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Wie ich mir ein Schwert für meine Web-Serie kaufte

Das Mädchen auf der Party

Vor einer Weile war ich bei meinem Kumpel David in Berlin auf einer Party. Ich war zwar mitten in den Vorbereitungen für die neue Folge meiner Web-Serie und fand es eher nervig zu kommen, aber ich hatte mich überreden lassen.

Als Kompromiss entschied ich einfach, die Nacht durch zu machen und am nächsten Tag im Theaterfundus nach einem Schwert für die Folge zu gucken.

Doch ganz anders als erwartet, habe ich dann tatsächlich ein Mädchen getroffen, das sich sehr für meine Videos zu interessieren schien. Wir unterhielten uns weit über den Smalltalk hinaus und ich berichtete ihr von meinem Plan am morgigen Tag ein Schwert zu kaufen.

Auf Grund der lauten Musik war die Unterhaltung allerdings ein bisschen gestört. Sie redete durchgehend von meinem Schwert und ich konnte ihr partout nicht klar machen, dass ich das Schwert noch gar nicht gekauft hatte.

Als ich ihr dann erzählte, dass ich auf ein richtiges Schwert aus Stahl hoffte und nicht auf so ein labbriges aus Pappmaché, das sofort abknickt wenn man es aus der Scheide zieht, lachte sie laut auf und fragte ob mein Schwert denn nicht hart sei.

Ich würde es gerne auf die laute Musik schieben, aber nachdem ich ihr nun dreimal gesagt hatte, dass ich das Schwert erst noch kaufen wollte, musste ich einfach davon ausgehen, das sie entweder ein bisschen dumm oder arg besoffen war. Keines von beiden hätte ich ihr vorgeworfen, denn sie war sehr hübsch.

Darum entschied ich mich auch nach ihrer Handynummer zu fragen. Zögernd tippte sie sie in mein Iphone und musste dann auch los ihren Bus erwischen. Später hatte mir David erzählt, dass sie auch in der WG wohnt. Vielleicht hatte ich sie mit der Handynummer vergraust. Ich bin in solchen Sachen oft etwas schneller und offener als andere Leute.

Da es erst 5:34, trank ich noch ein Bier, rauchte einen Joint. Glücklicherweise geht die Zeit auf einer guten Party vorbei wie im Flug, denn als ich das nächste mal auf die Uhr schaute, war es bereits 7:56.

Der Fundus öffnete um 9, also verabschiedete ich mich vom schlafenden David, der es nicht geschafft hatte, wach zu bleiben, und machte mich auf den Weg.

Eine gute Tat

Ich hatte mir 200€ für das Schwert mitgenommen und hoffte, dass es reichte. Wenn es teurer sein sollte, konnte ich ja auch noch verhandeln.

Als ich dann aus der S-Bahn stieg und die Friedrichstraße betrat, sah ich mich auf einmal von Klemmbrettträgern umringt. Ein Mädchen mit Klemmbrett schien besonders forsch und hielt mir einen Zettel vors Gesicht. An dem durchgestrichenen Mündern und Ohren darauf konnte ich erkennen, dass es sich um eine Taubstummen-Organisation handelte. Sie wollten eine Spende.

Gütig wie immer zog ich also mein Portemonnaie aus meinem Rucksack und blickte hinein. Meine Vorreiter hatten zwischen 10€-20€ gegeben und ich wollte nicht knauserig wirken. Auf der anderen Seite benötigte ich noch genug Bargeld für das Schwert. Doch eine gute Tat zahlt sich immer aus.

Ich entschied mich also dazu einen 10er zu geben. Sollte das Schwert nun teurer als 190€ sein, konnte ich ja immer noch verhandeln. Ich zog gerade den Schein aus dem Portemonnaie, als die Hand des Mädchens danach griff.

Sie brauchte das Geld wirklich sehr.

Beschwingt durch meine gute Tat ging ich weiter und hörte erfreut wie die Taubstummen aufgeregt über die 10€ tuschelten.

Ich werde fündig

Der Theaterfundus war nicht mehr weit. Er befand sich in einem Hinterhof und mit Papier gekleidete Schaufensterpuppen wiesen den Weg. Ich machte mir ein wenig Sorgen. Würde ich hier finden, was ich suchte? Oder gab es an einem solchen Ort tatsächlich nur anschauliche Lügen aus Pappmaché?

Doch als ich den Fundus betrat verflogen meine Sorgen, wie im nu.

Überall standen wunderschöne, detaillierte Requisiten. In der Mitte waren lange Stangen mit prächtigen Kleidern. Und verstreut lagen kleine, aber feine Gegenstände rum.

Überwältigt von der Atmosphäre ging ich die Gänge entlang.
Und dann sah ich es. Ein Schwert so schön, als sei es meiner Fantasie entsprungen. Der Schaft schön verziert, die Klinge hart, die Scheide blutrot.
Aufgeregt nahm ich das Schwert in die Hand und ging schnell zum Verkäufer.

„Sagen Sie, dass kostet doch nicht mehr als 190€, oder?“

Der Verkäufer zögerte.

Dann sagte er: „180“.

Innerlich jubelte ich auf. „Das nehme ich!“, rief ich euphorisch.

Ich legt das Schwert auf den Tresen und holte mein Portemonnaie aus meinem Rucksack. Ich bewahrte mittlerweile alles in meinem Rucksack auf, da ich neulich in der S-Bahn mein Portemonnaie plus EC-Karte verloren habe. Es muss mir aus der Hosentasche gefallen sein.
Doch als ich in das Portemonnaie sah, stellte ich mit Erstaunen fest, dass es komplett leer war. Hatte ich nicht extra 200€ mitgenommen, um das Schwert zu kaufen? Gerade bei der netten Taubstummen hatte ich doch auch noch einen Zehner. Verwundert blickte ich auf.

„Würden sie das für mich reservieren?“, fragte ich. „Ich muss noch einmal Geld abheben“ Der Verkäufer zögerte, dann lies er mich gehen.

Der Automat

Dankbar rannte ich auf die Straße, bis mir auffiel, dass ich gar nicht wusste wo der nächste Geldautomat war. Doch da viel mein Blick auf das taubstumme Mädchen von vorher. Sie betrachtete einen Haufen Scheine in ihrer Hand. Es mussten fast 200€ sein. Die machen wirklich viel Geld mit diesen Spenden, dachte ich und ging schnell auf sie zu.

„Entschuldigung, weißt du wo es hier einen Geldauto….“

Ich stoppte. Sie konnte mich natürlich nicht hören. Schnell drückte ich ihr meinen Rucksack in die Hand und holte Stift und Papier heraus.

,Weißt du wo der nächste Geldautomat ist?’ schrieb ich hastig darauf. Das Mädchen las und deutete dann in Richtung eines Edekas. Tja. Eine gute Tat zahlt sich eben immer aus. Ich lächelte dankbar, nahm den Rucksack und spurtete los. Ich wollte das Schwert nicht solange warten lassen.

Der Automat forderte erst meine Karte, dann die PIN. Oh man! Die PIN. Seit ich meine Karte verloren hatte, hatte ich eine neue PIN. Doch Gott sei Dank hatte ich sie in meinem Handy gespeichert. Ich nahm meinen Rucksack vom Rücken um das Handy zu holen.

Hinter mir hatte sich bereits eine Schlange gebildet. Ich erkannte einige der Taubstummen, die sich wahrscheinlich Geld für ihre Mittagspause abheben wollten.
Doch ich konnte mein Handy nicht finden. Es war nicht mehr in meinem Rucksack. Hatte ich es etwa zu Hause gelassen? Aber bei David hatte ich es noch. Dort muss ich es vergessen haben.

Entschuldigend nahm ich meine Karte und ging. Doch nun da sie sahen, dass ich kein Geld abgehoben hatte, gingen auch die Taubstummen. Sie dachten sicherlich, dass der Automat kaputt sei. Und ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass es an meiner Karte lag. Doch viel schlimmer, nun hatte ich kein Geld für das Schwert.
Desillusioniert blickte ich über die Straße. Der Traum war so nah. Und dann, sah ich den Edeka. Konnte man dort nicht Geld abheben wenn man etwas kaufte? Vielleicht forderten sie ja dann nur meine Unterschrift. Die hatte ich ja schließlich dabei!

Zwei Minuten später verließ ich den Laden mit 200€ und 64 Rollen Klopapier.
Ich musste mindestens 20€ zahlen, um Geld abheben zu können und wollte den Einkauf nicht umsonst gemacht haben.

Eine unangenehme Begegnung

Bepackt mit dem Klopapier machte ich mich erneut auf den Weg zum Theaterfundus. Meine Agilität war deutlich eingeschränkt, doch das wurde durch meine Aufregung wieder wett gemacht. Ich war schon fast wieder beim Fundus angekommen, als ich eine Stimme hinter mir hörte.

,Ey!…ey du!“

Ich drehte mich um. Ein Junge, ungefähr in meinem Alter kam auf mich zu.

„Ey sag mal, du bist doch dieser…der…“

Ich wurde ein bisschen rot und hoffte, dass er das hinter dem Klopapier nicht sah. Ich wurde schon ein paar mal in Berlin als Schauspieler erkannt. Das liegt glaube ich am Tatort. Man sagt ja immer in der Großstadt sei man anonym, aber in Potsdam wurde ich noch nie erkannt. Vielleicht gucken die Berliner einfach mehr Tatort.

„Der Schauspieler“, half ich ihm auf die Sprünge.

Er guckte verdutzt. „Hä?… Ne…Du bist doch Typ der gestern bei David auf der Toilette eingepennt ist! Wir mussten dich da raustragen, damit andere Leute rein konnten.“

Nun sah man höchstwahrscheinlich trotz des Klopapiers wie rot ich wurde.
Ohne ein Wort zu sagen, drehte ich mich um und ging so schnell das Klopapier es erlaubte Richtung Theaterfundus.

Hinter mir hörte ich den Jungen noch rufen: „Du bist Schauspieler?!“

Endlich

Doch immerhin war ich schnell genug. Das Schwert lag immer noch auf dem Tresen, der Verkäufer stand immer noch dahinter. Er schaute auf das Klopapier.

„Hier kann man nur mit Euros zahlen.“

Ich nickte eifrig, stellte das Klopapier ab und überreichte ihm feierlich die 180€. Zusätzlich schenkte ich ihm noch eines der Klopapierrollenpakete, da ich es zusammen mit dem Schwert nicht tragen konnte. Ich hatte es geschafft! Ich hatte ein Schwert für meine Serie!
Zu Hause angekommen, war ich dann doch ein bisschen betrübt, da der Fundus offensichtlich kurz vorher eine Sonderaktion hatte. Auf dem Schwert klebte auf jeden Fall noch das reduzierte Preisschild von 70€. Dennoch frohen Mutes rief ich Lola vom Festsetzt aus an.

„Hey Lola!
war schön gestern!
Ich schick dir gleich mal ein Foto von meine Schwert!“

Einen Moment war es still. Dann antwortete eine tiefe Stimme.

„Lass mal stecken Kleiner.
Hier ist nicht Lola, hier ist Robert.“

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