David Gebärde Pose
Roots

Pose, Gebärde und Literatur

In letzter Zeit fühle ich mich immer wieder an eine beeindruckende Vorlesung des unvergessenen Kunsthistorikers Max Imdahl erinnert. In seiner unnachahmlichen Eloquenz hat er damals äußerst kluge und originelle Gedanken zum Gegensatz zwischen Pose und Gebärde vorgestellt. Anhand dieser Überlegungen konnte er aus kunsthistorischer Sicht die grundlegenden Unterschiede zwischen Michelangelos ›David‹ und einer Plastik Arno Brekers verdeutlichen.

Imdahl hat diese Erkenntnisse zu Pose und Gebärde in zahlreichen Aufsätzen veröffentlicht. Einen guten Einblick gibt der Artikel in Zeit-Online vom 11. September 1987. Er hat damit große Wirkung erzielt. Immer wieder werden diese Gedanken in Arbeiten anderer Kunsthistoriker zitiert.

Jetzt könnte man meinen, dass mir Imdahl dann einfällt, wenn ich als Bildhauer, z.B. an den Mönchen arbeite. Wie ist dort das Verhältnis von Pose und Gebärde? Aber das wird ein anderer Blogbeitrag. Ich bin nämlich nicht als Bildhauer wieder auf Imdahl gestoßen, sondern als Lektor in unserem Label Red Bug Books. Denn hier kommt Imdahl überraschenderweise wieder ins Spiel. Er erläutert: 

Grundsätzlich läßt sich die Meinung vertreten, daß eine Pose nicht eine Gebärde ist. Eine Gebärde vollzieht man selbst, um etwas von sich selbst aus oder gar sich selbst auszudrücken. Gebärde ist körpersprachlicher Selbstausdruck, Pose dagegen Fremdausdruck: Pose ist auferlegt, sie entpersönlicht, sie entindividualisiert denjenigen, der sie vollzieht. Die Pose ist eine falsche, eigentlich unwirkliche Ausnahmesituation, sie ist Selbstmanipulation oder Manipulation durch einen anderen.

Eine posierende Autorin, zeigt nichts von ihrer Persönlichkeit. Glaubt offensichtlich nicht, dass sie etwas eigenes, originelles zu erzählen hat. Das ist schade. Oft unter Pseudonym entstehen so Bücher, die erfolgreiche  Geschichten nachahmen oder die bekannten Muster mit Millionären, Film- oder Rockstars variieren. Die Figuren posieren dann ebenfalls, bedienen und verfestigen die ihnen auferlegten Klischees.

Das kann sicher amüsant sein, wenn diejenige selbst es durchschaut und damit zu ihrem Vergnügen oder dem Vergnügen anderer spielt. Ich finde es aber fatal, wenn sie selbst anfängt, an die Pose zu glauben. Das ist leider um so eher der Fall, je erfolgreicher man für den Moment mit diesem Posieren, diesem So-ton-als-ob ist.

Für Bücher ist so eine Haltung immer uninteressant.

Meine Aufgabe als Lektor ist es also, — und dabei ist Imdahls scharfsinnige Unterscheidung sehr nützlich — die wahrhaftigen Geschichten zu finden, und die talentierten AutorInnen darin zu bestärken, an sich und an ihre wahrhaftigen Geschichten zu glauben und sie uns Lesern (unter ihrem eigenen Namen) zu erzählen. Das ist eine Freude.

Das schöne Foto vom David hat übrigens Katrin gemacht. Danke.

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3 Kommentare

  • Antworten Roland 26. Juni 2016 zu 15:02

    Ein wunderbarer, sehr sinnvoller Beitrag für alle die sich dazu berufen fühlen, mit ihrer Schreibkunst Geld verdienen zu wollen, ihre Berufung zum Beruf wandeln möchten. Autor/Innen sollten etwas zu sagen haben, mitten aus dem Leben und nicht aus der Retorte von möglichen Erzählmustern.

    Der Knackpunkt – meiner Meinung nach – ist der Drang mit seinem Talent seinen Lebensunterhalt oder noch mehr erzielen zu wollen. Das fördert die ‚Pose‘, man schielt nach den Erfolgsmustern anstelle einfach seiner Lust am Schreiben zu folgen. Ich denke schon, dass dies keine Fleißarbeit ist, sondern Herzenssache – und wie bei jeder Tätigkeit gehört eben auch Glück dazu, entdeckt zu werden, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Platz auf einem gierigen – neugierigen Markt.

    Künstler sind berufen, sie tun was sie aus innerlichem Drang tun müssen. Nur Wenigen ist das Glück eines Erfolges vergönnt, sowohl der Anerkennung sowie auch finanziell. Das ist reines Marketing heutzutage und verführt eben zum Posieren.

    • Antworten Uwe 27. Juni 2016 zu 1:26

      Freut mich. Du hast recht, natürlich ist es auch für Künstler wichtig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
      Aber nicht jeder, der Bilder malt, modelliert, schauspielert, Musik macht, Bücher schreibt etc. ist automatisch ein Künstler oder Schriftsteller. Künstler zu sein, ist für mich eine geistige Lebensform, zu der auch Aufrichtigkeit gehört. Sie bringt denjenigen und die Welt sicher weiter als selbstauferlegte Posen, und sie muss einem wirtschaftlichen Erfolg gar nicht im Wege stehen. Man kann die Harry Potter Reihe mögen oder nicht, aufrichtige Bücher sind sie allemal.

  • Antworten Roland 27. Juni 2016 zu 10:16

    Lieber Uwe,

    das ist richtig, jeder Mensch sollte mit seiner Tätigkeit seinen Lebensunterhalt verdienen können, nicht nur Künstler. Und ob jeder der sich als Künstler versteht nun Kunst erzeugt bleibt zu mindestens fraglich, das ist eine qualitative und oft sehr subjektive Frage – zu mindestens was den Erfolg am Markt angeht. Mir ging im Besonderen um die Schreibkunst, die Schriftstellerei in welcher sich mehr als Hunderttausend (geschätzt) ‚berufen‘ fühlen sich auf dem heiß umkämpften Büchermarkt zu etablieren. Ein Schriftsteller kann man auch sein, ohne dass dies ein Haupterwerbszweig seines Lebens sein muss.

    Hierzu habe ich im Philosphie-Forum von Uwe Betz vor kurzem ein interessantes Interview mit Alexandra Manske gelesen, erschienen in der Zeitschrift Freitag, Ausgabe 08/16 woraus ich hier zitiere:

    Interview – Kreative Komplizen des Kapitalismus
    mit Alexandra Manske, 45, ( forscht und lehrt im Feld der Arbeitssoziologie)

    * * *

    Künstler früherer Tage haben ganz bewusst eine prekäre Boheme-Existenz gesucht.
    Ja, bis in die 70er war das so: Ein Künstler bewegte sich mit seinem Lebensentwurf bewusst außerhalb der Norm. Aber seither haben wir es mit einem strukturellen Wandel zu tun, der in die Breite geht. Die Kunst- und Fachhochschulen bieten jetzt Seminare zur Selbstvermarktung an, ein Training für den scharfen Markt, von Anfang an.

    * * *
    Künstler als

    Das gebe ich den erfolgsstrebenden AutorInnen gerne mal zu bedenken. Trotz allem: Frohes, kreatives Schaffen zur eigenen Freude und für diejenigen die Literatur nicht (nur) nach den Bestsellerlisten bemessen.

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