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Ruhe

Kontrolle abgeben

Es gibt eine Sache, mit der ich mich momentan viel beschäftige. Und zwar: Kontrolle abgeben und Vertrauen in den Flow des Lebens haben.

Ich habe vor ein paar Tagen einen TEDx Talk gesehen namens „After Anorexia: Life’s too short to weigh your cornflakes“ gesehen. Er wurde mir die ganze letzte Woche immer auf Youtube angezeigt, aber ich dachte: Das interessiert mich nicht. Ich bin nicht magersüchtig.

Aber wie das Universum ja so ist, wenn es will, dass du etwas lernst, dann lässt es nicht locker.

Catherine Pawley, hat mit 18 eine Essstörung entwickelt. Jetzt nach fünf Jahren ist sie wieder gesund, obwohl, wie sie selber sagt, die Genesung von der Krankheit nicht linear verläuft, sondern immer mit Rückschlägen verbunden ist. Sie hat sich mit 18 total überfordert gefühlt, in ihrem Leben, mit ihrer Zukunft. Machtlos und ohne Kontrolle. Wer kennt das nicht? Und wie bekommt man Kontrolle? Indem man sich selber kontrolliert. Regeln aufstellt, die man befolgen muss. Sich selbst ein kleines Gefängnis baut, in dem es paradoxerweise sicher ist. Aus drei Regeln wurden schnell sechs und aus sechs schnell hunderte. ‚Nicht mehr essen als die Person, mit der man zusammen ist.‘ ‚Nicht zwischen den Mahlzeiten essen.‘ ‚Niemals essen genießen.‘ ‚Niemals Zucker trinken.‘ Natürlich wurde ihre Familie besorgt und Catherine wurde mit Anorexia diagnostiziert. Aber das führte nur dazu, dass sie mehr Regeln aufstellte.

„Rules that tell you how to live, what to do, what to say, what to eat. Rules take away chance and decision and they take away risk. They give you control.“ 

Und obwohl ich wirklich so fern von einer Essstörung bin (wofür ich sehr dankbar bin), kenne ich das Gefühl von Machtlosigkeit. Ich selbst überschütte mich, seitdem ich denken kann, mit Regeln. Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Kleine Regeln, die einem das Leben leichter machen. Oder?

Kopf und Bauch

Nun ist es nunmal so, dass ich mit einem kompletten Bauchmenschen zusammen bin. Und während ich schon den kompletten Tag in meinem Kopf durchgegangen bin, alle Umwege ausgekreuzt habe, um einen effizienten Tag zu haben, schon gegoogelt hab, wie das Wetter wird, und im Kopf alle meine Strumpfhosen nach Laufmaschen durchgegangen bin, dreimal gecheckt hab, ob Lukas sein Handy wirklich aufgeladen hat (meins ist sowieso immer aufgeladen), wacht Lukas gerade ganz entspannt zu einem schönen Frühlingstag auf.

Das Problem ist, dass ich sehr schlecht damit umgehen kann, wenn die Bilder im meinem Kopf, die ich mir vorher so kleinsäuberlich zurecht gelegt habe, nicht so klappen. „Wie, wir haben keine Eier? Aber heute ist mein Sonntagfrühstückeitag! “ Okay, dann macht der ganze Tag keinen Sinn mehr. Wir werden die Bahn verpassen, ich werde Kopfschmerzen kriegen, ich werde zwei Tage hintereinander Müsli essen und das auch noch ohne Hafermilch.

Das ist nämlich das Ding mit Regeln und Vorstellungen … man lernt nicht, spontan auf Situationen zu reagieren. Man weiß nichts mit sich anzufangen, wenn es eine kleine Variablen gibt. Alles kann dich aus der Bahn werfen.

Und deswegen sag ich hier laut und deutlich: Kopfmenschen haben es schwerer als Bauchmenschen! Logisch, würde ich ein paar mal im Monat mein Portemonnaie verlieren, um nicht immer diese Oberlehrerin im Kopf zu haben. Ich will auch mal aufwachen und feststellen, dass ich keine frische Wäsche mehr hab, weil ich nicht dran gedacht habe, sie zu waschen. Ich will auch mal eine ganze Bahnfahrt aus dem Fenster gucken, weil ich meine Kopfhörer vergessen oder meinen Ipod nicht aufgeladen habe. Oder will ich das?

Perfektion

In der Familie heißt es immer, die Welt für mich zusammengebrochen ist, wenn ich ein mal ein Glas im Restaurant umgestoßen habe. ‚Wie, ich habe einen Fehler gemacht?‘ ‚Was, ich bin nicht perfekt?‘ ‚Das kann nicht sein. Ich habe alles im Kopf schon durchgespielt. Wie konnte mir das passieren?‘

Lukas sagt gerne das ich clumsy bin. Dinge fallen lasse, mich stoße. Und er liebt diese Momente. Ich habe Angst vor ihnen. Aber sie fühlen sich auch wie ausatmen an. Denn was für ein Stress, die ganze Zeit alles im Kopf haben zu müssen. Kühlschrank auf, keine Eier da, dann gehen wir eben frühstücken. Akku alle, dann müssen wir halt Leute nach dem Weg fragen. Man muss sich mit dem wurschteligen, komplizierten chaotischen Leben konfrontieren. Aus seiner bubble rausgucken. Es riskieren.

Denn sein wir doch mal ehrlich. Ich bin nicht perfekt. Ich habe nicht immer alles im Kopf. Ich faile, ich falle.

Und das ist in Ordnung. Und es ist auch in Ordnung, wenn andere nicht alles im Kopf haben. Und genauso wie Catherine Pawley irgendwann verstanden hat, dass ihre Regeln sie langsam umbringen, merke ich, dass sie mich vom Leben abhalten. Das es so viele schöne Zufälle gibt.  Das Kontrolle abgeben, beängstigend ist und unsicher und ein großes Risiko, aber man einen Kampf mit sich selber kämpft, den man nicht gewinnen kann.

 

 

 

 

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1 Kommentar

  • Antworten ulrike schlue 22. April 2017 zu 19:27

    das ist ein sehr schöner text….ja, das „kuddelmuddel des lebens“ zulassen, hat mir mal eine kluge freundin gesagt. ich glaube, ich befinde mich irgendwo zwischen kopf und bauch…ich liebe offene, kreative prozesse, aber den rahmen dafür muß ich vorher festelgen…crazy.
    das schöne an deinem text ist, daß er einen sofort zur selbst-reflexion einlädt.

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