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Herausforderung

Rausch

Gipfelstürme

Als ich siebzehn war, habe ich Abenteuer Geschichten geliebt. Nicht die Art Indiana Jones, sondern die Art Mount Everest.

Ich habe alles verschlungen, was ich an Expeditionsberichten in der Bibliothek finden konnte, allen voran die Bücher von John Krakauer. Seine Berichte sind meistens spannende und nicht selten tragische Erzählungen von seinen Begegnungen mit der Wildnis.

In eisigen Höhen

Krakauer begann sich schon früh fürs Bergsteigen zu interessieren und war selbst Teil der Expedition von 1996 bei der 12 Menschen am Berg ums Leben kamen. (Sein Buch darüber heißt, In eisige Höhen). In den 90er Jahren boomte der Bergtourismus am Mt. Everest bereits und etliche Risikofreudige, Höhensüchtige, Hobbybergsteiger und Profisportler drängten sich im vollbesetzten Basecamp Zelt an Zelt. Alle mit einem Ziel; dem Gipfel des höchsten Bergs der Welt.

Bergsteigerisch ist der Mount Everest nicht besonders anspruchsvoll, in der Theorie kann man ihn ganz gelassen hinaufspazieren und sein Fähnchen im Gipfelschnee platzieren. Wäre da nicht das, was den größten Teil der Faszination um diesen berühmten Gipfel ausmacht: Seine Höhe. 8848 Meter ragt die schöne Spitze in die Atmosphäre hinein und die, ob man’s glaubt oder nicht, ist da oben schon recht dünn.

Die Herausforderung bei der Besteigung des Mount Everest besteht also zu einem großen Teil aus einem: Sauerstoff. Bereits auf soundsoviel Meter Höhe steht dem Gipfelspaziergänger nur noch soundsoviel Prozent Sauerstoff zur Verfügung. Wenig. Wenig genug um einen aus der Puste kommen zu lassen. Mal abgesehen davon, ist der Berg ein Berg. Und das heißt, er kümmert sich wenig um ameisengroße Punkte aus dicken bunten Schneeanzügen die munter an ihm herauf und herunter krabbeln.

Nur an etwa 10 Tagen im Jahr (vielleicht hab ich mir das auch ausgedacht- es sind jedenfalls sehr wenig) öffnet sich ein Wetterfenster auf dem es überhaupt möglich ist, unversehrt die Gipfelstürme, Schnee und Eis und Höhe auf sich zu nehmen.

Jon Krakauers Erlebnisbericht

1996 also, saß Krakauer mit seiner Expeditionsgruppe unten im Basecamp und blinzelte zum wolkenverhangenen Himmel hinauf, in dem irgendwo da oben die internationalen Fähnchen der ihm vorangegangen Bergsteiger flatterten.

Krakauers Geschichten von den Ereignisse um diese Expedition sind irgendwie schaurig, so schaurig wie unversehrte Schneeanzug-Leichen, die einem auf dem Weg nach oben am Wegesrand entgegenblicken. Ewige Körper konserviert von Schnee und Kälte. Irgendwie schaurig, wie die Vorstellung in tiefster Nacht aufzustehen, sich aus seinem Schlafsack zu pellen und in die Expeditionskluft zu steigen, seine Kopflampe anzuschalten, auszurichten und dann froh und munter in die Stockfinsternis der himalayanischen Nacht hinaus zu stapfen, um nach 10 Stunden ununterbrochener Wanderschaft oben auf dem Gipfel zu sitzen. Für 5 Minuten. Denn dann sollte man sich beeilen, möglichst schnell wieder abzusteigen.

Beim Lesen der Gefahren, denen Körper und Geist auf 8000 Meter Höhe ausgesetzt ist, wird einem abwechselnd heiß und kalt. Wenn man das Buch aus den klammen Fingern legt, weiß man eigentlich gar nicht mehr, was man gerade wollte und wieso man sich so etwas antun sollte.
Von Leuten zu lesen, die dem Tod heiter ins Gesicht spucken und amüsiert zusehen wie der Spuckestrahl auf halbem Weg in der Luft gefriert. Die unverblümt einer Höhe entgegen stapfen, in der die Luft knapp ist, ungnädige Winde wehen und das Gehirn einem unablässig entgegen schreit, „Dreh um! Du hast hier nichts zu suchen!“ Bis es genervt die Arme in die Luft wirft und es sich irgendwo in der letzten Ecke deines Schädels hinhockt und schmollt.

Von da an muss man sich anstrengen, sich in Erinnerung zu rufen, warum man noch mal einen Fuß vor den anderen setzten, das Atemgerät schön auf dem Mund und die Jacke schön anbehalten sollte.
Erst wenn’s richtig brenzlig wird schaltet sich das Hirn dann wieder ein und schleudert dir backpfeifend irgendwelche zusammenhangslosen Informationen entgegen, die man grob in der Kategorie Überlebenswille zusammenfassen kann.

Soll es also recht behalten? Das Hirn? „Du hast hier nichts zu suchen!“ Nichts? Nada? Nicht die kleinste spirituelle Erleuchtung oder tiefere Einsicht in das komplexe Schalten und Walten des Universums oder zumindest seiner eigenen Psyche?

Warum gibt es Menschen, die ein so großes Risiko auf sich nehmen, um rechts nach China und links nach Tibet runter gucken zu können? Ich glaube, diese Frage können am aller ehesten diese Menschen selbst beantworten und es gibt eine tolle Doku, die Storm over Everest heißt und einem ein gutes Gefühl dafür vermittelt, welche Motivationen diese außergewöhnlich ambitionierten Persönlichkeiten mit sich bringen.

Warum lese ich das so gern?

Für mich war jedoch die Antwort auf eine andere Frage interessant, nämlich: Warum lese ich das so gern?

Warum fasziniert es mich so, Leuten dabei zu zusehen, wie sie sich an die äußersten Grenzen ihrer Existenz treiben, um einem wahnsinnigen Wähnen, einer großen, heißen drängenden Versprechung entgegenzugehen, den Kopf demütig und stur gesenkt, den Rücken gegen den Sturm gedrückt?

Na ja. Auf der einen Seite bin ich wirklich vollkommen inspiriert davon, Menschen in ihrem Element zu beobachten. Und so absurd es klingt, es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die genau da, in Eis und Schnee und Lebensgefahr absolut in ihrem Element sind. Und es begeistert mich, davon erzählt zu bekommen, wie jemand für sich wahr macht, was er für wahrhaben will.

Wenn alle tot sind, woher kommen dann die Geschichten?

Und gleichzeitig kam mir neulich ein anderer Gedanke. Was an Jon Krakauer und seinen Berichten fasziniert mich besonders?
Dass es sie gibt. Dass es ihn nämlich noch gibt. Also hier. Lebend. Und dass er diese Bücher schrieben kann.
Und dann dachte ich, Mann, das ist ja wie bei der Black Pearl: Wenn alle tot sind, woher kommen dann die Geschichten? Von denen die zurückgekommen sind. Die da oben waren und zurückgekommen sind.
Und dachte dachte ich, wow, das ist doch mal ein interessanter Gedanke.

Denn, und das wird einem beim Lesen von egal welchem Buch über Besteigungen des Mount Everest schnell klar: Da oben wird alles ganz schnell relativ. Warum wieder aufstehen, wenn man sich gerade so schön in den Schnee gesetzt hat? Warum weitergehen, wenn man genau so gut stehen bleiben kann? Warum überleben, wenn es so verlockend wäre zu sterben? Denn das ist das Interessante an denen, die oben bleiben; sie haben es sich verdient. Es ist ok auszusteigen, wenn deine Handschuhe weggeflattert, die Finger abgefroren, der Sauerstoff alle und der Lebensmut erloschen ist.
Es ist schon ein starkes Stück, überhaupt so weit zu kommen.

Zurückkommen

Trotzdem, und da bin ich auf etwas gestoßen, was sich für mich irgendwie undeutlich universell anfühlt. Wir sind doch hier, um Erfahrungen zu machen. Und, ohne jetzt die ganze große Diskussion über dass Spannungsfeld Leben nach dem Tod aufzumachen, gehen wir mal davon aus, dass es wichtig ist am Leben zu sein, um Erfahrungen zu machen. Sie zu verarbeiten. In Büchern, oder Musik, oder Bildern oder einfach so in einem selbst. Etwas aus dem zu ziehen, was man erlebt hat und womöglich anderen davon zu erzählen, so dass auch sie Teil haben können, an dem Wissen was du für dich und die Menschheit gesammelt hast. Und dann dachte ich, mann. Zurückkommen. Das ist die Kunst. Oben zu sein, oder unten, wenn wir schon dabei sind, und zurückzukommen. Um davon zu erzählen. Na, wenn das mal nicht spannend ist.

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