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Kurzgeschichte

Radio

So richtig

Wenn es etwas gibt, was ich wirklich hasse, dachte sie und schmetterte den Kühlschranks so heftig zu, dass die vielen angebrochenen Soßenflaschen im Türfach klirrten, dann ist es Frischhaltefolie, die nicht richtig klebt. Etwas, was „selbstklebend“ auf der Verpackung zu stehen hat, sollte sich gefälligst auch so verhalten. Sie nahm eine Nektarine aus der Obstschale auf dem Tisch und stapfte aus der Gemeinschaftsküche. Die Flure waren leer. Das lag daran, dass gutes Wetter war. Auch so eine Sache, die sie hasste. Die Art und Weise wie alle rausrannten, um wie Anhänger einer Sonnensekte auf den Rasenflächen herumzuhocken oder die Füße ins Wasser zu halten, als wäre auf einmal alles schön und gut.

Sie biss in die Nektarine und süßer, klebriger Saft rann ihr das Kinn herunter. Eine Frucht vollgepumpt mit südländischer Sonne, gepflückt unter einem strahlendblauem Himmel vor Panoramaausblick. So stellte sie sich das jedenfalls vor.

Das Linoleum unter ihren Füßen quietschte und sie lief einige Meter, auf denen sie versuchte, die Füße so wenig wie möglich zu heben, in der Hoffnung, es würde vielleicht einer aus seinem Zimmer kommen, um sich zu beschweren. Aber nein, sie waren ja alle draußen und beteten die Sonne an. Sie erreichte ihr Zimmer und stieß die angelehnte Tür mit einem sachten Fußtritt auf. Sie hatte sich angewöhnt ein dickes Buch in die Tür zu legen, so dass die nie ganz zufiel. Sie grinste bei dem Gedanken, was Linda, die Bibliothekarin, darüber denken würde.

Sie zog das Buch heraus und ließ die Tür zuknallen. Wog den Band in der Hand. Harry Potter 5. Er war leichter als er aussah. So dick wie er war mussten einige überflüssige Dinge drin stehen. Sie konnte es nicht wissen, weil sie nach dem zweiten Band aufgehört hatte zu lesen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie zuhause vor dem Kamin gehockt und darauf gewartet hatte, dass ein Brief für sie kam. Aus Hogwarts. So ein Schwachsinn. Sie wurde zwölf und dann wurde sie dreizehn. Und dann hatte sie aufgehört zu lesen.

Sie ließ das Buch auf den Schreibtisch fallen, wo es mit einem dumpfen Klatschen aufschlug. Spähte auf den Buchdeckel, um den Klappentext zu lesen, aber ein großer Bibliothekssticker war genau da hingeklebt, wo eine Zusammenfassung des Inhalts zu lesen sein sollte. Also das hasste sie so richtig. Sie gab dem Buch einen kleinen Schubs, so dass es vom Tisch rutschte und aufgeschlagen auf dem Boden liegenblieb.

Aus dem Garten konnte sie Gelächter hören. Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem Fenster und sah hinaus. Ein paar andere spielten Volleyball im Sandkasten. So ein bescheuertes Spiel. Im Sportunterricht hatte sie immer diese dumme Position spielen müssen, bei der man mit dem Rücken (!) zum Netz steht und sich vorkommt wie ein absoluter Trottel, während man den anderen dabei zusieht, wie sie aufgescheucht herumhüpfend versuchen, den Ball wie eine heiße Pflaume nicht auf den Boden aufklatschen zu lassen. Und nachher hatte man rote Striemen an den Armen.

Sportunterricht. Sowieso so eine Sache, die man getrost hassen konnte. Kichernde Mädchen in pinken Jogginghosen, die aussahen als könnte man damit gut staubwischen, die sich auf den abgewetzten Bänken zusammenrotteten wie legebereite Hühner auf der Stange. Und immer hatte man das Gefühl, sie lachten einen aus. Hass.

Doch es gab auch Sachen, die sie wirklich mochte. Insgeheim. Der Geruch von frischen Heftpflastern, oder die zarten blauen Adern, die auf ihren Handrücken puckerten. Oder ein Stück Schokolade aus der Silberfolie zu wickeln und es so lange anzustarren, bis einem das Herz wild klopfte und das Wasser im Mund zusammenlief. Und es dann in den Mund stecken und ganz langsam auf der Zunge schmelzen lassen. Oder wenn man Durst hat und neben sich greift und da eine Wasserflasche steht. Sie mochte es bei Regen rauszugehen oder nachts wach zu sein, obwohl man schlafen sollte. Oder ihre Fingerknöchel knacken zu lassen, vor allem wenn sie jemand damit in Besorgnis versetzen konnte.

Sie sah auf ihre Hände herunter, die auf ihren Oberschenkeln ruhten. Sie hob die Linke und ließ die Knöchel knacken. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht und verblasste wieder. Eigentlich tat es ihr leid. Das Mädchen hatte so überrascht ausgesehen. Wie sie da auf dem Boden gelegen hatte und sich eine Hand auf die blutende Nase drückte. Das war bevor das Mädchen angefangen hatte, zu heulen und auf sie zu zeigen. Erst da hatte sich die rote Wand vor ihren Augen zurückgeschoben und sie hatte den Schmerz in der Hand gefühlt. Und wie alle sie anstarrten. Und ihre Wangen waren heiß geworden und sie wusste, dass sie rot wurde. Und vor lauter Frust waren ihr die Tränen in die Augen gestiegen. Und das hasste sie nunmal so richtig.

Kurzgeschichte
Radio

Inspektor Wayne

Es war Winter. Doch Inspektor Wayne hatte ihn nicht so kalt erwartet. Fröstelnd schaute er sich am Tatort um. Komplett verwüstet. So ne Scheiße. Wieso in seinem eigenen Wohnzimmer? Wieso nicht irgendwo anders. Still saß sein Partner auf einem der umgekippten Sessel und betrachtete die Leiche. Blut floss aus ihrer Kehle bis zu seinen Füßen. Der Inspektor betrachtete sie müde. Sein Partner musste sie bewegt haben. So ne Scheiße. „Alles wird gut!“, sagte der Inspektor dennoch. Dort lag die Leiche, und trotzdem sorgte er sich um seinen Partner. Es war absurd. Verdammte Empathie. „Sie ist tot“, sagte sein Partner trocken. „Da wird nichts mehr gut.“ Der Inspektor schluckte. Was für ein beschissenes Leben. Er beugte sich zu der Leiche und betrachtete sie. „Ihr Ehering fehlt“, sagte er dann mehr zu sich selbst. „Sie war reich“, sagte sein Partner hart. Doch der Inspektor spürte die Trauer in seiner Stimme. Er wusste genau, dass sein Partner Mrs. Bloom gemocht hatte. Sie war doch andauernd im Präsidium vorbeigekommen. Nie hatte sie mit Wayne gesprochen. Immer nur mit seinem Partner. Hatte sie damals schon etwas gewusst? Etwas von dem Schicksal erahnt, das sie ereilen sollte? Sein Partner steckte sich eine Zigarette an. „Hier drinnen können Sie nicht rauchen!“ War er verrückt geworden? „Das ist mein Tatort, ich kann machen was ich will!“, entgegnete sein Partner schroff. Der Inspektor schnippte ihm die Zigarette aus dem Mund. „Jetzt nicht mehr Partner. Ab jetzt ist das mein Tatort.“ Ein Weile blieb es still. „Du musst mir ein paar Fragen beantworten“, sagte der Inspektor dann. „Du hast Mrs. Bloom gekannt. Du hast sie gemocht.“ „Na und?“, entgegnete sein Partner. Er schien nun ungeduldig. „Und du kanntest ihren Mann?“ „Mal gesehen“, entgegnete sein Partner. Der Inspektor schaute zur Leiche. „Das hier hätte er sein können?“ Wieder Stille. Dann: „Er war es nicht.“ Der Inspektor nickte. „Ich weiß …“ Er beugte sich wieder zur Leiche. Er spürte einen Instinkt, als hätte er das alles schon einmal getan. An der einen Hand fehlte der Ehering, doch in der anderen — lag ein Zettel. Versteckt in ihrer Faust. Vorsichtig nahm der Inspektor das Stück Papier an sich. Er faltete es auseinander und las:

Sehr geehrter W.
        Ich bin gekommen, da ich nicht zulassen kann, dass sie
        meinem Mann etwas antun.
        Ihre Liebe, so sehr sie mich auch ehrt, wird für immer
        unerwidert bleiben.
Hochachtungsvoll Mrs. Bloom

Schnell las der Inspektor den Brief ein zweites Mal. Jahrelange Detektivarbeit hatten ihn gelehrt, dass sich die meisten Hinweise oftmals erst auf den zweiten Blick zu erkennen gaben.
Dann reichte er den Zettel seinem Partner.

„Ich denke, der ist für Sie, Mr. Winter.“