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Royal

Royales Leben

Zugegeben, es war schon immer mein Traum, einmal in vollkommener Abgeschiedenheit – aber mit drei Mahlzeiten am Tag – schreiben zu können. Drei Monate auf Schloss Wiepersdorf. Dieses Arbeitsstipendium hat eingelöst, was ich mir die ganze Zeit so sehr gewünscht habe und dann noch ein Extra draufgepackt. Im Schloss!300x300royal94 Mit Bediensteten. Are you kidding me? Orangerie, Skulpturen, goldene Spiegel, Brokatvorhänge, eine Ausstattung, die – rein zufällig – noch perfekt zu meinem Schreibprojekt passt. Ersteinmal erschlagen von der Pracht der Schlossinszenierung gibt es keine weiteren Fragen, hier muss man sich wohlfühlen, oder?
Nach einem baumkahlen März und Kälte ist hier nun auch der Frühling angekommen, die Bäume explodieren auf dem Grundstück, alte knorrige Kastanien, die das alles schon vor hundert Jahren beobachtet haben. Moment mal – WAS beobachtet haben? Denn je länger ich hier bin, desto verwirrter frage ich mich, wieso man mitten in das öde Brandenburger Umland ein Schloss baut? Warum ein Saal mit goldenen Spiegeln, warum ein Garten im Mini-Versaille-Stil? Eine Orangerie mit exotischen Pflanzen, die hier den Winter nicht überleben würden, wenn man sie nicht wegsperrt. Was mich gleich zu den Künstlern bringt, die hier mit einem Stipendium sind und in der Mehrzahl überhaupt nur Kunst machen können, weil es diese und andere Möglichkeiten der Kunstförderung gibt.

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Die Skupturen werden von ihren grünen Kästen befreit, auch sie würden ohne Kiste den Winter nicht überstehen, alles ist auf den Sommer ausgerichtet. Der Garten, die Buchsbäume, langsam erwacht das royale Gartenambiente. Okay, Schlösser in ganz Europa sehen so aus, hier ist es eben alles en miniature. Nackte Männer und Frauen, nur lose mit einem Schal bekleidet, mit Obst in der Hand. Die vier Jahreszeiten, römisch und griechische Sagengestalten.  Ich recherchiere. Das alles hat Bettinas Enkel,  Achim von Arnim-Bärwalde, hierhergeschafft, als er nach dem Tod seines Vaters Schloss und Gut und überhaupt eine Menge geerbt hat und statt in den Verwaltungsdienst einzutreten oder in das Militär lieber Künstler wurde. Respekt. Nach seinem Studium in München und ersten Erfolgen, hat er sich dann nach Wiepersdorf zurückgezogen und dort einen eigenen Atelierflügel bauen lassen. Okay, mit dem entsprechenden Geld ist das kein Problem. Heute gehört das Atelier zum Bettina von Arnim Museum, ein Flügel steht in dem Raum, nur die großen Fenster erinnern noch an die ursprüngliche Bestimmung. Dann ließ er den Park ausbauen und stellte Figuren und Vasen hinein, die er von seinen Reisen nach Italien mitgebracht hat. Kitsch oder Kunst, fragt man sich, wenn man an dem knackigen Hintern der Figuren vorbeischlendert. Nun ja, eher Kitsch.

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Und was hat Achim so gemalt? Nach dem Sieg Preußens gegen Frankreich im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 und der Ausrufung des Deutschen Reichs in Versailles war die Historienmaleri in und feiert die nationale Einheit, Achim war dabei. Hm. Ab hier ist einem das, was man gerade noch ganz begeistert als Schlosstourist gefeiert hat, dann doch etwas fremd. Ich werde Künstler, um meinem Kaiser zu huldigen? Ich ziehe aufs Schloss, baue mir ein Atelier, eine Orangerie und einen Garten und lasse ihn so aussehen, wie all die anderen monarchischen Grünanlagen Europas?
Aber der Garten ist schön, zugegeben, und die Palmen mag ich auch. Zeiten ändern sich und erstaunlich ist, dass Achim einen künstlerischen Geist hierhergtragen hat, der immer noch lebt oder zumindest regelmäßig wiederbelebt wird. Kreativtransfusionen von Künstlern aus aller Welt sind herzlich willkommen. In der Orangerie wird geschrieben, im Garten gezeichnet, im Gartensaal über Literatur diskutiert, in den Ateliers und Stipendiatenräumen sowieso ständig gearbeitet. Die Zeiten ändern sich, aber das Schloss gehört immer noch der Kunst. Yeaho!