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Frankenstein // Penny Dreadful

16. Mai 2016
Penny Dreadful

So, wir können heutzutage tatsächlich nicht von Frankenstein reden, ohne Penny Dreadful zu erwähnen.
Vor fast genau einem Jahr wurde mir die Serie von einem Schauspielerkollegen empfohlen. Es war tatsächlich weniger eine Empfehlung, als ein fast ungläubiges Bekenntnis, wie gut diese Serie ist. Mittlerweile habe ich die erste und zweite Staffel geschaut. Am 1.Mai ist die dritte Staffel erschienen, auf die ich mich schon riesig freue. Aber das alleine reicht mir nicht als Lob.

Penny Dreadful waren früher kleine englische Groschenromane, die für… na ja, einen Penny verkauft wurden. Obszöne, schaurige Geschichten. Aber auch irgendwie billig. Eine Eigenschaft, die sehr oft mit Horror einhergeht. Und auch wenn man in der Serie immer noch das leicht Trashige erahnen kann, wird Penny Dreadful ganz schnell alles andere als billig.

Beginnen wir mit der Stimmung, die so unverzichtbar ist bei einer Grusel-Serie. Wir verbinden das viktorianische London eh bereits ausschließlich mit Nebel und Kutschen. Aber Penny Dreadful schafft es, jede Tages- und Nachtzeit, jede Wetterlage, jedes Milieu in ein neues, interessantes und stylisches Licht zu setzen. Oder wohl eher Dunkelheit. An CGI wird gespart, oder zumindest wird es so gezielt eingesetzt, dass es einem nicht ins Auge fällt. Dadurch entsteht ein Grusel, der nicht komplett auf abstrakten Kreaturen beruht, sondern viel mehr auf der Menschlich- bzw. Unmenschlichkeit der Charaktere.

Bei einer solch persönlich-emotionalen Erzählweise, lastet natürlich eine große Verantwortung auf den Schauspielern. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich keine einzige mangelhafte Leistung in Penny Dreadful gesehen habe. Im Gegenteil immer wieder wurde ich von Schauspielern überrascht, die ich bereits als flach abgestuft hatte. Die ich bereits verstanden zu haben glaubte. Aber dann kommt eine Reaktion, ein Blick, ein Satz, der alles ändert.

Hierfür ist natürlich zum Großteil auch Creator und Writer John Logan verantwortlich, der unter anderem Kleinigkeiten wie Aviator, 007 Spectre und Gladiator geschrieben hat! Die Story packt einen an Stellen, die man für unwichtig hielt. Greift einen außerhalb des Splatters ab und berührt einen. Und die Dialoge!! Ich habe lange, lange, lange keine so guten Dialoge mehr gesehen. Kleine Szene, zwei Menschen und man kann einfach nicht wegschauen. Ist gefesselt. Und dann, am vermeintlichen Ende einer Szene, bleiben wir noch eine Weile bei den Charakteren. Es gibt eine Ruhe. Und faszinierende Momente, die normalerweise weggeschnitten werden, entfalten sich.

Ob man Horror mag oder nicht. Penny Dreadful ist filmtechnisch einfach genial!

Aber kommen wir zu Frankenstein. Und hier beginnt jetzt auch die Spoilerzone, sowohl was Frankenstein, als auch Penny Dreadful angeht. Da ähnlich wie bei den Groschenromanen alle möglichen Horrorgestalten in der Fernsehserie auftauchen, darf Victor Frankenstein mit seinem Monster natürlich nicht fehlen. Und tatsächlich, da ich nun einige Frankenstein Adaptionen gesehen habe, muss ich sagen, dass die Penny Dreadful-Frankenstein Geschichte die mit Abstand beste Adaption ist, die ich kenne. Das Grundgefühl, das Thema, das gerade in den alten Frankensteinfilmen so schrecklich verfehlt wird, ist hier genau auf den Punkt gebracht. Und auch wenn es natürlich einige handlungstechnische Änderungen gibt, sind es die kleinen Details, die Dialoge, die Anspielungen, die sehr nah an Mary Shelleys Frankenstein heranreichen.

In Penny Dreadful gibt es bis zum Ende der zweiten Staffel tatsächlich drei Monster. Und alle sind auf ihre Art und Weise perfekt. Begonnen wird die Geschichte mit einem Bruch. Victor Frankenstein schafft es tatsächlich, einen toten Körper zum Leben zu erwecken und erschafft eine Gestalt, die eifrig lernen will und unglaublich freundlich und zutraulich ist. Von hier denkt man sich natürlich, dass das sehr wenig mit dem originalen Monster zu tun hat. Und man hat recht. Doch dieses erste Monster ist wahrscheinlich mehr ein Kopfnicken in Richtung früherer Filmadaptionen, da der Twist, der hier angebracht wurde, unheimlich erfrischend ist.

Kurz darauf stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um Monster 2.0 handelt, denn die erste Version kommt durch die Tür geschritten und erlegt seinen Nachfolger kaltblütig. Und abgesehen von dem Fakt, dass der Roman-Victor niemals erneut an einer Kreatur gearbeitet hätte, ist dieser kleine Gag einfach Gold wert und schmeißt den Zuschauer direkt aus seinen Sehgewohnheiten.

Und Victors Erstlingswerk steht dem zweiten Monster in Originalität und Frische in keinem Aspekt nach. Das belesene, sich wohlausdrückende, traurige Monster, das argumentativ direkt die Schwächen Victors anpeilt. So kennt man die Kreatur aus dem Roman. Denn hier ist das Monster kein stammelnder Karloff, sondern ein bewandertes, wissbegieriges Geschöpf. Und der Konflikt wird an genau der richtigen Stelle eröffnet. Das Monster wirft Frankenstein vor, ihn verachtet und abgestoßen zu haben. Zu recht, denn Victor will beim bestem Willen nichts mehr mit seiner Schöpfung zu tun haben. Sie widert ihn an. Er kann sie nicht ertragen.

Als nichts andres hilft, verlangt das Monster, sowohl im Roman, als auch bei PD eine Partnerin. Victor soll erneut eine Kreatur erschaffen. Dieses Mal eine Frau, die dem Monster beistehen soll. Auftritt: das dritte perfekte Monster in der Penny Dreadful Reihe. Auch wenn im Roman das weibliche Monster nie zur Vollendung kommt, denke ich, dass Penny Dreadfuls Lilly schon sehr nah an Mary Shelleys Vision kommt.

Unfassbar galant, schüchtern & hilflos. So schön, dass Victor sich augenblicklich verliebt und in neuartige göttliche Konflikte gerät. Doch dann wendet sich das Blatt. Lilly geht ihren eigenen Weg. Und zumindest bis zum Stand der zweiten Staffel bestätigt sie Frankensteins größte Angst. Sie ist in keiner Weise lieblich oder zart. Sie weiß ihre Stärken zu nutzen und hat einen monströsen Plan.

Da Penny Dreadful sich grundsätzlich mit dem Außenseitertum beschäftigt, hat die Serie diesen Aspekt der Frankensteingeschichte fest im Griff. Sowohl Victor Frankenstein, als auch seine Monster, leben innerlich isoliert und verzweifelt. Niemand reicht ihnen die Hand und wenn doch, dann nur, um sie erneut zu Boden zu stoßen.

Dass das originale Monster dann am Ende der zweiten Staffel auf einem vereisten Schiff steht, lässt jedes Frankenstein-Fan-Herz höher schlagen. Natürlich ist es eigentlich Victor, der auf dem Boot aufgenommen wird, aber viel zu selten sieht man das Monster in der eisigen Landschaft, in der es sich am Ende des Buches befindet.

Ich bin gespannt wie John Logan die Serie weiterführt und freu mich unheimlich auf die 3. Staffel.

Empfehlung ausgesprochen!

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