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Artefakte – Tag am Meer

Artefakte

Wenn ich an den Beginn von Kultur denke, denke ich an den Strand. Vielleicht, weil das Meer mir oft das Gefühl gibt, eine kleine flüchtige Erscheinung zu sein, der es freundlich und doch leicht herablassend die Knöchel umspült. Ich war schon lange vor dir da.

Doch auch wenn der Anblick des weiten Ozeans oder der zarten Linie des Horizonts in vielen von uns philosophische Gefühle weckt, erkenne ich die Art und Weise, in der wir versuchen, die Welt zu begreifen, am Strand.

Wir wenden uns ab von den Unweiten und Tiefen des Meeres und beginnen, an seinen Rändern auf und ab zu spazieren. Die nackten Füße im Sand, den Blick auf den Boden gerichtet, in einer abgespreizten Hand zwei Muscheln, ein Schneckenhaus und einen Stock.

Jedes Mal frage ich mich, welcher eigentümliche Reflex von mir Besitz ergreift, wenn ich, andächtig langsam, mal kniend, mal stehend, den Strand hinauf pilgere. Wie ein Gläubiger auf den Straßen von Assisi.

Beweise Sammeln

Jede Muschel, jeder Stein wird aufgehoben, in der Hand gewendet. Geprüft, bewundert und ins Licht gehalten. Alles erscheint bedeutungsvoll und bemerkenswert. Ein versteinerter Tintenfischtentakel, tausende von Jahren alt! Eine Muschelschale, in ihr habt mal ein Tier gelebt! Ein Stein, über Jahre hinweg fast rundgeschliffen! Ein verkrüppeltes Aststück, ganz weich von der Brandung!

Jedem den ich passiere, sehe ich es an, die Faszination teil zu haben, an einem kleinen Stück Erdgeschichte. Fossilien erzählen von längst ausgestorbenen Tierarten, Kiesel von einstigen Gebirgen. Alles was wir über die Geschichte wissen, wissen wir weil wir ihre Überreste studieren. Seien es Texte, Bilder oder Muscheln und Scherben.

Das Wasser spült Beweise an den Strand, denen wir uns gewissenhaft annehmen. Sind sie doch die einzigen Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, die sich in unserem Kopf aus Hypothesen und Erklärungsversuchen zusammensetzt.

Doch woher kommt diese manische Ahnung, das drängende Bedürfnis, sich vor Augen zu führen, was und vor allem wer vor uns kam? Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, dass wir, egal wie wir zu ihnen stehen, ja sogar egal, ob wir sie kennen oder nicht, unseren Eltern gegenüber haben.

Ob durch Ablehnung oder Anerkennung, wir studieren sie aufmerksam, wohl wissend, dass in dem familiären Gesicht Informationen schlummern, implantiertes Wissen um unsere eigene Herkunft. Irgendwo steht genetisch geschrieben, woher wir unsere Augenfarbe, den Hang zur Ordnung oder lange Arme haben.

Zukunft und Vergangenheit

Manche Indianerstämme schreiten rückwärts gewandt in die Zukunft, den Blick stets auf die Ahnenreihe gerichtet, aus der jeder einzelne entsprungen ist. Alltäglich lässt sich diese unendlich lange Reihe aus den Augen verlieren. Schon unsere Urgroßeltern wandeln in nebulöser Ferne längst vergangener Zeiten. Das Signal flackert, die Informationen sind verzerrt oder unvollständig. Schwarz-weiß und vergilbt, die Ränder abgestoßen und eingerissen.

Wir wenden uns ab, fixieren eine gleißende Zukunft. Blinzeln mit zusammengekniffenen Augen in die nahe Ferne, mit tastendem beschwörendem Blick. So als könnte unter der Intensität unseres Augenlichts etwas aus dem schwarzen Schleier heraus gefräst werden, der vor uns liegt. Der Umriss einer Form, ein Loch, durch das man hindurch spähen kann. Hinter dem sich in zarten Pastelltönen Wahrheiten abzeichnen, die es noch wahr zumachen gilt. Sich verfestigende Vorstellungen, die einem langsam aber sicher zu Leibe rücken und uns zuflüstern, dass sie möglich sind, wenn wir nur die Hand ausstrecken und sie zu uns in die Gegenwart ziehen.

Blind in die Leere greifend prickelt uns doch immer der Blick der Urgroßeltern im Nacken. Und dieses Prickeln, dieses atemlose Versprechen ist es womöglich, das uns in die Knie gehen und ergeben im Sand graben lässt.

Die Muscheln, die ich in den Händen halte sind Erinnerungen. An meinen Urlaub, den Tag am Meer. Ich war da. Erinnerungen an längst vergangene Augenblicke und Menschen die sie erlebten. Sie waren da.
Wir graben im Sand, wühlen im Geröll, tauchen durchs Wasser. Immer auf der Suche nach Verbindungen. Leere Seiten im Tagebuch des Menschen, die gefüllt werden sollen.

Verbindungen

Stolz auf meine Funde spaziere ich am Meer entlang, komme an ein paar Hockenden vorbei, sie haben ähnliche Entdeckungen gemacht. Einige haben ihre Schätze vor sich ausgebreitet und angefangen, Steine, Muscheln und Treibholz zu Formen zu legen. Fast sieht es aus, als würden sie versuchen einen Code zu knacken. Dem Meer Fragen zu stellen. Ist es so gewesen? Ist das Metall oder ein Stein? Was bedeutet diese kleine Kuhle hier? War das mal ein Tier?

Ein paar von Ihnen stapeln Steine zu kleinen wackeligen Türmen auf. Wie wird das aussehen, wenn der Strand verlassen ist, die Sonne unter und wir nach Hause gegangen sind und im Mondlicht kleine Steintürme herumstehen? Und wenn zehntausend Jahre später die Sonne wieder aufgeht und eine Gruppe Zukunftsmenschen sich am Kopf kratzend davor steht und sich fragt, was das sollte.

Nach dem wenigen, was wir unseren entfernten Verwandten an Wissen zugestehen, ist es nicht umso überraschender, dass uns dieses magische Gefühl mit ihnen verbindet? Die vage Idee, dass dieser oder jener Gegenstand mir etwas erzählen kann, eine Antwort geben kann, wenn ich nur lerne sie zu lesen.

Ich klettere den schmalen Weg zur Steilküste hinauf und sehe noch einmal zurück. Kleine buntbeanorackte Punkte, die im Wind flatternd an der Küste entlang krabbeln. Schweigend, lauschend, suchend. Gestalten wandelnd oder in Grüppchen sitzend, spielen im Sand. Das Meer schmunzelt.

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