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Nachrichten, Geschichten und eine 10 Millionen-Dollar-Lüge

Wenn ich schreibe, recherchiere ich viel, aber nie besonders wichtige Dinge. Wie bereitet man einen guten Expresso? Wie geht ein Kickflip? Wie behandelt man eine Depression. Etwa in diesem Spektrum bewegen sich meine Recherchen. Ich weiß, wie man „anständig“ recherchiert, das ist nicht das Problem. Ich brauche es nur nicht. Ich bin kein Journalist, niemand verlässt sich auf meine Informationen, ich schreibe nur Geschichten. So what.

Und dann ist letztens etwas passiert … Ich wollte eigentlich nur mal schnell nachsehen, ob man das Wort Brutkasten noch benutzt. Ich meine, das könnte so sein wie „Neger“, ein Wort, das in meiner alten Pippi-Langstrumpf-Ausgabe noch benutzt wird, aber eigentlich ein No go geworden ist. Ich habe also Brutkasten gegoogelt und bin auf die Brutkastenlüge gestoßen. Zufällig. Lüge, die so groß ist und so unglaublich ist, dass ich eigentlich nicht glauben kann, dass sie funktioniert hat.

20:15 Uhr

Ich bin kein Fan von Nachrichten. Noch nie gewesen. Ich bin mit ihnen großgeworden, 20:15 Uhr war Bürgerpflicht, da saß man vor dem Fernseher und hat etwas für seine politische Bildung getan. So habe ich es als Kind jedenfalls verstanden. Etwas, das man zu tun hat, wenn man ein interessierter und politisch engagierter Bürger ist. Sich informieren! Bei den Nachrichten hat man geschwiegen und mit sanftem Kopfnicken oder Stirnrunzeln seine Zu-oder Abneigung kundgegeben. Es war eine wichtige Sache. Kein Kinderkram. Doch ich habe mich gelangweilt.

Nachricht

Der Begriff Nachricht steht im 20. Jahrhundert im Plural = Nachrichten für politische Meldungen. Sie ist:  „… eine direkte, auf das Wesentliche konzentrierte und möglichst objektive Mitteilung über ein neues Ereignis, das für die Öffentlichkeit wichtig und/oder interessant ist.“ (Dietz Schwiesau und Josef Ohler)

Interessant finde ich: „möglichst objektive“ Mitteilung. Von Wahrheit ist hier nicht die Rede.

Gelangweilt oder nicht, ich bin als Kind aber immer davon ausgegangen, dass in Nachrichten die Wahrheit gesagt wird. Man sich zumindest darum bemüht. Wir alle, oder? Trotz Nationalsozialismus und Watergate, trotz allem. Als Jugendliche wurde ich etwas misstrauischer. Besonders als ich im besetzten Haus gewohnt habe: Hey, was sie dort erzählen, habe ich anders erlebt! Nun gut. Nachrichten sind nicht ganz objektiv. Vertraut habe ich ihnen trotzdem weiterhin.

Die Geschichte

Am 10. Oktober 1990 gibt eine junge Frau aus Kuwait, die sich mit ihrem Vornamen „Nayirah“ vorstellte, vor einem informellen Menschenrechtskomitee des US-Kongresses unter Tränen eine Erklärung ab: Sie habe als kuwaitische Hilfskrankenschwester freiwillige Arbeit im Al-Adnan-Krankenhaus in Kuwait-Stadt geleistet. Sie wäre Zeugin geworden, wie irakischen Soldaten mit Gewehren in das Krankenhaus kamen, Säuglinge aus Brutkästen nahmen und die Kinder auf dem kalten Boden liegen ließen, wo sie starben.

Dies ist eine Lüge, die auf der ganzen Welt als Nachricht verbreitet wurde. Sie ist so groß, dass ich nicht verstehen kann, dass sie es in die Nachrichten geschafft hat. Sie ist so gigantisch groß, dass ich nicht verstehen kann, dass niemand mal nachgefragt hat. Aber noch ungeheuerlicher ist: Diese Lüge hatte einen Preis. Sie wurde für 10 Millionen US-Dollar in Auftrag geben.

Die Brutkastenlüge

Und zwar von der kuwaitischen Regierung (aus dem Exil). Sie beauftragte die amerikanische PR-Agentur Hill & Knowlton damit, in der amerikanischen Öffentlichkeit Werbung für ein militärisches Eingreifen der USA zu machen. Und zahlte dafür zehn Millionen US-Dollar. Eine der PR-Aktionen war die Brutkastengeschichte. Und sie funktionierte.

Sogar Amnesty International ließ sich täuschen und veröffentlicht am 19. Dezember 1990 einen 84-seitigen Bericht über Menschenrechtsverletzungen in Kuwait, der die Brutkastenlüge enthält.(Quelle).

Kein Wunder also, dass  der US-Senat am 12. Januar 1991 mit 52:47 Stimmen für eine Intervention im Zweiten Golfkrieg stimmte und das Repräsentantenhaus mit 250:183 Stimmen für den Krieg.

Was ist mit der Aussage vor der Menschenrechtskommission? Nun, das Mädchen aus Kuwait war die fünfzehnjährige Tochter des kuwaitischen Botschafters Saud Nasir as-Sabah. Ihr Vater saß während ihrer Aussage vor dem Kongress-Komitee als Zuhörer im Publikum. Ihr Bericht war frei erfunden.

Medien und Wahrheit

Die Wahrheit kam erst nach dem Krieg heraus. Man sagt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Aber niemand sagt, was für Auswirkungen eine Lüge auf den Krieg oder die Liebe hat. Oder dass man einen Krieg mit einer Lüge beginnen kann.

Ich sehe schon lange keine Nachrichten mehr, schon gar nicht im Fernsehen. Ich habe es auch jetzt nicht vor. Nicht, weil ich ihnen nicht oder nicht mehr vertraue, sondern einfach weil sie ich sie immer noch langweilig finde. Dass heißt aber nicht, dass ich nicht wissen will, was da draußen so los ist.

Was ich spannender als Nachrichten finde, sind Geschichten. Ob wahr oder erfunden. Denn Geschichten sind sehr viel mächtiger als Nachrichten. Die Medienagentur hat das genau gewusst. Sie hat keine Nachricht in die Welt geschickt, sondern eine emotionalle Story. Und für den Vortrag vor der Menschenrechtskommission eine sehr überzeugende Schauspielerin gefunden. Genau deshalb haben wir alle nicht mehr so genau hingesehen. (Und gerade wundert mich, dass dieses Geschichte noch nicht verfilmt worden ist.)

Ich bin dann mit einem sehr seltsamen Gefühl wieder an die Arbeit gegangen. Irgendetwas hat sich in mir verschoben. Ich glaube, dass ich auch als Geschichtenerzählerin eine Verantwortung habe, aber meist mache ich mir nicht so viele Gedanken darüber. Doch das ändert sich gerade. Und vielleicht mache ich aus genau diesem Gedanken mal eine Geschichte …

Ach ja, man sagt heute eigentlich nicht mehr Brutkasten, sondern Inkubator.

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