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Oscar // Praise
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Oscars // Praise

Heute ist es wieder soweit! Bauschende Röcke schieben sich zwischen neben Lackschuhen über den roten Teppich, auf dem blitzenden Weg zum Dolby Theatre! Und wir wuseln aufgeregt mit Snacks und Tee hin und her, rücken die Sofas, soll ich gleich meine Bettdecke mitnehmen? Denn das wird eine lange Nacht.

Mit Lob ist das ja so eine Sache. Es ist wunderschön, wenn jemand anderem gefällt, was du gemacht hast. Es ist definitiv toll, gewertschätzt zu werden, in dem man bezahlt wird. Und Preise zu bekommen, setzt dem ganzen dann noch eine Krone auf.

Trotzdem fragt man sich, ist das nicht total Mainstream? Irgendwie konservativ und systemkonform? Sich diesem ganzen Spektakel hinzugeben? Arbeit die von Herzen kommt, mit so einer albernen Statue zu belohnen, als würde das irgendeinen Unterschied machen?

Macht es einen Unterschied?

Ich glaube, es ist ein aufrichtiges Bedürfnis jemandem seine Wertschätzung zu vermitteln, wenn einem die Arbeit des anderen etwas bedeutet.
Deshalb macht es Spaß zu sehen, wie der Filmemacher einen Preis erhält, für den Film, der sich an den Kinositz gefesselt hat. Deswegen macht es Spaß, sich die kleinen Twists uns Turns anzuhören, die in einer guten Dankesrede stecken können. Und die, selbst in so einem hyperglamourösen Kontext, die Filmindustrie beeinflussen und verbessern können. Deswegen macht es Spaß, darüber zu diskutieren, wieso weshalb und warum man findet das ein Film einen Oscar verdient hat oder nicht.

Und wenn man all sein Herzblut, all seine Kraft und Energie in eine schöne Arbeit gesteckt hat, dann darf man sich feiern lassen. Und mitfeiern!

Auf die diesjährigen Dankesreden bin ich besonders gespannt. Wer nutzt die zwei Minuten im Spotlight wofür? Für mich ist das immer ein besonderer Moment, der wenn er richtig genutzt wird eine unglaubliche Power entwickeln kann.

Dann macht es einen Unterschied. Und da lohnt es sich dabei zu sein.

 

Welchem Film würdest du dieses Jahr einen Oscar verleihen und wofür?

Simultane Veröffentlichung
Radio

Simultaneous release

Am 16. Oktober 2015 kam  Cary Joji Fukanagas Film Beast of No Nation ins Kino. Natürlich war damit zu rechnen, dass die kontroverse Geschichte über einen Kindersoldaten viel Aufruhr bringen wird. Dass der Aufruhr dann aber gar nichts mit dem Thema selber zu tun hat, war eine Überraschung.

So hat zum Beispiel der Fakt, dass Idris Elba nicht für einen Academy Award nominiert wurde, maßgeblich zum Oscar-Boykott beigetragen. Dass dieser Mangel an Respekt aber wahrscheinlich gar nichts mit Idris’ Hautfarbe, sondern der Art und Weise wie der Film veröffentlicht wurde zu tun hat, ist die zweite Welle von Aufruhr, die dieser Film mit sich brachte.

,Beast of No Nation‘ wurde nämlich zeitgleich im Kino und online auf Netflix veröffentlicht. Ein Prinzip, das schon einige Filme vorher probiert haben und das als Simultaneous Release bezeichnet wird.

Aufgrund der Unterschreitung der 90-Tage Wartezeit bis zur DVD Veröffentlichung haben die vier größten amerikanischen Kinoketten den Film dann schlichtweg boykottiert, was dazu führte, dass man ,Beast of No Nation‘ nur in ausgewählten Sälen sehen konnte.

Sicherlich, während Netflix die Bedürfnisse des Konsumenten in den Vordergrund stellt, versuchen Kinobetreiber den spürbar sterbenden Trend des Kinos aufrecht zu erhalten. Doch ist die Verhinderung neuartiger Veröffentlichungsmethoden wirklich die richtige Art?

Mit der Diskussion um die Zeitfrist reduzieren Kinos ihren Wert einzig und allein auf die exklusive Frühausstrahlung. Doch ist das wirklich der Grund, warum wir ins Kino gehen? Ob geplant oder nicht, die meisten Filme kann man mittlerweile eh online schauen. Und das teilweise sogar vor Kinostart.

Wenn Kinobetreiber also darauf bestehen, den Film als erstes zeigen zu dürfen, degradieren sie meiner Meinung nach ihren eigenen Wert. Beim Kino geht es doch um was ganz anderes!

Die große Leinwand, die warmen Sitze, der hervorragende Sound und vor allem, dass man mit einem Haufen Menschen ein gemeinsames Erlebnis hat.

Wenn man sich Interviews der Hateful8 Darsteller anschaut, dann hört man eines von allen: es ist ein absoluter Genuss, den Film mit einem Publikum zu sehen. Eine Gruppe von Menschen, die zusammenfährt, lacht, erleichtert ist. Es ist eine Erfahrung, die über den Film hinausgeht.

Denn wenn man nun die Wahl hat, zeitgleich einen Film entweder im Kino oder zu Hause zu sehen, dann werden einem die Unterschiede doch ganz deutlich. Und das heißt nicht, das eins davon besser oder schlechter ist. Nur halt anders.

Und mit genau diesem Unterschied sollten Kinobetreiber werben. Billigere Tickets, damit die Säle voll sind, Cafés direkt im Kino, um danach über den Film reden zu können, auch mal Filme zeigen, die schon lange auf DVD erschienen sind.  Zwanghaft zu versuchen an seinen alten Prioritäten zu klammern, führt eh nur in den Abgrund. It’s a changing world. Und das Kino muss sich mit ändern. Und das nicht einmal zum Schlechteren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Wechsel im Marketing der Kinos, eine ganz neue Filmkultur initiieren könnte. Sehen und gesehen werden. Diskutieren. Zusammen sein. All die Dinge die Zuhause vielleicht zu kurz kommen.

Noch ist Reden während des Films nicht erwünscht, aber ist Kino nicht ein Gemeinschaftssport?

Die Filme habe ich auf Netflix, den Beamer im Wohnzimmer und fürs Popcorn gibt es den PopcornLoop.
Aber das Erlebnis, mit 20, 50, 100 fremden Menschen einen Film zu sehen, zu spüren wie meine eigene Stimmung in der Stimmung des Saals aufgeht, das bekomme ich doch nur im Kino.

Kino muss also nicht sterben. Es muss sich nur ändern.
Und ich freue mich drauf!

 

Radio

kino, theater & ich

Ich liebe Kino. Wirklich. Ich liebe das Gefühl mit ihm zusammen zu sein. Eine handwarme Tüte Popcorn in den Händen, den gebündelten Lichtstrahl überm Kopf und die Ohren voll von seiner Musik.

Aber hin und wieder gehe ich Kino gern fremd. Und komme eine Weile bei seinem chaotischen kleinen Bruder Theater unter.

Theater hat sein Leben irgendwie nie ganz zusammen, er wohnt in einem heruntergekommenen Mietshaus in der Rue de la chaise, schläft auf einer Matratze auf dem kalten Fliesenboden und das zuckende Licht der schwachen Glühbirne in seinem Kühlschrank umschmeichelt höchstens ein Stück Camembert. Wenn ich unangemeldet vor seiner Haustür stehe und die altmodische Klingel drücke, freut er sich immer mich zu sehen. Er fühlt sich nie gestört oder bittet mich ein anderes Mal wieder zu kommen. Er gehört den Menschen und die Menschen gehören ihm.

Meistens sitzen ein paar davon im Schneidersitz auf seinem verschlissenen Teppich und trinken Rotwein. Süßlicher Dunst wabert unter der hohen Decke und im Kamin knistert ein kleines Feuer. Man redet über Musik und Poesie bis hinter den Vorhängen eine kühle Sonne aufgeht. Theater nimmt mich sanft an der Hand und führt mich in die Wohnung. Wenn Theater mit mir geht, nimmt er mich immer bei der Hand. Wie ein Kind, das mir etwas zeigen will. Seine Harre stehen wirbelnd von seinem Kopf ab, wie seine Gedanken, die er mit langen, feinen Fingern gestikulierend, einzufangen versucht. Zarte Spinnweben aus Erinnerungen und Zukunftsvisionen, die sich alle in einem fernen Universum abspielen.

Er spricht mit Nachdruck, mal verträumt und leise, dann wieder wird er furchtbar zornig, geballte Fäuste sausen durch die Luft, seine Augen sprühen Feuer und sein Mund Speicheltropfen. Er wirkt immer jung und alt zugleich. Unwissend und weise. Eine absurde Erotik geht von ihm aus. Verschiedene Parfums die sich mischen, fremde Düfte, sorgfältig aufgelegt und losgelöst von ihren Trägern, wehen im Durchzug der großen Wohnung.

In Theaters Nähe ist alles möglich. Aufregend. Wir rauchen und trinken und reden, die ganze Nacht. Dann irgendwann steht er aus dem Schneidersitz auf und führt mich ins Schlafzimmer.Manchmal ist er ein großartiger Liebhaber, sanft und fordernd, warm und selbstbewusst, in anderen Nächten ist er ganz in sich gekehrt, verwirrt und verletzlich. Dann weint er und ich tröste ihn. Immer liegen wir aneinander geschmiegt bis erste Sonnenstrahlen unsere Nasen kitzeln. Mit Theater zusammen zu sein ist immer vollkommen. Er will jeden Augenblick kosten und an ihm saugen wie an einem nackten Aprikosenkern. Wenn er mit mir spricht, bohrt sein Blick sich bis ganz nach hinten an meine Schädeldecke und seine Hände berühren zärtlich meine Knie. Wir sind umgeben von einer Blase, die wabernd im Raum schwebt.

Ein paar Tage bleibe ich meist. Dann tapse ich über die kalten Fliesen, streife mir die Sachen über, nehme meine Tasche und verabschiede mich von ihm. Er bringt mich in ein Laken gewickelt, noch zur Tür, küsst mich lange und schließt dann die Tür. Taucht wieder ab in seine Welt.

Ich schleiche, die Schuhe in einer Hand, in Kinos und meine Wohnung zurück. Dusche und schlüpfe in einen großen weichen Bademantel. Wenn ich aus dem Bad in die Küche komme, steht er mit dem Rücken zu mir an der Esspressomaschine. In Hemd, mit nackten Füßen. Und dreht sich zu mir um. Das Licht fällt durch die großen, blankgeputzten Fenster und direkt in seine wachen hellen Augen. Frühstück? Fragt er lächelnd. Und ich nicke. Froh zurück zu sein.