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Frankenstein // Ballett

Zum Abschluss der Frankenstein-Reihe, war ich gestern mit Uwe und Katrin im Kino. Na ja, besser gesagt im Ballett. Es war eine Live Übertragung aus dem Royal Opera Haus. Die Aufführung, na klar, Frankenstein.

Der Choreograf Liam Scarlett hat sich an eine Ballett-Adaption der berühmten Geschichte getraut. Mit einer Rückbesinnung auf den Roman, wollte er Abstand nehmen von den großen Hollywood-Produktionen und die Konflikte ähnlich wie im Buch darstellen.

Wie man es bei britischer Kultur gewohnt ist, war das Erlebnis imposant. Die Ausstattung war großartig, die Musik enorm und die Tänzer absolut Spitze. Ein großer Fokus wurde auf die Liebesgeschichte zwischen Victor und Elisabeth gelegt. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil anfangs eher weniger interessant fand, da es sich um keinen wirklichen Konflikt handelt. Im Buch ist die Beziehung vielleicht etwas verzwickter, da Elisabeth Victors Unbehagen falsch versteht. Sie nimmt an, dass er sich in Ingolstadt in eine neue Frau verliebt hat und sich dennoch verpflichtet fühlt, sie zu heiraten. Victors eigentliches Unbehagen stammt natürlich von dem Fakt, dass er ein Monster erschaffen hat. Aber selbst hier ist kein wirklicher Konflikt vorhanden, da Elisabeth Victor dazu anhält, falls es tatsächlich eine andere gibt, diese zu heiraten. Da dies nicht der Fall ist, heiratet Victor Elisabeth. Kein großes Drama.

Dennoch ist es natürlich verständlich, dass man für eine Ballettaufführung den Schwerpunkt auf die Liebe setzt. Hier gibt es dann beeindruckende Pas de deux und große Emotionen. Und da ich tatsächlich fand, dass sich die Aufführung von Akt zu Akt gesteigert hat, war der lange Fokus auf den beiden Liebenden wahrscheinlich sehr berechtigt.

Denn ab dem zweiten Akt beginnt das Monster zu tanzen. Und ab hier wird es wirklich spannend. Zum einen hat Steven McRae eine wahnsinnige Performance hingelegt, und zum anderen wurde der wahre Konflikt aufgedeckt.

Victors Unfähigkeit, seine eigene Kreatur zu lieben. Hier macht der starke Kontrast zu seiner Liebe zu Elisabeth dann auch wieder Sinn. Während das Monster hilflos und einsam durch die Gegend tanzt, feiert Victor Geburtstage und Hochzeiten. Natürlich hat er immer das Monster in seinen Gedanken, aber er gibt sich alle Mühe, es zu verdrängen.

Und dann im dritten Akt erreicht alles seinen Höhepunkt. Das Bühnenbild wird schaurig abstrakt, die Musik ist pompös und die Tänze wunderschön verstörend. Während das Monster in seinen Solotänzen noch ständige Auf- und Abbewegungen gemacht hat, in einem Moment aufrecht stand und im nächsten schon auf dem Boden lag, tanzt es jetzt stolz mit den Hochzeitsgästen, die ihn, außer Victor, nicht zu bemerken scheinen.

Hier wird der Wahnsinn Victors wirklich deutlich. Die Übergänge zwischen Angst und Paranoia sind schwimmend. Das Bedürfnis des Monsters umso klarer. Doch es ist ungeschickt, überengagiert, verzweifelt. Erst stirbt Victors kleiner Bruder in seinen Armen, dann hat es Henry auf dem Gewissen. Zu guter Letzt stirbt auch Elisabeth, nach einem schaurigen Pau de deux zwischen ihr und dem Monster. Und dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Das Pau de deux zwischen Frankenstein und seiner Kreatur. Zwei Männer, beide brillante Tänzer. Und sie schaffen es, nur mit Bewegungen, die Emotionen der Geschichte zu überliefern. Es ist dramatisch. Spannend. Zum Verzweifeln. Das weiß auch das Bühnenbild, das fast in Flammen aufgeht und auch die Musik, die alle Register zieht.

Und ähnlich wie in der 1910 Verfilmung wird einem bewusst, dass man die Sprache gar nicht braucht. Hier spielen wahre Emotionen eine Rolle. Nicht das Intellektuelle ist gefragt. Sondern das Menschliche. Kann Victor sein Monster lieben? Er hat es erschaffen. Kann er ihm vergeben? Für den Tod seiner Familie? Und kann das Monster seinem Erschaffer vergeben? Dafür, dass er es so unachtsam in die Welt gestoßen hat. Ungeliebt. Ungeschützt. Es kommt zu einem dramatischen und tragischen Finale. Es muss.

Doch uns ist klar, wo der Fehler liegt. Auch wenn es hier mit fantastischen, unmenschlichen Kreaturen erzählt wird. Es kommt auf unsere Liebe an. Auf unsere Schwächen. Nicht auf unsere Gedanken, sondern auf unsere Emotionen. Das Menschliche muss siegen! Nächstes Mal. Jetzt.


Vielen Dank, dass ihr so lange durchgehalten habt. 7 Blogeinträge in 7 Tagen. Und ich hab das Gefühl, ich könnte das ganze Jahr über Frankenstein schreiben. Es liegt so viel in dieser Geschichte. Und gerade jetzt ist sie seltsamerweise sehr aktuell. Wer weiter einsteigen möchte, dem kann ich grundsätzlich erstmal das Buch empfehlen. Mary Shelley: Frankenstein – oder der neue Prometheus. Und auch die Biografien über Mary Shelley sind unheimlich aufschlussreich! Und Penny Dreadful darf ich nicht vergessen. Es geht gerade in die 3. Staffel, also der beste Moment einzusteigen.

Geht ins Kino, geht ins Theater, lest, schreibt, denkt, liebt, lebt!

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4 Kommentare

  • Antworten Uwe 20. Mai 2016 zu 16:10

    Wow, Lenny, danke für diese tolle Reihe über Frankenstein. Ich hab zum ersten Mal die Dimensionen der Geschichte verstanden. Damit werde ich mich sicher noch länger beschäftigen. Und danke, dass du uns mit ins Kino bzw. Ballett genommen hast. Das Pas de deux am Schluss war das Beste an künstlerischem Ausdruck, was ich seit langem gesehen habe.

  • Antworten Katrin 20. Mai 2016 zu 23:37

    Yeah, toller Abschluss der Reihe. Auch wenn ich beim Ende/Ballett dabei war, ist der Abschlussbeitrag noch mal eine richtige Freude. Hey, waren die Tänzer gut. Und die Choreographie! Die Farben. Das Bühnenbild. Danke für die vielen Infos. Ich muss jetzt die Bio von Shelly lesen!

  • Antworten Leonard 21. Mai 2016 zu 2:18

    Yeah, das freut mich total! Ich bin auch noch total überrascht, wie viel Frankenstein tatsächlich umfasst. Und ich habe natürlich nur an der Oberfläche gekratzt. Das Pa de deux fand ich auch unheimlich beeindruckend. Würde das ganze gerne nochmal sehen!

  • Antworten Leonard 21. Mai 2016 zu 2:19

    Und die Bio bringe ich dir demnächst vorbei ;) sehr interessant, aber auch ein wenig verstörend…

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