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Taube auf dem Dach

Als sich vor ein paar Wochen eine Journalistin für eine Homestory beim mir meldete, war mein erster Gedanke: Erwähn die Tauben nicht, die gerade auf deinem Fensterbrett nisten, denn dann wird es in dem Artikel nur noch um die Tauben gehen. Erwähn die Tauben nicht!

Die Sache mit den Tauben

Die Tauben sind an einem Morgen gekommen. Gurrend saßen sie zu zweit auf dem Fensterbrett vor meinem Schreibzimmer. Eigentlich schreibe ich überall wo es gerade passt und wechsle die Stellen auch gerne mehrmals während eines Buchprojekts. Aber manchmal bleibe ich auch eine Weile an einer Stelle bis das Buch fertig ist. Stellen suchen und sich einnisten – das ist mir also sehr vertraut.

Das Männchen bietet Nistplätze an, die endgültige Auswahl erfolgt durch das Weibchen (Wikipedia)

Exakt so war es. Aber Tauben – Freunde! – ihr seid wirklich keine besonders talentierten Nestbauer. Ein paar kleine Stöckchen auf das Fensterbrett legen und bei jedem Flügelschlag wieder herunterwedeln?  Taube auf dem Dach Nicht so überzeugend. Also dachte ich mir, ich helfe mal ein bisschen nach und habe einen alten Strohkranz (von Weihnachten) ausgebuddelt und auf dem Fensterbrett angeleint. Ohne große Hoffnung, wenn ich ehrlich bin.  Auch wenn kurz darauf einige Stöckchen im Kranz lagen – sah jetzt noch nicht so nach ernsten Absichten aus.

Bauen und legen

Selbst als die Taube sich setzte, hielt ich das für einen vergeblichen Versuch. Ich meine, schaut euch das Nest an!

Doch dann flog die Taube mal weg und – zwischen den dürren Ästen lag ein kleines Ei. Ups. Ein Ei? Gleich mal gegoogelt. In der Regel sind es zwei Eier. Die Natur ist nicht immer regelmäßig, aber meine Taube schon. Das zweite Ei kam dann einfach ein paar Tage später.FullSizeRender-17

Ich muss zugeben, ich war ziemlich beeindruckt, wie vorhersehbar und reibungslos das alles geklappt hat. Ich schrieb gerade an einem Manuskript, rang mit dem letzten Akt und da lief alles so – einfach. Ein paar Stöckchen übereinander, Ei reingelegt? Mehr nicht? Ja. So einfach.

Brüten

Brutzeit bei Ringeltauben 16 bis 17 Tage. Okay, game on, dachte ich mir, wenn die Tauben schlüpfen, sollte mein Buch fertig sein. Ab da lebte ich mit einer brütenden Taube auf dem Fensterbrett. Hitze, Regen, Sturm. Nichts hält die Taube davon ab, im Nest auf ihren Eiern zu sitzen, das nur kurz zum Nahrung suchen verlassen wird. Hier brannte teilweise die Sonne auf mein Fensterbrett, doch die Taube blieb stur. Okay, ich auch. Schreiben! Ich schaffe das! Mein Buch wird fertig, wenn die Tauben schlüfen. Wenn sie überhaupt mal schlüpfen …

Schlüpfenlassen und füttern

Nein, ich dachte nicht, dass aus diesen zwei winzigen Eiern irgendetwas wird. Ehrlich. FullSizeRender 5Aber die Natur ist hartnäckig, eine Ringeltaube stur und Leben offenbar nicht so schnell zu zerstören. Und so schlüpften ganz pünktlich zwei kleine, extrem hässliche Taubenküken. Hielten sich erst ein paar Tage unter der Taubenmama auf, bis sie zu groß waren, um auf ihnen draufzusitzen. Und mein Buch – war nicht fertig. Okay, den ersten Battle hatte ich verloren.FullSizeRender-8 Die Küken geschlüpft, mein Buch nicht fertig. Damn.

Flügge werden

Aber ist ein fertiges Buch nicht eher mit Flüggewerden zu vergleichen? Ich meine: Fertig und ab in die Welt? Wie lange brauchen Tauben, um flügge zu werden? Erstmal groß werden, dachte ich mir. Erstmal Federn bekommen, das wird doch wohl eine Weile dauern. Ich bin vor. Googeln: Nestlingszeit 30 Tage – Ich bin sowas von vor!

Wobei ich nicht dachte, dass die wirklich so schnell groß werden …FullSizeRender-11

Und so eine genaue innere Uhr haben. Einmal Ei gelegt (ich vergleich das mal mit einer IDEE), läuft das Programm ab.

Bei dem Ei, das etwas später gelegt wurde, wohl auch leicht versetzt, denn Küken 2 (und nein, ich habe ihnen keine Namen gegeben …) war deutlich etwas zurück mit der Entwicklung. Erstaunlich für mich: Die Taubeneltern sind zu diesem Zeitpunkt eigentlich die meiste Zeit unterwegs. Zweimal am Tag zum Füttern kommen – reicht vollkommen.

Kann ich meine Schreibsessions vielleicht auch etwas reduzieren? Zumal diese aufgeplusterten Federbälle nicht danach aussahen, als ob sie in den nächsten MONATEN fliegen FullSizeRender-3würden – oder sich alleine ernähren könnten. Nun ja. Gefühlte Tage weniger saß Taubenküken 1 schon sehr ungeduldig auf dem Rand des Nestes und wollte offensichtlich ausziehen. Machte Druck. Vor allem mir.

Zeit zu fliegen

„Lass uns fliegen“ –  heißt ein Buch von mir. ich bin jetzt nicht so ein Fan des Titels, den ich nicht ausgesucht habe, aber jetzt schien er mir doch eine Art Erinnerung zu sein: 1. Du kannst Bücher schreiben, auch wenn dieses jetzt gerade – dauert. Und ganz anders wird, als du gedacht hast. 2. Okay, Taubenküken, wir machen dass zusammen. Ihr fliegt, ich beende mein Buch. Oder auch: Wartet auf mich!

Zwischenspiel

Mittlerweile war ich ein wenig besessen von dem Naturschauspiel vor meinem Fenster. Und natürlich ist es mir herausgerutscht, als die Jounalistin da war. Eine unbedachte Sekunde – Und, übrigens, auf meinem Fensterbrett nisten Tauben. Als wär das mein Verdienst. (Kommt Leute, der Strohkranz war schon eine geniale Idee, oder?) Als der Artikel kurz darauf herauskam – fette Überschrift: Taube auf dem Dach – war ich gar nicht mal erstaunt. FullSizeRender-5So ist das eben. Das war gerade mein Thema. Meine Obsession.

Und das Buch wurde fertig. Die Tauben waren es auch. Die Sache lief ganz unsentimental ab. Eines Morgens war es einfach eine Taube weniger im Nest. Taube 1 – gone with the wind. Taube 2 vielleicht etwas irritiert? Kommt die Mutter überhaupt noch? Taube auf dem DachJa, der Job wurde erledigt, bis Nummer 2 ein paar Tage später auch weg war. So einfach. Ich hab dann mal aufgeräumt und das Fensterbrett sauber gemacht. Meine Schreibunterlagen weggeräumt – Schreibpause.

Taube auf dem Dach

Natürlich wird die Taubensache irgendwann in ein Buch wandern. Logisch. Erstmal bin ich froh, dass das Buch geschrieben ist. Und während ich vorsichtig darüber nachdenke, was ich als nächstes schreiben werde … meine Unterlagen sortiere und meine Zettel auslege … liegen zwei neue Stöckchen auf meinem sauberen, leeren Fensterbrett. Freunde! Echt jetzt? Ich habe dann mal den nächsten Strohkranz geholt.

Mein nächstes Buchprojekt? 46 Tage? Ich versuch erst gar nicht, diesen Battle zu gewinnen.

Die Tauben bauen derweil ihr neues Nest.Taube auf dem Dach Ich finde übrigens, es sieht wesentlich solider aus. Auch besser gebaut. Und das werde ich dann wohl mitnehmen für mein nächstes Projekt: Ich will mich ständig weiterentwickeln. Besser werden.

Ja, mir ist die Taube auf dem Dach tatsächlich sehr viel lieber, als der Spatz in der Hand. Also alles gut.

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