Schlagwort erkunden

schreiben

Handlettering
Ruhe

Handlettering

Wie versprochen, kommt heute der zweite Beitrag zum Thema Bullet Journal nämlich Handlettering. Wobei, eigentlich ist das ein ganz eigenes Thema. Und dazu noch ein großes Thema und zurzeit sehr angesagt.

Handlettering

Schrift(arten) waren schon immer etwas, das mich fasziniert hat. Und Handschrift eher etwas, mit dem ich gerungen habe. Note 3 in der Schule. „Schönschreiben“ fand ich schwierig, besonders, wenn man einen interessanten Text schreibt, da zumindest meine Gedanken immer schneller als meine Hand waren. Ah, wie genial ist der Computer für das schnelle Denken/Schreiben. Handlettering heißt dann wohl eher zur Ruhe zu kommen. Es ist wie Zeichnen, wobei der handwerkliche Anteil sehr hoch ist und sehr viel Übung nötig ist, bis man seine eigene Handlettering-Handschrift entwickelt hat.

Learning by doing

Am Anfang habe ich mich eher unstrukturiert mit Handlettering beschäftigt und mir schließlich einen kleinen Kick gegeben, indem ich an einem Letteringkurs teilgenommen habe. Handlettering
Gut, wenn man einen Letteringexperten in der Red Bug Community hat!
Lukas hat den Kurs zusammen mit Lisa organisiert. Es war gut, sich in der Gruppe mal die Zeit zu nehmen, alle Buchstaben einzeln sauber aufzuzeichnen. Das war dann sofort wieder wie Schönschreiben in der Schule – nur sehr viel netter. Als ich Lisa fragte, wo und wie sie sich das alles beigebracht hat, war die Antwort: You Tube Videos. Jep. Immer noch die schellste und coolste Art, heute etwas zu lernen. Trotzdem habe ich nicht nur die nette Atmosphäre, sondern auch noch sehr viel mehr aus dem analogen Kurs mitgenommen.

Papier

Ah, die Autorin kehrt zu ihren Wurzeln zurück: Papier und Stift. Genial. Papier – eigentlich geht alles – doch ich habe schnell gemerkt, dass nicht zu glattes Kopier- oder Umweltpapier mit mittlerer Saugkraft für mich am besten geeignet ist. Handlettering
Auf jeden Fall zum trainieren, also am Anfang. Später geht man von selber freestyle. Packpapier ist toll, weil der Kontrast der sauberen Buchstaben auf dem rauen Papier sehr schön aussieht. Karton ist auch gut, wenn er nicht zu grobkörnig ist.

Für das pure Buchstabenmalen ist es gut, liniertes Papier zu verwenden. Nicht nur auf der Seite von Tombrush kann man sich auch Lernsheets herunterladen und ausdrucken und schon vorgemalte Buchstaben nachzeichnen, was zum einen eine gute Hilfe ist, zum anderen wunderbar entspannt.

Stifte

Ich schreibe/male die Buchstaben beim Handlettering am liebsten mit einem Brush-Pen, also einem Stift, der wie ein kleiner Pinsel funktioniert. Ich benutze am liebsten zwei Stiftsorten. IMG_5605Einmal sind es die TomBow-Brush-Stifte. Gerne in verschiedenen Farben mit zwei verschiedenen Spitzen (dünn oder dicker). Von edding gibt es einen ähnlichen Brushpen (edding 1340 brushpen), der ist halb so teuer, den ich auch gerne benutze. IMG_5604Und dann die Pigma Micron Grafik-Stifte aus Japan. Die haben eine (unterschiedlich) feste breite Spitze, mit der man sehr dünn oder breit zeichnen kann. Sie sind exakter, aber eher für Fortgeschrittene.

Grundregeln

Beachtet man ein paar Grundregeln, dann kann man eigentlich sofort loslegen: Beim Schreiben gibt es zwei Richtungen: Nach oben und nach unten. Bewegt man den Stift nach oben, dann nimmt man den Druck raus, die Linie wird und sollte dünn sein. HandletteringBewegt man den Stift nach unten, verstärkt man den Druck und erzeugt so eine dickere Linie. Handlettering besteht aus dem Wechselspiel von dünnen und dicken Linien. Wann man nach oben und unten zeichnet, ergibt sich eigentlich ganz logisch, aber  seltsamerweise habe ich ständig nachgefragt. So kommen dann solche Anleitungen zustande …

FullSizeRender-HandletteringLinien müssen nicht immer nur Sinn ergeben, sie können auch reine Dekoration sein. Okay, auch dann haben sie eine Funktion, sie umspielen Worte, drücken Emotionen aus und sollten – auch eine Regel – immer zur Bedeutung und dem Ausruck des Wortes passen.
Hier mal meine allerersten Versuche mit der dünnen Seite des Tombrush-Stifts.

Besonders viel Spaß macht es, wenn man anfängt, seine eigenen Schreibvorlieben zu entdecken. Sind es eher die geschwungenen Linien oder ist man am Ende eher der Typ, der in Blockschrift schreibt? Und wie ist es mit Farbe und Schatten, dem Kombinieren von Schriftarten und Größen? Da geht der Spaß erst richtig los. Am Ende, das sehe ich schon, werde ich auf die Wand überwechseln – aber das wird ein anderer Beitrag ;)

Jetzt fasse ich erste einmal Mut – tatsächlich – wirklich – echt – in mein wunderschönes Bullet Journal hinzuschreiben …

David Gebärde Pose
Roots

Pose, Gebärde und Literatur

In letzter Zeit fühle ich mich immer wieder an eine beeindruckende Vorlesung des unvergessenen Kunsthistorikers Max Imdahl erinnert. In seiner unnachahmlichen Eloquenz hat er damals äußerst kluge und originelle Gedanken zum Gegensatz zwischen Pose und Gebärde vorgestellt. Anhand dieser Überlegungen konnte er aus kunsthistorischer Sicht die grundlegenden Unterschiede zwischen Michelangelos ›David‹ und einer Plastik Arno Brekers verdeutlichen.

Imdahl hat diese Erkenntnisse zu Pose und Gebärde in zahlreichen Aufsätzen veröffentlicht. Einen guten Einblick gibt der Artikel in Zeit-Online vom 11. September 1987. Er hat damit große Wirkung erzielt. Immer wieder werden diese Gedanken in Arbeiten anderer Kunsthistoriker zitiert.

Jetzt könnte man meinen, dass mir Imdahl dann einfällt, wenn ich als Bildhauer, z.B. an den Mönchen arbeite. Wie ist dort das Verhältnis von Pose und Gebärde? Aber das wird ein anderer Blogbeitrag. Ich bin nämlich nicht als Bildhauer wieder auf Imdahl gestoßen, sondern als Lektor in unserem Label Red Bug Books. Denn hier kommt Imdahl überraschenderweise wieder ins Spiel. Er erläutert: 

Grundsätzlich läßt sich die Meinung vertreten, daß eine Pose nicht eine Gebärde ist. Eine Gebärde vollzieht man selbst, um etwas von sich selbst aus oder gar sich selbst auszudrücken. Gebärde ist körpersprachlicher Selbstausdruck, Pose dagegen Fremdausdruck: Pose ist auferlegt, sie entpersönlicht, sie entindividualisiert denjenigen, der sie vollzieht. Die Pose ist eine falsche, eigentlich unwirkliche Ausnahmesituation, sie ist Selbstmanipulation oder Manipulation durch einen anderen.

Eine posierende Autorin, zeigt nichts von ihrer Persönlichkeit. Glaubt offensichtlich nicht, dass sie etwas eigenes, originelles zu erzählen hat. Das ist schade. Oft unter Pseudonym entstehen so Bücher, die erfolgreiche  Geschichten nachahmen oder die bekannten Muster mit Millionären, Film- oder Rockstars variieren. Die Figuren posieren dann ebenfalls, bedienen und verfestigen die ihnen auferlegten Klischees.

Das kann sicher amüsant sein, wenn diejenige selbst es durchschaut und damit zu ihrem Vergnügen oder dem Vergnügen anderer spielt. Ich finde es aber fatal, wenn sie selbst anfängt, an die Pose zu glauben. Das ist leider um so eher der Fall, je erfolgreicher man für den Moment mit diesem Posieren, diesem So-ton-als-ob ist.

Für Bücher ist so eine Haltung immer uninteressant.

Meine Aufgabe als Lektor ist es also, — und dabei ist Imdahls scharfsinnige Unterscheidung sehr nützlich — die wahrhaftigen Geschichten zu finden, und die talentierten AutorInnen darin zu bestärken, an sich und an ihre wahrhaftigen Geschichten zu glauben und sie uns Lesern (unter ihrem eigenen Namen) zu erzählen. Das ist eine Freude.

Das schöne Foto vom David hat übrigens Katrin gemacht. Danke.

IMG_0482
Roots

Brandenburg Amazonen

Suche Abenteuer, finde Knochen

FullSizeRender-8Vor einem Jahr war ich um diese Zeit für ein Literaturstipendium in Wiepersdorf/Brandenburg. In der Rückschau kommt mir die Zeit seltsam vor. Was habe ich da eigentlich gemacht? Klar, ein Buch geschrieben, aber sonst? Dieses kleine Zimmer und immer nur schreiben! Noch ein bisschen malen, dann wieder schreiben. Als das Zimmer und der Essraum mir langsam auf den Kopf fielen, musste ich die Umgebung erkunden. Einfach mal raus, das tut doch gut, kurbelt die Fantasie an und so weiter. Allerdings – ganz ehrlich: Ich bin keine Mensch für die Landschaft – oder den Wald. Ohne Schilder: Hier zum See, da zur Gaststätte, dort zum Waldspielplatz. Ohne Menschen und Hunde.

Aber das ist hier nun mal die Umgebung. Und das ist ja auch der Sinn dieses Stipendiums. Die Ruhe und Konzentration, der Austausch mit den anderen Künstlern und der Umgebung. Also gehe ich los und begegne – dem Wahnsinn. Rechts vom Weg ein Krokodil, das gierig sein Maul aufsperrt. Ein hohler Baum, abgehackt, die Splitter verteilt. Amaz6Räumt denn hier keiner auf? Aber das ist ein echter, ein uriger, ein Urwald. Ich habe es entdeckt: Brandenburg Amazonien.

Lianen, die sich über zugemoste Bäume legen, die wachsen, als wüssten sie nicht wo oben ist. Ein See? So ähnlich. Amaz14FullSizeRender-7Vertrocknet, prähistorische Krähenspuren am Modderstrand, Grasbüschel, die mir aus Jurassic Park bekannt vorkommen. Prähistorisch, prämenschlich, denn der Mensch ist in dieser Umgebung überhaupt nicht vorgesehen. Geh doch! wispert hier jedes Blatt. Geh doch zurück in deine Stadt, wenn du das hier nicht aushältst, du Memme! Baumland.

Amaz13

Ich wate durch Brennnesselfelder, wo spitze Äste darauf warten, einem die Augen auszustechen. Warum habe ich mich überhaupt in das Dickicht geschlagen? Gleichzeitig bin ich fasziniert: Wahnsinn, DAS ist mal ein Wald. So muss das sein.

Amazonas und Amazon

Andere Künstler finden das auch. Der Wald und seine Geheimnisse, also gehen wir am nächsten Tag gemeinsam los. Und wie wir Künstler so sind, finden wir auch gleich etwas. Juhu, Knochen!

wald2

Ich bin  lieber etwas weiter weg von den Knochen. Ich sehe am Abend immer heimlich Bones über Amazon Prime (die Hälfte der Künstler hier verabscheut Amazon) und da sieht die Sache irgendwie sauberer aus. Und nicht so echt. Ein Wildschwein? Elffriede ordnet mal alles, weil sie das immer so macht. Elffriede – Aufzeichnungssysteme. Oder ein Reh. Eigentlich ganz klar, was soll denn hier sonst so im Wald rumliegen? Höre ich mich panisch an? Ich bin etwas panisch. Ich weiß nicht mehr, wo wir die Fahrräder abgestellt haben, damals, als wir auf dem Weg nicht mehr weiterkamen -Verdammte Abenteuerlust.

„Wir können die Knochen doch mitnehmen!“

Nein, Elffriede, ganz gewiss nicht. Das hier ist nicht Bones – alles ins Lab – das hier ist Brandenburg, und die Tiere lassen wir liegen. knochenUnd falls es Menschenknochen sind, dann sollten wir wohl besser rennen. Ich fang schon mal an und haste durchs Unterholz. Der Wald?! Was habe ich mir  bloß dabei gedacht? Wir Menschen haben hier nichts zu suchen. Hier sind die Tiere und fressen sich gegenseitig. Hier traut sich nur Attenborough hin und filmt mit Super-Teleobjekt. Aber dann – ich bleibe stehen und sehe es ganz weit oben: Hier gibt es nicht nur Bäume. Nee, nee, sondern auch Menschen, die in kleinen Hütten wohnen.brandenburg Oder in Hütten unten am Boden.

So ist das also, mit dem angeblich so verwilderten Wald. Dem Amazonasgebiet. Ha! Natürlich sind hier schon Menschen, das ist wie mit den Fliegen, die sind überall. Von wegen Baumland, von wegen Ende der Zivilisation. Die Vorhut ist längst angekommen und hat die Bäume verarbeitet und Häuser gebaut. Doch wo sind die Bewohner?

Von Mensch zu Mensch

Ich habe einen Plan. Ich gehe zurück zum Krokodil und baue mir einen Einbaum. Dann fahre ich den Brandenburg Amazonas hinunter und treffe auf die Eingeborenen. Die echten, versteht sich. (Logisch, dass die Blaumann-Männer und Kopftuchfrauen hier eigentlich gar nicht hingehören.) Kneipe? Nope! Ich habe etwas Besseres vor. Mit der lässigen Handbewegung des Forschers – Malaria? Nicht mir! – fege ich die Fliegen, die Monsterlibellen, die Raubvögel beiseite. Ich finde die Amazonen. Hier wartet das echte Abenteuer – Brandenburg, ich komme.

knochen

Als ich nassgeschwitzt hochschrecke, liegt der Kindle Fire dunkel neben mir. Die Amazonen finden? Oder vielleicht besser die Prime-Mitgliedschaft kündigen. Das Leben draußen und hier drinnen in meinem Studierzimmer – die Grenzen verschwimmen. Wie lange geht dieses verdammte Stipendium noch?

Wenn ich mir jetzt die Bilder ansehe, dass muss ich sagen – eine verrückte Zeit. Zum Glück habe ich das Buch fertig geschrieben und bin nicht durchgedreht. Ich umarme den Baum vor unserem Haus. Wir sind so gute Freunde! Mehr brauche ich nicht. Jedenfalls was die Natur angeht. Auf die Filme kann ich schon schlechter verzichten. Ein echtes Stadtkind eben.

#Kopf-Post it: Noch mal The Shinning ansehen.

Banner RB Home2
Rausch

Schreibmusik – I need the beat

Es ist immer ein wenig schwer zu erklären und manchmal auch etwas … peinlich. Schreibmusik hat für mich eine besondere Qualität und ist nicht immer das, was ich als Künstlerin schätze oder sonst ganz pur hören würde. Schreibmusik muss den Schreibflow in Gang bringen und darf sonst gerne auch mal belanglos sein. Schöner ist es natürlich, wenn sie mehr kann als das.

Gute Freunde

Meine beste Freundin wohnt schon lange in Frankreich. Ihr Mann hat den Musikclub Le Poste à Galène in Marseille und ausgefallene Musik durchflutet ihr Leben. Daneben hat sie eine Schwäche für populäre Musik und die Mixtapes, die sie mir macht, sind gerade mein Rauschmittel beim Schreiben. Danke! Für euch habe ich heute drei Songs herausgesucht, die beste Hintergrund-Schreib-Qualität haben und die man – ohne rot zu werden –  auch unabhängig vom Schreiben hören kann.

Sprache

Songs mit Sprache sind vollkommen okay, aber bitte keine Texte, deren Message so flach ist, dass ich aus meinem Schreibflow auftauche. Das deutsch-englische Trio Kafka Tamura (und ist Kafka nicht schon allein eine gute Affirmation …) hat genau die richtige Mischung.

Stimme

Singer-Songwriter-Stimmen smoothen mich in die Stimmen meiner Protagonisten: gefühlsvoll, weich, aber nicht weichgespült.  Drew Holocomb & The Neighbors bringen mich mit diesem Song zu Noah, Ruben, Rocco, Kolja, Luca und all meinen anderen gefühlvollen, männlichen Helden.

Charakter

Meine weiblichen Charaktere müssen stark und unabhängig sein, ein Gespür für Kunst haben oder selber Künstler sein und viel Musik hören. Ich liebe es, wenn sie einen starken Drang nach Unabhängigkeit haben, selbstbewusst sind oder auf dem Weg, es zu werden. Das alles höre ich, wenn Madi Diaz singt. Besonders gefällt mir diese Live Aufnahme aus dem Studio.

Ich merke gerade, dass ich noch endlos fortfahren könnte, euch Schreibsongs zu empfehlen! Und mir selber mal die Frage stellen könnte, welche Songs zu welchem Buch? Also … ihr hört von mir ;)

Banner Red Bug Home1
Rausch

Hearts of Darkness & andere kreative Apokalypsen

Heart of Darkness

Ist eine Novelle von Joseph Conrad über eine Bootsfahrt auf dem Kongo in das Herz von Afrika. Conrad zieht eine Parallele zwischen London und Afrika als Orte der Dunkelheit. Conrads Gedanke: Es gibt nur einen sehr kleinen Unterschied zwischen sogenannten zivilisierten Menschen und Wilden.

Apokalypse Now

Ist ein Antikriegsfilm von 1979, der während des Vietnamkrieges spielt und lose auf der Novelle von Conrad basiert. Regie führte Francis Ford Coppola. Der Film erhielt die Goldene Palme in Cannes, zwei Oscars, drei Golden Globe Awards sowie zahlreiche Nominierungen. apoka4Die Dreharbeiten im philippinischen Dschungel und der DomRep waren – ein Desaster. Stürme zerstörten das Set, die Drehbedingungen wurden durch Hitze und Locations erheblich erschwert, der Hauptdarsteller Martin Sheen erlitt einen Herzinfakt. Dazu dauerten die Dreharbeiten über 16 Monate und überschritten das geplante zeitliche und finanzielle Budget erheblich.

apoka3

 

 

 

  Hearts of Darkness – A Filmaker’s Apokalypse

apokalypsen

 

Ist ein Dokumentarfilm von 1991, der größtenteils aus dem während der Filmarbeiten gedrehten 16mm Material von Eleanor Coppola besteht.

Eleanor, die Ehefrau von Coppola, war mit den drei Kindern des Paares mit dem Filmteam in den Dschungel geflogen. Sie hat nicht nur die Dreharbeiten, sondern auch Rituale der Eingeborenen oder Gespräche mit Coppola aufgenommen, zum Teil ohne sein Wissen.

Künstlerische Apokalypsen

Ich weiß eigentlich gar nicht genau, warum ich mir den Dokumentarfilm auf einmal ansehen wollte. Vielleicht, weil ich feststeckte. Mitten in einem Buch, das mir über den Kopf gewachsen war, das ich schon so lange mit mir rumschleppte und das ich sowohl als Megadesaster als auch Meisterwerk bezeichnen konnte, je nachdem, wie meine Tagesverfassung gerade war. Irgendetwas stimmte nicht mit meinem Text, die Message hatte ich schon lange nicht mehr klar im Blick – wozu auch – das ganze lief aus dem Ruder. Je größer das Vorhaben, und je größer die Message, die man in die Welt bringen will, desto sicher erlebt man es: Das künstlerische Endzeiterlebnis. apokalypsen

Jeder Künstler kennt das, den Moment, indem man sein eigenes Projekt gegen die Wand fährt, blind durch die Gegend tappt, in der Hoffnung, dass am Ende alles aufgeht und doch noch gut ausgeht. Es war also ein großer Teil an Verzweiflung mit im Spiel, als ich mir den Film vorholte oder auch Hoffnung: Schauen wir mal, wie Coppola das alles hinbekommen hat, denn das hat er ja offensichtlich und Preise noch dazu bekommen.apokalypsen

 

Die erste Erkenntnis: Es war bis zum Schluss ein Disaster. Der Punkt, an dem sich alles in einen Erfolg verwandelte, es gibt ihn nicht. Bis zum Ende der Dreharbeiten war unklar, ob Coppola diesen Film jemals beenden würde, es überhaupt ein Film werden würde. So ungefähr alles ist schiefgegangen, keine Szene lief nach Plan, kein Schauspieler gehorchte dem Drehbuch oder den Reigeanweisungen. Und auch Coppola selber war sich nicht sicher, was er eigentlich wollte und schrieb Szenen ständig um. In dieser brutalen Offenheit habe ich künstlerisches Scheitern noch nie gesehen.apokalypsen

In einem Interview zu Apokalypse Now sagt Coppola:

„We were in the jungle, there were too many of us, we had access to too much money, too much equipment, and little by little we went insane.“

Manchmal ist die größte Chance – die lange Zeit, das unbegrenzte Volumen, die besten Voraussetzungen – der sicherste Weg zu scheitern. So kam ich mir auch vor, gesegnet mit dem großen Vertrauen des Verlages, mit viel Zeit, mit besten Schreibmöglichkeiten und trotzdem verzweifelt. Meine Protagonisten machten, was sie wollten, niemand hielt sich an meine Outline, ich selber schon gar nicht. Ich schrieb und schrieb um, ich verlor den Überblick. Doch was ich auch in diesem Dokumentarfilm gesehen habe: Am besten macht man einfach weiter. Hofft, dass der Schaden an Psyche und Körper im Rahmen bleibt, hofft, dass am Ende wenigstens etwas entsteht, zu dem man stehen kann. Irgendwie. Das Meisterwerk hat man zu diesem Zeitpunkt sowieso schon aus den Augen verloren. Gut so.

apokalypsen

Also weiterschreiben, sortieren, sich an allem abarbeiten. Streichen, ständig ändern, immer wieder neu herausfinden, was man eigentlich sagen will, ob man es so sagen sollte, was das alles eigentlich bedeutet? Am Ende zählt vor allem der Versuch, der Prozess, die Metamorphose, die man durchlebt. Und man muss sie offenbar durchleben. Zivilisierte Menschen stehen daneben und behalten die hundertprozentige Kontrolle. Wilde legen einfach los, lassen es raus, drehen durch. Es ist nicht nur so, dass zwischen beiden Verhaltensweisen kein großer Unterschied besteht, es MUSS sogar beides zusammenkommen, wenn man künstlerisch arbeitet.

Danke, Eleanor und Francis, dass ihr mich wieder daran wieder erinnert habt. Ich schreibe also weiter. Und ihr solltet euch Hearts of Darkness ansehen.

BB_ horizont6
Ruhe

Balance

Ich und die Stadt

Ich bin ein Stadtmensch. Das ist ganz klar eine Prägung, wenn man in Berlin geboren ist, einer Stadt, die von einer Mauer umgeben war und in der es Umland nicht gab. Jedenfalls nicht, um dort Erholung zu suchen oder „mal rauszufahren“. Wenn ich an meine ideale Schreibumgebung denke, dann ist das auch nicht unbedingt „auf dem Land“. Daher war mein Schreibstipendium im Frühjahr dieses Jahres in Wiepersdorf eine echte Challenge: Komme ich ohne Stadt aus? Halte ich es auf dem Land aus? Als Konfrontationstherapie habe ich mir jeden Tag eine kleine Radtour verordnet. Begegnung mit der Natur.

horiz11Gegenwind

Im März hieß das erstmal Bekanntschaft mit dem Gegenwind zu machen. Ins nächste Dorf, kein Problem, zurück … schon eher. Ich kämpfe mich durch. Die Augen auf den Horizont gerichtet, stelle ich fest: aha, es gibt ihn, er existiert also wirklich. Und auch wenn er vom Rad aus manchmal das Gleichgewicht verliert – Ich mag ihn!

horiz6

 

 

 

 

Horizont

Er beruhigt mich, ein Ende in Sicht – immer. Wie angenehm. Ein Fixpunkt für die Augen, ein Ziel. Und Ruhe, natürlich. Das hilft beim Arbeiten und ich stelle fest, ich schreibe hier mehr als zuhause. Nicht nur, weil ich sonst eigentlich nicht viel zu tun habe, sondern weil ich hier besser den Überblick behalte … es steht weniger im Weg.

Veränderung

Weitere Beobachtung: Hey, hier sieht es ja jeden Tag anders aus! Die Felder, erst braun, dann sanftgrün, dann sattgrün. Ihr könnt jetzt lachen, aber für mich ist das alles neu. Ich kenne das nicht. In der Stadt gibt es natürlich auch Veränderungen, logisch. Der Bubble Tea-Laden an der Ecke hat dicht gemacht – wusste ich es doch. Ein neuer Biosupermarkt hat eröffnet, wie schön, ein neues Plakat kündigt einen neuen Blockbuster an. Doch vieles bleibt  … unübersichtlich. horiz12

Hier bringt die Natur die Veränderung. Jeden  Tag wieder. Wie schnell wachsen eigentlich Pflanzen? Man kann dabei zusehen! Zwischen März und Juni werden aus Felder, die erst nur braune Erde sind, grüne Flächen und schließlich wächst dort grüner Raps oder gelbes Korn.

horiz4

 

 

 

 

Bunte Bumen stehen  am Rand der Felder. Weil das gut für das Gleichgewicht der Natur ist, wird mir erzählt. Und für die Bienen und Insekten, eben für alle, die hier ganz unbemerkt auch noch wohnen.

horiz3

Balance

Die Sache, das ich immer wieder verliere in der Stadt und auch hier nicht so einfach halten kann. Zwischen Ein- und Ausatmen, zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Entspannung, Natur und dem, was die Menschen damit, daraus machen. Der Horizont ist meine Wasserwaage, pendelt mich aus.

horiz13

 

 

 

Ich pflücke mir einen Blumenstrauß für mein Zimmer. Rote Mohnblumen, blaue Kornblumen, weiße Margeriten, gelbe Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Zum Grün-Braun der Felder und dem Blau des Himmels sind die Farben der Blumen gekommen. Erst die Struktur finden, dann die Farbakzente setzen, die Stimmung beschreiben. Die Natur kann das, weiß das besser, jedes Jahr wieder, das schau ich mir ab und finde auch meinen Rhythmus im Schreiben. Das Gleichgewicht, die Balance, jeden Tag wieder und werde tatsächlich ein Fan, der … Landschaft, der Ruhe hier. Yeah!

horiz8

 

1080x380royal1
Royal

Royales Leben

Zugegeben, es war schon immer mein Traum, einmal in vollkommener Abgeschiedenheit – aber mit drei Mahlzeiten am Tag – schreiben zu können. Drei Monate auf Schloss Wiepersdorf. Dieses Arbeitsstipendium hat eingelöst, was ich mir die ganze Zeit so sehr gewünscht habe und dann noch ein Extra draufgepackt. Im Schloss!300x300royal94 Mit Bediensteten. Are you kidding me? Orangerie, Skulpturen, goldene Spiegel, Brokatvorhänge, eine Ausstattung, die – rein zufällig – noch perfekt zu meinem Schreibprojekt passt. Ersteinmal erschlagen von der Pracht der Schlossinszenierung gibt es keine weiteren Fragen, hier muss man sich wohlfühlen, oder?
Nach einem baumkahlen März und Kälte ist hier nun auch der Frühling angekommen, die Bäume explodieren auf dem Grundstück, alte knorrige Kastanien, die das alles schon vor hundert Jahren beobachtet haben. Moment mal – WAS beobachtet haben? Denn je länger ich hier bin, desto verwirrter frage ich mich, wieso man mitten in das öde Brandenburger Umland ein Schloss baut? Warum ein Saal mit goldenen Spiegeln, warum ein Garten im Mini-Versaille-Stil? Eine Orangerie mit exotischen Pflanzen, die hier den Winter nicht überleben würden, wenn man sie nicht wegsperrt. Was mich gleich zu den Künstlern bringt, die hier mit einem Stipendium sind und in der Mehrzahl überhaupt nur Kunst machen können, weil es diese und andere Möglichkeiten der Kunstförderung gibt.

300x300royal9300x300royal4300x300royal91300x300royal93

Die Skupturen werden von ihren grünen Kästen befreit, auch sie würden ohne Kiste den Winter nicht überstehen, alles ist auf den Sommer ausgerichtet. Der Garten, die Buchsbäume, langsam erwacht das royale Gartenambiente. Okay, Schlösser in ganz Europa sehen so aus, hier ist es eben alles en miniature. Nackte Männer und Frauen, nur lose mit einem Schal bekleidet, mit Obst in der Hand. Die vier Jahreszeiten, römisch und griechische Sagengestalten.  Ich recherchiere. Das alles hat Bettinas Enkel,  Achim von Arnim-Bärwalde, hierhergeschafft, als er nach dem Tod seines Vaters Schloss und Gut und überhaupt eine Menge geerbt hat und statt in den Verwaltungsdienst einzutreten oder in das Militär lieber Künstler wurde. Respekt. Nach seinem Studium in München und ersten Erfolgen, hat er sich dann nach Wiepersdorf zurückgezogen und dort einen eigenen Atelierflügel bauen lassen. Okay, mit dem entsprechenden Geld ist das kein Problem. Heute gehört das Atelier zum Bettina von Arnim Museum, ein Flügel steht in dem Raum, nur die großen Fenster erinnern noch an die ursprüngliche Bestimmung. Dann ließ er den Park ausbauen und stellte Figuren und Vasen hinein, die er von seinen Reisen nach Italien mitgebracht hat. Kitsch oder Kunst, fragt man sich, wenn man an dem knackigen Hintern der Figuren vorbeischlendert. Nun ja, eher Kitsch.

300x300royal6a

Und was hat Achim so gemalt? Nach dem Sieg Preußens gegen Frankreich im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 und der Ausrufung des Deutschen Reichs in Versailles war die Historienmaleri in und feiert die nationale Einheit, Achim war dabei. Hm. Ab hier ist einem das, was man gerade noch ganz begeistert als Schlosstourist gefeiert hat, dann doch etwas fremd. Ich werde Künstler, um meinem Kaiser zu huldigen? Ich ziehe aufs Schloss, baue mir ein Atelier, eine Orangerie und einen Garten und lasse ihn so aussehen, wie all die anderen monarchischen Grünanlagen Europas?
Aber der Garten ist schön, zugegeben, und die Palmen mag ich auch. Zeiten ändern sich und erstaunlich ist, dass Achim einen künstlerischen Geist hierhergtragen hat, der immer noch lebt oder zumindest regelmäßig wiederbelebt wird. Kreativtransfusionen von Künstlern aus aller Welt sind herzlich willkommen. In der Orangerie wird geschrieben, im Garten gezeichnet, im Gartensaal über Literatur diskutiert, in den Ateliers und Stipendiatenräumen sowieso ständig gearbeitet. Die Zeiten ändern sich, aber das Schloss gehört immer noch der Kunst. Yeaho!