu viel erlebt. Ein ganzes Leben in 27 Jahren. Und vielleicht stimmt das auch. Doch es ist noch ein weiteres Problem erkennbar. Wenn man sich die Dokumentation Janis: Little Girl Blue anschaut, erkennt man hier ebenfalls einen Drang nach Freiheit, der schon als Kind aufblüht. Janis wollte raus, unabhängig sein, frei sein. Und frei war sie tatsächlich eine ganze Weile. Sie hat eine neue Welt für sich entdeckt, Menschen kennengelernt und Musik gemacht. Und dennoch fiel ihr irgendwann alles auf den Kopf. Sie hatte keinen Halt mehr, hat immer wieder versucht, sich zu fangen und ist schließlich daran kaputtgegangen. Denn mit der Freiheit kam auch eine Einsamkeit, die sie sich nie erträumt hatte. Nicht nur frei von Zwängen, war sie auch frei von jeglichem Bezug, schaffte es nicht, sich für die anderen zu drosseln.

MORRISON/LEDGER

Auch Jim Morrison war kurz vor seinem Tod vor allem auf der Suche nach einem: Freiheit. Auf YouTube gibt es bewegende Aufnahmen von einem Roadtrip, den er mit einem Freund unternommen hat. Es war ein Ausflug ohne Ziel, nur die Freiheit wurde gesucht. Wenige Tage später starb Morrison in Paris. Ist ihm die Freiheit zu Kopf gestiegen? Oder wurde ihm bewusst, dass er sie nicht finden konnte? Morrison wollte Gedichte und Drehbücher schreiben. Kreativ sein. Doch in einer Welt, die Kreativität entweder überhaupt nicht wahrnimmt, oder sie auf ein unerreichbares Podest stellt, kann man sich leicht verlieren. Und wenn man sich die Freiheit dann erkämpft, steht man auf einmal da. So viele Möglichkeiten, so viel zu tun. Und keiner der einem beiseite steht. Auch Ledger war kurz vor seinem Tod in diverse Projekte verwickelt. Er hatte Pläne, hatte Ziele. Er wollte seine Freiheit nutzen und war gleichzeitig in ihr gefangen.

Es ist irgendwie kein Zufall, dass dieser Club nun mal aus Kreativen besteht. Menschen, die ihren Platz nicht so ganz gefunden haben in einem System. In einem System, das funktioniert. Und eigentlich ja auch gut ist. Schließlich leben wir in einer Demokratie, in der wir immerhin an Freiheit denken können. Avicii konnte seine Shows canceln. Er musste sehr dafür känpfen, aber schlussendlich hatte er die Freiheit das zu tun, was er wollte. Ja, schon die Redefreiheit, die sich in den Songtexten dieser Musiker ausdrückt, in ihren Interviews. Das sind alles Dinge, für die wir sehr dankbar sein können. Doch so sehr die Freiheit auch beschützt wird, so wenig wissen wir über sie.

KEN

Liest man nämlich Bücher von Sir Ken Robinson, hört sich seinen TED Talk an, oder beschäftigt sich im Allgemeinen mit dem Schulwesen, so wird einem eines doch recht schnell klar. Kreativität wird in der Schule nicht gefördert. Und damit meine ich nicht nur die Künste. Sondern grundsätzlich neue und kreative Lebenswege, die nicht in die Norm passen, kommen oft zu kurz. Was tun also die Musiker, Schauspieler, Regisseure, ja Künstler, die so wenig über ihr Talent gelernt habe. Sie brechen aus. Wie  wilde Tiere, die zu lange eingesperrt waren, sprengen sie alle Ketten und rennen los. Kopfüber in die Freiheit. Ohne Rücksicht auf bleibende Schäden. Und gehen daran zu Grunde. Nicht etwa, weil sie besser eingesperrt hätten bleiben sollen, sondern weil sie niemand auf die Unglaublichkeit der Freiheit vorbereitet hat. Sir Ken Robinson beklagt nicht nur den Mangel an Kreativität in Schulen. Er macht auch Vorschläge, wie man damit umzugehen könnte. Wie man den Wissensdurst in Kindern am Leben halten kann. Denn anstelle von klaren Regeln und engen Vorgaben, sollte man viel mehr darauf hören, was die Kinder wollen. Darauf eingehen. So lässt man ihnen Ihre Freiheit, und bringt ihnen damit ein neues Verständnis von Verantwortung bei.

Es ist also nicht so, dass Avicii und Co. ihre Freiheit nicht erreicht haben. Es ist auch nicht so, dass sie an genau dieser Freiheit zu Grunde gegangen sind. Es ist schlicht und einfach der Fakt, dass ihnen nie beigebracht wurde, wie man mit Freiheit umgeht. Dieser, ja, doch sehr erstrebenswerte Zustand, wird einem im heutigen Schulsystem nicht nahe gebracht. Einem Schulsystem, das noch immer in der Industrialisierung festhängt. Es gibt kein Leitsystem für Selbstverwirklichung. Niemand nimmt einen an der Hand, wenn man aus dem System ausbricht. Kein Wunder also, dass diejenigen, die diese Freiheit finden auf einmal hilflos sind. Alleine gelassen.

27

Es gäbe keinen 27 Club, wenn wir nicht von der Kunst begeistert wären. Keiner würde wissen, wer Jim Morrison ist, wenn uns Musik egal wäre. Aber das ist es nicht. Wir schauen auf zu diesen Menschen, ihrer Kreativität, ihrem Mut und wir bewundern den Trotz, mit dem sie ihr Leben auf ihre eigene Weise leben. Frei sein, so gut es geht. Wir sollten sie bewahren und beschützen. Und mit ihnen jedes Kind, das sich eben anders fühlt. Nicht wahrgenommen. Das frei sein will. Und anstatt die Fesseln enger zu zurren, damit sie ja nicht in ihren Tod rennen, sollten wir ihnen vielleicht einfach beibringen, wie man mit dieser Freiheit umgehen kann. Den Großteil unserer Geschichte haben wir Systeme aufgestellt, analysiert und verfeinert. Vielleicht ist es an der Zeit der Freiheit ihre Chance zu geben.

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